Sonnabend, den 11. Dezember.
1886
FuiLser W Icilmig
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Dezember.
• Der Reichstag genehmigte die Aufnahme der Albuminpapierfabriken unter die genehmigungspflichtigen Gewerbeanlagen, sowie das Reichshaus- haltS'Kontrolgefetz. Dann wurde die 2. Berathung des Etats fortgesetzt. Die fortdauenden Ausgaben des Militäretats fanden, soweit dieselben nicht an die Budgetkommission verwiesen sind, Annahme. Abg. Rickert brachte dabei das vom Abg. v. Köller unterzeichnete Circular an Offiziere zur Sprache, worin dieselben zur Unterstützung der konservativen Preffe aufgefordert werden. Durch dieses Circular werde die politische Agitation in die Armee getragen. Abg. v. Köller erwidert, daß die Angelegenheit mit der konservativen Partei nicht» zu thun habe; es handle sich um eine Angelegenheit, die nur er zu vertreten habe. Der Verein zur Verbreitung konservativer Zeitschriften stehe auf dem Boden der Kaiserlichen Botschaft von 1881 und bekämpfe demgemäß die freisinnige und sozialdemokratische Preffe. Zwei Offiziere hätten sich in der Meinung, daß sie nicht mehr als aktiv zu betrachten wären, angeschloffen, seien aber sofort zurückgetreten, nachdem konstatirt worden, daß sie noch als aktiv anzusehen seien. Dem Verein seien allerdings Beiträge aus Offizierskreisen zugefloflen; das stehe aber nicht im Widerspruch mit dem Gesetz. Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff konstatirt, daß bezüglich der beiden dem Vereine bei- getretenen Offiziere Remedur erfolgt sei. Abg. Kayser (Soz.) will die Armee von der politischen Bewegung nicht ausgeschloflen wiflen, verlangt aber, daß die Sozialdemokraten gegenüber den Mannschaften dasselbe Recht haben sollen wie die Konservativen gegenüber den Offizieren. Die Abgg. D i r i ch l e t und R i ch t e r verurtheilten das Köller'- sche Circular in gleicher Weise wie Rickert. Der Kriegsminister entgegnete, daß die freisinnige und noch mehr die sozialdemokratische Preffe in heftiger Weise die Armee angegriffen, wodurch die Disziplin derselben gelockert würde. Deshalb seien solche Blätter von der Armee fernzuhalten. Schließlich wurde noch der Etat des Reichstags unver-
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ändert genehmigt. Nächste Sitzung Montag: Anträge, betreffend Duellwesen und Arbeiterschutz.
* Diebayerischen Reichtagsabgeordneten wurden gestern unter Führung des Freiherrn von Frankenstein, I. Viceprästdenten des Reichstags, vom Prinzregenten Luitpold empfangen. Der Prinzregent sprach die Hoffnung aus, daß die bayerischen Abgeordneten das Zustandekommen der Militärvorlage im Interesse des Reichs wie speziell auch Bay rn» fördern würden. Freiherr von Franckenstein erwiderte, wenn die berichteten Worte wirklich gefallen sind, die Vorlage würde auf das Gewiffenhafteste geprüft schon mit Rücksicht aus die finanzielle Seite. Prinzregent Lmtpold entgegnete, daß er die finanzielle Seite keineswegs unterschätze, doch müffe dieselbe bei so hochwichtigen politischen Fragen, wie die vorliegende, zurücktreten ; sie dürfe in kritischen Zeiten nicht den Ausschlag geben.
