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Sonnabend, 18. Dezember.

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Lhrist«licht m der Rhön.

(Schluß.)

Der Mann aber eilt mit raschen Schritten da­hin über die hartgefrorene Schneedecke. Ec schrei­tet immer tiefer hinein in die bleiche, traumhafte Wintereinsamkeit. In schweigender Erhabenheit breitet sich das weite Schneegtfilde. Oben sind leise die Sterne aufgezogen, sie leuchten herab mit stillem, hehrem Glanze. —

Leblos liegt die erstarrte Natur in ihren eisigen Fesseln; nichts unterbricht die wunderstille Ruhe.

Und dennoch! Ist cs nicht, als ob ein geheim- nißvolles Wehen hindurchzöge, das die Erdseele er­weckt, und sie dm schauert wie ein ahnungsreiches, frohes Gefühl der Erlösung?

„Aus des Schnee's Einsamkeit steigl's wie wunderbares Singen: O, Du gnadenreiche Zeit!" —

An der Waldecke steht ein Bildstock. Der Schnee hat ihn hoch und schwer beladen und seine Gestalt bis zur Unförmigkeit erweitert. Man begegnet in der Rhön auf Schritt und Tritt diesen bedeutungs­vollen Zeichen eines gläubigen Sinnes; es ist dies ein schöner, frommer Gebrauch, welcher Wald und Flur dem Herrn der Welt weiht.

Den Bildstock an der Waldecke hatte vor mehr denn 200 Jahren ein Vorfahre des Bildschnitzers pietätvoll zum Gedächtniffe an seine verstorbenen Eltern errichtet und darunter die treuherzig schlichte Bitte gesetzt: „O, bet' doch hier ein Vaterunser für ihre armen Seelen!"

Oft ist Jakob hier vorübergegangen, und nie hat er es unterlassen, den Hut zu ziehen und der rührenden Bitte zu willfahren, und wenn es dazu so stillfeierlich in den Bäumen gerauscht, dann war es immer ein andächtiges Vaterunser, das er gesprochen hat.

Auch jetzt steht er still an dem schneeverhüllten Bildstocke, aber diesmal nicht, um zu beten.

K.in lichtes, frommes Gefühl bewegt heute seine Seele, in welche eine dämonische Macht ihre dunkle Saat gestreut hat.

Regungslos steht er da und lauscht hinaus in die Stille der Nacht. —

Jetzt fährt er zusammen und tiefer tritt er hin­ter den Bildstock zurück. Der Schall von näher kommenden Schritten und Stimmen schlägt an sein horchendes Ohr.

Heller Lichtschein flammt auf, und auf dem tief­verschneiten Waldespfad kommt heran der kleine Zug aus dem Forsthause, der durch Nacht und Kälte zur Christmette eilt.

Sie tragen Fackekn, die mit zauberischem Schein Alles ringsum verklären. Wie glänzt der weiche Silber flaum an den Bäumen! Wie funkeln und blitzen die Schneekrystalle!

Stolz und sicher schreitet an der Seite des Vaters

^ine Fritz, den die Mutter so sorgsam in schützende Tücher und Kleider gehüllt hat, daß nur wenig von dem kleinen Burschen daraus hervor- i lugt; aber wie glänzen vor heller Freude des Kna- '

ben Augen, wie leuchtet sein Gesicht, das die Kälte so rosig angeglüht hat.

Jetzt sind sie bei dem Bildstocke angelangt und , in demselben Augenblicke dringt ein wunderhelles Klingen durch die Luft. Es sind die Weihnachts- , glocken, die im Kirchdörfchen mit feierlichem Klang das hohe Fest einläuten.

; „Papa, hörst Du die Weihnach sglocken?" ruft Fritzchen freudig aus, einen Augenblick stehen blei­bend. „O, wie läuten sie hell! Das klingt viel ! schöner als anderes Glockenläuten!"

„Ja, mein Söhnchen," entgegnete der Oberför­ster, „sie rufen heute: „Ehre sei Gott in der Höhe!"

„Und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind," ergänzt die frische, Helle Knabenstimme.

Die kleine Karawane ist vorübergezogen, ohne den Mann hinter dem schwerbeladenen Bildstocke zu gewahren. Der aber steht noch immer wie ge­bannt und lauscht den Hellen Glockenklängen, die so wunderbar feierlich und erlösungverheißend durch die Lust wogen.

Jttzt aber rafft er sich auf. Will er nun seinen Plan ausführen und in dem verlassenen Forsthaus einbrechen? Er hat sich ja überzeugt, daß die Er­wachsenen alle zur Christmette gegangen sind. Nein, er wendet sich zurück und rasch eilt er dahin auf demselben Wege, den er gekommen ist, zurück in das Dorf, wo in jeder Hütte Licht aufgegangen und jede Thür sich öffnet, um die frommen Kirch­gänger heraus zu laffen.

Wie eine Wallfahrt geht cs hinein zu dem klei­nen hochgelegenen Gotteshause. Noch immer locken und rufen die Glocken, und aus den Kirchenfen­stern strömt ein flammender Schein hinaus in das Dunkel der Nacht.

