290.
Sonnabend, den 18. Dezember.
1886
Jritima
Fuidller
In
möchte!
„Flieh, Alexander!" flehte Magdalena mit versagender Stimme, „flieh, Du kannst uns retten. Dies" — sie hielt eine Waffe empor, die der
Magdalena.
Weihnachts-Roman von Carl Armand.
* Die Hünfeld - Gersfelder Land- tags-Erfatzwahl vom 10. November
I. im Lichte der Wahrheit.
(Schlußwort der Redaction.) m.
Herr Dechant Hohmann in Batten a. b» Rhön (Kreis Gersfeld) hatte, wie man uns von zuverlässigster Seite mittheilte, anläßlich der vorig- jährigen Hünfelder Landtagswahl, bei welcher Herr Landrath Krekel er das Amt eines Wahl- kommisiars bekleidete, aus bf fielt eigenem Munde vernommen, baß er wiebervorkommenben Falles Alles aufbieten werbe, um seine eigene Wahl durchzusetzen. Wie nämlich Herr Dechant Hohmann bei verschiedenen Gelegenheiten erzählt hat, richtete Herr Landrath Krekeler nach Beendigung des damaligen Wahlgeschäftes, wobei ersterer als Mitglied des Wahlvorstandes fungirte, an ihn die Worte: „Das nächste Mal will ich es Ihnen saurer machen." Diese Worte lassen keine andere als die folgende, einzig vernünftige Deutung zu: „Wenn wieder einmal eine Landtagswahl Hierselbst stattfindet, so trete ich (Krekeler) als Wahlkandidat auf, und dann soll es Ihnen (und Ihren Genofsen) nicht mehr so leicht werden, einen Centrumskandidaten durchzusetzen. Zur Ergänzung und vollen Beleuchtung dieser Worte dient eine andere noch weit mehr ver- rathende Aeußerung, welche Herr Krekeler damals schon auf der Fahrt von Fulda nach Hünfeld im Eisenbahnkoup« gemacht hatte. Er stellte nämlich an einige katholische Wahlmänner seines Kreises, welche die Ehre hatten, das Coups mit ihm zu theilen, folgende naive Frage: „Wenn ich (Krekeler) heute als Wahlkandidat aufträte, würden Sie mir wohl Ihre Stimme geben?" — „Warum nicht," erwiederle einer derselben, „warum nicht, Herr Landrath, sofern Sie uns die Versicherung gäben, daß Sie unsere kirchlichen Interessen vertreten würden." — „Das wollte ich Euch auch rathen," war die Entgegnung des Landraths. Der betreffende katholische Wahlmann, seines Zeichens ein Wirth, offenbar stolz darauf, daß er dieses Zwiegespräch mit dem Herrn Land- rath führen durfte, hat dieses Erlebniß nicht nur «lsbald nach der Ankunft in Hünfeld anderen
125. Fortsetzung.
Ja — nun waren sie wirklich verloren! _ Alexanders Brust erstarb die letzte Hoffnung und ließ nur das Verlangen zurück, ehrenvoll und eines Mannes würdig unterzugehen. Da krachte auch schon ein Schuß und in die Flanke getroffen stürzte eines der Schlittenpferde zusammen, durch seinen Sturz auch den wilden Lauf der anderen Pferde jäh unterbrechend. Umsonst hi'b der Knabe mit rascher Geistesgegenwart die Stränge durch, die das gestürzte Pferd mit den andern verbanden, auch diese wurden von den nun rasch folgenden Schüssen getroffen und der so zum Stehen gebrachte Schlitten war rettungslos den heranstürmenden Soldaten preisgegeben.