»Limburg, 9. Dez. Beim Festdiner am Montag brachte der neue Bischof Dr. Klein folgenden Toast aus: c ,
„Staat und Kirche sind nach Gottes Willen durch ihre Grundlagen, ihre Organisation und ihre Aufgabe so innig mit einander verschwistert und so zwingend auf einander angewiesen, daß sie sich immer wieder suchen werden, auch wenn sie sich zeitweilig noch so heftig bekämpft haben. Diese Wahrheit sehen wir in der Gegenwart abermals eklatant bestätigt. Nach den starken Reibungen beider Or- qanisationen, welche der sogenannte Kulturkampf im vorigen Jahrzehnt mit sich gebracht hat, ist Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser, König und Herr eifrig und erfolgreich bemüht, im Verein mit Seiner Heiligkeit dem Papste — ich darf wohl beisetzen dem allverehrten — Leo XIII., das früher in Preußen bestandene gute Verhältniß zwischen Kirche und Staat mit feinen : eichen Segnungen auf dauerhaften Grundlagen wiederherzustellen. Und wenn ich heute an diesem Platze stehe und der hohen Ehre mich erfreue, einen so großen Kreis hochgestellter und hochangesehener Männer um mich versammelt und ihrer freundlichen Sympathien beim Antritte meines bischöfl. Amtes mich versichert ,u sehen, so verdanke ich das dem einträchtigen Zusammenwirken zwischen Kaiser und Papst. Beide erhabenen Souveräne begegneten sich nämlich in dem Wunsche, daß der nach kurzem Wirken auf den erzbischöflichen Stuhl zu Freiburg transferirte Hochw. Herr Bischof Dr. Johannes Christian Roos schleunigst einen Nachfolger erhalte, und geruhten huldvollst in schnell erzieltem Einverstandmffe als solchen Mich zu erklären. Wohl betrifft dieser Akt concilianten Einvernehmeus zunächst nur das kleine Bis- thum Limburg, aber durch den Wellenschlag weitergreifen- der Wirkung berührt er doch auch das gesammte Bater-
land, welches die Wiederherstellung des kirchlichen Friedens als vitales Interesse erkennt, erwünscht und erhofft. Meine Ernrnnung zum Bischof von Limburg darf daher wohl mit Fug und Recht als ein bedeutungsvoller Baustein in dem Friedenstempel froh begrüßt werden, der sich immer fester, höher und verheißungsvoller vor unfern Augen erhebt und, so Gott will, in nicht allzuweiter Ferne seine Krone finden wird. Dank, inniger Dank sei darum geweiht Sr. Heiligkeit dem Papst, der seine prophetische Charakterisirung als lumen de coelo und den Oel» baum in seinem angestammten Familienwappen als treffendes Symbol seiner Wirksamkeit immer mehr bewahrheitet. Dank, inniger Dank sei nicht minder geweiht Sr. Majestät unserem allergnädigsten Kaiser und König, allerhöchstdeffm unvergleichliche Kriegsthaten die Geschichte unter dem Motto: venit, vidit, vieit verherrlichen, den sie aber gleichzeitig dankbar feiern wird, als einen neuen Titus, voll Friedfertigkeit, Menschenfreundlichkeit, Herzensgate und bürgerlicher Herschertugende». So darf ich denn wohl auf die freudige Zustimmung dieser ganzen hochverehrlichen Versammlung rechnen, wenn ich Sie einlade, ein Glas voll des edelsten unserer heimischen Weine zu trinken auf das fernere ungetrübte Wohlergehen Wilhelm des Siegreichen, des Vaters des Vaterlandes und Leo XIII., der diese Unglückzahl so herrlich zu Ehren gebracht hat. Hochgeehrte Herren, stimmen Sie, ich bitte, aus vollster Brust mit mir ein in den Jubelruf treuer Verehrung und Liebe: Se. Heiligkeit Papst Leo XIII. und Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser, König und Herr, sie leben hoch !.
Hierauf ergriff das Wort Herr Oberprasr- dent Graf zu Eulenburg und führte aus:
Zweimal hab- er in kurzer Zeit hier in Limburg einer Bischofsfeier beigewohnt; ein solcher Tag gehöre dem neuen Oberhirten, und er spreche wohl im Namen der ganzen Versammluug, wenn er diesem seine Glückwünsche bringe. Zweimal, vorhin im Dom und jetzt bei dem Toast auf Kaiser und Papst, habe derselbe seiner Frie- dMsgesinnung Ausdruck gegeben. Man könne dem Bischof nichts Besseres wünschen: als ,hm seine Wunsche zurückgeben: Möge er Frieden haben in seinem ganzen Leben, im Kleinsten wie im Großen, möge er Frieden haben mit feinem Klerus und mit feinen Diözesanen I Viel könne Redner zu diesem Friedenswunsche, der schon alles einschließe, nicht hinzufügen, er wolle nur noch aussprechen den Gruß, mit welchem die Katholiken ihren neuen Oberhirten zu begrüßen pflegen- Ad multos annos !
Ausland.
* Wien, 10. Dez. In auswärtigen Blättern werden Sensationsnachrichten über angebliche Kriegsrüstungen der österreichisch-ungari- scheu Monarchie verbreitet und sogar in der Person des früheren Kriegsministers Feldzeugmeisters Baron Kuhn der künftige Obercommandant der
Magdalene.
