JW 280.
Dienstag, den 7. Dezember.
1886
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— mit der
Ein Wort über die „schlimmen Zeiten".*)
Das Bild, welches gerade eben im deutschen Reichstage und nicht minder in der Preffe von den Zukunfts-Aussichten unseres deutschen Vaterlandes und von der höchst traurigen fiv anziel len Lage des Reiches in den grellsten Farben ent» worsen wird, ist gewiß nicht gerade rostg zu nennen. Im Gegentheil, wenn die Pessimisten Recht behalten, so steht uns „in absehbarer Zeit" ein Krieg mit Frankreich bevor, und der gleichzeitige Krieg mit Rußland wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, fast unausbleiblich sein, wenn auch der Herr Kriegsminister in begreiflicher Rücksicht auf die Nerven des Czaren bei seiner Begründung der neuen Militärvorlage jeden Hinweis auf Rußland klüglich unterließ. Wie es mit unseren Reichrfinanzen ausfieht, ist in den letzten Wochen ost genug über- zeugend klargestellt worden, und der beste Beweis für unsere chronische Defizits-Wirthschaft ist die Thatsache, daß die Reichsregierung jetzt alles Ernstes ungezählte Millionen für Militärzwecke verlangt, ohne irgendwelchen Weg zur orvnungs- mäßigen Deckung dieser Schulden vorzuschlagen. Gewiß, Deutschland hat noch viel Kredit, wir können uns noch mit „Anleihen" helfen; aber, wir fragen: wo soll das hinaus? Dazu kommen nun noch die düsteren sozialen Zustände, welche nothwendig einer kräftigen, unverzüglichen Abhilfe bedürfen, wuul nicht der Sozialismus und in seinem Gefolge die Internationale zu einer akuten Gefahr für den Bestand der Staatsordnung werden soll. In sog. „nationalen" Zeitungen lesen wir zwar Tag für Tag lange Jeremiaden über die rapide Zunahme der Sozialdemokratie, also folgerichtig der Unzufriedenheit unter den arbeitenden Klassen. Aber diese Schwätzer übersehen, daß sie selbst und ihre Partei iu jeder Weise den Sozialismus großgezogen, ja daß sie ihm bei der letzten Reichstagswahl sogar noch ein halbes Dutzend Reichstagsmaudate mit Freud m in den Schooß geworfen haben. Ferner zeigen ste sich halsstarrig und unzugänglich, sobald man der Un- zuftiedenheit der arbeitenden Klassen mit durch- grcifenden Mittel abhelfen will. Eines dieser
"Nachdruck »erboten.
gUgbalm.
Weihnachts-Roman von Earl Armand.
14. Fortsetzung.
Der jung« Graf Fedor dagegen und sein Freund 2van genossen die Früchte ihrer Nichtswürdigkeit in vollen Zügen.
Ersterer trat von aller Sorge um seine Schulden befreit, da er als nunmehriger alleiniger Erbe seines Vaters einen unbeschränkten Kredtt genoß, mit dem ganzen stolzen Selbstbewußtsein eines Grand-Seigneur auf und streute das Gold mit vollen Händen aus.
Wenn er in Petersburg war, spielte er hoch und leidenschaftlich und umgab flch stets mit dem raffinirtesten Luxus, und in Grolskoi jagte während sein« Anwesenheit eine Lustbarkeit die andere.
Ivan war sein steter Begleiter; derselbe genoß wie sein Scharfblick richtig vorausgesehen, die weit- gehendsten Mortheile von der Freundschaft des reichen Verschwenders, den er schlau und unbemerkt, auszubeuten wußte und von dem er sich noch mehr Nutzen versprach, wenn erst der alte ®raf die Augen geschlossen haben und Fedor un- beschränkter Herr seines Besitze» fein würde.
