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Freitag, den 24. Dezemder.
1886-
Di- Fuldaer Zeitung- erscheint täglich. Sann- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher 1 5°
belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' tn Fulda 1 M. 70 Pfg., auswärts 1 $«. 75 Pfg.
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Zweites Blatt.
sfl5 Am Christabend.
(Nachdr. verb.)
„Ich hält' nie geglaubt, daß bei Eurer Anwesenheit so viele Engel des Stillschweigens durch mein Zimmer fliegen könnten."
„„Mir kommt es auch wunderbar vor, daß heute so viele Lieutenants ihre Schulden bezahlen.""
„Na, wenn Ihr trotz dem kräftigen Punsche in eine sentimentale Feststimmung gerathet, so werde ich wohl eine kleine Weihnachts-Geschichte erzählen können."
„„Weihnachts-Geschichte!? Ach nein, den Leisten kennen wir! Da wird eine armselige Tugend belohnt, ein verstocktes Herz gerührt und vor Allem bekommt das vielgeprüfte Mädchen vom Weihnachtsbaum einen Mann, der nicht von Zucker ist.""
„Du irrst, Max, in meiner Geschichte kommt nichts Wunderbares und auch keine Weihnachts- Verlobung vor. Aber wenn Ihr keinen Sinn für so etwas habt, dann müssen wir am heiligen Abend einen Skat spielen."
Silentium für den Berichterstatter! Max, stopfe Dir Dein loses Mündchen mit einem vollen Glase! —
„„Na, dann schieße los auf allgemeines Verlangen. Aber wenn die Verlobung am Weihnachts- Nadelholz losgeht, dann behalte ich mir vor, ein- zuschlasen.""
Ihr kennt doch meine weißhaarige Wirthin. Das heißt, Ihr habt manchmal das Aeußere des würdigen Mütterchens gesehen, das mit allzeit gutem Humor seine siebenzig Jahre auf dem leicht gebeugten Rückm trägt. Ich habe auch lange Jahre hier gewohnt, ehe ich mich um das Thun und Denken der anspruchslosen Frau Wirthin bekümmert habe. Aber jetzt sind es schon 12 Jahre, daß ich hier Hause, aus dem leichtfertigen Studenten ist ein Philister geworden, der auch auf etwas An- deres achtet, als auf kurze Kollegien und lange Kommerse. Wir bilden uns ein, daß wir Män- ner sind, die auf der Höhe der Zeit stehen im vol-
Magdlilcna.
Weihnachts-Roman von Carl Armand.
Und ein Kind hielt sie auf den Armen — einen holden blondlockigen Knaben, der den Grafen anschaute mit seines Sohnes Augen. Ihm schwindelte, war es Traum, war es Wirklichkeit, was er dort im Glanz der Weihnachtslichter vor sich sah? Er wollte sprechen, — fragen — doch er fürchtete, daß der Klang seiner Stimme das holde Bild verscheuchen möchte.
Aber es war kein solches. Der Kaiser, der von seiner Seite hinweg zu der Gruppe getreten, ergriff jetzt die Hand der holdfeligen Weibes, und sie zu dem Grafen führend, sprach er mit bewegter Stimme:
„Der Weihnachtsengel ist eigens für Dich herab- gestiegen, um Dir Ersatz für Deinen verlorenen Enkel zu bringen, und wenn Du ihm Heimaths- recht dort gewähren willst, so will er bei Dir aus Grolskoi bleiben und Deinen Lebensabend licht und freundlich zu gestalten suchen." —
Die junge Frau glitt vor dem Grafen in die Kniee. „Nimm mich auf, mein Vater," bat sie mit ihrer süßen Stimme, „nimm mich auf um dieses Kindes willen! ich will Dir eine zärtlich liebende Tochter sein —"
In des Grafen Zügen malte sich ein heftiger Kampf. Noch einmal wollte der alte Groll in seiner Brust erwachen im Anschauen dieser Züge, die er einst geliebt in heißer, sündlicher Leiden-
len Wirken und Schaffen; aber diese greise Frau aus dem Volke, welche den ganzen reichen Inhalt ihres Lebens, Duldens und Schaffens als etwas Selbstverständliches betrachtet und erst im Jenseits ihren eigenen Werth erkennen wird, kann uns Helden des starken und gebildeten Geschlechts beschämen.
