Einzelbild herunterladen
 

J\g 286

Dienstag, den 14. Dezember.

1886

$>te Fuldaer Bettung' erscheint täglich. Sonn- ’-nb Ketertage auiigenommen. Vierteljährlicher AbonnementSpreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld- 1 Ml. 50 Psq„ — mit d- belletristischen W schendeilaze ,Gter«e rrnS Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserat : Li» einsyaltige geile oder deren Raun« 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

men fiel. Tie Offiziere waren sämmtlich geladen, I und die Soldaten durften auf einen Extratrunk nebst fröhlichem Schmause rechnen.

Es gab in der Festung drei Personen, die dem Abend mit ganz besonderer Aufregung — wenn auch aus verschiedenen Gründen, entgegen sahen: I Vater Selnitsch-.ff war in der That der Verbün­dete der beiden Gatten geworden, und gemeinsam hatten die drei einen Fluchtplan entworfen und vorbereitet, der nun an diesem Festabend zur Aus­führung kommen sollte.

Der Zeitpunkt war günstig gewählt. Das ein­getretene Thauwettrr ermöglichte es, den für die Flucht einzig denkbaren Wasserweg zu wählen, zudem war Neumond und die Nacht versprach also, da die dichten Regenwolken auch jeden Ster­nenschein verhinderten, völlig dunkel zu werden; ferner gemährte das Fest, durch welches immerhin das strenge Reglement der Festung ein wenig ge­lockert werden würde, einen nicht zu unterschätzen­den Vortheil.

Magdalena, die natürlich ihre Verkleidung wiever angenommen, hatte nach und nach, zwischen den Speisen verborgen, ein starkeS^Seil, eine Feile und andere Werkzeuge in Alexanders Zelle ge­tragen. Auch ein Pistol hatte der alte Schließ-r fit: unerläßlich gehalten, „für den äußersten Noth- fall", wie er sagte. So mit allem Nothwendigen Ausgerüstet, hatte der Gefangene mit größter Vor«

I Wenige mag das Jntereffe an ihn knüpfen, wieder andere I mögen aus purer Abneigung gegen Katholizismus und I Centrum zu ihm halten — die meisten Kreisangehörigen, I besonders solche, die häufiger amtlich mit ihm als Vor- I gesetzten zu thun hab.n, beherrscht die Furcht vor ihm. I Der Herr Graf Frohberg und Herr Pfarrer Gigrich, früher I zu Gersfeld, mögen es schon genugsam bereut haben, daß sie vor etwas mehr als zwei Jahren eine Adresse ver­faßten und in Umlauf setzten, worin die Königliche Re­gierung gebeten wurde, Herrn Krekeler, der damals noch kommissarischer Landrath war, das Definitivum in Gers­feld zu verleihen; ebenso werden die katholischen Geist­lichen des Kreises Gersfeld es gewiß jetzt schmerzlich be­reuen, diese Bittschrift unterzeichnet zu haben. Wir sind in der glücklichen Lage, hierin nichts bereuen zu müssen. Wenn Herr Landrath Krekeler seiner Beliebtheit so bewußt

| war, warum hat er mittelst Furcht auf die katholischen | Wahlmänner seines Kreises zu wirken gesucht und mit Hintansetzung aller Noblesse und aller Rücksicht auf amtliche Würde den ihm bestrittenen Sitz am Tische der Wahl­kommission zu Hünfeld dennoch eingnommen? Mit vollem Rechte bezeichnet als zweite Ursache des Sieges des Herrn Landraths Krekeler bei der Wahl in Hünfeld der in Nr. 266 der ,Fuld. Ztg.' enthaltene, wie wir sag­ten, im Lapidarstile geschriebene Artikel, den man bisher noch nicht amtlich zu berichtigen wagte, dieFurcht. „Es war dieFurcht vor dem landräthlichen HerrnWahl- kandida'en, dessen Energie in der Durchsetzung seines Wil­lens allgemein bekannt ist." „Warum," fragt jedoch das amtliche Organ für den Kreis Gersfeld, „haben früher, die 17 Jahre lang, die Vorsteher, die auch Wahlmänner i waren, den Landrath nicht gewählt: warum damals nicht?" Darauf wird keine Antwort! Wir stehen durchaus nicht an, auf diese mehr als unverfrorene Frage eine Antwort zu geben: weil seit Landrath Ochs'ens Zeiten kein Landrath mehr zu solchen Mitteln greifen und mittelst Furcht auf die Wahlmänner seines Kreises wirken wollte. Herr Landrath Krekeler hätte die Ehrenhaftigkeit seines Herrn Kollegen tn Hünfeld sich zum Vorbild nehmen sollen, der, nachdem k im verflossene.« Jahre als Wahlkandidat auf­getreten war, sein Amt als Wahlkommissar niederlegte, um jeden Schein zu meiden, als ob er die Wahlmänmr seines Kreises beeinflussen wolle.

