M 3.
Mttwoch, den 5. Januar.
1887.
fiiliitttr Ä 3tilng.
Die Fuldaer Reitum' erscheint tätlich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bring-rlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf, ' mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. ,0 Pf, auswärts I M. <5 Pf.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Erstes Blatt.
§§ Jahres-Rundschau, v.
Wir Katholiken sind es gewohnt, von dem hl. Vater als dem „glorreich regierenden" zu sprechen. Wenn je, so ward im Jahre 1886 diese Bezeichnung gerechtfertigt. Für den hl. Stuhl ist es in Wahrheit ein „glorreiches" gewesen. Weltumspannend wie die katholische Kirche selber ist auch die Arbeit und Sorge des Papstes. Darum kann es hier auf Erden keine höhere und wichtigere Aufgabe geben, als die des Papstes. Und wenn es je einen Papst gegeben hat, der ganz und gar auf der Höhe dieses semes Berufes und seiner Aufgabe stand, so ist es Leo XIII. Beweis dafür ist das Jahr 1886.
Unter den Sorgen des hl. Vaters nimmt die erste Stelle die ein, welche Deutschland ihm bereitet. Gleich bei seinem Regierungsantritt hat er in Wort und That bekundet, wie sehr die katholische Kirche Deutschlands ihm am Herzen liegt. Der Gang der Dinge hat es so mit sich gebracht, daß er Anlaß bekam, in freundliche persönliche Beziehungen zum Kaiser sowohl wie zum Reichs- kanzler, Fürsten Bismarck, zu treten. Wurden doch sogar Orden und Geschenke gewechselt zwischen Rom und Berlin. Der kühnste Prophet hätte vor wenig«; Jahreu micht su prophezeien gewagt^ daß Fürst Bismarck zu seinen vielen AuSzeich- nungen noch den höchsten päpstlichen Orden bekommen würde.
Die größte Behutsamkeit, Klugheit und Geduld zeigte der hl. Stuhl in der langsamen und schwie- eigen Entwicklungsgeschichte des ersten preußischen Friedenswerkes; es erforderte um so mehr Vorficht und Geduld, als es von vornherein bestimmt war, nur den Anfang eines kommenden Friedensschlusses überhaupt zu bilden. Von kultur- kämpferischer Seite war man bestrebt, das Volk glauben zu machen, zwischen dem Bemühen des hl. Vaters und dem des Centrums bestehe ein Gegensatz und der hl. Vater sei mit dem Auftreten und dem Verhalten des Centrums nicht einverstanden. Diesem Streben brach der hl. Vater damit die Spitze ab, daß er wiederholt dem ka-
List über Gewalt.
6ine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege.
2. Fortsetzung.
Als Bärbele nach einer halben Stunde das Häuschen des Alten verließ und in ihre Wohnung zurückkehrte, fühlte sie ihren Sinn doch ein wenig erleichtert. Kaum aber saß sie wieder an ihrem Spinnrade, da ertönte plötzlich auf der Stiege ein rascher wohlbekannter Schritt, die Thüre wurde heftig aufgerisien, und vor ihr stand — Sepp el.
Bärbele stieß einen lauten Schrei aus, wie wenn sie einen Geist vor sich sähe. Der Seppel aber fragte athemlos keuchend: „Bärbele! wo ist Dein Vater?"
„Ach Seppel! Seppel! bist Du's denn wirklich?" jubelte das Mädchen. „Und Du bist wieder da, und bist noch nicht im Krieg gewesen?"
„Rein," sagte er, den perlenden Schweiß vom heißgerötheten Gesichte sich wischend. „Und das ist eine wunderbare Fügung, Bärbele, die mich so rasch wieder heimführt. Aber wo ist Dein Vater ? Ich hab' ihm jetzt eilend»' was zu berichten, was keinen Aufschub duldet."