Heute erzählte mir die Aufwartefrau, welche manchmal zur Aushilfe antritt, Frau Werner sei nicht wohl; sie werde den Lehnstuhl hüten müssen. Der Arzt hätte sie in'» Bett schicken wollen, aber sie weigere sich, denn sie wolle am heil. Abend nicht krank sein, um so weniger, da sie heute noch ihre Enkelin erwarte. Am Nachmittag ging ich denn mal zu der alten Frau herüber, und Ihr mögt lächeln oder nicht, ich habe eine ganze Stunde bei ihr geseffen und dabei mehr profitirt, als wenn ich mit Euch ein halb Dutzend Stunden verplaudere.
Ach was, meint sie, der Doktor ist so sehr sür die Zärtlichkeit, aber ich bin ja gar nicht krank, bloß die „Gebrüder Benekens" die wollen manchmal nicht rech! mehr Schritt halten. Trinken Sie 'ne Taffe Kaffee bei mir; es ist ja doch Weihnachtsabend, und Sie wohnen schon 12 Jahr in meinem Vorderzimmer und wir haben eigentlich noch nie mit einander gesprochen. Ich bin ja bloß eine einfache Frau, die nichts gelernt hat, aber ich denke mir immer, daß Sie doch auch so zu sagen zu uns gehören, wegen der langen Jahre, wo ich Sie doch immer versorgt habe, schon als krausköpfigen Studenten mit dem kurzen Jaquet, und jetzt ist Ihr Rock schon recht lang und Ihre Stirn viel höher geworden, Ich bin bloß neugierig, ob ich es noch erlebe, daß Sie selber 'mal Familienvater spielen. Du lieber Himmel, ich darf ja richt eher sterben, sonst kämen Sie ja um eine Wohnung in Verlegenheit! ... Ja, Sie haben auch wohl schönere Weihnachten gehabt, als Ihre Eltern noch lebten, Gott habe sie selig!
So plauderte das Mütterchen mit bweglicher Zunge; ihr Herz war viel bester, als ihre Grammatik und ihr Stil. Ich erzählte ihr von der schönen Weihnachtsfeier im elterlichen Hause, von welcher mir bloß die wehmüthige Erinnerung geblieben. „Sie find jetzt auch so ein einsames schäft, um sie dann in dem wilden Rachedurst des Verschmähten um so glühender zu hassen. Doch diesmal siegte die Liebe über den Haß: für Mag- dalena lstritt in diesem Kampfe das Kind auf ihren Armen; dem süßen Laut, mit dem der Kindermund das Wort „Großvater" sprach, wi- derstand sein Herz nicht länger, seine Hände sanken segnend auf des Knaben Haupt, um sich im nächsten Augenblick bebend um Mutter und Jxtnb zugleich zu schlingen, während glühende Thränen langsam aus seinen Augen tropften.
„Komm an mein Herz, Du, Wanda's Kind und Ebenbild!" flüsterte er. „Um des Todten willen, desten Liebstes auf Erden Du warst, vergib mir den Haß, mit dem ich so lange Dein schuldloses Haupt verfolgt, und sage mir, daß Du dem Vater seine Verzeihung bringst."
„Darf er nicht selbst Verzeihung bringen und empfangen?" flüsterte Magdalena an seinem Halse — „er ist ja nicht tobt — er lebt unb er ist hier unb ... ."
Er hörte sie nicht mehr. — Wer trat bort hervor aus bem dunklen Hintergründe des Saa- les — in blitzender Uniform das Georgskreuz auf der Brust? — zwar noch die tiefe Bläste überstandenen schweren Leidens auf den stolzen Zügen, aber im Auge den strahlenden, beseelten Blick des dem Leben und dem Glücke Zurückge- gebenen.
