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Erstes Blatt.
+ Weihnachten.
Wieder stehen wir an der Schwelle jenes gnadenreichen Festes, welches, wie kein anderes, Friede und Licht, Glück und Liebe verkündet. Am Ge- dächtnißtage der Menschwerdung des Sohnes Gottes treten wir an die Wiege des Christenthums, um die Lehren und Mahnungen in uns zu erneuern, welche von der dürftigen Krippe zu Bethlehem ausgegangen sind, wir vernehmen wieder die hehre Engelsbotschaft: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind," und das Christkindlein, welches von seinem Himmelsthrone herabstieg und im elenden Stalle Menschengestalt annahm, um durch sein Leben und seinen Tod am Kreuze die Welt zu verjüngen und die Menschheit zu erlösen, erinnert uns daran, daß alle Menschen Brüder sind, daß Keiner hoch genug steht, um den Andern verachten oder sich über ihn erheben zu dürfen.
Wie nichtig erscheint uns im Lichte der göttlichen Menschwerdung das ganze Getriebe einer Welt, welche darnach trachtet, die Unterschiede der Stände zu verschärfen, die Kluft zwischen Reich und Arm zu erweitern, die mit Glücksgükern weniger Gesegneten gering zu achten und nur dem eigennützigen Gewinn, der Vermehrung der eigenen Macht und Ehre zu leben! Und wie verwerflich muthet uns jene Friedlosigkeit an, welche, statt die Gegensätze zu versöhnen und zu vermitteln, statt an dem Nebenmenschen auch das Gute zu beachten, stets nur Feindschaft und Haß zu stiften und zu fchüren bestrebt ist, welche selbst vor den schlimmsten Verdächtigungen und Anklagen nicht zurückschreckt, wenn es sich um den eigenen Vor- theil handelt.
Möchte doch die Mahnung zur Menschenliebe und zumFrieden aufErden besonders in unseren Tagen auf empfänglichen Boden fallen, denn in diesen Worten liegt der Schlüssel zur Lötung aller gegenwärtigen Krisen. Die Schrecknisse des Sozialismus, die Bedrohung des Völkerfriedens, die maßlos gesteigerte Parteileidenschaft, alles dies sind nur die Folgen gröblichster Miß-
Magdalena.
Weihnachts-Roman von Carl Armand.
(Schluß.)
12. Kapitel. "
Wieder war Weihnachten herangekommen.
Auf weichen Schneefittichcn hielt des Winters hehrstes Fest seinen Einzug in die russische Kaiserstadt, die sich, wie alljährlich, zu seinem Empfange mit ihrem leuchtendsten Feierkleide geschmückt.
Weiß und feierlich standen die hohen Kirchen und Paläste und die prächtigen Standbilder auf den öffentlichen Plätzen — standen die langen Baumreihen in den breiten Alleen mit ihren dich- ten, flockigen Hüllen verschleierten Jungfrauen gleich anzuschauen, die mit gesenkten Häuptern des Er- lösers harren.
Es war am Vorabend des Festes. — Ganz wie damals an jenem verhängnißvollen Weihnachtsabend vor vier Jahren, zu Anfang unserer Erzählung, fluthete durch die blendend erleuchteten Straßen emsig geschäftiges Treiben, Menschen, Pferde und Schlitten drängten sich in wirrem Durcheinander, und am dichtesten war das Gedränge vor den zahllosen prächtigen Läden und Magazinen, deren breite Auslagefenster in diesen Tagen ihren höchsten Glanz entfaltet.
Aber trotz des Gedränges und der allgemeinen Hast und Eile blieb doch Mancher stehen, um
achtung jener großen Lehren, mit denen das Chri- stenthum in die Welt trat.
