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Mittwoch, den 29. Dezember.
1886.
Fuidiier
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Deutsches Reich.
Berlin, 28. Dezember.
* Bei dem Kaiser fand heute Nachmittag das alljährlich wiederkehrende Botschafterdiner statt, welches bis nach dem Weihnachtsfeste verschoben worden war, weil die Großfürstin Katharina von Rußland in der russifchen Botschaft Wohnung genommen hatte, und der russische Botschafter mit Rücksicht auf das Hosceremoniell keiner Einladung Folge leisten konnte, so lange ein fürstlicher Gast bei ihm weilte. Zu dem Diner war u. A. auch Graf Moltke geladen.
* Der Reichstag tritt am 4. Januar zu« sammen. Die erste Sitzung der Militärkommifsion ist indeß erst auf den 5. Vormittags anberaumt. Bekanntlich hatte die Kommission auch ihre Ar- beiten abgeschloffen, bevor der Reichstag selbst in die Ferien ging.
* Die Einberufung des preußischen Landtags ist, wie es heißt, für den 13. Januar in Aussicht genommen. Der Etat ist soweit fertiggc- stellt, daß er dem Landtage sofort bei dessen Zusammentritt zugehen kann. Zweifel daran, daß in der bevorstehenden Session eine kirchenpolitische Vorlage eingebracht wird, sind ausgeschloffen; doch ist über den Zeitpunkt des Erscheinens jetzt noch keine Angabe zu machen.
* Am 3. Januar findet der Stapellauf eines der beiden auf den Schiffswerften des Stettiner „Vulcan" im Bau befindlichen chinesischen Panzergürtelschiffe statt. Den Taufakt vollzieht drr chinesische Gesandte Hsü Ching Chung.
* Die im Reichseisenbahnamte erfolgenden Zusammenstellunger, der Betriebsergebnisse deutscher Eisenbahnen liegen fitzt bis Ende November vor. Dieselben haben sich in den letzten Mo- naten wieder günstiger gestaltet, so daß sie sich im Durchschnitt nicht unerheblich höher stellen als im Vorjahre. Bei den preußischen Staatsbahnen betrug die Einnahme in der Zeit vom 1. April bis Ende November 442,247,469 Mk., d. i. über 12 Millionen Mark mehr als in demselben Zeiträume des Vorjahres. Von den Staatsbahnen hatten nur die sächsischen Staatsbahnen, sowie die Main-Neckarbahn kleine Mindereinnahmen gegenüber dem Vorjahre.
* Die Einnahmen der Reichspost- und Tele-
Die onfOTtatt Geige.
(Nachdruck verboten).
2. Fortsetzung.
Mutter Doralice machte ein bedenkliches Gesicht, als er ihr jubelnd die Geige als sein Eigen- thum vorzeigte.
„O, Guiseppe, das ist ein verhängnißvolles Geschenk!" rief sie ängstlich aus. „Hättest du das doch dem Maler gelassen! Ich war so froh, daß der verhexte Kasten glücklich aus dem Hause kam — denn das ist er, mein Söhnchen — er hat es selbst gesagt, daß ein Geist darin hause."
„Aber ein guter Geist, Mutter," fiel ihr der Knabe mit leuchtenden Augen ins Wort und ließ den Bogen über die Saiten tanzen.
Es wurde Winter und Guiseppe hatte nun vollauf Muße, mit aller Hingabe seiner theuren Geige sich zu widmen, und als der Frühling wieder in die Berge gezogen kam und der Hirtendienst begann, da wanderte sie statt der Schalmei mit hinaus auf die Weideplätze.
Aber leider waltete der kleine Hirt seines Amts nicht mehr mit der gleichen Aufmerksamkeit und Gewissenhaftigkeit wie früher. Nicht selten kam es fitzt vor, daß Abends bei der Heimkehr eine Ziege fehlte, die sich, ohne daß er es wahrgenom-
graphenverwaltung betrugen vom 1. April bis Ende November 116,457,884 Mark, d. i. 4,463,961 Mk. mehr als in demselben Zeitraum des Vorjahres. Die der Reichseisenbahnverwaltung stellten sich auf 31,484,000 Mk., 240,200 Mk. weniger.
