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Freitag, den 31. Dezember.

1886.

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nach vielen und schwierigen Fährlichkeiten endlich zu Stande kam, bieten aber den Katholiken noch eindringlichere Lehren und Warnungen als der wüste Kampf. Einmal soll Friede geschloffen werden nur aus Noth; nicht der Erkenntniß, Unrecht ge< than und Gefahren herbeigeführl zu haben, ist die Bereitwilligkeit zum Friedensfchluß entsprungen, sondern der Erkenntniß, in ein verfehltes Unter­nehmen sich eingelaffen zu haben und das erstrebte Ziel nicht erreichen zu können. Daher die Sprösig- keU und das Zaudern. Und ist der Kampf nicht aufrecht zu erhalten, muß er aufgegeben werden, so will man möglichst viel von dem durch Zu- gestänvniffe von der Kirche erhalten, was man ihr nicht mit Gewalt hat entreißen können.

Die Sprache der ruffischen Preffe war eine Hatz- erfüllte und herausfordernde über alles Maß, Monate lang hat es angedauert und ist erst gegen Ende des Jahres etwas besser geworden. Und rum ersten Male seit dem Bestände des neuen deutschen Reiches hat die Regierung über unser Verhältniß zu Rußland wie auch über unsere eigene Stärke ganz anders, ziemlich kleinlaut sich ausgesprochen. Wir sollten stets glauben, daß dicke Freundschaft uns an Rußland kettet, und daß wir mit Oesterreich verbunden überhaupt nichts zu fürchten haben. Diesem Glauben sollen wir jetzt entsagen und gerade deßhalb die auf's Aeußerste gespannten Forderungen für das Militär bewilligen. Indessen will es uns doch scheinen, daß es so schlimm nicht aussieht. England wie Italien haben sich im Laufe des Jahres sehr freundschaftlich zu Deutschland gestellt. In den Fragen der auswärtigen Politik, die gerade jetzt im Vordergrund stehen und Kriegsgefahren in sich bergen, stehen Oesterreich, England und Italien auf demselben Standpunkt wie Deutschland. Das gehört zum erfreulichsten, was das Jahr 1886 zu Tage gefördert hat.

Es liegt in der Natur der Verhältniffe, daß der preußische Staat der tonangebende im deutschen Reiche ist. Deßhalb legt es sich nahe, bei einer Umschau in den einzelnen Ländern des deutschen Reiches mit Preußen zu beginnen. Gleich zu Beginn des Jahres rief das 25jährige Regierungsjubiläum des Königs dem Land und Volk die großen Ereignisse in's Ge- dachrniß zÜluS — ’ - "~*nb xrtr

Königs sich knüpfen und Preußen die > in Deutschland und die erste Machtft.llung tn > Europa verschafft haben. Der greise Monarch wollte das denkwürdige Fest möglichst ruhig und einfach begehen, was indessen nicht ausführbar war. Geschenke durften ihm aber nicht übermittelt werden. Das Wichtigste und Erfreulichste, was das Jahr 1886 dem Land und Volk Preußens gebracht hat, ist ein Werk des Friedens zwischen Staat und Kirche mit der sicheren Aussicht, daß noch andere solcher Friedenswerks nachfolgen werden. Es hat wahrlich lange ge­dauert "und ungeheuer schwer gehalten, l rs endlich ein wirkliches Friedenswerk zu Stands gekommen ist. Volle 7 Jahre lang wurden mit längeren oder kürzeren Unterbrechungen Verhandlungen zwischen Berlin und Rom gepflogen, immer und immer blieb das Sehnen des katholischen Volkes nach Frieden ungestillt.' Sichtlich war der ernste gute Wille nicht durchgedrungen. Wiederholt waren gesetzgeberische Versuchs gemacht worden, in un­wesentlichen Dingen die Kulturkampfgesetze zu mildern, um das Wichtige und Wesentliche der­selben sicher zu stellen. Im Jahre 1886 ist nun zum ersten Male ein wirklicher und ernster Schr'.tt zum Frieden gemacht worden, dem auch die Kirche und das mitinteressirts katholische Volk zuftimmen konnte. Die Umstände, unter denen das Werk

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Erstes Blatt.