Aber der Friede auf Erden und die brüderliche Menschenliebe können nur gedeihen, wenn vor allem Anderen das „Gloria in excelsis Deo“, das „Ehre sei Gott in der Höhe" nicht nur im Einzelleben, sondern auch im Volks- und Staatsleben eifrig gepflegt und gefördert wird. Keine irdischen Mittel, keine Abwehr- und Schutzmaßregeln werden die großen Nebel der Zeit zu heilen im Stande sein, wenn nicht Gott selbst und seiner Kirche auf Erden die volle Ehre zu Theil wird, wenn die Staatsmänner und Völker nicht einsehen lernen, daß ohne Gott und ohne Religion nichts von Dauer und Bestand erreicht werden kann, daß, wer auf Gottes Segen verzichtet und Gottes Gebote im Staatsleben für unverbindlich hält, statt aufzubauen und zu erhalten, immer nur zerstört, statt zu heilen, nur neue Wunden schlägt.
Und nicht allein mit dem Munde und durch leere Worte, sondern mit dem Herzen und durch die That muß das „Gloria in excelsis Deo“ wieder zu vollen Ehren gebracht werden. Halbe Maßregeln und widerwillig gemachte „Konzessionen" genügen unserem Herrgott und feiner heil. Kirche nicht, wer die „Gottesordnung", die Pflege der Religion und des Christenthums im Volksleben will, der muß sie ganz wollen und mit ganzen Mitteln durchzusetzen bestrebt sein. Unsere Zeit krankt an der Glaabenslosigkeit und Glaubensgleichgiltigkeit. Man hat dem Volke systematisch den Glauben an das Christenthum und das Vertrauen zu den Dienern der Kirche geraubt, man hat ihm die Gelegenheit zur Religionsübuna, zur regelmäßigen Erfüllung der religiösen Pflichten gewaltsam verkümmert, man hat die Priester der Kirche verachtet, verspottet und wie Verbrecher behandelt, man hat die Vorbilder christlicher Tugend und Entsagung verfolgt und in den Augen des Volkes herabgewürdigt, während man die Sünde freiließ und ihr offen schmeichelte, man hat mit einem Worte alle Wege zur Glaubens- und Sittenlosigkeit geebnet, und es ist geradezu ein Wunder zu nennen, daß die Saat nicht noch weit allgemeiner und weit üppiger in die Halme geschossen ist. Und heute, da die gelehrigen Schüler dieser
einen Augenblick dem vornehmen, mit Purpurstoff sen reich ausgeschlagenen Schlitten nachzuschauen, der, von vier herrlichen Isabellen gezogen, in sausendem Galopp die breite, zum kaiserlichen Winterpalais führende Straß; hinausjagte, um dann mit einem einzigen Ruck elegant und sicher vor demselben zu halten.
Die dampfenden Rosse standen wie die Mauern, die Schaumflocken, die an dem goldbeschlagenen Gebiß hingen, zeigten, daß sie eine weite und anstrengende Fahrt gehabt.
Dem G.fähne entstieg, dicht in kostbares Pelz- werk gehüllt, ein Greis mit tiefgefurchtem Antlitz und schneeweißem Haar und Bart, der von herbeieilenden Hoflakaien diensteifrig geführt, müden Schrittes und in gebeugter Haltung die Rampe des Schlosses erstieg, wo er sogleich von einem kaiserlichen Adjutanten in Empfang genommen wurde.
„Se. Majestät der Czar haben geruht, mich hierher zu befehlen," sprach der Greis zu diesem mit seltsam klangloser Stimme; „melde Sr. Majestät, daß ich hier bin und zu allerhöchster Verfü- gung stehe."
