JV 281.
Mittwoch, den 8. Dezember.
1886
FulLm
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4 Ein Wort über die „schlimmen Zeiten".
(Schluß.)
Es sieht also, wie gesagt, nicht so ro^'g aus im deutschen Reiche, und wenn gereiften Blättern ihre Jammertöne über die schlechten Zeiten, über die nahe Kriegsgefahr und den fürchterlich dräuenden Sozialismus ernst gemeint wären, so hätten sie alle Ursache, dem deutschen Volke dringend an's Herz zu legen, sich durch Ernst, Fleiß und strenge Sitte den Anforderungen der Gegenwart und Zukunft gewachsen und würdig zu zeigen. Aber in dem Punkte hapert's bedenklich. Niemand roiH sich sein Vergnügen und seine gewohnte Sorglosigkeit verkümmern lassen, der Mund spricht von den schlechten, trüben Zeiten, aber die Lebensweise und Lebenshaltung steht dazu im grellem Widerspruch. Wir wollen zur Illustration dieser Behauptung aus dem öffentlichen Leben der Reichshauptstadt Berlin ein Beispiel hier aufführen, welches auf diese Metropole des „Reiches der Gottesfurcht und der frommen Sitte" ein höchst sonderbares Licht wirft. Wie wir aus mehreren Berliner Blättern, u. a. aus dem,Berliner Tageblatt' erfahren, hat nämlich die Polizeibehörde den Besitzern von Tanzlokalitäten die Erlaubniß ertheilt, ihre Lokale in der Nacht zwei Stunden länger als bisher offen zu halten. Welche Erwägungen die Polizei, bezw. den Minister des Innern als den obersten Chef derselben, bewogen haben, die frühere, unserer Ansicht nach aus sittenpolizeilichen Gründen sehr heilsame, Beschränkung wieder aufzuheben, wissen wir nicht. Jedenfalls sind aber diese Er- Wägungen ganz anderer Natur gewesen, als diejenigen, welche jetzt von den Berliner Genußmenschen zur Verherrlichung dieses entzückenden Beschlusses vorgebracht werden. Ein Artikel des jüdischen .Berliner Tageblatt' bespricht nämlich mit einem wahrhaft faunischen Behagen diese „zweckmäßige" Vorschrift.
Wir müssen davon abstehen, die betreffenden Sätze wörtlich unseren Lesern vorzulegen, und uns darauf beschränken, sie dem Sinne nach wiederzugeben. Dort heißt es zunächst, Berlin werde von den reichen Russen und von anderen Nationalitäten, welche auf gewisse zweifelhafte Vergnügen
Wagdalku«.
Weihnachts-Roman von Carl Armand.
16. Fortsetzung.
Verstört schaute er um sich — da fiel sein Auge auf die Gestalt des Reitknechtes, der in der offenen Thüre stand. —
Ein einziger Blick auf die entstellten, schreckensvollen Mienen desselben sagte dem Graf?n, daß es ein Unglücksbote sei, der dort auf der Schwelle zitternd des Befehles zum Sprechen harrte.
Die Kehle war ihm wie zugeschnürt — er vermochte keine Silbe hervorzubringen, nur ein stummer gebieterischer Wink seiner Hand gebot dem Diener, seine Botschaft zu verkünden.