Das Pistol aus dem Gürtel reißend warf Alexander sein Pferd herum — jetzt galt es, für seine Liebsten zu fechten — zu fechten und zu sterben! — Wenn nur eine mitleidige Kugel Weib und Kind im Tode mit ihm vereinigen
„Herr Landrath Krekeler habe ganz bestimmt er- klärt, daß er im Falle der Aufrechterhaltung der Kandidatur W ankel's selbst kandidiren und mit aller Entschiedenheit gegen Wankel arbeiten werde." Ferner wurde Herrn Dechant Hohmann die „ausdrücklichste Versicherung" gegeben, daß „jede Gegenkandidatur zurückgezogen würde, so- bald er selbst oder Graf Frohberg ober Amts- genchtSsekretär Schmitt in Batten sich aufstellen liefst?/'
Damit sind wir am Knotenpunkt der ganzen Verwicklung angelangt. Herr Dechant Hohmann hat seiner mehrfach erwähnten Erklärung zufolge die „neue unverhoffte Sachlage sammt ihren Gründen alsbald nach verschiedenen Punkten des Kreises Hünfeld mitgetheilt behufs Gegenäußerung und Anberaumung einer Wahlversammlung, weil „wir diesseitigen (Kreis Gersfeld) mit Aufstellung eines andern Kandidaten nicht allein und einseitig vor gehen konnten". Dieser Meinungsaustausch nut Hünfeld führte indessen, wie bekannt, zur entschiedenen Auf- rechterhaltung der Kandidatur Wankel, welche somit in Poppenhausen am 19. Oktober nicht mehr Streitobjekt entgegengesetzter Ansichten sein
Hier drängt sich jedem Leser unwillkürlich die Frage auf: Wenn man bereits am 2. bezw. 19. Oktober, also wochenlang vor der Wahl bestimmt wußte, daß Krekeler „mit aller Entschiedenheit gegen Wankel arbeiten", und ebenso be- stimmt annehmen durfte, daß der Kreis Hünfeld treu zu Wankel halten werde, warum hat man alsdann nicht wenigstens in Erwägung der für den Kreis Gersfeld angedrohten Gefahr die nothwendigen Vorsichtsmaßregeln getroffen? So leid es uns thut, diese Frage aufwerfen zu müssen, so können wir uns dennoch eines Opfers nicht entschlagen, welches die Wahrheit im Interesse der Centrumspartei und der von ihr angestrebten großen und heiligen Sache ge- bieterisch von uns fordert.--
Es erscheint uns auffällig, daß weder bte Redaetion der .Fuldaer Zeitung', des einschlägigen Parteiorgans, von dieser „neuen, unverhvst. ten Sachlage", die schon anfangs Oktober bekannt war, in Kenntniß gesetzt wurde noch ans den ihr bis zum Wahltermin zugegangenen Korrespondenzen werfen — sie ist aus demselben hinabgeglitten zur Erde und kniet, die ihr drohenden Schrecken vergessend, am Boden neben einer geliebten, blutüberströmten Gestalt, bas Ohr in todesbangem Lauschen aus seine durchschossene Brust pressend.
War Alexander tobt? Nichts regt sich unter Magdalenens tastender Hand — kein noch so lei- ser Athemzug wehte über die bleichen, schmerzverzogenen Lippen — mit irrem Lächeln greift das junge Weib nach dem Dolch: „ich komme Alexander — Dein Weib wird Dich auch im Tode nicht verlassen!" flüstert es über dem Regungslosen.
„Mutter!" klingt es da in ihr Ohr; eme zrt- tembe Kinderstimme lallt aus dem Schlummer erwachend geängstigt den geliebten Namen — zwei weiche Aermchen schlingen sich Schutz suchend um ihren Nacken. Ihr Knabe! - sie muß leben für ihr Kind — ihrer Hand entsinkt die Waffe — in krampfhafter Liebkosung drückt sie die Ltp- pen auf das blonde Köpfchen an ihrer Schulter und läßt aufstöhnend das Haupt wieder auf des geliebten Satten Brust sinken. -
Plötzlich fühlt sie sich von rohen Fäusten em- P°rgort”i)a!" ruft eine rauhe, mitleidslose Stimme — sie blickt in das grinsende Antl„
katholischen Wahlmännern des Kreises Geisfeld, andern auch später noch des Oefteren erzählt.
