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1886.

Sonnabend, 4. Dezember.

Chri-nachNn^er Rhön.

(1. Fortsetzung.)

Das dreijährige Linchen aber findet gar nicht Worte, das Entzücken auszudi ticken, das ihm eine gro e, wunderschöne Puppe mit „richtigem Haar", welche die Augen öffnen und schließen kann, ver­ursacht.

„Und das hat das Christkindchen für mich 6e» scheert?" ruft freudig überrascht der Oberförster aus, indem er einen schönen grauen Schlafrock mit grünem Kragen und Aufschlägen in die Höhe hält, und warm fängt seine Gattin den herzlichen Blick, auf, der für ihre Güte dankt. Auch hier hat sie mit ihrem Geschenk da« Paffende getroffen, wie sie ja überhaupt jedem gerade seinen Lieblingswunsch abgelauscht hat.

„Aber ich stehe Dir mit leeren Händen heute Abend gegenüber," seufzt mit einem leichten Anflug von Verlegenheit und Aerger der Oberförster, „und ich hatte Dir doch auch eine Freude zugedacht. Einen Blumentisch hast Du Dir schon so lange ge­wünscht Deiner vielen Zimmerpflanzen wegen, des­halb hatte ich einen für Dich beim Holzschnitzer Jakob bestellt. Er sollte recht schön werden; doch nun ist der Bursche ausgeblieben und hat ihn nicht abgeliefert. Ich dachte sicher, er werde heute noch kommen und ihn bringen; denn Jakob ist doch sonst zuverlässig, und der Schnee und das bischen - Kälte können den wetterfesten Gebirgssohn nicht abgehalten haben. Ich bin nun recht beschämt, nichts für Dich zu haben, liebe Frau."

Die Gattin scherzt lachend seinen Verdruß über diese Sache hinweg. Dann treten die Dienst­boten hinzu und stammeln gerührt ihren Dank für die schönen Weihnachtsspenden: die alte Martha hat ein halbes Dutzend starker Hemden und ein Paar warme Filzschuhe erhalten; Peter ein Paar große dicke Handschuhe und eine schöne, neue Pelz­mütze.

. „Ist das Christkindchen von uns fort gleich wieder in den Himmel geflogen?" fragt sinnend die kleine Lina.

„Das Christkindchen fliegt heute Abend von Haus zu Haus und besucht alle guten und artigen Kin­der, die ihren Eltern Freude machen," antwortet die Mutter. „Und überall theilt es seine schönen Sachen aus. Wenn Ihr recht brav und folgsam blerbt, so kommt es auch im nächsten Jahre wieder und beschenkt Euch wieder ebenso, wie dieses Mal. Nun singt ihm aber auch zu Ehren das Lied, das Ihr gelernt habt." Ehrfurchtsvoll stellen sich die Kinder um die Krippe und beginnen mit ihren hübschen, frischen Stimmen ein Weihnachtslied, I ’n das auch die Erwachsenen andächtig mit ein« mmmen:

Es ist ein Ros' entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen; von J-ffe kam die Art, und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht.

Das Röslein, das ich meine, davon Jrsaias sagt, hat uns gebracht alleine Marie, die treue Magd. Aus Gottes ew'gem Rath hat sie ein Kind geboren wohl zu der halben Nacht.

Das Röselein, so kleine, das duftet uns so süß, mit seinem Hellen Scheine vertreibt's die Finsterniß; wahr'r Mensch und wahrer Gott hilft uns aus allen Leiden, rettet von Sünd' und Tod-

O Jesu! bis zum Scheiden aus diesem Jammerthal laß Deine Hzlf' uns g'leiten hin in den Freudensaal, in Deines Vaters Reich, da wir Dich ewig loben. Herr Gott! das uns verleih'!

Feierlich tönen die lieblichen Liedesklänge hin­aus in die stille Wintereinsamkeit. Eine hehre, weihevolle Stimmung hat sich auf die Gemüther gelegt, die ein beseligendes Gefühl reiner Gottes­und Nächstenliebe durchdringt und wie ein gemein­sames Band Herrschaft und Gesinde umschlingt. Wie verklärt strahlt das Antlitz der Mutter, die, auf dem Arme das Jüngste, das mit beiden Hände verlangend nach den hellen Lichtern reicht, still und innig beglückt im Kreise der Ihrigen steht.

Jetzt ist sie überreich belohnt für alle die Opfer und Mühen, die sie gebracht, für die Stunden, die sie d.m Schlafe entzogen, um sich Vorbereitungen zu widmen, die dieses schönste aller Feste so lieb­lich verherrlichen sollten.