„Majestät erwarten Ew. Excellenz bereits und baden befohlen, Excellenz sogleich einzuführen," er- widerte dieser ehrfurchtsvoll und führte den Angekommenen durch endlose Säle und Korridore ohne Aufenthalt zu den Gemächern des Czaren. \
„Se. Excellenz Graf Konstantin Gcegorjewitsch
schlimmen Aera zu Hunderttausenden heroortreten und die Grundlagen des Staates in Frage zu stellen drohen, glaubt man theils mit materieller Staatshilfe, theils mit Zwangsmitteln diese Bewegung unterdrücken zu können. Man überhäuft Diejenigen mit Hohn und schimpflichen Anklagen, welche begehren, daß vor Allem die zehn Gebote Gottes den Schutz des Gesetzes genießen, daß die Kirche wieder in schrankenloser Freiheit ihre übernatürlichen Mittel der Erziehung und Besserung anwenden dürfe.
„Ehre sei Go!t in der Höhe!" Ueber diefes Alpha und Omega der ganzen Weltordnung kommt kein Staatsmann, keine Partei und kein Volk hinweg, dieses Wort muß mit allen seinen Konsequenzen als ideeller „Paragraph Eins" allen Staatsverfassungen voranleuchten. Nur dann kann mit Erfolg der Friede auf Erden und die brüderliche Liebe unter den Menschen angestrebt werden. Jede Sozialreform, welche, ohne Christenthum und ohne Gott der Unzufriedenheit der besitzlosen Stände zu steuern versucht, ist Stümperwerk und hohler Schein.
Man lasse sich durch die augenblicklichen Kriegswolken und die Sorge um den äußeren Frieden nicht darüber hinwegtäuschen, daß der schlimmste Feind unseres Friedens, unserer Sicherheit und unserer Staatsordnung im Innern lauert. Und dieser Feind ist nicht so sehr der Sozialismus, sondern vielmehr jene Glaubenslosigkeit und Glaubensgiltigkeit, welche den Sozialismus erzeugten und großzogen, und welche auch heute noch das einzige Radikal-Heilmittel, die eifrige Förderung der Religion und ihrer Friedensthätigkeit, verschmähen, weil sie ihre Macht und Wirkung entweder hassen oder verkennen.
Das hl. Weihnachtsfest zieht unzählige Menschen in seinen Zauberkreis, welche das Jahr über kaum ein einziges Mal den christlichen Glauben und der christlichen Pflicht ihren schuldigen Tribut darbringen. Leider wirkt bei den Meisten nur jenes glänzende Beiwerk, mit welchem die christliche Welt das Wiegenfest des Christkindleins umgeben hat, um ihm selbst ihre Verehrung zu beweisen und um auch der christlichen Jugend schon vom zartesten Alter an die Liebe zu dem göttlichen Welterlöser
von Orlowsky," meldete er, die Flügelthüren zu dem kaiserlichen Privatkabinet weit zurückschlagend, um sich dann auf einen Wink seines Gebieters sogleich zurückzuziehen.
Der Angemeldete trat mit tiefer Verbeugung über die Schwelle des einfach ausgestatteten Gemaches, in dessen Mitte die hohe Gestalt des Czaren stand, der ihm freundlich die Hand entgegenstreckte.
Ehrfurchtsvoll ergriff der Graf diese Hand und sich auf ein Knie niederlassend, preßte er sie an seine Lippen.
Ein gnädiger Wink hieß ihn sich erheben und wies ihm einen Sessel an gegenüber demjenigen, in welchem der Kaiser Platz genommen.
„Siehe da, mein lieber Konstantin Gregorjewitsch," sagte Nikolaus mit sonorer Stimme. „Ich will hoffen, daß mein plötzlicher Ruf Dich nicht gar zu se7r gestört und derangirt hat."
„Ein Ruf Ew. Majestät ist stets eine hohe Ehre und Auszeichnung — wie könnte er jemals als Störung empfunden werden?"
„Nun, desto besser. Du weißt ja, ich bin nun einmal ein unverbesserlicher Despot, und da wandelte mich heute die Laune an, meinen alten Freund Konstantin Gregorjewitsch einmal wiedersehen zu wollen. Ich dachte mir, es müsse an einem solchen Tage recht traurig auf Deinem einsamen Grolskoi sein, und empfand das unwiderstehliche Verlangen,