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JK 5. Sonnabend, den 8. Januar. »887.

fnlintr W Leitung.

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§§ Jahres -Rundschau.*) vn.

Bei all'seinen riesigen Arbeiten und seinen schweren Hirtensorcen hat Leo XIII. auch im Jahre 1886 noch Zeit gefunden, als hervorragender Gön­ner und Förderer der Wissenschaft thä- tig zu sein. Wie Theologie und Philosophie, so hat auch die Wissenschaft der Geschichte seine be­sondere Protektion erfahren. Merkwürdig! Mit­ten in den heftigen Kämpfen hat die katholische Wissenschaft einen ungeheueren Aufschwung genom­men. Selbst in den gegnerischen Kreisen hat es voll und ganz Anerkennung gesunden. Hat doch ein linksliberales, uns Katholiken keineswegs ge­wogenes Blatt, die .Breslauer Zeitung', geschrieben:

„In der katholischen Welt herrscht in diesem Augen­blicke ein so reges, geistiges Leben, wie es nie zuvor der Fall gewesen ist. Ein Buch, wie Janssen's deutsche Ge­schichte, das in einer großen Anzahl von Exemplaren ab­gesetzt ist, und zweifellos auf den umfassendsten Studien beruht, ist ein Ereigniß, welches auch die Augen prote­stantischer Gelehrter auf sich gezogen hat, und dieses Buch steht schon nicht mehr vereinzelt da. Ein anderer katho­lischer Geschichtsschreiber (Professor Pastor) ist durch eine Geschichte der Päpste in eine direkte Konkurrenz mit Ranke eingetreten. Von der Geschichtsschreibung im engeren Sinne überträgt sich das Streben auf die Literaturgeschichte. Ein Jesuit, ein Mann, der sich ausdrücklich als Mitglied des Jesuitenordens bezeichnet, dem wir also dieses Prädikat nicht in gehässigem Sinne beilegen, Namens Baumgartner, hat ein Leben Goethe's geschrieben, ein Buch, dessen Er­gebnissen wir in sihr vielen Punkten entgegentreten müß- Ten, dem wir aber nicht abstreiten können, daß es auf sehr fleißigen Vorarbeiten beruht, anregend und belehrend ge­schrieben ist, und wenigstens nicht so viel Voreingenom­menheit zur Schau trägt, daß es einen nichtkatholischen Leser zurückstoßen müßte. Die .Stimmen aus Maria Laach-, eine katholische Monatsschrift, bringen Aufsätze aus allen Gebieten der Wissenschaft, aus denen hervorgeht, daß katholische Geistliche und Ordensbrüder die ganze Entwicke­lung auch der Naturwisienschaft mit Aufmerksamkeit ver­folgen. Ein paar Jahrhunderte lang hat der Katholizis­mus in Deutschland nicht daran gedacht, sich als eine dem Protestantismus aus dem Gebiete der Wissenschaft und Forschung überlegene Macht gegenüberzustellen. Jetzt denkt er ernstlich daran, und diese Erscheinung erregt in prote­stantischen Kreisen Besorgnisse."

Und gerade in diesen Tagen steht ein Papst an der Spitze der Kirche, der selbst eine Leuchte der Wissenschaft und Gelehrsamkeit ist. „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage", hat der Heiland gesagt.

*) Nachdruck verboten.

® Januar.

(Nachdruck verboten.)

Er ist nun einmal der erste unter den Zwölfen, weil doch immer Einer den Anfang machen muß. Daß er diesen Principal unter den Monaten ver­dient, kann man nicht gerade sagen; aber bei den Vorrechten der menschlichen Erstgeborenen ent­scheidet auch nicht die Tugend, sondern die Ge­burtsstunde.

Ein zweifelhafter Vorzug des Januar ist es, daß die meisten Menschen in wachem Zustande seinen mitternächtlichen Amtsantritt erleben, während fie zumeist in die anderen Monate sanft hineinzuschlummern pflegen. Das Zweifelhafte dieser Ehrenwache erkennt man aus den Folgen; kein Tag des Jahres steht so unter den Zeichen des Heringssalats und der andern Heilmittel gegen acute Magenleiven, als der 1. Januar. Ein be­deutender Prozentsatz der Menschheit beginnt be­kanntlich das Jahr unter dem Drucke einer eigen­artigen, fich durch prompte Justiz auszeichnenden „zeitlichen Sündenstrafe", welcher man den Namen eine» mäusevertilgenden Hausthiere« bngelegt hat.

muß der Januar unter den von seinem Vor­gänger ererbten Punsch leiden.

