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Dienstag, den 4. Januar.

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§§ Jahres-Rnndscha«.

IV.

Württemberg hatte im Laufe des Jahres ein Fest, welches das lebhafteste Interesse des ganzen Volkes wachrief. Der König ist krank und kinderlos. Neben ihm ist nur noch ein Thron- erbe der protestantischen Linie des Herrscherhau­ses. Würde auch dieser ohne Erbe sterben, so ginge die Krone auf die katholische Linie über. Dieser einzige protestantische Thronerbe hat sich nun im Lause des Jahres 1886 verehelicht. Damit werden wohl die Besorgnisie der Prote­stanten gehoben sein. Für die Katholiken ist die Frage minder wichtig. Ihre Toleranz nimmt EN der protestantischer! Konfession eines Regenten keinerlei Anstoß, wenn er gerecht regiert; anderer- seits kann die katholische Konfession eines Regen­ten ihnen nicht von vornherin ausgiebigen Schutz gegen Bedrückungen und Verfolgungen garantiren. Die Katholiken Württembergs wisien schon jetzt, wer nach dem Tode ihres greisen Bischofs Dr. Josef v. Hefele ihr Oberhirte sein wird — falls nicht der Tod in ganz auffallender Weise stört, was in dieser Beziehung im Laufe des Jahres bestimmt worden ist. Im allseitigen Einverständ- niß aller Faktoren, die mitzusprechen haben, ist Domkapitular Dr. Reiser zum Weihbischof und Gehilfen des Bischofs mit dem Rechte der Nach­folge auf dem bischöflichen Stuhle ernannt wor­den. Die Freude darüber war allgemein und -rotz. ' .

Das benachbarte Baden hatte ein sehr ererg- nißreiches Jahr. Die schönsten Hoffnungen wurden an die Vermählung des Erbgroßherzogs mit der naffauischen Prinzesim Hilda in der zweiten Hälfte des Jahres 1885 geknüpft. Leider hat den überall sehr beliebten Thronerben eine heimtückische Krank­heit befallen, die zeitweise das Allerschlimmste be- fürchten ließ und in ihren Nachwehen noch nicht ganz gehoben ist. In den ersten Monaten des Jahres tagte der Landtag und machte viel von sich zu reden, am meisten aber durch das, was er nicht that oder zu thun nicht in die Lage kam. Man hatte sicher darauf gerechnet, daß der Land­tag sich mit kirchen-politischen Angelegenheiten werde befaffen müssen, ob nun die Regierung ent­sprechende Vorlagen machte oder die Centrums-

partei mit Anträgen vorging. Der ersteren fehlte es indessen am guten Willen dazu, und die letztere glaubte in der Mehrheit ihrer parlamentarischen Vertreter nichts thun zu sollen, weil die national­liberale Kammermehrheit Alles niederstimmen würde und schon eine bloße Debatte ohne Ab­stimmung gefährlich wäre, während andererseits eine Besserung der kirchenpolitischen Verhältnisse von selber kommen würde, sobald in Berlin mit der Beilegung des Kulturkampfes Ernst gemacht würde. Klare und bestimmte Erklärungen des Kultusministers, dahin gehend, daß im Rahmen der bestehenden kirchenpolitischen Gesetze ein fried­liches Einvernehmen mit der Kirche erstrebt, Aende- rungen der Gesetze aber nicht vorgenommen werden sollen, waren nicht im Stande, die Führung der Fraktionsmehrheit von ihrem Standpunkt abzu­bringen; auch die unzweideutige und rücksichts­loseste Versicherung der nationalliberalen Partei­führung, einer Abänderung kirchenpolitischer Gesetze nicht zuzustimmen, hatte nicht die Wirkung, daß wenigstens der Standpunkt der Centrumspartei geltend gemacht wurde. Monate gingen so vorüber, und als der Landtag zu Ende ging, da bildete den Schluß eine Sitzung, in welcher das katho­lische Volk mit der denkbar größten Rücksichts- losigkeit behandelt wurde. Seit drei Monaten hatte die Kammer eine Menge Petitionen erhalten um Aufhebung eines Gesetzes, welches es unmöglich macht, Ordensleute zur Abhaltung von Missionen und zur Aushilfe in der Seelsorge beizuziehen. Am Schluffe des Landtages kamen endlich auch Petitionen an die Reihe, und zwar an demselben Tage, da man den Erzbischof zu Grabe trug; derselbe hatte vor Beginn des Landtages sich an die Regierung gewendet, aber keine Antwort er­halten. Die Haltung der Fraktionsmehrheit stieß im Schooße der Fraktion auf Opposition, noch mehr trat sie im Gros der Partei zu Tage und fand in der Presse Ausdruck, anfangs sehr zurück- haltend, nach und nach energischer. Zum großen Schaden der Partei entwickelte sich aus diesen Verhältnissen heraus ein Heller Zwist, der auch noch öffentlich diskutirt wurde. Zwei große Ver­sammlungen — in Freiburg und Heidelberg — erzielten den beabsichtigten Erfolg nicht, eine Grund­lage zur beiderseitigen Verständigung zu schaffen. Der Zwist blieb und wachte den ganzen Sommer vornehmeren Schwiegersohn", versetzte Seppel traurig. „Und er will seine Meinung nimmer ändern; ach! Bärbels! wir müssen einander für immer entsagen."

