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Freitag, den 31. Dezember.
1886.
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Vermischtes.
"lieber dieKatholiken in Sibirien macht die Zeitschrift ,Die katholischen Missionen' folgende statistische Mittheilungen. Ganz Sibirien gehört zur Kirchenprovinz Mohileff, deren Erzbischof feinen Sitz in St. Petersburg hat, wo seit Kurzem auch das Domkapitel residirt. Sowohl in Westals Ost-Sibirien sind die Pfarrer und Vikare aus der Zahl der deportirten Priester genommen. Die Regierung erkennt ihre geistliche Amtsstellung an, dennoch aber bleiben sie Deportirte und dürfen somit Sibirien nicht verlassen. In West-Sibirien sind die drei Pfarreien Tomsk, Tobolsk und Omsk. Die Pfarrei Tomsk, zwei Mal so groß wie ganz Frankreich, zählt 7000 Katholiken; sie wird von dem Pfarrer Valerian Gromadzki und dem Vikar Michael Olechno verwaltet; ebendaselbst befinden sich noch zahlreiche andere verbannte Priester. Die Pfarrei Tobolsk (1,377,776 Qu.-Kilom.) mit 4521 Katholiken verwaltet Pfarrer Ludowic; auch dort sind katholische Pfarrer internirt. Die Pfarrei oder vielmehr Station Omsk zählt 1000 Katholiken, deren Seelsorger A. Bogusch ist. In Ost- Sibirien sind ebenfalls drei Pfarreien und eine Station. Am Stillen Ozean liegt die Pfarrei Nikolajewsk, welche das ganze Amurgebiet (450,000 Qu.-Kilom.) umfaßt. Die Pfarrei hat keine Kirche, nur 541 Katholiken, und wird vom Pfarrer Kasimir Radjschewski geleitet. Die Pfarrei Nertschinsk an der chinesischen Grenze jenseits des Baikalsee'» umfaßt Transbaikalien (mit 623,596 Qu.-Kilom.) und zählt 1283 Katholiken, welche Pfarrer Andreas Jurewitsch pastorirt. Die Pfarrei Irkutsk hat ein Gebiet von mehr als 800,000 Qu.-Kilom. und zählt 3139 Katholiken. Pfarrer Chrysostomus Schwernicky und die beiden Hülfsgeistlichen Joseph Lawkowic und Rusga besorgen dieselbe. Zu dieser Pfarrei gehört auch die Priester-Kolonie von Tunka. Endlich ist noch die Pfarrei oder Station Krasnojarsk im Gouvernement Jenisseisk (2,571,428 Qu.-Kilom.) zu nennen, wo Georgius Kochilowski 4188 Katholiken zu pastoriren har. Die Zahl der Katholiken Sibiriens würde demnach im letzten Jahre 21,672 Seelen betragen haben.
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Zweites Blatt.
’ 1887.*)
Da» kommende Jahr wird in den Kalendern al» Gemein-Jahr bezeichnet und es ist in der That ein ganz gemeines, gewöhnliches Jahr, das hinsichtlich der Zeitrechnung und Astronomie nichts Absonderliche» an sich hat. Trotzdem kann es »rtürlich sehr wohl noch ein ganz hervorragendes Jahr werden durch überraschende Ereignisse politischer, wirtschaftlicher oder meteorologischer Natur. Aber wünschen wir dem kommenden Jahre keinen geschichtlichen Ruhmesglanz I Die epochemachenden Jahre sind sehr interessant für die Nachwelt, aber meist sehr lästig für die Mitwelt; die hervorragenden Ereignisse in der Weltgeschichte sind meist mit Blut oder wenigstens mit Thränen geschrieben.
Hoffen wir also, daß das Jahr 1887 wirklich ein Gemeinjahr bleibt, so wie der Kalender es verkündigt. Es hat keinen Schalttag, es hat keinen absonderlichen Ostertermin wie sein Vorgänger, es ist kein Jubeljahr, kein Sonntagsjahr, es stellt keine aufregenden Schauspiele im Sternenhimmel in Aussicht, kurz: es will eine Einheit von 365 Tagen sein und weiter nichts.