Die Thatsachen, die Graf Konstantin von demselben nur in großen Umrissen wirr und unvollständig erfuhr, wollen wir hier geordnet und im Zusammenhänge berichten. —
Die heitere Stimmung der kleinen Gesellschaft hatte sich während des Rittes mehr und mehr gesteigert, ja bei Gräfin Olga ging fie zuletzt in eine tolle Ausgelassenheit über, der sie fich zuweilen hlnzugeben pflegte, wenn fie wie hier, die Formen und den Etiquettenzwang der großen Welt glaubte abstreifen zu dürfen. In solchen Momenten kam rhre eigentliche Natur, die ganze Wildheit und
besonders erpicht sind, gemieden, weil es so wenig in diesem Genre biete. Selbst die Berliner jeunesse doree (zu Deutsch der liederliche junge Pöbel, soweit er Geld und „Bildung" hat) gehen alljährlich einige Wochen nach Paris, um auszutoben. Die Beschränkung der nächtlichen Tanzerlaubniß (in Berlin giebt es eine Menge solcher Tanzlokale, welche allnächtlich der Prostitution Vorschub leisten) habe, so führt das,Berliner Tageblatt' ferner aus, die Prostitution auf die Straße gedrängt, jetzt hätten die Prostituirten (d. h. die liederlichen Dirnen, deren es in Berlin einige 25,000 gibt), und die ihnen nachstellende Männerwelt doch wieder einen neutralen Boden, auf dem sie sich frei bewegen könnten. Was das „freie Bewegen" anbelangt, so erinnert das Judenblatt hierbei schmunzelnd an ein charakteristisches Bild aus dem alten Berlin des vorigen Jahrhunderts. Dem Ganzen wird die Krone aufgesetzt durch den Hinweis auf die Provinzler und Kleinstädter, welche aus den „engen" sittlichen Anschauungen ihrer Heimath heraus in die Residenz kämen, um sich hier zu „amüsiren". Diesen müsse man schon im Interesse der G e sch ä f t s b l ü t h e Berlins auch etwas bieten.
Dies ist der Gedankengang des Artikels, mit dem das .Berliner Tageblatt' die erwähnte „weitherzige" Maßregel der Polizei begrüßt. Ist eine solche offene Verherrlichung oder wenigstens Beschönigung der öffentlichen Unsittlichkeit nicht geradezu skandalös?. Und wenn der unzufriedene Arbeiter, der hungernde Tagelöhner oder der schlichte Bauer und der einfache Bürger das liest, wenn er sieht ober hört, wie es in Berlin ausschaut, und wie man dort lachend in sittenloser Ausgelassenheit auf einem Vulkan tanzt, — was soll er dann sagen zu den gleichzeitigen Jeremiaden über schlechte Zeiten, über Finanznoth, über Kriegs- und Revolutionsgefahr? Die Worte und die Handlungen stehen zu einander in einem un- lösbaren Widerspruche._________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Dezember.
* Prinzregent Luitpold von Bayern traf heute Vormittag 10 Uhr auf dem Anhalter Bahnhose in Berlin ein, woselbst er vom Kaiser, vom
Ungebundenheit der Russin bei ihr zum Durchbruch, die die Civilisation nur wie mit leichtem Firniß überdeckte.
In scharf pointirter, geistreicher, nur leider allzu frivoler Unterhaltung ließ sie das Brillantfeuer ihres Witzes spielen und die beiden Herren nahmen jeden der hingestreuten Funken auf und gaben ihn in noch cynischerer Weise zurück. Die Bemerkungen Joans streiften oft bis an die Grenze des gegen eine Dame Erlaubten, aber die schöne Frau lachte darüber ohne zu erröthrn und schlug nur, wenn er es zu arg trieb, scherzend mit der Gerte nach ihm.
Den Reitknecht hatte man weit zurückzubleiben geheißen und den kleinen Konstantin beachteten die Drei nicht, der war ja noch ein Kind und mochte sehen, wie er sich allein unterhielt, was der kleine Mann denn auch auf seine Weise ganz vortrefflich that.
Man war, im Eifer der Rede des Weges nicht achtend, in den ödesten und reizlosesten Theil des weitläufigen Besitzes gerathen, wo der von Sümpfen und Mooren unterbrochene Boden nur noch spärliche Vegetation zeigte.
Dort befand sich eine Strecke — das sogenannte Teufelsmoor, die schon manche Opfer gefordert, und die gerade jetzt für den Unkundigen besonders gefährlich werden konnte, da sie unter der leichten
Kronprinzen, vom Prinzen Wilhelm und den übrigen hier anwesenden Prinzen des Königl. Hauses begrüßt wurde. Vor dem Bahnhofe hatten sich Tausende angesammelt. Hochrufe begleiteten die hohen Herrschaften auf der ganzen Fahrt vom Bahnhofe nach dem Kaiserlichen Palais Unter den Linden.
