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JV 282,

Donnerstag, den 9. Dezember.

1886

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Deutsches Reich.

Berlin, 8. Dezember.

* Der Kaiser konferirte heute u. A. mit dem Kriegsminister Bronsart von Schellendorff und empfing später den ruffischen Botschafter Grafen Schuwaloff. — Nachmittags fand bei den Kaiser­lichen Majestäten zu Ehren des Prinzregenten Luitpold von Bayern ein Diner, zu dem circa 100 Einladungen ergangen waren und Abends bei dem Kronprinzlichen Herrschaften aus demselben Anlaß eine größere musikalische Soiree statt. Heute früh traf aus Hannover Herzog Max Emanuel in Bayern hier ein.

* Dem Ernst der europäischeu Lage gab der greise Feldmarschall und Chef des deutschen Generalstabs, Graf v. Moltke, letzten Samstag bei der Generaldebatte über die Militärvorlage im deutschen Reichstage durch Worte Ausdruck, welche weit über den engen Saal hinaus an ganz Europa gerichtet zu sein scheinen. Es war ein Bild von wahrhaft dramatischer Gestaltung, schreibt das ,B. T.', als sich Graf v. Moltke, an den Tisch des Hauses gelehnt, zum Reden an­schickte. Der Kriegsminister und die Mehrzahl der anwesenden Mitglieder des Bundesrathes waren die Stufen zum Saale hinuntergeeilt, die Mit­glieder des Hauses drängten in Mafien nach vorn, so daß eine dichte Kette den Sprecher umgab. Vorahnend fast fühlte das Haus den Ernst der erwarteten Worte, und dieselben waren noch ern­ster, als man sie geahnt hatte. Wer diese Worte mit angehört hat, wer das stille, zurückhaltende Wesen des Feldmarschalls kennt, wer unmittelbar wahrnehmen konnte, welchen Nachdruck Graf v. Moltke in einzelne Theile seiner Steuerungen legte, ohne doch dabei äußerlich aus der gleich­mäßigen Ruhe herauszutreten, die ihm zur zweiten Natur geworden, der mußte sich sagen: Hier steht in seinem ersten Strategen das machtvolle deutsche Reichsheer verkörpert da und erklärt dem ganzen Europa mit gehobener Stimme, daß er bereit sei, in den Krieg einzutreten gegen Jeder­mann, wenn die zwischen den Staaten bis zur Grenze des Erträglichen gesteigerte Spannung nicht baldigst nachlasse. Es klingt aus diesen Worten heraus, daß eine Hoffnung

Magdalena.

Weihnachts-Roman von Carl Armand.

17. Fortsetzung.

Tiefer und tiefer neigte sich die Gestalt des Grafen vornüber, bis er von dem Sessel hinab glitt und aus die Kniee sank. Mit tiefem Auf­stöhnen schlug er die Hände vor das zuckende Ant­litz. — „Von der Erde verschlungen — um die erste Stunde — es gibt doch einen rächenden Gott!"

Stoßweise rangen sich die Worte aus seiner Brust, während Fieberschauer seine Glieder schüt­telten.

„Es gibt einen rächenden Gott," wiederholte er noch einmal mit gellem Aufschrei, dann brach er bewußtlos zusammen.

in.

Achtes Kapitel.

Im Norden der Hauptstadt, in öder, unwirth- licher Gegend, erhebt sich dicht am Ufer eines großen Sees eine düstere, altersgraue Feste, rings von hohem Wall umgeben. Dieselbe ist im Viereck gebaut, das auf den Ecken von einem maffiven Thurme flankirt und im Innern einen geräumigen Hof umschließt.

Gleich einem mächtigen Würfel hebt sich der

zur Erhaltung des Friedens und zur Gesundung der internationalen Beziehungen noch vorhanden sei, nämlich wenn unsere Gegner erkennen, daß wir nicht nur kriegsbereit für den nächsten Augen­blick stehen, sondern daß wir auch gewillt seien, alle Opfer zu bringen, um jedem Gegner mit ver­mehrter Wehrkraft entgegentreten zu können. Die Hoffnung auf eine Möglichkeit der Erhaltung des Friedens, das konnte deutlich anerkannt werden, will auch Graf v. Moltke noch nicht ganz auf- gegeben wissen, aber er erachtet sie im ausdrück­lichen Hinblick auf Frankreich nur noch als eine schwache.

* Gestern ist die zwischen Berlin und Han­nover hergestellte Telephon-Verbindung eröffnet worden. Die Vergütung für die Benutzung der Anlagen beträgt für je 5 Minuten 1 Mark.

* Münster, 2.Dez. Die für die Prüfungen der Studireuden der katholischen Theologie in der Diözese Münster geltenden Bestimmungen sind von der bischöflichen Behörde dadurch wesentlich verschärft worden, daß künftig nicht mehr zwei, sondern drei Prüfungen abzulegen sind, die erste nach dem ersten Studienjahre über die philosophi­schen Fächer, die zweite und dritte nach dem zwei­ten bezw. dritten Studienjahre über theologische Disziplinen. Diese Prüfungen sollen nur zu Ostern stattfinden, wie auch nur zu Ostern Zöglinge in das hiesige bischöfliche Konvikt für Theologie Stn- dirende ausgenommen werden sollen.

* Aus München, 7. Dez. schreibt man der ,Frkf. Ztg.': Die Nachricht Ihres römischen ng- Korrespondenteu über die Verbreitung einer Encyklika in der der Papst seine Ansichten über die kirchlichen Zustände in Bayern darzu- legen gedenkt, wird hier sowohl in Regierungs- kreisen, als auch von sonst gut unterrichteten Persönlichkeiten, die der Regierung fern stehen, stark bezweifelt. Offiziell ist nicht einmal von der Absicht des Papstes, eine derartige Encyklika er­scheinen zu lassen, etwas bekannt. — Die .Allge­meine^ bringt eine Erklärung Döllinger's wonach die jüngst erfolgte Veröffentlichung zweier Briefe des verstorbenen Königs an Döllinger vollständig ohne Wissen und Willen Döllinger's erfolgte.

