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88 Jahres-Rundschau, in.

Fast will es scheinen, daß für die herr­schende Richtung Krieg im Innern geradezu Le- bensbedürfniß ist. Kaum ist der eine beendet oder abgebrochen, so wird wieder ein anderer unternommen. Wir haben bereits mitgetheilt, wie sehr die protestantischen Kreise durch das Zu- standekommen des ersten Friedenswerkes alarmirt worden sind. Von gläubig konservativer Seite ist dann in der zweiten Hälfte des Mai im preu­ßischen Abgeordnetenhause folgender Antrag ein­gebracht worden:

। „Das Haus d r Abgeordneten wolle beschließen, an die königliche Staatsregierung den Antrag zu richten, ge­eignete Schritte wahrzunehmen, daß b:i der Wiedergewäh- rung der größeren Freiheit und Selbständigkeit an die römisch-katholische Kirche auch der evangelischen Kirche ein entsprechend größeres Maß von Freiheit, Selbständig­keit und reicheren Mitteln zur Befriedigung der kirchlichen Bedürfniffe gewährt würde."

Der Antrag fand im Anfänge vielen Anklang; als er aber im Laufe der Sommermonate in Form eines Gesetzentwurfes Fleisch und Blut an- nehmen und einige Millionen jährlicher Ausgaben zur Folge haben wollte, da wichen der Strömung von Oben her folgend die konservativen Freunde "äeffelbar in großer' Zahl'Wrllck ulNr venah nm ihm jede Aussicht auf Verwirklichung. Ma« will „die protestantische Kirche" nicht frei und unab­hängig von der Staatsgewalt haben. Was wollte sie auch beginnen, wenn sie auf sich selbst ange­wiesen wäre?

Nirgends in Deutschland spielt die Partei, der vor Allem die Verantwortung für die Störung des Friedens im Innern zuzuschieben ist, eine kläglichere Rolle als in Preußen. Seit Jahr und Tag haben sich die hervorragenden Führer der Nationalliberalen überhaupt zurückgezogen. Die Aktien der Partei und ihrer Grundsätze stehen zu schlecht, während sie zu wenig Neigung haben, dabei zu sein, wenn nichts an Ehre und Vortheil für sie herausschaut. Das mag es erklären, daß sich die unverhältnißmäßig zukammengefchrumpfte Partei bei Aktionen im größeren Maßstab wieder-

List über Gewalt.

Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege (Nachdruck »erboten.)

Eine der größten Heimsuchungen, die je über unser lieber Vaterland gekommen, war ohne Z.vei- fel der schreckliche dreißigjährige Krieg — ein Krieg, in dem unter der Maske der Religion die deutschen Fürsten sich von Kaiser und Reich un­abhängig zu machen suchten, unterstützt von den auswärtigen Mächten, welche Deutschland den Untergang geschworen. E» war eine blutige, unselige Geschichtsperiode, die unfern Vatrrlande die tiefsten Wunden geschlagen hat; vorab waren er die Schweden, welche dasselbe gänzlich auszu­saugen trachteten und schrecklich darin hausten. Die Erinnerung an ihre Greuelthaten hat sich lange im Volke erhalten und lebt noch heute fort in einem bezeichnenden Kinderreime, den man in Kranken vernimmt:

„Der Schweb' ist gekomme, hat Alles mitgenomme, hat Fenster neingeschmiffe, tzat'S Blei rausgerisse, hat Kugel gegoffe »nb b' Leut' totzeschosse."