Die Schloßuhr hatte eben zwölf Uhr geläutet. Vor dem P»rtale wurden drei prächtig aufge
durchgreifenden Mittel ist die vom Centrum nun schon zum zweiten Male durch einen Initiativantrag (Dr. Lieber und Hitze) in die Hand genommene Arbeitsschutzgesetzgebung. Diese auf praktischen Erfahrungen beruhenden Schutzvorschriften gegen eine übermäßige Ausbeutung der Arbeitskraft und Arbeitszeit, der Frauen- und Kinderarbeit u. s. w. fassen das Nebel da an, wo es den Arbeiter am empfindlichsten drückt, an der täglichen Arbeit selbst, welche, wenn ste ihn übermäßig plagt und schindet, am allerehesten die Unzufriedenheit erwecken und ihr stet» neue Nahrung geben muß. Aber gegen diese höchst zeitgemäßen Vorschläge, welche dazu auch von der ge- sammten arbeitenden Bevölkerung als durchaus nothwendig, zweckmäßig und erstrebmswerth anerkannt sind, beweisen unsere „Nationalen" eine Gleichgiltigkeit und Kälte, welche zu dem sonst üblichen Phrasenschwall im umgekehrten Verhält» niß steht. Wir empfehlen den Herren eindringlichst die häufige Lektüre der beiden kaiserlichen Botschaften, welche bekanntlich u. a. auch eine zweckentsprechende Arbeiterschutzgesetzgebung als eines der Mittel bezeichnet haben um der Unzufriedenheit unter der Arbeiterbevölkerung zu begegnen und so das Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten allmählich entbehrlich zu machen.
(Schluß folgt.)
Deutsches Reick».
Berlin, 6. Dezember.
* Der Reichstag überwies in seiner heutigen Sitzung den Gesetzentwurf bett, den Servittartf und die Klasieneintheilimg der Orte an die Budgetkommission, nahm den Gesetzentwurf bett. die Kontrolle des Reichshaushalts von Elfaß-Loth- ringen für 1886/87 in 1. und 2. Lesung an, erledigte die Denkschrift über die Ausführung der seit 1875 erlaffeuen Anleihegesetze durch Kmntniß» nähme und trat sodann in die Spezialberathung des Reichshaushaltsetats ein. Der Etat des Reichskanzlers und der Reichskanzlei wurde debattelos angenommen. Beim Etat des Reichsamts des Innern theilte Staatssekretär v. Bötticher mit, daß die Ergebnisie der Enquete über die Sonntagsruhe in wenigen Monaten dem Reichstage zugehen würden. Zu einer längeren Debatte gab
zäumte Pferde von den Reitknechten auf und ab geführt — sie harrten der Herrschaft, die für diese Stunde einen Ausritt befohlen.
Nach einer Weile vergeblichen Warten» wurden endlich die breiten Thürflügel zurückschlagen und Graf Fedor führte seine Gemahlin, die lächelnd und plaudernd an einem Arme hing, die steinernen Treppenstufen hinab, über die die dunkelgrüne Sammetschleppe der Gräfin lang nachschleifte.
Gräfin Olga war eine strahlende, dunkeläugige Schönheit, deren blendender Teint und tadellose Gestalt durch das dunkle knappanliegende Reitkleid sehr vortheilhaft hervorgehoben wurden.
Sie schien das zu wisse.:, denn um die vollen rothen Lippen spielte ein stolzes Lächeln, und in dem Augenaufschlag, womit sie eben jetzt zu dem Gatten aufsah, lag fast ein Anflug von Koketterie.
Wie die beiden so mit einander konverfirten, hätte man sie für ein überaus glücklicher Paar halten können, und sie waren es auch, wenn man die gleiche Charakteroeranlagung, die gleichen Neigungen und Schwächen al« Grunbedingung dafür gelten taffen will.