Von diesen Aeußerungen des Herrn Landraths satten wir bereits mehrere Wochen vor der Ersatzwahl vom 10. Nov. d. I. Kenntniß, machten jedoch, )a von einer ernstlichen Kandidatur Krekeler s nicht das Geringste verlautete, keinen Gebrauch lavon, in der wohlberechneten Absicht, den Gegner nicht herauSzufordern — nicht zu reizen. Jetzt aber erfüllt die Veröffentlichung dieser Worte ihren Zweck, indem man daraus ersieht, daß Herr Krekeler in seinem geheimsten Innern solche Bestrebungen schon längere Zeit nährte und daß er sie hauptsächlich durch den Einfluß seiner amtlichen Stellung zu fördern, bemüht war.
In eigenthümlichem Gegensätze zu den Eingangs erwähnten Aeußerungen des Herrn Landraths steht nun diejenige vom 22. September d. Js., welche nach der Erklärung des Herrn Dechant Hohmann dahin lautete, „daß von ihm (Krekeler) ein Eintreten in die Wahlagitation nicht zu erwarten fei, und daß er jede derart ihm zugedachte Ehre Ibis auf Weiteres entschieden ablehnen müsse, weil es ihm im Interesse des Kreises unmöglich erscheine, denselben auf 5—6 Monate zu verlassen." — Daraufhin, fo erklärt Herr Dechant Hohmann weiter, waren die CentrumSwähler ganz ^beruhigt und der besten Hoffnung, daß die Wahl des „in Aussicht genommenen" Centrumskandidaten, Herrn Amtsrichters Wankel, gesichert fein werde. Ein förmliches Wahlcomite bestand nicht und wurde bei so wolkenlosem Himmel auch nicht für nöthig gehalten. In Übereinstimmung hiermit besindet sich auch die Erklärung des Herrn Pfarrers Breitung in Hilders, welche bekanntlich tautet: „An der Spitze der Centrumspartei im Kreise Gersfeld hat eigentlich Niemand gestanden, auch nicht der vom Kreisblatt als der älteste und würdigste Führer bezeichnete Herr Dechant Hohmann von Batten, sondern man vertraute einfach und wie man gesehen hat, zu viel auf die bisherige numerische Ueberlegenheit der Partei und hielt zugleich wie früher eine eigentliche Wahlagitation leider für unnöthig."
Nachdem nun aber die Candidatur Herrn Wankel's bekannt geworden war, so erzählt Herr Dechant Hohmann weiter, gelangte von dorten dd. 2. Oktober anher (Batten) die Mittheilung, alte Schließer in ihre bebende Hand gedrückt — .bies wird mich vor dem Aeußersten schützen.' " ,So sterben wir zusammen — leb wohl, Geliebte," klang es laut und fest ihr zurück. — Dann geschah etwas Furchtbares, Entsetzliches, das den verstörten Sinnen der jungen Frau nur wie durch Nebelschleier hindurch wahrnehmbar war: an ihren Schlitten heransprengeno, streckte glühenden Blickes der Führer der feindlichen Reiter — indem sie mit stockendem Herzschlag nun wirk- lich den Tscherkessen erkennt — den Arm aus, um sie zu sich emporzureißen.
„Jetzt bist Du mein, Magdalena," schlagt es in lautem wilden Triumpfe an ihr Ohr. Eiseskälte rinnt durch ihre Glieder — schon zuckt ihre Hand nach der Waffe — doch „Zurück, Elender, donnert ihres Gatten Stimme, seine Hand fallt dem Pferde des Angreifers in die Zügel, um es hinwegzureißen — da ein Wuthgeschrei wie das Gebrüll des gereizten Tigers, zwei Pistolen aufe blitzen vor ihren Augen — dann ein Doppelschuß — hoch auf steigt Rurik im grimmen Todesschmerz, um dann sich wild überschlagend in jähem Sturz feinen Reiter unter sich zu begraben.
Magdalena sieht nicht mehr, daß auch das andere Pferd am Boden liegt — daß jetzt von allen Seiten die Verfolger sich über den Schlitten
Die Fuldaer Zeitung' erscheint t^Alich, Sonn-und Feiertage ausg^ommen^Wert^Mrttiher 1 ° '