Was die Himmelserscheinungen angeht, so bietet uns das Jahr 1887 zwar zwei Sonnen- und zwei Mondfinsternisse, aber wir sehen bloß von zweien etwas, nämlich eine partielle Mond- finsterniß am 3. August, wovon Niemand Aufhebens macht und eine totale Sonnenfinsterniß am 19. August, welche schon etwas mehr Beach- tung verdient. Die vollständige Verfinsterung der Sonnenscheibe, welche dem Phänomen erst seinen Werth gibt, wird freilich bloß in einem Strich de» östlichen Norddeutschland gesehen werden, dessen Grenze die Städte Braunschweig, Leipzig, Guben, Thorn, Insterburg, Angermünde, Brandenburg ungefähr markiren; das übrige Deutschland muß sich mit einer Theil-Verfinsterung begnügen, die für den Süden und Westen sehr knapp ausfallen wird.
Der Ostertermin des künftigen Jahres liegt so ziemlich in der Mitte zwischen den beiden möglichen Extremen, er fällt 15 Tage früher, als im Jahre 1886, so daß die beweglichen Feste, welche 1886 in so weit vorgerückte Jahreszeiten fielen, jetzt wieder in normale Lage kommen. Aschermittwoch am 23. Februar, Ostern am 10. April, Pfingsten am 29. Mai, Frohnleichnam am 9. Juni — das ist alles regelrecht und hübsch. (Wenn sich der Leser für die Osterberechnung interessirt, so wollen wir kurz die cyclische Rechnung für da» Jahr 1887 kennzeichnen: Die Epakte ist für dieses Jahr 6, d. h. der 6. Tag vor dem 31. März, der 25. wird als Neumondstag betrachtet; zählt man von da vierzehn Tage (ver Ausgangstag mitgerechnet) weiter, so trifft man auf den 7. April als cyclischen Vollmondstag (ver astronomische, wirkliche Vollmond fällt auf den Morgen des 8. April). Am Sonntag nach diesem Frühjahrs-Vollmondstag wird Ostern °^° bevorstehenden Jahr am
Daß man dem Ostertermin seine besondere Aufmerksamkeit zuwendet, ist nach den Erforschungen des jetzt zu Ende gehenden Jahres nicht zu verwundern. Der allerspäteste Ostertermin, welcher den Nostrodamus zu jenen bekannten Versen von dem Wechsel in der ganzen Welt „begeistert" hatte, legte in manchen Köpfen den Grund zu der Einbildung, daß in einem solchen Jahr etwas ganz Besonderes, natürlich etwas Schreckliches, pafliren müßte. Jetzt sind wir glücklich am Ende des „Unglücksjahres" — und die Welt hängt doch
*) Nachdruck verboten.
I noch in den alten Angeln. Das Jahr 1886 wird bei seinem Abschiede noch einen spöttischen Blick auf die Welt zurückwerfen und uns zurufen: Seht ihr, ich war doch besser, als mein Ruf. Eure Aengstlichkeit und namentlich eure blinde Kriegsfurcht hat euch genarrt: ich gehe ohne einen Krieg oder eine andere gräßliche Katastrophe von dannen;
l trotz alle« bulgarischen Gezänkes, trotz der Hitze I im Spätsommer und der Schneewehen zu Weih- l nachten, trotz Militärvorlagen und Ausdehnung ! des Belagerung Auslandes werdet ihr mich doch \ zu den guten Jahren rechnen müssen, denn die
Ernte gibt ja bei euch, wo der Magen zumeist über Herz und Gehirn steht, den Ausschlag bei der Jahres Censur.
Da die Furchtsamen nie um Scheingründe verlegen sind, so werden sie am Ende zu der Schlußfolgerung kommen: Weil das Ausnahmejahr 1886 ohne Katastrophe vorübergegangen, so werde das gewöhnliche Jahr 1887 nun die Katastrophe bringen. Gegen diese „Logik" läßt sich natürlich nichts machen. Wer den Kopf in den Schornstein steckt, sieht schwarz, wenn auch draußen die Sonne strahlt und die Blumen blühen.