Der Januar selbst befördert nicht dar Trinken, •o&l aber das Kuchenefsen am DreiköaigStage.

Unser „glorreich regierender" hl. Vater ist auch ein Freund und Schützer der Orden. Auch im Jahre 1886 hat er es wieder gezeigt. Dieses Mal war es der vielgehaßte und geschmähte Je­suitenorden, der seine besondere Sorge und Huld erfahren hat. Er siellte ihm in nachfolgen, den Sätzen das denkbar beste und ruhmvollste Zeug- niß aus:

„Möge dieses Breve ein Zeichen der Liebe sein, wel­ches Wir hegen und stets gehegt haben gegen die berühmte Gesellschaft, so ergeben Unseren Vorfahren und Uns, eine Gesellschaft, welche ja so reich ist an Männern, hervor­ragend durch den Schmuck der Heiligkeit und der Wiffen­schast, welche eine Quelle und Förderin der wahren und heilsamen Wissenschaft ist, eine Gesellschaft, die trotz der heftigsten für die Gerechtigkeit erduldeten Verfolgungen niemals aufgehört hat zu arbeiten im Weinberge des Herrn mit freudigem Eifer und unbesiegbarem Muthe. Geschmückt mit so vielen Verdiensten, empfohlen durch das Konzil von Trient, überhäuft mit Lobsprüchen Unserer Vorfahren, möge die Gesellschaft fortfahren, inmitten der gegen die Kirche Christi gerichteten gehässigen Angriffe den Zweck ihrer Gründung zu erfüllen zur größeren Ehre Gottes und zum Heile der Seelen. Möge sie fortsahren, ihre Aufgabe, die Ungläubigen und Irrgläubigen zum Lichte der Wahr­heit zurückzuführen, die Jugend zu unterrichten in den christlichen Tugenden und der Wissenschaft, zu lehren die Philosophie und Theologie im Geiste des englischen Lehrers."

Dieses herrliche Zeugniß fällt um so schwerer in's Gewicht, als es gerade zn der Zeit ausgestellt wurde, da bei uns dieselben Leute, die Leo XIII. umschwärmen, mit so viel Eifer gegen die Jesuiten Hetzen.

So war denn da« Jahr 1886 für den heil. Vater bet all' tra U»—.östlichen Mühen und Sor­gen doch ein reichgesegnetes, ein wahrhaft glorreiches.

„Leuchte vom Himmel," lautet eine alte Prophezeiung.

Deutsches Aeich.

Berlin, 7. Januar.

* DerReichStag setzte heute die Etatsberathung fort und genehmigte die Ausgaben für das Patent­amt und das Reichsversicherung "amt. Bei den ersteren wünschte Abg. Dr. Hammacher (nationall.), daß die einzutragenden Schutzmarken vor der Ein­tragung von einer Centralstelle aus geprüft wer­den möchten und die Veröffentlichung nach Bran­chen geordnet erfolgen solle. Abg. Kalle (nationall.) wünschte, daß die Ertheilung von Patenten von der Nützlichkeitsfrage abhängig gemacht werde. Beim Kapitel Reichsversicherungsamt erklärten die Da in Familien mit strammer Hauszucht das Plündern des Weihnachtsbaumes zumeist bis in den Januar verschoben wird, und da ferner im Januar zahllose Liebesmahle von den sterblichen Resten seldstgemästeter Borstenthiere stattfinden, so ist den kleinen wie den großen Leuten hinlänglich Gelegenheit gegeben, dem Magenarzt zu Verdienst zu verhelfen. Der Januar säet nicht und erntet nicht und ist doch ein höchst nahrhafter Monat; er lebt vom Sparpfennig seiner Vorfahren, wie das bei Erstgeborenen, soweit sie in der Wahl ihrer Eltern vorsichtig gewesen find, überhaupt ge- bräucklich ist. Zum Glücke kann der Ostertermin nie so früh fallen, daß die Fastenzeit sich bis in den Januar verschöbe.

Der gute Appetit wird wesentlich gefördert durch die Kälte de« Januar. Man nennt ihn auf deutsch auch Eismond, und in der Regel verdient er die­sen Namen redlich. Für die meisten Gegenden Deutschlands ist der Januar der einzige Monat, in welchem das MonatSmittel des Tdermometer- stande» unter dem Nullpunkte liegt. Ist der Ja­nuar nicht kalt, so ist er naß, und auf Januar­regen find die Bauernregeln sehr schlecht zu sprechen. Nach den vieljährigen Mitteln der Niederschläge für Berlin ist der Januar durchschnittlich der trockenste von allen 12 Monaten.

