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Freitag, den 10. Dezember.

1886

Ailmig.

Di- Fuldaer Zeitung- erscheint täglich. S°nn- und F^-rtag- «ulgcnommm. BterteljO^ &° ~

belletristischen Wrch-nL-ik-g« ,Ttertte «nd Blumes m Fulda 1 Mk. Plg-, auswarrsiLir.ro pfg.

Inserat!: Di?-insp-ltig« S«;t oder deren Rau« 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zur Landtags - Ersatzwahl im Wahlbezirke Hünfeld - Gersfeld.

In Nr. 96 des .Gersfelder Kreisblatts' vom 1. ds. findet sich eine vorwurfsvolle Hindeu­tung auf den Unterzeichneten mit den Worten:

„Daß öffentlich in der Kirche auf einen Ehren­mann als einen Tropfen Wermuth im Becher der Freude hingedeutet" wird.

Zur Vervollständigung dieser Nachricht diene Folgendes: An dem auf die Hünfelder Wahl folgenden Sonnlage, auf welchen zugleich die Würzburgische Martini-Kirchweihe einfiel, habe ich nach beendigter Predigt und nachdem an Jung und Alt die Aufforderung gerichtet war, die Kirchweihbelustigungen in den Schranken der Zucht und Ehrbarkeit zu halten, etwa Folgendes aus dem Stegreife gesagt:

„In unsere Kirchweihsreude mischt sich dies­mal ein Tropfen Wermuth. Durch einige 30 kath. Wahlmänner aus dem Kreise Gersfeld ist das ruhmreiche Centrum, welches die Sache der Kirche so glücklich und erfolgreich vertheidigt hat, zum Falle gekommen. Die Zeitungen von ganz Deutschland, auch die katholischen, haben sich bereits des Falles bemächtigt und besprechen denselben auf die verschiedenste Weise. Die gegnerischen Zeitungen ziehen daraus den Schluß, daß das katholische Volk im Kreis' Gersfeld vom Centrum abgefallen sei. Hätten die Wahl­männer die Tragweite ihres Schrittes gekannt, sie hätten denselben wohl nicht gethan." Ich glaubte, diese Worte selbst auch im Rahmen des"„Kanzel-Paragraphen" um so mehr aussprechen zu können:

1) weil ich aus der großen Reihe der Mai­gesetz g e b u n g des letzten Jahrzehnts die mehreren, dem Volke besonders in die Augen springenden Behinderungen der kirchlichen Freiheit und Be­wegung jedesmal von der Kanzel aus verkündigt hatte und zwar vhne Kritik;

2) weil ich ebensolche Milderungen bezw. Beseitigungen von Maigesetzen jedesmal ebenfalls von der Kanzel aus verkündigt hatte und zwar mit Ausdrücken der Freude und Aner- kennung;

Magdalena.

Weihnachts-Roman von Carl Armand.

18. Fortsetzung.

Als Alexis inzwischen nach seiner hastigen, fluchtartigen Entfernung von Juffuf noch zitternd vor Erregung die Thurmwohnung Selnitscheffs betrat, saß dieser, in dichte Wolken von Tabaks­dampf gehüllt, welche das vor ihm stehende Talg­licht mit einem röthlichen Dunstkreis umgaben, in seinem hölzernen Lehnstuhl und trommelte mit den Fingern ungeduldig einen alten Kriegsmarsch von Anno 1813, zu welcher Zeit er Soldat beim Heere gestanden, auf die wurmstichige Tischplatte.

Ungeduld verriethen auch seine Züge, deren eckige wetterharte Linien im Verein mit dem mäch­tigen Schnurrbart und dem straffen grauen Haare einen finsteren, grimmigen Eindruck hervorriefen; dem widersprach indeß ein gewiffes Etwas in der Tiefe der Hellen stahlgrauen Augen, daß sich auch in dem Klange der Stimme verrieth, als er halb vorwurfs-, halb liebevoll dem Eintretenden ent­gegenrief:

„Wo hast Du nur so lange gesteckt, Alexis?

