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Sonnabend, den 4. Dezemoer.

1886

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Der feste Thurm.'

(Das Centrum.)

Es ragt ein fester Thurm in deutschen Landen Hoch aus den Fluthen sturmbewegter Zeit. Zum Schutz der Kirche Gottes einst entstanden;

Der Freiheit und dem heil'gen Recht geweiht. Ist er gegründet tief im Fundament Des Glaubens, wie für eine Ewigkeit.

Die Steine sind wir selbst, und die da brennt In uns, die Liebe, bindet das Gestein, Damit kein Anprall seine Fugen trennt.

Doch würde unsre Liebe minder rein, Verderbt durch falsche Klugheit, Weltgetriebe, Dann dürfte nah' des Thurmes Umsturz sein.

O möge Gott erhalten uns in Liebe! — Fällt jener Thurm, dann darf man billig fragen. Was uns an Glaubensfreiheit noch verbliebe?

Die Einigkeit, sie muß ihn ferner tragen. Den Rettungsthurm, den Gott uns hat gegeben In diesm trüben, glaubenslosen Tagen.

Weh' uns, wenn seinen Umsturz wir erleben I N. B.

Deutsches Reich.

Fulda, 4. Dezember.

• In den beiden letzten Nummern der »Germa­nia' wird — abgesehen von der theilweisen Wie­dergabe „des amtsblättlichen Artikels", wel­cher jüngst in der ,Fuld. Ztg.' Gegenstand ein­gehender Besprechung war — die sogen. „Ful­daer Frage" mit keinem Worte berührt, ob­gleich eine Erwiderung auf unfern letzten Mittwochs- Leitartikel seitens der .Germania' schon für den nächsten Tag in Aussicht gestellt worden war. Wir haben den Leitartikel der ,Germ.' „Worauf es ankommt in der Fuldaer Convictsfrage" bereits in unserem gestrigen Blatte der Hauptsache nach i beantwortet, wollen jedoch heute noch Einiges nach­holen, was zur Vervollständigung des gestern schon Gesagten dienen kann.

Aus unserem gestrigen Artikel kann die .Ger­mania' ersehen, daß nicht wir sie mißverstanden , haben, fonbern daß sie uns mißverstanden hat. Es i ist uns nicht eingefallen, jemals diejenigen Convicte. i welche auf Grund des Gesetzes vom 21. Mai 1886 errichtet sind oder errichtet werden, auf das Ver- >

hältniß herabzudrücken, welches vor dem 21. Mai 1886 für die Convicte bestand; sondern wir haben behauptet, seit dem 21. Mai 1886 sei das Fuldaer Convict (wie auch die anderen bischöflichen Convicte, die seither errichtet waren) in das Ver- hältniß hinauf gerückt, welche« jenes Gesetz ge­schaffen hat, und das behaupten wir auch noch trotz der Vorgänge des 9. September d. I., die wir nur als Irrungen und Mißoerständnisie ansehen, und ganz abgesehen von der nunmehr überflüssig geworde­nen Frage, was in der Vergangenheit zweckmä­ßiger gewesen wäre. Diesen Standpunkt hat man in Fulda von Anfang an festgehalten, wie auch dec Germania bekannt sein muß; denn sie bringt am 4. November d. I. aus Fulda die Mitthei­lung, „„daß der Herr Bischof von Fulda die Herbeiführung eine» gemeinsamen Vorgehens in Anwendung des Art. 3 des Gesetzes vom 21. Mai 1886 hinsichtlich aller Convicte beantragt habe,'"' und kommt darauf am 13. November zurück, um daraus mit Recht einen Grund zur Beruhi­gung herzuleiten. Warum blieb -die Germania nicht dieser Auffaffung treu? Wenigstens wird sie doch jetzt einsehen, daß wir auf keinem von ihr verschiedenen Standpunkte in der Convicts­frage stehen, daß wir weder „„Fälschungen'"' be­gangen haben, noch „„Mißverständnisse'"' hegen. Und darum kommen wir immer auf die Frage zurück: Wozu Alles dieses? Wem machen wir mit solchen leidenschaftlichen Angriffen Freude? —

* Der Reichstag trat heute vor überfüllten Tribünen in die erste Berathung der Militär- Vorlage ein. Vorher wurde die Uebersicht über die Reichsausgaben und Reichseinnahmen für 1885/86 an die Rechnungskommiflion überwiesen, nachdem sich Abg. Penzig (natlib.) über die Kontrole der Abgeordneten in Bezug auf die Benutzung der Freikarten beschwert. KriegSministerBronsart von Schellendorff begründete die Vorlage. Es sei augenblicklich keine drohende Kriegsgefahr vorhanden, aber man befindet sich in einer Epoche, in welcher auf eine Dauer des Friedens nicht ge­rechnet werden könne. Wir dürfen uns nicht in Bezug auf die Friedenspräsenzstärke von einem Nachbarvolks überflügeln lasien, welches mit einer gewiffen Begehrlichkeit auf den deutschen Besitz­stand blicke. Es sei dringend erwünscht, daß die