§§ Jahres-Rundschau,

n.

Auf kirchenp olitischem Gebiete war das Jahr 1886 insofern erfreulicher, als ein ganz ausgesprochenes Drängen sich geltend gemacht hat, den Krieg gegen die katholische Kirche los zu werden. Zwei Thatsachen haben aber die Freude daran ge­trübt. Der Geist konfessioneller Zwietracht und Gehässigkeit gegen die katholische Kirche hat sich da und dort bemerkbar gemacht. Jener protestantische Geist, der vom Krieg gegen die katholische Kirche lebt, ist gerade durch die Anzeichen kommenden Friedens mit der Kirche alarmirt worden und hat auf's Reue den Schlachtruf: gegen Rom ! erhoben. Wir können darum auf vollen Frieden nicht hoffen. Wenn auch die Regierungen dem Kriege gegen die Kirche entsagen, so werden Parteien ihn weiterfahren. Das hat das Jahr 1866 uns gelehrt und bewiesen. Und die andere betrübende Thatsache ist das ausgeprägte Streben, die deutschen Katholiken in Vertrauens­seligkeit einzuwiegen, sie zu erschlaffen und damit in politischer und kirchenpolitischer Beziehung wider­standsunfähig zu machen. Vorläufig ist kein Grund zur Besorgniß vorhanden, daß der Plan gelingen möchte. Die katholische Preffe ist im Ganzen und Großen auf der Höhe ihrer Aufgabe geblieben und hat namentlich die mehrmals widerkehrenden Ver- wA». .die VMl?ter.der kirchlichen Autorität gegen das katholische Molk und bespn Lonfiiyrer zusvielen, glücklich und erfolgreich abgewiesen. Auch war die diesjährige Generalversammlung der Katholiken eine der glänzendsten und aufmunternd- sten, die wir je hatten. Das Streben, uns in Sicherheit einzuwiegen und unsere geschloffene Ein- müthigkeit zu sprengen, ist vorläufig aussichtslos. Aber das Jahr 1886 mahnt uns eindringlich zur Wachsamkeit und Ausdauer.

Auf sozialem und wirthschaftlichem Gebiete hat das Jahr 1886 unserm deutschen Vaterlande weder namhafte Besserung noch Ruhe gebracht. Es ist geradezu erschreckend, in welchen Proportionen die Anforderungen des Reiches an die Leistungsfähigktit des Volkes alljährlich wachsen, namentlich für militärische Zwecke. Die Suche nach neuen Einnahmequellen spielt immer die Hauptrolle. Unter solchen Umständen ist an eine Gesundung, Ruhe und Stabilität der wirthschaft- lichen Verhältniffe gar nicht zu denken. Und die sozialen Mißverhältnisse und Gefahren haben sich nicht ver­ringert, im Gegentheil: die Sozialdemokratie wächst ganz unverhältnißmäßig an und greift zusehends auch in den Kreisen der landwirthschaftlichen Bevölke­rung um sich. Leider haben die drohenden Ge­fahren auf der einen Seite und die nutzlosen Versuche, sie zu bannen, noch nicht die Folge ge­habt, daß man der heilenden und versöhnenden Thätigkeit der Kirche und ihrer Orden freien Spielraum läßt. Der Ruf der Katholiken nach Rückkehr der Orden, in den namentlich einmüthig und kräftig in Breslau eingestimmt wurde, hat wenig Anklang gefunden, vielmehr die schlimmsten Kulturkampfgeister wieder aufgerüttelt.

Auch in diesem Jahre hat der greise Kaiser wieder eine Zusammenkunft mit dem be­freundeten Kaiser von Oesterreich gehabt, was demBündnisse der beiden Kaiserstaaten einen neuen Kitt gegeben hat. Mehr als in anderen Jahren haben wir im Jahre 1885 Gewißheit über dieses Bündniß und Aussicht auf Erhaltung desselben bekommen. Andererseits ist aber auch zum ersten Male die Aussicht auf einen großen Krieg gegen Osten und Westen zugleich auf getreten.