Ja, Bayern und Franken hat besonder» schwer unter diesen unheilvollen Gästen gelitten, die erst

holt blamirt hat. So beim Abschluß des mehr­erwähnten Friedenswerkes, bei der Jnscenirung des Polenfeldzuges, wo Windthorst ihnen das Original des Konzeptes vorhielt, das sie sich hatten unfertigen lassen; auf dem Kölner Parteitag, anläßlich dessen das Leibblatt des Reichskanzlers ihrer Selbstüberhebung energisch und rücksichtslos zu Leibe stieg, ihr alle „Ver­dienste um die Herstellung des Reiches" absprach, nur in der Vergangenheit der Partei ein Anrecht auf den Namen „liberal" finden wollte und meinte, daß „die Herren in Köln sich eine Kerze anzünden zu müssen glaubten, um einen um so tieferen Schatten auf andere Parteien fallen zu lassen." Eine starke Lektion, aber wohlverdient. Zu beklagen ist nur, daß die so heruntergekom­mene Partei als Anhängsel der Konservativen in Preußen noch immer Unheil anrichten kann.

Eine merkwürdige Erscheinung hat da» Jahr 1886 in den sogenannten „Diätenproz-ssen" in Preußen zu Tage gefördert. Auf Grund eines alten preußischen Landrechtssatzes, der den Gewinn aus unmoralischen Handlungen der Staatskasse zu­weist, wurde gegen deutschfreifinnige und sozial­demokratische Abgeordnete die Klage auf Heraus­gabe der von der Partei bezogenen Entschädigungs­gelder an die Staatskasse angestrengt. In der That fanden sich Gerichte, die in diesem Sinne zu Recht erkannten. Das hätte im Jahre 1885 kaum Jemand für möglich gehalten.

1 Züm Schttch trei Führet, ’l'. über Fcaickfurl, Hanau und Höchst der kleine Belagerungszustand auf Grund des Sozialistengesetzes verhängt wor­den, wie er bereits über Berlin, Hamburg-Altona und Spremberg und Leipzig verhängt war. Die Sache wurde in aller Stille vorbereitet, wahr­scheinlich in der Absicht, um Schritte seitens der zunächst Jnteressirten gegen die geplante Maßregel hintanzuhalten.

Für Bayern war das Jahr 1886 ein unge­mein bewegtes. Ein tragisches Geschick hat ihm den geisteskranken König genommen, um ihm einen neuen König zu geben, der vollständig und rettungs­los dem Irrsinn anheimgefallen ist. Die traurige Katastrophe war um so schrecklicher, als der be- dauernswerthe Monarch Jahre lang sich selbst und seiner Krankheit überlassen blieb, ohne daß ihm das Geringste von dem zu Theil wurde, was dem

1634 nach der Schlacht bei Nördlingen sich von dort zu verziehen begannen. Ein großer Haufen jedoch hatte sich noch in der Rhön festgesetzt, denn dieses einsame, abgeschlossene Gebirge mit seinen steilanfragenden Basaltwänden und tiefen, stillen, Schluchten bot einen Überaus günstigen Schlupf­winkel dar. Noch heute sieht man am Ostab­hange de« sogenannten Reesberges die Spuren einer sechseckigen Schanze, die sich die Schweden dort erbaut hatten, sowie auch die umziehenden Laufgräben noch jetzt sichtbar sind.

Von diesem gut verschanzten Punkte au», der, gerade auf der Wasserscheide zwischen Rhein und Weser liegend, das ganze Terrain des Gebirges sammt seinen auslaufenden Thälern beherrschte, machten sie dann öfters ihre Ausfälle und hausten dort ein Dezennium lang zum Schrecken der Um­gegend.

Aber nicht nur aus Schweden bestand dies wüste Kriegsgesindel, welches die keusche Gebirgs­einsamkeit zum Schauplatze seines buntwilden Lagerlebens erwählt und mitten in den stillen Bergesfrieden seine tumultarischen Kriegsbilder verpflanzt hatte, auch mancher verwegene Geselle war darunter, der der Nation nach nicht zu den nordischen Unholden gehörte, den jedoch die Lockung nach reicher Beute mit denselben verband.