Und der Oberförster, der so selten etwas von „Empfindungen" zeigt, aber unter einer anscheinend strengen und rauhen Außenseite doch ein so tiefes, warmes Gemüth birgt, wie hat es auch ihn so feit« sam bew gt! Nachklänge aus der eigenen Kindheit sind es, die seine Seele jetzt durchtönen und ihm erbleichende Bilder herauf zaubern.

Mit gerührter Freude blickt er nach seinen Kin- dern und er weiß, daß die Eindrücke, die diese heute mit ihren reinen Kinderherzen erfassen, auch in ihnen als glanzumfloffene Erinnerungen lebens­lang fortleuchten und den Sinn zum Guten be- fruchten werden.

Endlich mahnt er, daß es Zeit sei, die Betten aufzusuchen; wenn es auch den Kindern hart er­scheint, von den wunderhübschen Spielsachen sich zu trennen.

„Wir muffen jetzt nothwendig einige Stunden schlafen," sagt er bestimmt, „denn frühe in der Nacht müssen wir uns auf den Weg zur Christmette machen."

„O Vater! laß mich mit in die Christmette!" bittet flehend der kleine Fritz.

„Du Knirps willst schon mit in die Mette?" fragt der Vater, indem sein Blick wohlgefällig den frischen, kernigen Knaben mißt. „Nun, der Schnee ist fest und hart gefroren — stecken wür­

dest Du uns da nicht drin bleiben," fügt er wie zögernd und überlegend zu.

„Darf ich, Papa?" ruft Fritzchen mit leuchtenden Augen.

„Ich bitte Dich, Mann! laß den Jungen hier," fällt nun rasch die Mutter ein, um dem Vater die Einwilligung abzuschneiden. „Fritz ist ja noch viel zu klein, um mitten in der Nacht und Wmterkälte einen solchen Weg zu machen."

„Nun, was ein tüchtiger Forstmann werden will, muß sich schon bei Zeiten an Wind und Wetter gewöhnen," lächelt der Vater, der schon halb für den Wunsch seines Aeltesten gewonnen ist, und der kleine Schelm fährt so lange mit Bitten fort, bis beide Eltern endlich einwilligen.

Noch wenige Augenblicke, und erloschen ist der Lichterglanz, verrauscht und verklungen Kindeijubel und Festesfreude. Tiefe Sülle deckt oas Forsthaus, und leise schreitet die hochgebenedeite Gnavenstunde heran. — (Fortsetzung folgt.)

♦ ♦

An die richtige Adresse.

Weihnachts-Erzählung von A. Zingeler.

(2. Fortsetzung.)

So wohlwollend und freundlich diese Versiche­rung auch gegeben wurde, schien sie das Mädchen doch nicht ganz zu befriedigen. Es zögerte weg­zugehen, schaute bald auf den fremden Herrn, dessen Erscheinung ihm allerdings bedeutenden Eindruck zu machen schien.

„Du hast wohl Angst um Deinen Brief?" fragte der als Postbote auftretende Fremde. „Sei ohne Sorge, mein Kind, und gehe je' t zu Deinen Eltern; es ist zu kalt für Dich," fügte er mit einem mitleidigen Blick auf das dünne, aber reinliche und ganze Kleidchen des Mädchens hinzu.

Die Scene, so kurz sie gedauert, war nicht ohne Zeugen geblieben. Von der entgegengesetzten Seite der Straße näherte sich ein Mann, dessen Kleidung ihn wohl als Dienstmann kennzeichnete. Allem Anschein gemäß gehörte er zu den zuver­lässigsten und solidesten Mitgliedern dieser nütz- lichen Arbeitskiaffe. Es war eine derbe, kräftige Gestalt; das breite, wohlgenährte Gesicht umzog, wie der Rahmen das Bild einfaßt, ein schmaler Bart, wodurch die gutmütigen Züge einen moud« ähnlichen Ausdruck erhielten, der durch die kleinen, lebhaften Augen einen humoristischen Anstrich ge­wann. Die warme Kleidung des Mannes verrieth eine sorgsame Hand, die auf Reinlichkeit und Ordnung hielt.

Als der Dienstmann sich jetzt dem fremden Herrn mit entschlossenem SchrMe näherte, leuch­teten die kleinen Augen so energisch und bestimmt, daß man sogleich auf die Vermuthung kommen konnte, Mesrtin Klößchen sei ganz der Mann dazu, dem angegriffenen Rechte eines Schwachem kräf­tigen BeiMnd zu leisten. Das Mädchen hatte ihn ebenfalls bemerkt und näherte sich wieder, als wüßte es sich unter s feinem Schutze durchaus sicher.

„Nehmen Sie's nicht übel, mein Herr," wandte sich Martin Klößchen zu dem Fremden, mit der