„Dann heircüh' ich mein Lebtag mt", schluchzte Bärbele, „denn einen Anderen als Dich nehm' ich nimmer." , p . ,,

„Und ich, Bärbele, geh' noch heute fort, m die weite Welt hinein, und wo eine Trommel gerührt wird, da laß' ich mich anwerben."

„Ein Kriegsmann willst werden!" schrie entsetzt das junge Mädchen auf. „Ach Seppel, thu das nicht, sie werden Dich todtschießen —"

Schluchzen erstickte ihre Stimme, aber Seppel erfaßte ihre Hand und sagte treuherzig tröstend zu ihr:

„O Bärbele, wein' doch nit. Nit alle werden ja im Krieg todtgeschoffen. Entsagen müssen wir doch einander und da hält's mich hier nit mehr. Bet' ein bischen für mich, daß ich gesund Wieder­kehr'. Ist ja schon Mancher ausgezogen, der im Felde sein Glück gemacht und wenn ich wieder- komm, als Hauptmann oder Oberst, dann wird Dein Vater schon ein ander Wort mit sich reden lassen, denn ihn regiert ja doch allein der Hochmuth. Leb' wohl, mein Lieb'! und wein Dir nit die Aeuglein roth."

List über Gewalt.

«ine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege.

1. Fortsetzung.

„Wenn das Euer letztes Wort ist", sagte tief­bewegt der junge Mann, „dann wandre ich noch heut aus Kiflmgen fort. Denn wenn das Bärbele nicht meins Frau wird, so halt ich's nimmer hier aus. Ich nehm'Handgeld und werd' des Kaisers Soldat."

„Geht meinethalb zu den Kaiserlichen oder zu den Schweden!" rief ihm der Bürgermeister höh­nisch nach.

Draußen aber, als der so schnöde abgewiesene Kreier über die Hausflur schritt, öffnete sich plötz­lich die Küchenthüre und eine anmuthige Mädchen­gestalt schlüpfte heraus.

„Wie ist's Seppel?" fragte sie in geheimmß- »ollem Tone, rasch dem Angeredeten sich nähernd.

„Ach, Bärbele", sagte dieser mit leiser, schmerz. Lcher Stimme. „Es ist Alles aus. Mit Stolz hat mich Dein Vater abgewiesen."

„Abgewiesen?" rief das Mädchen erbleichend «US, und die Thränen traten ihr in die glänzen- den braunen Augen. „O Seppel, warum hat er Dich abgewiesen?" ,

„»eil ich ihm zu gering bin, er will inen

hindurch bei verschiedenen Anläffen wieder auf, bis er endlich verstummte ohne gehoben zu sein.

