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J\g 294.

Donnerstag, den 23. Dezember.

1886.

Die .Fuldaer Zeitung" erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementSpreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit de belletristischen Wochenbeilage ,Ctetne nn> Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserat«: Di» einspaltige Zeil» oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

AM- Für unsere auswärtigen Abonnenten liegen der heutigen Nummer d. Bl. Bestellzettel bei.

* Zum bevorstehenden Quar­talswechsel.

In einer der jüngsten Nummern der neuge« gründeten „Constanzer Nachrichten" wird die zeit­gemäße Frage aufgeworfen, woher es wohl komme, daß die unter dem Sammelnamen „Liberale Blät­ter" inbegriffenen Zeitungen zumeist gedeihen und an Lesern und Inserenten zunehmen, während katholische Blätter fast ständig mit Schwierig­keiten aller Art zu kämpfen haben? Es scheint dies verwunderlich, wenn man bedenkt, daß die Mehr­zahl unserer Bevölkerung dem Glauben an die geoffenbarte Wahrheit treu anhängt und den Muth hatj, denselben nicht mit dem Munde, son­dern auch durch die Lebensführung zu bekennen. Allein bei näherem Zusehen wird man finden, daß sich der scheinbare Widerspruch leicht erklärt. Obgleich nämlich die überwiegende Mehrheit un­seres Volkes fest zur Sache Gottes und der Kirche steht, hat sich doch in Bezug auf das Lesen und Halten von Zeitungen bei Vielen eine laxe An­schauung eingebürgert. Begünstigt durch eine Strömung von Oben hält eine zahlreiche Klaffe unserer Mitbürger mit Vorliebe jene Blätter, in welchen die politischen Tendenzen zum Ausdruck gelangen, die in den oberen Regionen der Re­gierung gerade belieben. Daher kommt es, daß man h-'tte die NuhLyoer irgend einer Partei als Staatsretter in den Hmmel erhebt, die man mor­gen ebenso energisch als Reichsfeinde beschimpft. Das richtet sich genau nach dem Ton, welcher dem Leibblatt des Lesers von oben her eingeblasen wird; überdies erfreuen sich derartige Organe in vielen Fällen der moralischen und materiellen Unterstützung von oben.

Eine zweite Klaffe von Lesern verlangt pikante Unterhaltung; sie will nichts wissen von der ernst- hasten Besprechung eines politischen Themas, sie sucht in der Zeitung nur Zeitvertreib und lokalen Klatsch. Deshalb greifen alle diese Leute in erster Linie nach jenen Blättern, welche die Befriedigung ihrer Liebhaberei in größter Auswahl bieten, sie speisen dieselben auch noch durch ihre Inserate.

iKtgtalm.

Weihnachts-Roman von Carl Armand.

28. Fortsetzung.

Sie sah nicht auf, und so bemerkte sie auch nicht den Schein von Rührung, der über Nikolaus Züge flog. Doch noch war sein Herz nicht gewon­nen — sein Mißtrauen noch nicht ganz besiegt — es galt noch eine letzte Probe.

„Du magst Recht haben," sagte er, „und ich könnte vielleicht in dieser Sache Gnade walten lassen — auch gegen Deinen Gatten, wenn auch nur um des alten Grafen Orlowsky, meines treu erprobten Dieners willen, der durch ein furcht­bare» Verhängniß Sohn und Enkel verlor, der in der Einsamkeit seines Alters sich nun vielleicht nach seinem andern — verstoßenen Sohne sehnen mag, den ich ihm dann zurückgeben könnte. Doch wenn ich Alexander von Orlowsky die Freiheit zurückzugeben mich entschlösse, glaubst Du, ich könnte dann die Polin an seiner Seite dulden; ich könnte die Erziehung seine» Kinde», da» einst berufen sein würde, eine hohe Stellung in meinem Reiche einzunehmen, den Händen einer Mutter anvertrauen, die meine Diener zum Treubruch gegen ihren Kaiser verleitet? und glaubst Du, ich würde dulden, da» ein Weib straflo» sich gegen

Gewöhnlich ist es Gedankenlosigkeit und nicht be­wußte Absicht, wenn auf die angegebene Weise die katholische Tagespresse zu Gunsten der liberalen Literatur geschädigt wird. Dabei soll aber nicht verschwiegen werden, daß doch ein Häuflein son­derbarer Käuze nur deshalb kein katholisches Blatt in die Finger nimmt, weil ihnen die Haut schau­dert vor dem Gedanken, sie könnten dabei über­rascht und für „ultramontan" angesehen werden.