• Das Velociped soll demnächst auch bei uns für den Armeegebrauch offiziell zur Einführung gelangen und namentlich zur Vermittelung des Ordonnanz- bezw. Depeschendienstes zwischen Festungs-Forts Verwendung finden. In der französischen Armee ist das Velociped bereits eingeführt und scheint gute Dienste zu thun.
* In einem „Zur Lage des Kaufmannsstandes" überschriebenen Leitartikel des ,Wests. Merkur' wird auf die wichtige soziale Aufgabe, die Entstehung eines gebildeten Proletariats nach Möglichkeit zu verhindern, hingewiesen, und zu deren Lösung zur Beachtung der Lage der Hand- lungsgehülfen aufgefordert. Das Blatt begrüßt cs daher mit Freude, daß als erste Frucht des in den Kreisen der Handlungsgehülfen sich Bahn brechenden Bestrebungen, dem großen Uebelstand ihres Standes energisch entgegen zu treten, die Petition zu betrachten sei, welche an den Reichstag um Einführung des Krankenkaffenzwanges abgerichtet worden ist. Weitere Ziele der Bewegung sind die Einschränkung des Lehrlingsunwesens und die Verlängerung der Kündigungsfristen. In vielen Fällen ist die Stellung der Handlungsgehülfen fast rechtlos, da sie in Folge der Concurrenz gezwungen sind, ein-, drei- und achttägige Kündigungsfristen an- zuntzbmen.
* Posen, 2b. Dezbr.' Der Landragsäog.orö- nete Kasimir Kantak ist heute Nacht gestor- den. Kanlak, geboren 1824, gehörte zu den Veteranen des preußischen Landtags, fast ein Vierteljahrhundert hat er demselben als Führer der polnischen Partei ohne Unterbrechung angehört. Obgleich ein unermüdlicher Vertheidiger der Rechte seiner Nationalität, war Kantak, wie die ,Frkf. Ztg.' von ihm sagt, eine bei allen Parteien beliebte Persönlichkeit, in der sich die guten alten Traditionen der parlamentarischen Geschichte verkörpert zu haben schienen.
* Hildesheim, 26. Dez. Dem soeben aus- gegebenen Direktorium der Diözese Hildesheim pro 1887 zufolge zählt die Diözese 18 Dekanate, 88 men, verlaufen oder verstiegen hatte. Ein Zauberreich hatte die Pforten vor ihm aufgethan, das ihn tiefer und tiefer zu seinen Wundern lockte, aber er verlor oft die Wirklichkeit darüber.
Mutter Doralice war tief bekümmert.
„Guiseppe ist wie umgewandclt," seufzte sie, „und nur der verzauberte Kasten hat es ihm an- gethan. Und ich darf ihm dies Gefäß des Teu- fels nicht einmal wegnehmen, weil er sonst krank und leidmüthig wird. O, Madonna, was sang ich an, um ihn vor dem dämonischen Einfluß zu retten!"
Da kam ihr plötzlich wie ein Lichtstrahl ein Gedanke: die Mönche von San Lorenzo! die konnten Hilfe schaffen! Wenn sie den „vcrhexlen Kasten" weihten und segneten, dann mußte die böse Zauberkraft darin gebrochen werden.
Und sie kannte ja den Pater Bernardo — wenn sie dem ihre Noth klagte — der würde ihr gewiß seinen Beistand nicht versagen!
Wunderbar getröstet, beschloß sie, diesen Rettungsanker gleich am andern Tag zu ergreifen.
Guiseppe war höchlichst erstaunt, als ihn seine Mutter am Morgen weckte und er sie in ihrem besten Klerderputze sah, mit der dicken Korallenschnur um den Hals und den schweren, silbernen Ohrgehängen; und es war doch kein Sonntag.
