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Sonnabend, 12. Dezember.

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1886.

Shrijtlicht m dn Khm.

(2. Fortsetzung.)

Geheimnißvoll hat die Nackt ihren^ weiten, glitzern­den Sternenmantel über das Gebirge ausgebreitet.

In Todesruhe liegt das kleine Kirchdorf, das sich tief verschneit zu Füßen eines der stolzesten Rhön­berge schmiegt. Seine Bewohner, die sonst stets emsig und unermüdlich am Webstuhl schaffen, haben heute den Tag zumeist in stillen Vorbereitungen zu dem hohen Feste hingebracht, jetzt aber liegen sie in friedlichem Schlummer, der den Gerechten nach des Tages Mühe und Last erquickt, bis lauter Glockenruf zur Christmette sie wecken wird.

Und doch ist alles Leben in dem Rhönörtchen noch nicht erloschen; denn dort am Dorfende, in dem kleinen, baufälligen Häuschen glimmt noch ein , matter, Lichtstrahl durch die Fensterscheiben, an welche die Kälte in kühner Zeichnung ihre phanta­stischen Eisblumen und Arabesken gemalt hat.

Drinnen in der niedrigen, rauchgeschwärzten Stube steckt auf einem äußerst einfachen Holzleuchter ein flackernder Kienspahn und wirst seinen trüben Schein auf eine kahle, armselige Umgebung, die von Roth Mnb Mangel vernehmlich redet.

Unter dem Fenster steht eine Hobelbank mid «eben dieser liegen aufgehäuft im bunten Durch­einander geschnitzte dunkelfarbige Holzsachen: Posta­mente, die von zierlich ausgeführten Hirschköpfen getragen werden, Kleiderhalter, Pfeifenständer und dergleichen mehr.

Hier wohnt der Holzschnitzer Jakob, ein tüchti­ger Meister in seinem Fache — dies verkünden die Erzeugnisse seiner geschickten Hand.

Und Jakob weiß, daß er sein Kunsthandwerk gründlich versteht und gelernt hat: als er vor einem Jahre, nachdem er seiner Militärpflicht ge­nügt, in sein Heimathsdorf zurückkehrte und hier frohgemuthet um die brave Monika freite, da er mit stolzem, fröhlichen Selbstvertrauen zu ihr gesagt:

„Wir fangen zwar unfern Hausstand mit nichts an und sind Beide arm wie Kirchenmäuse, aber Du sollst sehen, daß ich bald das Geschäft auf einen grünen Zweig bringen werde. Meine Maa­ren sind gesucht und werden gut bezahlt. Gibt es doch auch in der ganzen Rhön keinen Holz­schnitzer, der es mit mir in der Kunst aufnehmen kann."

Allein sie sahen bald, daß man auf einen grü­ßen Zweig doch so rasch nicht kommt, wenn auch Jakob noch so fleißig fern Geschäft betrieb und Monika tüchtig zuzupacken wußte. Im Anfänge ging es ja recht flott mit dem Verdienen, und guten Muthes war die junge Frau immer mit der schwer bepackten Kötz: nach der Stadt gegangen, wo sie die Gegenstände, die ihr Manu verfertigt hatte, verkaufte, um dann noch vergnügter den klingenden Erlös nach Hause zu tragen. Muthig nnv unverdrossen hat sie die beschwerlichen Märsche ausgkführt, mochte die Witterung noch so rauh «nd stürmisch sich zeigen.

Doch es find gerade sechs Wochen her, da ist sie wieder einmal zur Stadt gewandert, entgegen

einem heftigen und scharfen Nordwind, der sie um jeden Schritt fast kämpfen ließ und ihr manchmal den Athem zu rauben schien. Damals ist es ihr schwer geworden, den Heimweg zu finden, und einige Tage darauf hatte sich eine starke Lungen­entzündung eingestellt, von der nun — wenn auch die Krankheit gehoben — doch eine große Schwäche zurückgeblieben, die sie noch immer an's Bett fes­selt. Nun fing der Verdienst an zu stocken; denn Jakob, der jetzt Krankenwärterdienste verrichten mußte, konnte nicht nur selten an der Schnitzbank sitzen, sondern auch die vorräthigen Gegenstände nicht einmal znm Verkaufe bringen.

Alle erübrigten Sparpfennige waren verausgabt, Arzt und Apotheke kosteten viel Geld — und bit­tere Noth war in die kleine Hütte eingezogen.

Voll schwerer Sorge hatte Jakob dem Weih- nachtsfest entgegengesehen, das unter anderen Um­ständen ihm einen so guten Verdienst gesichert hätte, als zum Glücke noch plötzlich eine Bestellung kam, welche die Aussicht auf eine gute Einnahme verhieß.

Der Oberförster drüben aus dem Walde hatte als Weihnachtsgeschenk für seine Frau einen Blu­mentisch bestellt. „Nur schön und geschmackvoll, Jakob," hatte er dazu gesagt, „auf den Preis soll es mir nicht ankommen."