Wir könnten noch verschiedene Beispiele anfüh­ren, wie ein gutgemeintes Unternehmen durch die Jnteressenlosigkeit der eigenen Gesinnungsgenossen leiden kann; wir halten jedoch die Schwierigkeiten, mit welchen eine katholische Tagesschrift zu kämpfen hat, für allgemein bekannt und verzichten deshalb auf eine weitere Aufzählung derselben. Als Zweck der vorstehenden Zeilen halten wir nur im Auge, wiederum ein Wort freundlicher Mahnung an Solche zu richten, welche in Verkennung ihrer eigenen In­teressen die liberalen Blätter auf Kosten der katho­lischen Presse unterstützen. Sie nennen sich Katho­liken und doch füttern, sie Zeitungen, welche ihr Bekenntniß gleichsam als einen Makel hinstellen; sie nennen sich Anhänger der römisch-katholischen Kirche und halten Blätter, welche diese Kirche als eine Gefahr für den Staat hinstellen, Blätter, welche unsere heiligsten Ueberzeugungen und un­sere Institutionen herabwürdigen. Und damit sie dies mit noch größerem, noch ungestörterem Be­hagen thun können, nährend wir dieselben mit un­serem guten (Selbe! Ist es nicht geradezu entwür­digend, moralische Ohrfeigen nicht nur einzustecken, Indern auch noch zu bezahlen?,!

In dieser Beziehung sollte "eine durchgreifende Aenderung erfolgen. In Kurzem tritt die Zeit ein, wo man auf die Erneuerung seines täglichen Lese­stoffes bedacht sein muß. Wenn Mancher aus uns überlegt, welche Zeitung er bestellen, welche Art von täglicher Lektüre er seiner Gattin, feinen Kin­dern in die Hände geben will, dann möge er sich erinnern, daß man nicht mit ungeteiltem Herzen Christus und der Welt zugleich dienen kann, „Wer nicht mit mir sam­melt, der zerstreut." Dieses Wort des Hei­landes dürste Manchem Gelegenheit geben, einmal einen Akt der Gewissenserforschung darüber vorzu- nehmen, wie es bisher mit dem Lesen und Halten von Zeitungen in seinem Hause bestellt war. Viel-

meine Herrschaft erhebt und in meine Festung eindringend mit Gewalt zu erreichen sucht, was nur die Gnade des Czaren zu gewähren vermag? — nimmermehr!"

Magdalenens Antlitz war todtenbleich geworden, aber aus ihren schönen Augen brach siegreich das Feuer heiligen Liebesmuthes.

Wie vorhin kniete sie zu Füßen de» Kaiser» nieder, und die Arme mit einem Ausdruck rühren­der Ergebung über der Brust kreuzend, sprach sie mit festem Klang ihrer süßen Stimme:

„Wenn die beleidigte Majestät eines Opfers bedarf, so nehmt mich an al» solches — doch mich allein! Was ich aus Liebe gefehlt, ich will es freudig büßen und ein ganze» Leben soll mir al» Sühne nicht zu lang erscheinen. Sendet mich, wo­hin Ihr wollt — selbst in Sibirien» Eisfeldern will ich Ew. Majestät noch segnen, wenn Ihr meinem Gatten die Freiheit schenkt — ihn seinem Lande, feinem Vater wiedergebe». Ihn aber laßt glauben, daß ich gestorben fei, damit kein Stachel gegen feinen Kaiser in seinem Herzen zurückbleibe. Er wird mich tief — tief betrauern — ich weiß e» — doch fein hoher Sinn wird in der Pflicht, feinem Czaren und Rußland zu dienen, feinen Sohn zu einem edlen Manne heranzubilden noch eine hohe, schöne Aufgabe erblicken, die ihn viel­

leicht führt dieselbe auch in dieser Beziehung auf Neujahr zu einer heilsamen Besserung!