Als einen Vorzug des kommenden Jahres müssen wir die vielen Feiertage auch in Rechnung bringen. Mit Ausnahme des ersten Weih- nachtstages fallen alle Feste, welche an das Datum gebunden sind, auf einen Wochentag. Neujahr auf einen Sonnabend, Hl. Dreikönige auf einen Donnerstag, Lichtmeß auf einen Drenstag, Mariä Verkündigung auf einen Frei! >.g, Peter und Paul auf einen Mittwoch (die in den alt- preußischen Provinzen auf den Sonntag verlegten Marienfeste der Himmelfahrt und Geburt fallen auf einen Montag bezw. Donnerstag), Allerheiligen auf einen Dienstag, Mariä Empfängniß auf einen Donnerstag. Weihnachten wird freilich in 1887 an einem Sonntag gefeiert, aber zwei Feiertage gibt es bekanntlich zu Weihnachten immer und das reicht auch aus. —
Unser bürgerliches Jahr fängt mit dem 1. Januar an, und weil es seit vielen Jahrhunderten so Mode ist, so glaubte Mancher, es müßte noch- wendig so fein. In Wirklichkeit ist aber das Neujahr ein willkürlich gewählter Termin, denn in dem Kreislauf der Erde um die Sonne, welcher dem Jahr sein Maß giebt, findet man, wie bei jedem Ringe, keinen Anfang und kein Ende. Das Jahr ist auch keineswegs immer vom 1. Januar angefangen worden, wie man schon daraus sieht, daß September den Namen als siebenter, Dezember des zehnten Monats erhalten hat. Es geht hierbei, wie bei der Fortsetzung des Anfangstermins für den Tag: die Juden beginnen den neuen Tag Abends, wir zur Mitternacht, andere Völker Morgens nach Sonnenaufgang, die Astronomen rechnen von Mittag. Bekanntlich wird gegenwärtig über die Einführung Der einheitlichen Weltzeit verhandelt und man ist noch darüber entzweit, ob der Welttag zur Mitternacht oder zum Mittag von . Greenwich beginnen soll. Ein Glück, daß die i Vorfahren uns einen feststehenden Jahres-Anfang • hinterlassen haben; sonst würden die Gelehtten sich noch lange darüber zanken, in welcher Jahreszeit man wohl am passendsten den Ausgangspunkt legte. Für unsere nördliche Erdhäffte ist auch offenbar die „Mittwinter"-Zeit der passendste Anfangstermin. Wie wir den Tag beginnen, wenn die Nacht ihren Höhepunkt überschreitet und die Tagesleuchte wieder anfängt, sich uns zu nähern, so feiern wir den Anfang des Jahres, wenn die Sonne ihren tiefsten Stand im Süden erreicht hat und wieder ihren Weg am Himmel aufwärts beginnt. Es kommt dabei freilich auf die 9 oder 10 Tage, welche zwischen dem \
astronomischen „Winters-Anfang" und dein Neujahrstage liegen, nicht weiter an. Früher fielen Christfest und Neujahr zusammen; auch jetzt find sie trotz der zwischenfallenden Woche noch als ein Ganzes zu betrachten, denn die festliche Stimmung herrscht den ganzen Zeitraum über. So fällt der Beginn der Erlösung der Natur au» dem Winterschlafe mit dem Beginn der Erlösung der Seelen aus dem Sündentod zusammen.
Bei den Glückwünschen zu Neujahr dürfen wir aber nicht vergessen, daß das Jahr nichts weiter ist, als ein numerirtes Gefäß, welches noch gefüllt werden muß. In die Füllung theilt sich die ewige Vorsehung mit den Erzeugnissen der Kräfte, welche sie dem Menschen zur Verwaltung gegeben. Was Gott thut, das ist gutgethan; aber was der Mensch thut, ist oft unklug und schlecht. Laßt uns besser werden, dann wird'« besser sein! Das ist ein alter Spruch, aber die Neujahrsfeier ist noch älter, und an dem Wendepunkte zweier Jahre ist ein ernsthafter, altbewährter Gedanke besser am Platze, als neue Einfälle, welche mit dem Sylvesterjubel da- hinfchwinden. Sei Jeder, so gut er vermag, seine« „glückseligen neuen Jahres" eigener Schmied.