„Alexander!......" er wollte vorwärts
Bäumchen", erwiderte sie treuherzig, „aber Sie dürfen doch nicht murren. Die haben doch ein Kind sein dürfen, haben sorgsame Eltern gehabt, die Ihnen das ganze Jahr die nöthigen Weihnachtsbäume aufbauten bis in Ihr erwachsenes Alter hinein. Wenn ich von mir selber reden darf, da hat es mich ooch anders gepackt. Ich bin bl oß bis zwölf Jahren Kind gewesen, seit der Zeit bis jetzt, es sind beinahe 60 Jahre, habe ich in einem fort Mutter spielen müssen. O, ich weiß noch ganz genau, wie ich als kleines Mädchen zum letzten Male mit Vater und Mutter am Weihnachtsbaum stand und meine Geschenke zusammenraffte, lauter Freude im ganzen Herzen. Da sagte der Vater mit seinem drolligen Ernst: Und wenn du recht artig bist, so sollst du nach Neujahr auch noch ein kleines Brüderchen haben; ja der Storch ist schon bestellt! Ja, ja, das Brüderchen kam, aber die Mutter starb, und nun mußte ich das arme Ding bemuttern, so gut es ging. Der Vater hatte den ganzen Tag seine schwere Arbeit in der Werkstatt; ich besorgte das Hauswesen, so gut es ging, das kleine Würmchen wuchs heran und ich baute ihm seinen Weihnachtsbaum auf. Für mich fiel wenig ab, denn das Handwerk ging schlecht damals. Ich hab' mir tüchtig die Hände ^erarbeitet, aber das Herz war froh, und als mein Brüderchen, das ich gepflegt hatte, zur ersten hl. Com- munion ging, da dachte ich mir: So, jetzt mußt du dich gerade so freuen, wie Mutter sich gefreut hätte, wenn sie noch lebte! Und an dem nächsten Weihnachtsbaum da stand noch ein Mann mehr, mein Bräutigam, der sich nichts daraus machte, daß ich schon in'S 25. ging und wie eine Dreißig- jährige aussah. Ach, nun kam es mir vor, als ob alle Tage Weihnachten wäre, und als uns gar noch ein tüchtiger Erbprinz bescheert wurde, tauschte ich mit keinem Rothschild und keinem Kaiser.
Aber das dicke Ende kam hinten nach. Mein Bruder, den ich so sorgsam bewirthet habe, war Kaufmann geworden und in die große Stadt gegangen. Eines schönen Tages bekommen wir einen Brief von seinem Prinzipal, daß der Junge liederlich geworden und entlassen sei. Mein Mann reist stürzen, doch die Glieder versagten den Dienst. Er taumelte und sank bewußtlos an des Sohnes Brust, der mit starken Armen den Sinkenden umfaßte.
Als der Graf erwachte, ruhte er in einem Sessel, zu seiner Rechten stand, in zärtlicher Be- sorgniß über ihn geneigt, sein Sohn, dessen Hand mit festem Druck die seine umschloß, während zur Linken Magdalena mit bem Kinbe — seinem Enkel — kniete, und voll Liebe und Hingebung zu ihm emporsah.
Wie war er vor kaum einer Viertelstunbe noch so arm gewesen, und wie war er nun plötzlich so unsäglich reich unb glücklich! seine strahlenben Blicke flogen von einem geliebten Antlitz zum anbern, bis sie zuletzt auf den Kaiser haften blie- ben, ber in einiger Entfernung vor ihm stand unb mit verschränkten Armen heitern Auges bte schöne Gruppe betrachtete.«
„Nun?" fragte berselbe jetzt, „wie gefällt Dir nun meine Ueberraschung? habe ich es gut gemacht so, unb bist Du nun zufrieden mit Deinem Kaiser?"
„Nein, ich bin noch nicht zufrieden, Majestät," lächelte der Graf. „Ew. Majestät haben mich in dieser Nacht so unendlich hoch begnadet, daß ich es wage, noch eine Bitte an Ew. Majestät großmülhiges Herz zu richten: es fehlt noch Einer in diesem Kreise — ein Mann, den ich sälschlich angeklagt und mit ungerechtem Haß verfolgt, unb ohne dessen Verzeihung ich mein neues, unter»