„Ich war im Hof, Herr, um Waffer zu schö­pfen — dabei hab' ich wohl zu lang verzogen, verzeih —I"

3) weil ich im Angesichte des für die deutschen Katholiken so betrübenden Vorganges dennoch^für die vom Centrum Abgefallenen vor dem mit Recht erstaunten kath. Volke, welches hier wie auch im ganzen Kreise zum Cent.um steht, ohne weitere Kritik nurWorte der Entschuldigung vor­gebracht habe.

Diesen Akt der Humanität nicht blos „gegen einen Ehrer mann", sondern gegen 32 stellt das ,Kreisblatt' an zweiter Stelle an den Pranger.

Von den hiesigen drei Centrumswahlmännern, zu denen auch ich gehöre, war auch dem vom ,Kreisblatt' in Schutz genommenen vorher kein Vorwurf gemacht worden; wir hatten zur Ver­wunderung Mancher demselben auf der Reise nach und von Hünfeld bereitwillig einen Sitz eingeräumt und haben, eine allgemeine Unterhaltung führend, weder aus der Hinreise noch auf der Heimreise auch nur ein Wort über die Wahlangelegenheit gesprochen, noch viel weniger über deffen Stellung­nahme. Dies konnte am nachfolgenden Sonntage hier öffentlich bekannt sein und befand sich daher ein B e r i ch te r st a t t e r des entfernten Kreisblattes, wenn er nicht bloß Horcher und Hörer, sondern ein denkender Zuhörer war, nicht gerade in der Nothwendigkeit, den von mir als Pfarrer gespro- chenen wenigen Worten über die ganz Deutschland beschäftigende katholische Niederlage, das Motiv der öffentlichen Beleidigung des betreff. Mannes unterschieben zu müffen. Bis auf die heutige Stunde bin ich demselben ohne Vorwurf begegnet, bewahre ihm sogar einen ganz beson­deren Dank für die mir in seiner unter den übrigen betr. Wahlmännern hervorragenden Stel­lung als E-cmein'veovrst.h-r be» Amksortes Hilders und Mitglied des Gersfelder Kreistags-Ausschuffes bereitwilligst gegebene unterdeß allerorten beachtete Erklärung,daß der Hochwürdigste Herr B i s ch o f von Fulda zu ihrem Abgang vom Centrum in gar keiner Beziehung stehe.

Hiernach glaube ich zu dem vor vielen Urwählern nach der Wahl solchermaßen Gesagten wenig­stens dasselbe Recht gehabt zu haben, als wie wenn vor der Wahl nach den Worten des Kreisblattes ein Gensdarm einen Wahlmann (wohl nur einen?) fragt „wen er wählen wolle" und vorkommenden Falles auch noch Anderes hinzufügt.

„Herr — Herr! — hab' ich Dir denn nicht befohlen, mich „Vater" zu nennen? Kannst Dir's nicht vorstellen, daß ein alter Mann, der all' seine Kinder verloren, sich gern Vater nennen läßt?"

Mit ein paar hastigen Schritten war Alexis an seiner Seite, und niederknieend drückte er ein Paar heißer zuckender Lippen auf die runzelige Hand des Alten.

Dieser entzog sie ihm hastig und fuhr damit liebkosend über sein gesenktes Haupt.

„Na, laß gut sein, Du weißt ja, daß ich Dich gern habe," sagte er beschwichtigend. „Wenn ich Dich ansehe, muß ich immer an meinen Jüngsten denken: er hieß auch Alexis und würde jetzt in Deinem Alter sein."

Er seufzte; Alexis erhob sich und ging, nach- dem er das Feuer in dem großen aus gebrann­ten Ziegelsteinen gemauerten Kamin im Hinter­gründe des Gemaches geschürt, mit seinem Krug in dem anstoßenden Küchenraum, um das Abend- brod zu bereiten.