* Aus Baden, 6. Dez. In Offenburg wurde gestern in der katholischen Stadtpfarrkirche von der

gewaltige Bau aus dem kahlen Schneegefild, und düster und bleifarben wie der wolkenverhangene Horizont über ihm ragt er in die nebeldichte Luft des kalten Novembertagcs hinein.

In dumpfem Geheul braust der Nordsturm um die Mauern und Thürme des von allen Seiten freistehenden Gebäudes und seine wilden, klagen­den Töne bilden gleichsam den gigantischen Wider­hall all' der bangen Seufzer, abie drinnen in den hohen Thürmen unaufhörlich aus zahllosen, ver­zweiflungerfüllten Menschenherzen emporsteigen! Die Bestimmung der düstern Feste entspricht ihrem äußern Charakter: zur Zeit des Kaisers Nikolaus diente sie als Staatsgefängniß für politische Ver­brecher, die dort abgeschlossen von Welt und Menschheit in strengem Gewahrsam gehalten wurden — oft auf immer!

Ein ruffisches Staatsgefängniß! — Ein Grab der Lebendigen! könnte man es bester nennen! Keiner, der nicht zu seinen unglücklichen Bewohnern gehört, vermag sich von der Größe des in seinen Mauern herrschenden Jammers einen Begriff zu machen, und von diesen steigt selten einer aus seiner Kerkerzelle zu Licht und Freiheit empor, um der Welt verkünden zu können, was er gelitten, es sei denn — daß ein Wunder ihn rettete!

Und wie Viele, ja vielleicht der größte Theil der unglücklichen Gefangenen, schmachtet unschuldig

Kanzel verkündet, daß in Folge des Priester mangels nur mehr ein Kaplan hier zur Ver­wendung kommen könne. Ohnehin muß bereits wegen Dienstunfähigkeit des Herrn Stadtpfarrers Geistlichen Raths Pillissier das Pfarramt von Herrn Benefizial Reuschling mitverwaltet werden.

Ausland.

* Paris, 7. Dez. Die Ministerkrisis ist heute an ihrem fünften Tage angelangt, ohne daß Aus­sicht auf ein Ministerium vorhanden ist.

* Sofia, 8. Dez. Wie es heißt, hat Gadban Pascha der bulgarischen Regierung erklärt, die Pforte sei geneigt, die Beschlüsse der Sobranje als gütig anzuerkennen unter der Bedingung, daß ein Ministerium gebildet werde, in welchem auch die Oppositionspartei vertreten wäre und daß der Fürst von Mingrelien als Thronkandidat desig- nirt werde. Die Regierung erwiderte, sie sei bereit, die Personenfrage zum Opfer zu Bringen, die Fürstenwahl stehe aber der Sobranje zu, welche der Wahl des Mingreliers nicht geneigt zu sein scheine.

* Petersburg, 7. Dez. Den hiesigen Redak­tionen ist verboten worden, über die militärischen Vorbereitungen, Truppendislokationen rc., Nach- richten zu bringen. (Fr. Ztg.)

— Bei dem heutigen Banket anläßlich des Georgs-Ordensfestes brachte der Kaiser, zu dem anwesenden General Schweinitz sich wen- dend, einen Toast auf die Gesundheit des Kaisers Wilhelm, als des ältesten Ritters des Georgs, ordens, aus.

Aus Stadt, Provinz und Nachbargebiet.

Fulda, 9. Dezember.

* Soeben, kurz vor Schluß der heutigen Blattes, geht uns die Nr. 278 des .Westpreußischen Volks- blatt' vom 4. d. M. zu, worin ausführlich mit« getheilt wird, daß der „Katholische Volks­verein" in Danzig an unseren Hochwürdigsten Herrn Bischof Georg eine Erklärung abgesandt habe, des Inhalts, daß die von einigen kath. Blättern gegen Se. Bischöfl. Gnaden gerichteten Angriffe entschieden mißbilligt worden seien, und daß der hinter den hohen Mauern! Wie mancher unter den müden, gebrochenen Gestalten, die man zu­weilen unter militärischer Aufsicht auf den Wällen frische Luft schöpfen sieht, stand nicht auf glänzen­der Höhe, von der nicht eigene Schuld, sondern falsche Denunziationen .neidischer Freunde oder rachsüchtiger Feinde ihn hinabgestürzt in die düstere Kerkernacht!

Es war während der Dämmerstunde, die im hohen Norden, wo der Uebergang vom Tageslicht zu völliger Dunkelheit fast unvermittelt eintritt, nur von sehr kurzer Dauer zu sein pflegt. An der niederen Thür der im Erdgeschoß des nörd- lichen Thurmes gelegenen Schließerwohnung lehnte die schlanke Gestalt eines fast noch knabenhaften Jünglings, der mit großen schwermüthigen Augen auf das lebhafte militärische Treiben blickte, das sich momentan durch öas, Ablösen und Aufziehen der Posten in dem sonst so einsamen Gefängniß- Hofe entwickelte.

Der Jüngling trug die Nationaltracht der russischen Landbevölkerung: den halblangen, um die Letzden von einem Lederriemen geschlossenen Rock aßs grobem, mit Schafpelz gefüttertem Wollen- stoff und eine runde, aus gleichem Material gc- fertigte. Mütze. Dii ärmliche, wenn auch nicht un- kleidsame Tracht harmonierte wenig mit dem edlen, vornehmen Schnitt seines für einen Knabn