Das Jahr 1886 hat für Baden auch einen Wechsel auf dem erzbischöflichen Stuhle gebracht. Nach langem, schwerem Leiden starb Erzbischof Dr. Johann Baptist Orbin, nahezu 80 Jahre alt. Noch zu seinen Lebzeiten waren von Karlsruhe aus in Rom Verbuche gemacht worden, die Frage der Nachfolge im Sinne der Regierung zu erledigen. Kaum hatte er, bitter enttäuscht und den Tod her- beisehnend, die Augen geschlossen, so suchte die Re­gierung über das Domkapitel hinweg die Wieder­besetzung des verwaisten Stuhles in ihrem Sinne zu erzielen. Ihre Versuche schlugen fehl, das Dom­kapitel machte mit Erfolg seine Rechte im vollen Umfange geltend und wahrte sich das freie Wahl­recht. Allerdings kam seine Kandidatenliste sehr reduzirt von Karlsruhe zurück: von 8 Kandidaten waren 5 als mißfällig erklärt worden. Bischof v. Leonard von Eichstätt, Regens Dr. Komp von Fulda, Domkapitular Dr. Knecht und Domkapitu­lar Rudolf von Freiburg, Subregens (jetzt Dom­kapitular) Dr. Schmitt von St. Peter. Unter den 3 noch übrigen Kandidaten (Bischof Kopp von Fulda, Bischof Dr. Roos von Limburg und Prof. Dr. Dreher von Sigmaringen) wurde Dr. Johann Christian Roos, Bischof von Limburg, einstimmig zum Erzbischof gewählt. Seine Uebersiedelung in die Metropole gestaltete sich zu einem wahren Triumphzuge. Wie im Fluge hat sich der neue Oberhirte die Herzen dcs Klerus und Volkes erorbert, und es bleibt den Katholiken Badens nur der eine Wunsch, Gott möge seine Gesundheit stärken und recht lange erhalten. Auch ein seltenes Fest war dem Lands Baden im Jahrs 1886 beschieden, an dem dis erlesensten Kreise von ganz Europa Antheil nahmen. Die Universität Heidelberg feierte ihr 500jähriges Stiftungsfest. Der Verlauf desselben war em großartig glänzender. Unter den Theilnehmern erweckten am meisten Interesse der deutsche Kron­prinz als Vertreter des Kaisers, der Vertreter des Papstes und die Vertreter der Wissenschaft in Frankreich.

Im Grrßherzogthum Hessenist eine erfreuliche Wendung zum Besseren eingetreten. Auf dem Wege direkter Verständigung zwischen dem Groh- herzog und dem hl. Stuhle ist über die Köpfe der Minister hinweg die Wiederbesetzung des lange ____I I . I ----------------------------------------------------------------------------------------------------

Das Nahen des Bürgermeisters scheuchte das Pärchen auseinander. Der junge Mann verließ flüchtigen Schrittes das Haus, Bärbele aber ging in ihr Kämmerlein und weinte in bitteren Thränen ihr Leid aus.

Und Seppel führte wirklich feinen Vorsatz am. Er übergab seinem jüngeren Bruder den ererbte« Weinschank und wanderte noch am selbigen Stege mit traurigem Sinne zum Stadtthor hinaus, uw Soldat zu werden und im Kriege draußen seinen Schmerz zu betäuben.

Bärbele ging am anderen Tage still und mit verweinten Augen im Hause einher, der Bürger­meister aber that, als ob er es nicht bemerke. Am Mittage verließ sie ihre Wohnung und begab sich in ein stilles Seitengäßchen. Hier wohnte in einem kleinen niedrigen Häuschen ein alter Ver­wandter von ihr, den man int Städtchen nur unter dem Namen „Bienenpeter" kannte, denn die Bienenzüchterei war fast feine einzige und liebste Beschäftigung und Freude. Der Bienen- peter war nie verheirathet gewesen, er lebte auch ganz zurückgezogen, besorgte sich selbst seinen kleinen Hausstand und schien sich wenig oder gar nicht um andere Leute und deren Angelegenheiten z« kümmern. Aber trotzdem er so still und a&ge* schloffen für sich hüt lebte, beobachtete er dennoch