* Der Reichstag überwies in seiner heutigen Sitzung die Vorlage betreffend die Errichtung eines Seminars für orientalische Sprachen au die Budgetkommission, nachdem die Errichtung des Instituts von den Abg. Grad (Eis.) und Dr. v. Cunp (natlib.) befürwortet worden, während die Abg. Klemm (kons.) und Dr. Bamberger (freis.) finanzielle und andere Einwände dagegen geltend gemacht. Dann wurde in der Berathung des Reichshaushaltsetats fortgefahren. Erledigt wurden die Etats des Reichsjustizamts, des Reichseisenbahnamts, des Rechnungshofes, des allgemeinen Pensionsfonds und des Reichsinvalidenfonds, soweit dieselben nicht an die Budgetkommission verwiesen waren. Auf Anfragen der Abg. Dr. Rosshirt (Centr.) und von Bernuth (natlib.) theilte Staatssekretär v. Schelling mit, daß das neue Reichscivilgesetzbuch seitens der dafür eingesetzten Kommission Mitte nächsten Jahres zum Abschluß gelangt und dann in Druck gelegt werden soll, um der öffentlichen Kritik unterbreitet zu werden. Freitag: Etat, kleine Vorlagen. — Die morgige Sitzung des Reichstages fällt wegen des katholischen Feiertages aus. Am Donnerstag Vormittag tritt die Militärkommiftion des Reichstags zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Bei dem großen Interesse, welches die Verhandlungen derselben in Anspruch nehmen und da es wünschens- werth ist, der Kommission einen vollen Tag zur Verfügung zu stellen, fällt auch am Donnerstag die Plenarfitzung aus. Die für Freitag angesetzte Plenarsitzung hat nur mehr eine formelle Bedeutung, sie dient dazu, zu verhüten, daß der Reichs- ag sich, nachdem das erste Interesse an den Ver« jandlnngen der Militärkommission geschwunden ist, nach allen Richtungen der Windrose zerstreue.
* Die Stichwahl im Kreise Mannheim- Schwetzingen hat dem nationalliberalen Kan- üdaten Dissen« den Sieg gebracht; derselbe erhielt 10,439 Stimmen, während dem sozialdemo-
Schneedecke, die gleichmäßig Alles bedeckte, kaum von dem festen Boden zu unterscheiden war.
In langsamer Gangart, zu der die eifrige Unterhaltung sie veranlaßte, näherten sich die Reiter, ohne es gewahr zu werden, dieser Stelle. Augenblicklich bildeten die Pferde das Gesprächsthema Ivan hatte, hauptsächlich um feine schöne Cousine zu reizen und zum Widerspruch herauszufordern, behauptet, das Reitpferd der Baronin X, sei bei Weitem werthvoller und schneller als das ihrige, wogegen Gräfin Olga, die in allen Dingen die Nebenbuhlerin der von ihr bitter gehaßten Baronin war, leidenschaftlichen Protest erhob, während Graf Fedor sich über den Streit der Beiden höchlich amüsirte.
„Ich wette, Dein Pkerd ist überhaupt ein schlechter Renner, es hat ‘reine Ausdauer, ich habe das auf den ersten Blick erkannt und würde Dir, wenn Du mich gefragt hättest, von dem Ankauf abgerathen haben", bemerkte Ivan zuletzt mit boshaftem Lächeln.
Gräfin »Olga hatte das Thier erst vor Kurzem um einen, sehr hohen Preis von einem Händler gekauft und bildete sich nicht wenig auf ihre „unfehlbare Pferdekenntniß" ein.
„Das wollen wir doch sehen", beantwortete fie zornsprühend Ivans letzte Herausforderung. „Setzen wir ein Ziel, und dann will ich Euch im Wett-