Und da knieen sie nun, Kopf an Kopf dichtge­drängt, die armen Rhönbewohner, die so schwer ihr Stückchen Brot erringen muffen, aber ein freu­diges Gefühl der Andacht hat sie heute erfaßt, das sie hinwegträgt über die Sorgen und Lasten des Alltagslebens — hinweg zu dem, der ja für sich selbst auf Erden das Loos der Armuth er- | wählt hatte. ■

Taghell ist das Kirchlein erleuchtet von zahl- ! reichen Wachskerzen, die durch die bläulichen Weih- I rauchwolken flimmern und strahlen, und mächtig i und gewaltig braust das Gloria durch den kleinen ! Raum. Jakob stimmt mit voller Kehle ein; es ist I ihm doch, als höre er das große Gloria, das die i oberen Chöre im Himmel singen, hier nachtönen, i

Der Gottesdienst ist beendet. Die Andächtigen I kehren in ihre Wohnungen zurück; auch der Holz- 1 schmtzer sucht s ine kleine Hütte wieder auf.

Mit welch' anderen Gesinnungen betritt er die« ! selbe, als er sie verlassen har! Er hat das Ge- i fühl, als ob er an einem gähnenden Abgrunde gc- < standen habe, von dem eine rettende Hand ihn zu- r rückgezogen. t

Plötzlich klopft cs laut und kräftig an die Thür; i erstaunt eilt er hin, zu öffnen. x

„Ich komme schon ftühe zu Euch!" sagte eine i tiefe Baßstimme, und der Oberförster tritt, in i einen weiten Pelzmantel gehüllt, in das Zimmer.

ein; „aber ich war in der Christmette und will nur sehen, wo eigentlich der bestellte Blumentisch geblieben ist."

„Ach, Herr Oberförster!" stammelt Jakob ver­legen, ohne den Blick vom Boden zu erheben — „ich hätte die Arbeit wohl rechtzeitig abgeliefert, wie ich versprochen hatte, allein es ist mir ein großes Unglück damit passirt. Schon war ich bei­nahe fertig, als 'plötzlich ein unglückseliger Sprung \ hindurchgefahren, der mit einem Schlag das ganze Weik vernichtet hat. Hier liegen die Trümmer!"

Und traurig zeigte er mit der Hand auf die am Boden liegenden Theile des Blumentisches.

„O, wie schade," bedauerte der Oberförster, in­dem er ein Stück aufhebt und es prüfend mit Ken­nerblick betrachtet und die zierliche, feine Ausfüh­rung bewundert. „Das hattet Ihr brav gearbei­tet. Welch' prächtigen Motive! Welche graziösen Blätterornamente! Es ist wirklich ein Jammer, daß es zuletzt mißglückt ist. Was hätte ich meiner Frau damit für eine Freude gemacht! So ist sie nun um ihr Christgeschsnk gekommen. Es ist sehr schade für dies herrliche Stück — es war wirllich eine Kunstschöpfung."

Und bedauernd schüttelt er den Kopf und läßt langsam das Bruchstück aus der Hand fallen.

»Ja," sogt Jakob mit einem schweren, tiefen Seufzer, „es ist ein harter Scklag für mich. Ich habe seither so wenig verdienen können; meine Frau ist schon lange krank, und dies war die ein­zige Weihnachtsbestellung, die ich ausführen konnte. Wir haben keinen Pfennig mehr im Haufe, und freudig hatte ich an dem Blumentisch gearbeitet, der mir die Aussicht auf baldige Einnahme bot, für die ich dann wenigstens Lebensmittel auschaf- fen wollte."

Betrübt läßt er den Kopf auf die Brust sinken, indem er die Thränen, die in feine Augen treten, zu verbergen sucht.

Da aber greift rasch der Oberförster in die Tasche und nimmt zwei glänzende Goldstücke heraus, die er dem Traurigen in die Hand drückt.

„Ach was," sagt er, „den Schaden habe ich zu tragen, nicht Ihr, Jakob, „hier ist die Bezah- lung für Eure Arbeit, die Ihr für mich gemacht habt. Ihr seid unschuldig daran, daß dieselbe verunglückt ist. Mir verdirbt das dir Weihnachts­freude nicht. Ihr aber sollt sie Euch nicht nehmen lassen, liebt nur Eure Geschicklichkeit an einem neuen Blumentisch für mich, ich werde ihn Euch ordentlich bezahlen und überhaupt Sorge tragen, daß die Gegenstände dieses Kunstgewerbes die wei­teste Verbreitung finden."

Und ehe der überraschte Jakob ein Wort des Dankes stammeln kann, hat der Oberförster bereits die niedrige Stube verlassen. Aus dem Flur ruft er noch einmal zurück: „Für Euere kranke Frau wollen wir Lebensmittel senden, die ihr bald wie­der zur Gesundheit verhelfen sollen." Und bann ist er hinauSgetreten zu seinen Begleitern, die ihn vor der Hütte erwarten und mit denen dr fröhlich und in echter Weihnachtsstimmung den Heimweg durch den tief verschneiten Wald antritt.

Jakob aber geht in die Kammer und zeigt mit