Abgg. Dr. Baumbach und Wölbrand (freis.), sowie Kröber (Volksp.) das Unfallversicherungsgesetz für revisionsbedürftig und kritisirten die den Berufs- genosienfchaften erwachsenden Kosten. Staatssekretär von Bötticher erwiderte, daß man in den Kreisen, der Industrie schwerlich Neigung empfinden werde, schon jetzt, wo sich von der Wirkung des Gesetzes noch kein Bild machen laste, an eine Revision des­selben heranzutreten. Die Verwaltungskosten seien, je nachdem die Genostenschaften wirthschafteten, verschieden, sie betrügen im Durchschnitt 2/zMark pro Kopf des Versicherten. Die Abgg. Graf Hacke (lib.), Beck und Gamp (Reichsp.) wandten sich gleichfalls gegen eine Revision des Unfallgesetzes im jetzigen Stadium. Abg. Kayser (Soz.) äußerte sich befriedigt über die Wirksamkeit des Reichs­versicherungsamts und vertheidigte dasselbe gegen die Angriffe K öber's. Die Etatsberathung wird morgen fortgesetzt.

* Die Militärcommission des Reichstags trat heute zur Feststellung des vom Abg. v. Huene erstatteten Berichts zusammen. Der Bericht wurde genehmigt und wird wahrscheinlich heute noch zur Vertheilung gelangen. Vorher berichtete Abg. Dr. Buhl über die eingegangenen Petitionen; es waren deren gegen die Regierungsvorlage 16, für die­selbe 176 (davon beinahe 2/s aus Württemberg) eingereicht. Die zweite Lesung der Militärvor­lage im Plenum soll nach den bisherigen Fest­setzungen am Dienstag stattfinden.

* Anläßlich der noch immer nicht genügen^ auf- geklärten Affaire Villaume raucht die Affaire Reutern neuerdings wieder in der.Times' auf, deren Pariser Korrespondent Folgende» erzählt. „Der Czar hatte (seinem Flügeladjutanten) Reu- tern Briefe zu schreiben gegeben, wozu er 2 Stun­den gebraucht haben würde, und hatte ihm auf­getragen, die Briefe, wenn fertig, ihm zu bringen. Major Reutern glaubte daher, daß er ein paar Stunden ungestört sein werde und zünd-te eine Cigarre an, obgleich er in einem Zimmer neben demjenigen des Czaren arbeitete. Da trat der Czar plötzlich ein und Reutern, welcher dadurch verwirrt wurde, daß der Czar ihn rauchend an­traf, schob die Cigarre hastig hinter seinen Rücken. Der Czar bildete sich ein, er habe eine Pistole zum Abfeuern bereit gesehen, zog einen Revolver und schoß Reutern nieder. Er war entsetzt, als

Licht und Wärme halten bekanntlich nicht glei­chen Schritt; die letztere hinkt nach. Nach Mitter- nacht erst stellt sich die, größte Kühle, nach Mittag erst die größte Hitze ein, nicht zur Zeit der Son­nenwende, sondern erst im Monate nachher haben wir die Extreme der Jahrestemperatur: im Juli die höchste Wärme, im Januar die größte Kälte. Letzterer ist also wohl der eisigste, aber nicht der dunkelste Monat; im Lichtmangel ist ihm der De­zember bedeutend über. Die Tageslänge ist am 1. Januar so groß wie am 11. Dezember, näm­lich 7 Stunden 41 Minuten. Am Ende Januar beträgt sie aber schon 8 Stunden 57 Minuten, so viel wie am 10. November. „Man merkt schon, wie die Tage wachsen!" da« ist ein trostreiches Sprüchlein, welches uns zeigt, daß untri der Eis- kruste de« Januar doch ein Herz mit Frühlings­gefühlen versteckt ist.

Im bürgerlichen Leben könnte man den Januar den Zahlmonat nennen. Hausbesitzer, Gläubiger, Aerzte, Lieferanten, Handwerker rc. haben jetzt ihre Erntezeit und die Zahlungspflichtigen nehmen Ab­schied von den letzten Goldsüchsen und Silberlin­gen, welche ihnen das Schenkfieber zu Weihnachten noch übrig gelafien hat. Die Gegner de« Januar behaupten sogar, daß er den Pfandleih- und Rück- kaufrgeschästen einen ebenso großen Aufschwung