v6r ist am Rathhaus, wo sie Sitzung halten", entgegnete verwundert da» Mädchen. „Aber so
tholischen Volke wie auch dem Cenlrum das größte Lob spendete. Zu Anfang des Jahrks richtete er ein Rundschreiben an die Bischöfe Preußens, in welchem er u. A. sagte:
„Obgleich in Folge der neuen Gesetze von Tag zu Tag die Zahl der Priester unter den Gläubigen Preußens sich verminderte und an sehr vielen Pfarrkirchen die Pfarrer fehlten, welche den Gläubigen die Heilsmittel spendeten; obgleich trügerische Menschen unter Annahme des Namens Altkatholiken neue und schlimme Lehren ausstreuten, und Solche, die sich täuschen ließen, als Jünger zu gewinnen sich bemühten: so sahen Wir doch mit Wonne Unsere geliebten katholischen Söhne Deutschlands mit Hilse der Gnade Gottes den Glauben ihrer Väter unversehrt und treu bewahren, niemals den Nachstellungen der Lehrer des Unrechts sich zugänglich zeigen, sondern mit christlichem Starkmuthe die Gefahren Überwinden und mit um so größerem Eifer an die Kirche sich anschließen, je mehr sie diese mit schweren Bedrängnissen heimgesucht sahen.
Angesichts dieser großen und ruhmreichen Tugend besänftigte sich der Schmerz, den die genannten Gesetze in Uns hervorgerufen, und aus frommem Gemüthe haben Wir Gott Lob und Dank gesagt, der den Herzen seiner Kinder jene bewunderungswürdige Kraft eingab. Und bei sich darbietender Gelegenheit haben wir nicht umhin gekonnt, diese euere und jener katholischen Völkerschaften Tugend mit verdienter Anerkennung offen zu rühmen."
Noch deutlicher sprach er sich einiqe Monate später aus in einer Audienz, die er Pilgern aus Preußen ertheilte (Darunter vier Centrumsabgeordnete). Er sprach da u. A.:
„Ich liebe Deutschland sehr und bete täglich für sein Wohl. Ich freue mich über die Haltung der dortigen Katholiken, welche im Parlament eine so treffliche und um die katholischen Interessen hoch verdiente ausdauernde und aufopfsrmde" 7-. s. vc;I*.-1 g-funden haben, deren Anstrengungen es mit zu verdanken ist, daß der Kirche wieder größere Freiheit gewährt wird. Sollten neue Kämpfe entstehen, Sie würden gewiß wiederum mit Muth und Beharrlichkeit in dieselben eintreten; aber diese Nothwendigkeit befürchte ich nicht und mit Dank gegen Gott muffen wir die Besserungen annehmen, welche jetzt kommen werden. Sie werden bald über die neue Borlage zu beschließen haben. Gewisse Reserven werden den Umständen gemäß erforderlich sein — aber darüber will ich hier nicht Richter sein ; Sie wissen selbst, wessen die Kirche bedarf, und der Rath weiser Führer steht Ihnen zur Seite."
Diese Sprache läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
Wiederholt hatte der hl. Stuhl thätig einzu- greifen bei Besetzung von Bischofstühlen. Zur Neubesetzung des erzbischöflichen Stuhles von Köln kam die von Gnesen-Posen; beide waren ruh' Dich doch erst ein bis'le aus, bist ja schrecklich gelaufen."
„Nein, da muß ich selber gleich aus's Rathhaus eilen; 's ist eine Sach', die drängt. Behüt' Dich Gott! Bärbele!"
Und rasch war er zum Zimmer draußen und Bärbele sah ihm verwundert durch's Fenster nach, wie er fliegend über den Marktplatz stürmte.
Im Sitzungssaale des Rathhauses war der hohe Rath versammelt und berieth über das Wohl und W he der Stadt. An der Spitze in einem hochlehnigen Armsessel saß der regierende Bürgermeister, und weiter um den grünbehangenen Tisch reihten sich die würdigen Senatoren, alle in schwarzen Talaren mit weiten Aermeln, um den Hals aber breite, weiße Kragen und goldene Ehrenketten tragend.
Da wurde plötzlich weit die Thüre aufgeriffen und in die feierliche Versammlung trat Einer, dkffen unbefugtes Erscheinen hier wie ein ungebührlicher Frevel erschien.