Dasselbe ließ nicht lange auf sich warten. Bald stand der dampfende Samowar — die alt- rufiffche Theemaschine — nebst der nationalen Ucha, einer aus Fisch, Fleisch, Kohl und allerlei Kräutern bereiteten Suppe, auf dem Tisch; einige Schnitten Gerstenbrot und ein Krug mit dem in

II.

In Nr. 97 des .Gersfelder Kreisblattes' vom 4. d. M. wird mir von dem amllichen Organ die Qualifikation eines Radikalen zuerkannt.

Meine öffentliche politische Stellung heißt Cen­trum, meine private Neigung steht nebenbei auch zu den Konservativen, bei welchen das Gentrum eine Reihe übereinstimmender Grundsätze findet. Dieser Gesinnung, das darf ich wohl sagen, sind meine hochwürdigen Herrn Amtsbrüder im Kreise sämmtlich, namentlich auch der mit einem von der Vergangenheit bedeckten, ihm zur Last gelegten und verbüßten schweren politischen Delikte _ vom Kreisblatt in den Vordergrund gestellte Herr Pfarrer Eighorn in Schmalnau.

Radikale katholische Geistliche gibt es im Kreise nicht, wohl aber entschiedene, wie es auch im Kreise keine radikalen katholische Laien gibt, wohl aber ein für die Sache der Kirche und des Centrums entschieden begeistertes Volk, welches also gelehrt von seinem Geistlichen, dem Kaiser gibt, wasdes Kaisers ist, aber auchGott, wasGottes ist. Entschiedenheit haben die Geistlichen alle bewiesen und haben Gelegenheit, dieselbe noch ferner zu zeigen, wenn auch gegenwärtig aus dem Kreisblatt, wie es fast scheint nach dem Satze: divide et impera, verschiedenfarbiges Licht auf dieselben gestreut wird.

Mit demselben Rechte ober Unrechte könnten jetzt auch der oder die Führer derKonservativenebenfalls als radikal bezeichnet werden wegen des mit kühner Entschieden­heit veranstalteten großen Erolerungszuges auf l.e.i.drs Gebiet, in Gebiet her Centrumspartei des Kreises, welche das Feld ihrer Thätigkeit bis­her nur innerhalb der eigenen Grenzen suchte, Es gliedert sich daher so ganz von selbst dem vom Kreisblatt mit kühner Phantasie zusammengeban- beiten rabikalen Centrums-Trifolium zum wenigsten noch ein Blatt, ein viertes kon­servatives an — ein wahres Glücksblatt für bie armen Drei, über welche unterstützungs­weise bei patriotische Zorn Deutschlands angerufen werben zu sollen scheint.

In ber That, Herr Pfarrer Einhorn ist schon wegen Gesunbheitsverhältnsissen ein un-

Rußlanb so beliebten Quas, einem hauptsächlich aus gebranntem Gerstensaft bestehenden Getränk, vervollständigten das Mahl, dem der alte Schlie­ßer kräftig zusprach, während Alexis nur schwei­gend einige Bissen genoß.

Der Alte betrachtete ihn aufmerksam und schüt­telte ein paar Mal nachdenklich den Kopf. Plötz­lich, als ob er zu einem raschen Entschlüsse komme, legte er den Löffel hin, und liebevoll in das schwermüthige Antlitz seines jungen Gefährten blickend, sagte er:

„Alexis, Dich drückt ein schwerer Kummer! Kannst Du nicht Vertrauen zu mir fassen und mir Dein Geheirnniß mittheilen? In der Brust des alten Selnitscheff ist's gut verwahrt und viel­leicht könnte ich Dir helfen mit Rath und That

Es waren fast dieselben Worte, die vorhin Juffuf gesprochen, tinett Augenblick leuchtete es auf in des Jünglings großen Augen, wie von keimender Hoffnung, seine Brust hob sich unter schnelleren Athemzügen, und er öffnete die Lippen, als op er das erlösende Wort sprechen wollte — aber Wen so rasch verlosch der Glanz in seinen Blickji, und traurig den Kopf schüttelnd, sagte er leise, was er (mch dem Tscherkessen gesagt:

„Mir kann Niemand helfen als Gott allein