Andere Leser gibt es wieder, welche dem Zei­tungswesen überhaupt keine große Wichtigkeit bei­legen. Sie denken, es werde nicht so weit gefehlt sein, wenn ihnen hie und da ein Wort gegen den Glauben, eine Verspottung ihres Bekenntnisses, eine Verhöhnung der Kirche in den Spalten ihrer Zeitung begegne. Das sei ja nur Geschwätz und der Eindruck, welchen es hinterlasse, verwehe noch schneller, als wie die Nummer des Blattes durch eine neue verdrängt werde. Die so urtheilen, vergessen, daß die politische Richtung vieler sogenannten libe­ralen Blätter die unablässige Herabwürdigung der katholischen Kirche geradezu bedingt, und daß dies Ziel um so gewisser erreicht wird, je vorsichtiger und versteckter die Angriffe gegen unsere Überzeu­gung gehalten sind. Ein altes Sprichwort aber sagt schon, der härteste Stein könne durch einen steten Wasserköpfen ausgehöhlt werden.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Dezember.

* Die Entrüstungs-Komödianten machen diesmal schlechte Geschäfte. Es wär' so schön ge- wesen, wie eine gewisse „nationale" Spektakel-Presse sich die Sache ausgemalt hatte, aber es hat nicht sollen sein. Bei der „Entrüstungs"-Mache, welche unserem deutschen Volke den Weihnachtsfrieden trüben und die Christfestfreuden vergällen soll, wird wenig herauskommen. Wer dies nicht glauben will, der lese mit Aufmerksamkeit den Bericht über die Reichstags-Sitzung vom vergangenen Samstag, welche nach dem Wunsche gewisser Leute dem EntrüstungSrummel die Wege bahnen sollte, aber in Wirklichkeit den ganzen FeldzugSplan der Ran- dalierfüchse in der „nationalen" Presse jämmerlich durchkreuzt hat. Windthorst, Richter und Rickert sind den Liebhabern einer „nationalen" Demonstra­tion bös durch die Parade gefahren, und selbst die Nationalliberalen der älteren Schule zeigten offen, daß fle nicht gewillt sind, bei der von einem ihrer Juniormannschaft in hitzigem Übereifer proklamirten „Demonstration" mitzuthun. DerAbg.Marquardsen erklärte sich in einer sehr nüchternen Darlegung für die Vertagung des Reichstages. Die Regierung hat am Samstag manche unangenehme Sachen zu hören bekommen, so u. A., daß sie die Ver-

leicht noch glücklich machen und mit seinem Ge­schick versöhnen wird."

Sie beugte sich zu ihrem Kinde, da» sich ängst­lich an sie geschmiegt hatte und es in ihre Arme nehmend, preßte sie es noch einmal unter heißen Küssen an das schmerzzuckende Herz.

„Lebe wohl mein Kind — mein süßes Kind", hauchte sie; dann aber bot sie es mit herzzer­reißendem Lächeln, dem Kaiser bar.

„Nehmt ihn hin, meinen Knaben, möge er seinem Vater ähnlich werden, für den in dieser Stunde feine Mutter ihr Liebstes opfert. — Wenn mein Scheiden ihm die Freiheit erkaufen kann, so gehe ich freudig, vergönnt mir nur, ehe ich auf immer ihn verlasse, noch einen Abschiedskuß auf seine Stirn zu drücken."

Ihre Stimme brach im Schluchzen — doch von ihrem Antlitz leuchtete die Weihe opfermuthi- gen Entschlüsse».

Tief erschüttert blickte Kaiser Nckolau» auf sie herab. Von seinem Hetzen schmolz unter dem warmen Hauch solcher Liebe die karre Eistinde — et war besiegt: was man niemals darin ge­sehen, seit er den Thron bestiegen — in seinen Augen glänzte ein feuchter Schimmer.

Er nahm da» Kind aus ihren Armen, doch nur um es sogleich wieder an ihre Brust zu legen