Endlich soll durch den Friedensschluß das Centrum d. h. die politische Vertretung des katholischen Volkes lahmgelegt und seine Kraft gebrochen werden. Papst und Bischöfe sollen öireft und indirekt diesem Streben Vorschub leisten K^ar und unwiderleg­lich hat uns das Jahr 1886 das bewiesen. Die Freude über das Zustandekommen des Friedens­werkes ist darum keineswegs eine ungetrübte. Was der Kulturkampf durch eine Reihe von Jahren hindurch den Katholiken an Leid und Bitterkeit geboten hat, wuroe ihnen noch einmal in's Ge- dächtniß zurückgerufen und theilweise in neuer Auflage geboten. Wochen lang war man in ständiger Ungewißheit, ob wirklich Etwas zu Stande kommen sollte oder, ob nicht das Volk getäuscht und die Kirche in's Unrecht versetzt werden sollte. Die Kommission des preußischen Herrenhauses, dem die bezügliche Gesetzesvorlage zuerst unterbreitet wurde, hatte eine wenig ruhmvolle Rolle zu spielen. Ihre Entschließungen waren abhängig von dem jeweiligen Stande der diplomatischen Verbandlungen oder vielmehr von den wechselnden Schachzügen der Bismarck'schen Diplomatie. Sie war deshalb wiederholt nicht in derLage, heute sagen zu können, was sie morgen beschließen würde. In der Preffe wurden wiederholt die schlimmsten Kulturkampf­geister losgelaffen, je nachdem es zweckmäßig schien, Rom zu schrecken und einen moralischen Druck auf dasselbe auszuüben. Als das Zustande­kommen des Friedenswert s endlich gesichert war, da bäumten sich die schlimmsten Kulturkämpfer von ehedem dagegen auf. Die Nationalliberalen

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! gegen stimmten. Für das kärhoU.'chr -3uu und i dessen ruhmreiche Vertretung im Centrum war es ; ein Tag der schönsten Geuugthuung und des herr­lichsten Triumphes, als das Friedenswerck zu Stande kam. Und nie hat das Cenlrum sich größer gezeigt, als gerade an diesem Tage, da es staatsmännische Klugheit im Verein mit christlicher Selbstverleugnung durch Schweigen bekundete, wie es früher in so manchem heißem Kampfe Alles, was man von einer Vollsvertretmig nur erwarten kann, mit christlichem Bekennermuth ge­paart durch Reden bekundet hatte.

Am 10. Mai fand dann die definitive Abstimmung statt. Für das Friedenswerk stimmten 260, gegen dasselbe 108. Geschloffen stimmten Centrum und Deutschkonservatioe dafür und ebenso geschloffen Nationalliberale dagegen. Freikonservative und Dentschfreistnnige waren gespalten. Von den ersteren stimmten 27 für, 25 gegen, von den letz­teren 16 für und 21 gegen das Friedenswerk. Bezeichnender Weise hat Bismarck, der in der Ge­neraldebatte zweimal das Wort ergriff, wiederholt von der Möglichkeit eines erneuten Kulturkampfes gesprochen — „etwas politischer und weniger juri­stisch" . Dieses erste Friedenswerk soll der Vorläu fer von anderen sein. So hat es die Regierung in Aussicht gestellt und mit dem hl. Stuhle aus­gemacht. Der Kardinalpunkt, der auf dem Wege gegenseitiger Verständigung seine Erledigung finden soll, ist die sogenannte „Anzeigepflicht", d. h. die Frage, ob und inwieweit der Staatsgewalt eine Einwirkung bei Besetzung kirchlicher Stellen und Aemter gewährt werden soll. Im Zusammenhänge damit steht die Frage der Freiheit der Kirche in der Heranbildung und Erziehung ihres künftigen Klerus. Wie sich die Kirche in dieser Frage stellt, haben die preußischen Bischöfe in einem Antwort­schreiben an den heil. Vater übereinstimmend mit dem hl. Stuhle dahin präcisirt:

„Dem entsprechend nehmen wir mit voller Unterwür­figkeit und freudigen Geistes Alles an, was Du mit apo­stolischer Weisheit betreffs des Unterrichtes, der Erziehung, der Auswahl und Leitung der Diener Gottes einschärstest, ndem Du ganz besonders darauf abzieltest, daß „unoer-