Freilich von jener höhern Auffassung der Ehe, jener tiefem Seelenharmonie, wie sie idealen Naturen Bedürfniß ist, war hier keine Rede — wurde aber auch von beiden Theilen nicht vermißt. Sie lebten, wenn man so sagen darf, nicht
der dem Reichstage vorgelegte Generalbericht bef Fabrikinspektoren Anlaß. Dieser Generalberich wurde von den Abgg. Lingen« (Centr.), Dr. Baumbach (freis.), Heine und Kayser (Soziald.) als unzulänglich bezw. tendenziös bemängelt. Staats- sekretär v. Bötticher konstatirte, daß dem Verfasser des Generalberichtes strengste Objektivität zur Pflicht gemacht worden. Abg. Kalle (nat.) und Dr. Hartmann (kons.) äußerten sich anerkennend über den Bericht, durch welchen den Abgeordneten ein übersichtliches Bild der Thätigkeit der Fabrikinspektoren gegeben werde. Abgg. Dr. Baumbach und Kalle bedauerten, daß der Bundesrath dem Anträge des Reichstages auf Vermehrung der Fdbrikinspektoren keine Folge gegeben. Staatssekretär v. Bötticher konstatirte, daß die Fabrikinspektoren eine landesgesetzliche Institution seien und daß hiernach von Reichswegen in dieser Angelegenheit nicht vorgegangen werden könne! — Morgen orientalisches Seminar, Etat.
* Die Kommission de» Reichstages zur Vor- berathung des Gesetzentwurfs, betreff, die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres hat sich heute konstituirt. Vorsitzender ist Graf Ballestrem (Centr.), stellvertretender Vorsitzender Frhr. von Maltzahn-Gültz (kons.), Schriftführer sind Dr. v. Frege (kons.) und Trimbom (Centr.). Außerdem gehören der Kommission au: Graf von Behr- Behrenhoff, Frhr. von Wöllwarth (Reichsp.), von Helldorff, Graf von Saldern-Ahlimb, von Köller, vonWedell-Malchow (kons.), von Benda, Dr. Buhl, Hobrecht, Dr. Marquardsen (nat.-lib.), Frhr. von Franckenstejn, Dr. Orter er, Dr. Lieber, Frhr. von Huene, Dr. Roßhirt und Dr. Windthorst (Centr.), von Kofcielski (Pole), Frhr. Schenck von Stauffenberg, Dr. Bamberger, Dr. Hänel, Richter, Rickert (freif.), Grillenberger und Hasenclever (Soz.). Die Kommission tritt dem Vernehmen nach Donnerstag zusammen. Wie es heißt, wird sich der Reichstag morgen bis zur nächsten Woche vertagen, um der Kommission Zeit zu ihren Berathungen zu lassen.
* Au» Rom wird dem Reuter'schen Bureau unterm 3. d. gemeldet: „Auf die Einladung des Vaticans hat die hessische Regieruug einge- willigt, Unterhandlungen für die Revision der Kirchengesetze anzuknüpfm. Der Papst unterbreitete
miteinander, sondern nebeneinander: er unterhielt nach wie vor seine kleinen Liaison«: fie kokettirte — und Beide befanden sich bei diesem „sich nicht im Wege stehen" vortrefflich.
War Graf Fedor anbetrifft, so wur er derselbe geblieben, als den wir ihn zuerst kennen gelernt: seine Züge waren nur noch ein wenig farbloser und verlebter geworden und um die Lippen hatte sich ein leichter Zug von Arroganz gelegt, der das hübsche aber energielose Antlitz unangenehm machte.
Dar junge Paar befand sich wie gewöhnlich in Begleitung des Barons Ivan von Surakoff, der wieder einmal zu einem „längeren Besuch" in Grolskoi anwesend war.
Dm Herrschastm folgte der alte Boris, bet das kleine zweijährige Söhnchen de« gräflichen Paares auf dem Arme «ua, da« beim Anblick der Pferde in lebhafte Freudenrufe ausbrach.
„Konstantin mitreiten, Mama — Konstantin mitteitm/ rief da« Kind, die Aermchen nach feiner jugendlichen Mutter au«streckeud, di« eben von ihrem Gatten in dm Sattel gehoben wurde.
Sie lapts silberhell und fragte in fast über- müthigem Tone ihrerz Gemahl;
„Was feinst Du, Fedor, follm wir den Kleine» mitnehmen?" — „Du mußt Papa bitten, bat>