Psarr- und 37 Filial-Kirchen, 20 Missionsstellen, 179 Priester und etwa 102,000 Seelen. Im Domkapitel ist ein Kanonikat durch Tod erledigt. Das Priesterseminar ist noch geschloffen. Das bischöfliche Gymnasium zählt zwölf geistliche Leh- rer; das bischöfliche Knaben-Konoikt wird von drei geistlichen Jnfpektoren geleitet. Die Diözese zählt drei Jubilarpriester. Ein Geistlicher weilt ohne Anstellung in der Diözese, neun außer derselben. Vier Geistliche sind in diesem Jahre gestorben. Unbesetzt sind zwei Pfarr-, zwei Vckarie- und zwei Misstonsstellen. Die Kongregation der barmherzigen Schwestern zählt 77 Profeß-Schwestern und 27 Novizen.
* Elberfeld, 26. Dez. Der Unterrichtsminister hat der Genossenschaft der Franziskanerinnen aus dem Mutterhause zu M.-Glad- bach die Erlaubniß ertheilt, die Leitung in dem hiesigen Erziehungshause für katholische Waisen und verwahrloste Kinder zu übernehmen.
* Cassel, 27. Dez. Auch hier ist der „Ent- rüstungssturm" losgebrochen. — Der Vorstand des nationalliberalen Wshlvereins sendet eine Petition an den Reichstag, worin die Haltung der Reichstagskommission getadelt und schleunigstes Eingreifen des Reichstags zu Gunsten der Regierungsvorlage verlangt wird. — Die nationalliberalen Herren sind hiernach des Glaubens, daß ihnen zu Gefallen, der Reichstag die eigene Kom- Mission, die aus den Führern sämmtlicher Parteien besteht, verleugnen werde; — das ist denn doch, bemerkt dazu die,Franks. Ztg.', mehr als naiv!
Nachöargebiet
Fulda, 29. Dezember.
* Mit Rücksicht darauf, daß der Neujahrstag 1887 auf einen Sonnabend fällt, hat der Eisenbahnminister genehmigt, daß die am 31. Dez. d. I. gelösten Retourbillets mit zwei und dreitägiger Gültigkeitsdauer zur Rückreise noch am Montag, den 3. Januar k. I., berechtigen.
* Beim Heram-ahen des neuen Jahres fühlen wir uns wiederum veranlaßt, an unsere v.rehr- lichen Abonnenten und Leser die Bitte zu stellen, die Briefträger, diese treuen und unermüdlichen Vermittler des Verkehrs nicht zu vergessen. Wir
Noch höher aber wuchs sein Erstaunen, als sie sagte: „Steh' auf, mein Söhnchen, und ziehe deine guten Kleider an und nimm die Geige. Wir wollen zusammen auf dem Monte Lorenzo pilgern. Carlo soll heute die Ziegen in die Berge treiben."
Und da hing auch er sein bestes weißes Schafsfell über die Jacke, und fein: Füße un-schnallte er mit dem landesüblichen Schuhwerk, Cioccia genannt -- einem länglichen, viereckigen Lederstücke, das, mit Bindfäden an den umgebogenen Ecken befestigt, nach der Fußspitze sich formt; die Strümpfe aber wurden vertreten durch Beinschienen von grober grauer Leinwand, welche bis zum Knie herauf mit Stricken und Schnüren fest umwickelt wurden. Dann fitzte er den spitzen chwarzen Filzhut mit der bunten Feder auf die ockige Haarfülle, und in der einen Hand ein kleines Bündlew, in der andern die Geige tragend, ging er mit der Mutter auf die Felsenstraße hinaus, welche nach dem in hoher Bergregion sich btsindendcn Ziele führte.
Auf kantigem Gipfel, mitten in der schweigen den Gebirgsciusamkeit, lag das Kloster Sa:.- Lorenzo — ein friedliches Asyl frommer Männer, die hier in der stillen Weltabgeichlosseaheit den Geist in hoher Betrachtung sammelten. Aber auch