Weihnachts-Roman von Carl Armand.
19. Fortsetzung.
Die Abweisung klang sehr entschieden, Alexis senkte den Kopf, eine schwere Thräne löste sich von seiner blonden Wimper und rollte langsam über sein verblichenes Antlitz. Schweigend ging er hinaus und kehrte gleich darauf mit dem großen Behälter zurück, der die Speisen für die Gefangenen enthielt; der Alte nahm das Licht und so traten die Beiden ihre traurige Wanderung an. , . m r ,
„Dieselbe nahm geraume Zeit m Anspruch, denn die Feste enthielt zahlreiche Gefangene. Als sie zurückgekehrt waren, streckte sich der alte Schließer behaglich in seinen Lehnstuhl, froh, bis zum anderen Morgen seines schweren Dienstes ledig zu sein. m . .
Jetzt mach mir noch ein wemg Musik, Alexis,, tat er, „das ist mir die liebste Erholung, Du weißt's ja." c .
Alexis nahm die Balalaika von der Wand, xnes seltsame, zweisaitige Instrument, deffen »chwermüthiger, etwa» monotoner Klang so gut zu den rusfischen Volksweisen paßt, die meistens eilten wehmüthig traurigen Inhalt haben, und fich damit zu bin Füßen des Alten setzend, be
gann er mit weicher Stimme eine derselben zu singen. . , m.
Es war die rührende Klage eines jungen Weibes um den verlorenen Gatten; der süße Wohllaut der jugendlichen Stimme, der noch jede männliche Klangfarbe fehlte, schmiegte sich harmo nisch den Worten des Liedes an und verlieh der kunstlosen Melodie einen ergreifenden Ausdruck. Vater Selnitscheff sah mit Erstaunen, wie eine mächtige Bewegung das gesenkte Antlitz gleichsam von innen heraus durchleuchte und vergeistigte und mehr als einmal klang es in der Stimme wie ein Schluchzen aus tiefster Brust.
Der alte Schließer hatte ganz eigene Gedan- ken dabei.
9. Kapitel.
Am andern Morgen fand Alexis seinen Herrn mit mürrischer Miene in seinem Lehnstuhl sitzend, den einen Fuß über einen hölzernen Schemel gestreckt, und an dem langen Schnurrbart kauend, was bei ihm stets eine grimmige Stimmung an- zeigte.
„Der verdammte Fuß I" rief er dem Emtreten- den entgegen, „nun muß ich Dir doch den Willen thun und Dich allein zu den Gefangenen schicken! Hier lieg ich wie ein lahmer Gaul und kann mich nicht rühren — und da soll Einer nicht wild werben! — Nun? was stehst Du denn da wie in Stein verwandelt? Da, nimm die Schlüssel
und spute Dich, die Gefangenen werden hungrig fein I _ ,
Alexis Händen entsank das Reisigbündel, das er getragen, ein Lächeln, strahlend wie Frühlings- sonnenglanz, glitt über seine Züge, er stürzte zu den Füßen des Alten und seine Knie umfassmd, küßte er ihm in stürmischer Freude die Hände.
Endlich — endlich!" rang es sich, halb Schluchzen, halb Jauchzen, von seinen Lippen, im nächsten Augenblick sprang er auf, nahm die Schlüssel und eilte mit beschwingten Schritten davon. . _ .
Vater Selnitscheff wartete eine Weile, dann stand auch er hastig auf, ging, ohne eine Spur von Schmerz zu zeigen, zur Thür, und dieselbe leise öffnend, spähte er vorsichtig hinaus. Zu- frieden, daß er Niemand mehr sah, trat er über die Schwelle und durchschritt rasch die langen, gewölbten Gänge, die zu dem Gefangenenthurm führten. Am Eingänge d°sselben stand ein Posten, der natürlich glaubte, darnach Schließer habe seinen Diener, der gerade vorher vorübergekommen, imt den Speisen vorausgeschickt und sei im Begriff, ihm nun zu folgen.
Die" Gänge und Treppen innerhalb des Thurmes charen nur schwach erleuchtet; er herrschte ein matte» Dämmerlicht darin, an das sich da» Auge erst gewöhnen mußte, ehe es recht» und links an den Wänden dir Thüren zu den Gefängmßzellen