letzten der Unterthanen in solchen Fällen nicht ver­sagt bleibt. Und der Verdacht ist nicht ungerecht­fertigt, daß der Hauptgrund dafür in Egoismus und Herrschsucht gelegen ist. Die öffentliche Mei­nung in Bayern und ganz Deutschland erhob schwere Anklagen nicht nur gegen einzelne charak­terlose Bedientenkreaturen, sondern auch gegen das Ministerium Lutz, welches erst im letzten Augen­blicke sich aufraffte, dem kranken Könige ärztliche Hilfe und dem Lande einen Herrscher zu Theil werden zu lassen. Die Art des Vorgehens war aber so übereilt und unbedacht, daß gerade dadurch das Schlimmste, der Tod des Königs — durch Selbstmord ober Unglück — herbeigeführt wurde. Sein Oheim Prinz Luitpold hatte die Retzentschaft bereits angetreten und behielt sie auch bei, da die Krone auf den jüngeren Bruder des Königs, den Prinzen Otto, überging. So verlangte es nämlich der Wortlaut der Verfassung. Eine kurze Zeit hindurch schien es, als ob das Ministerium seinen Platz sollte räumen müssen; statt dessen wurde es in seiner Stellung befestigt. Der Prinzregent nahm fein Entlassungsgesuch nicht an und sprach ihm bei diesem Anlässe noch das allerentschiedenste Vertrauen aus. Welche Einflüsse mitgeroirft haben, schließlich diese Entscheidung herbeizuführen, entzieht sich der Kenntniß des Publikums. Wochen lang herrschte die größte Erregung in den verschiedenen poli­tischen Lagern. Wesentlich trug dazu auch eine Stells im Handschreiben des Prinzregenter. bei, welche besagte, „daß zu öfteren Malen von höchsten katholischen kirchlichen Autoritäten die vollkommene Befriedigung über die Lage der katholischen Kirche in Bayern ausgesprochen worden ist." In einem Theil der Presse wurde au» „höchsten katholischen kirchlichen Autoritäten" ohne Weiteres „die höchste katholische kirchliche Autorität" gemacht, so daß es nur auf den hl. Stuhl sich hätte beziehen können. Von vornherein war es nahezu gewiß, daß der hl. Vater sich so nicht konnte ausge­sprochen haben, der Prinzregent also irrig be­richtet fein mußte. Zum Ueberfluß wurde es auch noch extra konstatirt, indem in entsprechender Form von Rom aus Verwahrung dagegen eingelegt wurde. Auch der Erzbischof von München lehnte es ab, in solcher Weise über die Sage der katho­lischen Kirche in Bayern sich geäußert zu haben. Es stellte sich schließlich heraus, daß freundlichen

Befehligt wurde dieser Haufen vom Kommandan­ten Reichwald, einem kühnen, wilden Abenteurer, der nichts zu verlieren hatte und vor keiner Ge­fahr zurückschreckte.

Es war ein milder, sonniger Märzentag im Jahre 1643, da standen auf der Höhe einer Bergeskuppe zwei Kriegsleute in eifrigem Ge­spräche zusammen. Der ältere, eine lange, ha­gere Gestalt mit scharfen, kühnen Augen und ver­witterten Zügen, die zum Theil von einem strup­pigen Schnurr- und Knebelbarte verdeckt wurden, war der Kommandant Reichwald. Er trug einen gestickten Mantel über dem geschlitzten Lederkoller, die Beine stacken in hohen Reitstiefeln mit Sporen, und auf dem Kopfe faß ein breitrandiger Schlapp­hut, der mit einem Reiherbusch geziert war. Die mit großen Stulpenhandschuhen bekleideten Hände ruhten auf dem langen Rausdegen, den er an der Seite trug.

Schweigend hatte der Kommandant den Bericht angehört, den ihm (ein Gefährt, ein junger Ad­jutant, mit blitzenden dunklen Augen und einem zierlichen Zwickelbärtchen abgestattet hatte. Jetzt aber fuhr er empor aus seiner regungslosen Haltung.

„Die Mannschaften murren?" rief er mit einem wilden Fluche aus. „Nun, ich kaum sie nicht bc-