Sprachlos starrten die würdigen Väter der Stadt den Emvringenden an; nur der Bürgermeister, der krebsroth im Gesicht geworden, schnaubte wüthend: „Was wollt Ihr hier, und wer hat Euch erlaubt, eine hohe Magistratsfitzung ungeziemend zu unterbrechen?"
ch nicht erledigt, ihre Inhaber waren nur bur„ die Staatsgewalt verhindert, ihres Amtes z. walten, mußten also mit Zustimmung des HI' Stuhles resignirt haben, ehe eine anderweitige Besetzung erfolgen konnte. Jeweils lag die Hauptschwierigkeit in der Personenfrage. Die preußische Regierung war sichtlich bestrebt, Männer auf die Bischofstühle zu bringen, die namentlich in zwei Dingen den Erwartungen entsprechen würden, welche sie hegte: Gegnerschaft zum Centrum oder mindestens Interesselosigkeit, um nach und nach ein Zerreißen ober boch ein Lockern bes Bandes zu erzielen, welches in der Zeit des heißen Kulturkampfes Bischof und Volk geeint und dadurch beide stark gemacht; das Andere, was noch erwartet und erstrebt wird, ist ein mögliches Eingehen in die kirchenpolitischen Intentionen der Regierung. Je mehr die Bischöfe in den kirchen- politischen Kombinationen der Regierung eine derartige Rolle fpie'en, desto schwieriger ist es für den'hl. Stuhl, allen in Frage kommenden Rücksichten Rechnung zu tragen, ohne die Interessen der allgemeinen Kirche und die der einzelnen D özesen zu gefährden. Die ungetrübte Einmüthig- feit zwischen dem hl. Stuhe und dem preußischen Episkopat blieb erhalten, indesien sah sich der hl. Vater doch in einzelnen Fällen veranlaßt, das kirchenpolitische Handeln des einen oder anderen Bischofs zu rektifiziren.
Mit großer Bedächtigkeit auf der einen und Entschiedenheit auf der anderen Seite trat der hl. Stuhl auf, als in Bauern.der Versuch gemacht wurde, ihn gegen die treuen und entschiedenen Katholiken als Zeugen in's Treffen zu führen. Es ist gute Hoffnung vorhanden, daß seine Beziehungen zum Prinzregenten von Bayern für die Beffergestaltung der kirchlichen Verhältnisse dieses Landes von entscheidend, r Bedeutung sind. Das Jahr 1886 hat dazu den Grund gelegt. Wenn in dem kleinen Hessen, in welchem der Kulturkampf so arge Verheerungen angerichtet hat, im Laufe des Jahres wenigstens ein Anfang zum B-ssern erzielt wurde, so ist es wesentlich dem Bemühen des hl. Vaters zuzuschreiben. Die Theil- nahme des heil. Vaters am Heidelberger Universitäts-Jubiläum war ein deutlicher Beweis dafür, daß dem wachsamen Auge des
„Met Verlaub," versetzte der junge Mann. „Ich weiß recht gut, daß ich hier weder etwas zu suchen noch zu schaffen hab'. Allein die Sach', die mich herführt, ist von solcher Wichtigkeit, daß dabei alle Bedenken schwinden,, denn mehr hängt davon das Wohl der Stadt ab, als von Eurer Be- rathung."
Der Bürgermeister wollte mit dem ganzen Ansehen seiner Würde dem kecken Sprecher das Wort entziehen, aber ihm selbst blieb die Zunge stocken, als dieier fitzt mit überzeugendem Ernste fortfuhr: „Hört zu, was ich Euch zu melden hab': die Schweden sind in der Nähe, um einen Angriff auf unsere Stadt zu machen!"
„Die Schweden?" ertönte e» angstvoll im Kreise und die Rathsherren fuhren entsetzt von ihren Stühlen auf unv stierten den Ueberbringer der Schreckensbotschaft an.
„Ja, die Schweden!" bestätigte Seppel. „Laßt mich nur einen Augenblick verschnaufen, dann will ich Euch erzählen, wie ich es erfahren hab'."
Er athmete tief auf und begann dann hastig: „Gestern morgen wanderte ich zum Stadtthore hinaus, um Kisfingen mit schwerem Herzen Lebewohl zu sagen —"
„Weiter, weiter!" unterbrach der Bürgermei-