Das amtliche Organ für den Kreis Gersfeld ist der weiteren Ansicht, die umgefallenen katholischen Wahlmänner des Kreises Gersfeld hätten Herrn Landrath Krekeler des­wegen geivählt, weil sie sich von seiner Wirksamkeit in Berlin mehr versprachen, als von der des Herrn Amtsrichters Wankel, Wenn in den Kreisen dieser Wahlmänner weiter I bekannt wird, daß, was uns erst vor wenigen Tagen als I sicher verbürgt wurde, Herrn Landrath Krekeler selbst ein­mal bei rosiger Laune in vertrauter Gesellschaft scherz- I weise gestanden habe, er habe als Student so schlechte I Fortschritte gemacht, daß seine Profefforen ihm gerathen I hätten, lieber Schuster zu werden, so wird man an seine I Wirksamkeit im Abgeordnetenhause keine besondere Erwar- I tungen knüpfen. Wir bringen dies sehr ungern vor, nur I weil freventlich herausgefordert; hauptsächlich wollen wir I

Nein, er form'e nicht so grausam sein, ihr den Gatten, um den ste so viel gelitten, aufs Neue zu rauben. Neberwunden von dem Ausdruck kindlich gläubigen Vertrauens, mit dem die brau­nen Gazellenaugen zu ihm aufsahen, beugte er fich herab und seine runzlichen Hände auf ihren blon­den Scheitel legend, sagte er in den weichsten Tönen seiner rauhen Stimme:

„Sei ruhig, Du armes Kind, in Vater Selnit- schiff brauchst Du keinen Verräther zu fürchten — von beute ab hast Du an ihm einen Ver­bündeten."

10. Kapitel.

Etwa drei Wochen waren seitdem vergangen. Der Novembermond ging zu Ende und seine letz­ten Tage hatten einen jener plötzlichen Witterungsumschläge gebracht, wie fie in Rußland nicht'gerade zu den Seltenheiten gehören. Ein warmer Thauwind kam von Süden her und brachte die Eisdecke des Sees zum Schmelzen, so daß die Fährboote der Festung wieder den Verkehr mit dem jenseitigen Ufer vermitteln konnten.

Es war an einem trüben, regnerischen Tage. Im Gegensatz zu dem unfreundlichen Himmel herrschte unter der Besatzung der F.ste eine ge- wisie Aufregung, eine gehobene festliche Stimmung: der Gouverneur gab am Abend ein großes Fest zur Feier seine» fünfundzwanzigjährigen Dienst- jubiläums, das mit seinem Geburtstage zusam-

x Aus dem Wahlkreise Hünfeld- Gersfeld.

(Schluß des betr. Artikels in Nr. 281 d. Bl.)