Und Jakob hatte sich mit frohem Eifer an die Arbeit gesetzt, er wollte zeigen, daß er etwas recht Schönes schaffen könne; und in der That, das Modell, das er dazu entworfen, bezeugte feinen feinen Formensinn und Geschmack.

Mit größter Sorgfalt hatte er manche Stunde an der Ausführung gearbeitet und mit wachsendem Stolz gesehen, wie immer klarer die Form sich ent­faltete, immer leichter und luftiger die graziös ge­schwungenen Linien sich gestalteten.

„Das ist meine beste Arbeit," hatte er heute fröhlich über das Gelingen ausgerufen. „Der Oberförster wird nicht bei der Bezahlung knausern; er ist ein Mann von Wort. Das weiß ich. Doch gut ist es, daß dann wieder Geld in's Haus kommt, es wären sonst traurige Festtage für uns gewor­den, selbst die nothwendigsten Lebensmittel hätten uns ja gefehlt."

„Und noch einmal hatte er frohgemuth das Messer angesetzt, um einige l tzten kleine Uneben­heiten wegzuglätten, als plötzlich unter seiner Hand ein Sprung mitten durch das zähe Holz gefahren, ter den vollendeten Blumentisch von oben bis unten in zwei Theile gespalten.

Es war, als ob der Riß Jakob durch'» Herz I gegangen, so schwer war er davon getroffen. Thrä- ! nen traten ihm in die Augen, als er sein Meister­werk, über das er sich so königlich gefreut, plötz­lich in Trümmer liegen sah — und in Trümmer war ja mit ihm gegangen die Hoffnung auf Lohn und Verdienst.

Jetzt sitzt er schon stundenlang, in dumpfem Brü­ten vor sich starrend und grübelnd, wie er sich helfen könne.

Düster irrten seine Augen, die sonst so fröhlich und frisch in die Welt geleuchtet, am Boden hin, i und manchmal blickten sie wild und verstört auf, '

। als ob ein finsterer Entschluß sein Gemüth ersaßt habe.

„Ja, man muß sich selbst helfen," murmelt er bitter vor sich hin. „Soll ich mein Weib elendig­lich umkommen lassen, soll ich selbst verhungern?"

„Es ist ja Niemand, an den ich mich wenden konnte und zu betteln verstehe ich auch nicht. Ja, wenn mir der Oberförster das Geld voraus zah­len würde, und ich ihm bann einen andern Blu­mentisch lieferte! Aber das thut er nicht, beim ber ist ein harter Mann. Ach, der selbst so in der Wolle sitzt, weiß ja nicht, wie's armen Leuten, die keinen Bissen Brod im Hause haben, zu Muthe ist.

„Warum ist doch Alles so ungleich vertheilt in der Welt? Nur etwas von ihrem Ueberfluß würde ausreichen, uns vor dem Verhungern zu schützen."

Er steht auf und schreitet mit raschen Schritten durch das Zimmer. Seine Brust hebt und senkt sich stürmisch, w.e wenn ein gewaltiger Kamps in seinem Innern arbeite. Der Schweiß perlt ihm auf der Stirne, obgleich es fo eisig kalt in der Stube ist, daß man den Hauch vom Munde dampfen sieht.

„Die Gelegenheit könnte nicht günstiger fein. — Sie werden Alle zur Christmette gehen," kommt es tu kurzen, abgerissenen Sätzen halblaut über seine Lippen.

„Aber ich bin immer ehrlich gewesen, mein Leben lang! Uno in der Christnacht sollte ich — zum Dieb und Einbrecher werden?"

Einen Augenblick bleibt er stehen, die Arme über die Brust verschränkt. Scheu blickt fein Auge nach der geöffneten Kammerthüre — da drinnen liegt feine kranke Fra» in ruhigem, festen Schlafe, bann tritt plötzlich ein trotziger Ausdruck auf fein Gesicht.

„Noth kennt kein Gebot! Es ist das Einzige, was bleibt. — Und ich kann es ja später wieder zurückerstatten," sagte er hastig, und rasch verläßt er bas Häuschen unb tritt hinaus in bie winter­kalte Nacht. — —

Die kranke Frau in der Kammer ist ausgemacht, als sie die Hausthür hat gehen hören.

„Jakob!" ruft sie schwach, indem sie sich in ihrem Bette aufrichtet. Keine Antwort vernimmt sie; nur draußen verhallen die Fußtritte ihres Mannes über den knirschenden Schnee.

„Wo geht er hin?" fragt sie. „Eilt er schon zur Christmette? Noch haben die Glocken nicht geläutet. Ach, ich muß heute der hohen Feier fernbleiben."

Und sie nimmt den Rosenkranz von der Wand und langsam läßt sie die. Perlen durch die abge­zehrten Finger gleiten, »J «, (Schluß folgt.)

An die richtige Adresse.

Weihnachts-Erzählung von A. Zingeler.

(3. Fortsetzung.)

„Ich M sein Schwiegersohn, Frank Taylor," erroiberte der Andere, seinen Namen fast leise und zögernd aussprechend.

„Herzlich willkommen in Deutschland! Ich freue