Mit unserer Erzählung in Nr. 281 der ,Fuld. Zeitg.' glauben wir uns von den in den Nrn. 96 und 97 des ,Gersfelder Kreisblattes' unverdienter Weise uns gemachten Vorwürfen, als ob wir durch Schilderung der thatsäch- lichen Vorgänge bei der Landtagsersatzwahl zu Hünseld in den Nrn. 264 und 272 der ,Fuld. Ztg.' uns der Unwahr­heit, Lüge und Verleumdung schuldig gemacht hätten, in den Augen aller vorurtheilsfreien Leser dieser Zeitung mehr als genugsam gereinigt zu haben. Doch wir werden von dem amtlichen Organ für den Kreis Gersfeld auch darum der Unwahrheit, Lüge und Verleumdung bezichtigt, weil wir in den ebenbezeichneten Berichten unerwähnt ge­lassen hätten, daß Herr Landrath Krekeler, nachdem Herr Graf Frohberg die ihm angetragene Kandidatur abgelehnt hatte, der Centrumspartei im Kreise Gersfeld den Herrn Dechant Hohmann in Batten und.Herrn Amtssekretär Schmitt in Hilders mit dem beigefügten Versprechen in Vorschlag gebracht hätte, daß die Konservativen des Kreises jede dieser beiden Kandidaturen je nach Be­lieben der Centrumspartei unterstützen würden. Nun ist aber die Kandidatur des Herrn Dechant Hohmann niemals auch nur mit einer Silbe im Schoße der Geist­lichen zur Sprache gekommen; die Kandidatur des Herrn Amtrsekretär wurde allerdings einmal vorübergehend er­wähnt, aber mit dem sofortigen Beisatze, daß der genannte Herr ein Mandat mit aller Entschiedenheit ablehne. Die vom Herrn Landrath Krekeler angeblich vorgeschlagene Kandidatur Schmitt's konnte vom Ersteren unmöglich ernst gemeint sein; denn wie konnte Amtssekretär Schmitt, mag er ein noch so ehrenwerther Herr sein, als Kandidat des Centrums bei der Wahl in Hünfeld durchgesetzt werden, da er unseres Wissens nach nie in die Oeffentlichkeit ge­treten war und außerhalb des engeren Bezirkes Hilders ihn Niemand kannte, die Meisten ihn vielleicht noch nicht einmal hatten nennen hören? Also von der Kandidatur *-5 Herrn Dechant Hrtznmm wsßten wir nichts, bie au- bete war durch die eigene Erklärung des Herrn Amts- sekretär Schmitt abgeschnitten, und wenn sie überhaupt i ernst gemeint war, was wir mit Grund bezweifeln, von vornherein aus dem angegebenen Grunde aussichtslos. Wenn wir also hiervon keine Erwähnung thaten, so haben wir uns auch hierin nichts weniger als der Lüge und Verleumdung schuldig gemacht.

Herr Amtsrichter Wankel ist nach dem Urtheil des amtlichen Organs für den Kreis Gersfeld, wie wir un­längst mitgetheilt haben, bei der Wahl in Hünfeld wegen der Unbeliebtheit seiner Persönlichkeit unterlegen — demnach ist Herr Landrath Krekeler wegen seiner per­sönlichen Beliebtheit Sieger geworden ! Wir wollen Herrn Landrath Krekeler nicht zu nahe treten; aber wir haben weder aus den gebildeten Ständen, noch aus den gewöhnlichen Volksklassen des Kreises Gersfeld bisher noch Jemand kennen gelernt oder gesprochen, dem die Persön­lichkeit des Herrn Landrath sympathisch wäre. Einige

21. Fortsetzung.

„Mein Valer," bat sie mit ihrer süßen Stimme, „noch gestern Abend gabst Du mir das Recht, Dich so zu nennen, laß mich heute nicht vergebens an das Herz des Vaters appellrren! Du weißt nun den Betrug, zu dem die Liebe mich verleitet — o, sei barmherzig wie der Vater im Himmel, der mich ihn finden ließ, nimm ihn mir nicht wieder! Er ist unschuldig,' so wahr ein Gott über uns — der Czar hatte Linen treueren Offizier als ihn. Hilf mir ihn retten für mein Kind — ich will Dich segnen all mein Leben lang!"

Ihr rührendes Flehen griff dem alten Mann mächtig ans Herz — er kämpfte im Innern einen schweren Kampf. Sein ganzes Leben lang hatte er nur dem strengen Gebot der Pflicht ge­horcht! der Dienst des Czaren war ihm über Alles gegangen — ihm hatte er ohne Murren alle feine Söhne geopfert; was dieser Dienst heute von ihm forderte, ging über seine Kraft: zum ersten Male wankte erprobte Treue vor der Macht einer anderen nicht minder heiligen Treue, die in der lieblichen Gestalt des mutbvollen Wei­bes zu feinen Füßen eine so rührende Verkörpe­rung fand.

Magdalena.

Weihnachts-Roman von Carl Armand.

| damit dem vorhergenannten amtlichen Organe das Stich- I wort in Erinnerung bringen, daß man nicht muthwilliger I oder boshafter Weise nach anderen Leuten mit Steinen I werfen solle, wenn man selbst in einem Glashaus wohnt.

Hiemit haben wir auch den Uebergang gefunden, um I von den persönlichen Verunglimpfungen zu handeln, die das amtliche Organ für den Kreis Gersfeld auch in so fern uns zuzufügen sich nicht entblödete, als es auf die I gerichtlichen Verurtheilungen hinwies, die wir früher erlit­ten haben. Wir achten es nicht der Mühe werth, dem I genannten Organe des Weitere auseinander zu setzen, was es mit diesen gerichtlichen Verurtheilungen, die uns vor 13 bezw. 17 Jahren betroffen haben, eigentlich für eine Bewandtniß habe; aber wir wollen dem ,Gersfelder Kreisblatt' ein Geschichtchen wieder erzählen, daß wir erst jüngst mit vielem Vergnügen gelesen haben. Wir müssen jedoch vorausschicken, daß wir nicht mehr genau angeben I können, ob der Schauplatz dieses Geschichtchens Preußen ! oder Bayern war und ob demnach der betreffende Beamte ein Landrath oder ein Bezirksamtmann gewesen sei. Also irgend ein Landrath ober Bezirksamtmann hatte die Gewohnheit, alle schriftlichen Einläufe genauestens auch auf Orthographie zu prüfen, allenfalstze Verstöße gegen dieselbe mit blauem Stift zu bezeichnen und die Schrift­stücke an die Verfasser zur Verbesserung zurückzuschicken. Ei­nes Tages lief die Zuschrift eines Pfarrers ein, in welcher das Wort,. Quatemper"ganz richtich mit hartem —p— geschrieben war. Der Landrath oder Bezirksamtmann hatte wahr­scheinlich in einem Kalender einmal bas Wort Quatember mit einem — b — gedruckt gelesen, strich das harte — p — an und schickte dem Pfarrer seine Eingabe mit der Auflage zurück, bie darin vorgefundenen Schreibfehler zu verbessern. Der Pfarrer aber, der gut beschlagen war, schrieb dem Landrathe ober Bezirksamtmanne zurück, das Wort Quatember sei zusammengesetzt aus den zwei latei­nischen Worten: „quatuor tempora“; der Herr Landrath müffe in seiner Jugend doch auch lateinisch gelernt f oben und darum wissen, daß das lateinische Wort: „tempus“ mit hartem — p — geschrieben werde, sowie auch das Wort. „Impertinenj", das gleichfalls lateinisch sei, ebenfalls mit hartem — p — geschrieben werde. Der Herr Landrath oder Bezirksamtmann nahm fürderhin keine Verbefferungen mehr an Schreibfehlern schriftlicher Einläufe vor; das .Gersfelder Kreisblatt' aber möge von diesem Geschichtchen die nicht allzu ferne liegende Änwendrmg auf sich machen!

Endlich beliebt mehr besagtes Organ, uns den „radikalen" Geistlichen des Kreises Gersfeld beizuzählen. Einer dieser als „radikal" bezeichneten Geistlichen hat dem Kreisblatt bereits eine Erwiderung gegeben. Im Sinne von „auf­rührerisch, demagogisch" weisen wir für unsere Person diese Bezeichnung mit vollster Entrüstung zurück, wenn wir auch vor 13 Jahren wegen angeblicher Majestäts- Beleidigung zu 3monatlicher Festungshaft verurtheilt waren ; ob wir uns nämlich dieser Majestäts-Beleidigung that- sächlich schuldig gemacht haben, ist noch eine andere Frage, die ihre endgültige Entscheidung einst vor Gottes Richterstuhl finden wird, an den wir hiemit auch, da jetzt