Vorlage, bei deren Aufstellung mit größter Spar samkeit vorgegangen wurde, noch vor Weihnachten erledigt würde. Er bat schließlich um eine ein­stimmige Annahme der Vorlage. Abg. Richter (freis.) erachtete die Motivirung der Vorlage nicht für ausreichend und erwartete weitere Aufklärungen in der Kommiffion. Er bemängelte die zum Ver­gleich mit der französischen und russischen Armee- stärke gegebenen Ziffern und verwies darauf, daß wenn wir von zwei Seiten Angriffe zu befürchten hätten, wir ja auch nicht allein stehen, sondern Oester­reich zur Seite haben würden. Dann motivirte er eingehend die Forderung der Freisinnigen auf Einführung der zweijährigen Dienstzeit und erklärte endlich, daß die Freisinnigen die alljährliche Fest­stellung der Friedenspräsenzstärke für das Richtigste, bei dreijähriger Feststellung derselben aber das Budgetrecht des Reichstags noch für gewahrt hielt. Kriegsminister Bronfart v. Schellendorff er- wiederte auf eine Bemerkung des Vorredners, daß die Ausarbeitung der Vorlage nicht früher erfolgen konnte, weil sie erst durch die Entwickelung der politischen Lage veranlaßt wurde. Weitere Zahlen- angaben über die Armeeverhältnisse unserer Nach­barstaaten würden in der Kommission gemacht werden. Abg. Graf von Salbern-Ahlimb (kons.) beantragte unter warmer Befürwortung )er Vorlage die Verweisung derselben an eine Kommission. Abg. Payer (Volksp.) ist im In­teresse der intensiveren Durchführung der allge­meinen Wehrpflicht für die Truppenvermehrung, aber gegen die dafür geforderten Mehrausgaben. Die Deckung soll durch Einführung der zweijährigen Dienstzeit ermöglicht werden. Er verlangte, daß sie Friedenspräsenz alljährlich festgesetzt werde. Sodann wurde die Weiterberathung auf morgen vertagt.

* „Weß Brod ich esse, deß Lied ich ! singe", auf dieses vom Gelsenkirchener Landrath in den amtlichen Sprachschatz aufgenommene ge­flügelte Wort hat einmal der Statistiker Doktor Engel eine treffende Antwort ertheilt. Der Minister Graf Fritz Eulenburg hielt ihm vor, daß er „des Königs Brod esse" und doch dabei liberal wähle. „Excellenz", erwiderte der selbstbewußte Mann, „ich dachte immer, ich äße mein Brod, welches ich mit schwerer Arbeit verdiene."

Phghlm.

Weihnachts-Roman von Carl Armand.

12. Fortsetzung.

„Steht! im Namen des Kaisers", rief ihm der Anführer entgegen, sein Pferd dicht vor Rurik parirend, so daß dieser mit wildem Satze zur Seite sprang und hoch aufbäumte.

Mit einem einzigen Griff seiner kräftigen Hand hielt Alexander den Hengst im Zügel und salu- ; tute militärisch vor der Oberstuniform der ismai- : lowschen Garde.

„Ich bin Offizier des Kaisers — vom Regiment 1 Veobraschen" sagte er, den Mantel zurückschlagend, i im Tone höflicher Reserve. „Darf ich fragen..."

„Sie sind der Lieutenant Alexander von Orlowsky?" schnitt der andere kurz seine Rede ab.

„Der bin ich."

„So sind Sie mein Gefangener."

„Mein Herr!"

„Ihren Degen! im Namen des Czaren!" vol­lendete kaltblütig der Oberst.

„Und welchen Vergehens klagt man mich an?" j

„Des Hochverrats!" — kalt und schwer fielen ; die wenigen Silben von den Lippen des Sprechers . — sie erinnerten fast an den dumpfen eintönigen j Klang einer zufallenden Kerkerthür.

Alexander neigte mit stolzer Ruhe das Haupt.

„Es ist gut," sagte er, mit hoheitsvoller Be- ! wegung den Degen ziehend und ihn in des Obersten Hände legend. „Die Angelegenheit kann nur auf einem Mißoerständniß beruhen, das sich bald aufklären muß."

„Das wird sich finden. Jetzt bitte ich, mir zu folgen, dort am Walde wartet ein Wagen, der Sie nach Petersburg bringen wird."

Alexander sprang ab; einer der Soldaten wollte Ruriks Zügel ergriffen, , doch der Hengst, dessen Unruhe nur die Hand seines Herrn zu bändigen vermocht, riß sich wild los und stürmte davon, auf dem Wege, den er gekommen.

Der Oberst mochte das Vergebliche einer Ver­folgung einsehen. „Laßt ihn laufen," wehrte er achselzuckend den Soldaten, die Miene machten, Rurik nachzusetzen.

„Gehen wir," wandte er sich bann zu seinem ’ Gefangenen, ber mit gekreuzten Armen ruhig ab» wartenb dastand.

Der Wagen war bald erreicht. Alexander stieg, von dem Obersten und zwei Offizieren, die jeder ein Pistol in ber Hanb trugen, gefolgt, hinein, \ bie Reiter schlossen sich zu dichter Eskorte um ; benselben unb bann ging ber düstere Zug in ! raschem Trabe ber Hauptstadt zu.

Zu berselben Zeit wurde Casimir Boronows '

= friedliche Wohnung der Schauplatz einer wilden

• aufregenden Scene.

Der Priester verrichtete eben vor dem Christus- ■ bilde seine Morgenandacht, als von draußen her stein wüster Lärm ihn aufstörte.

Die Thüre der Blockhütte wurde aufgestoßen stund herein trat von einer Anzahl seiner Knechte gefolgt Graf Konstantin Orlowsky.

j Mit raschem Blick umfaßte des Grafen Auge : den kleinen Raum und blieb mit einem Ausdruck ; glühend verzehrenden Hasses auf dem Geistlichen 1 haften, der bleich aber ruhig und voll edler Würde ! seinem Feinde entgegentrat.

„Kennst Du mich noch, Kasimir Boconow?" höhnte ber Graf, jede Fiber an ihm zitterte vor innerer Erregung, „ich komme um Abrechnung zu halten, hörst Du — Abrechnung von bamals und von heute". J

Er trat dicht vor Boronow hin, so daß sein heißer Athem dessen Gesicht streifte, und fragte mit vor Ingrimm heiserer Stimme:

„Hast Du in dieser Nacht den Grafen Alexan­der Olßowsky mit der — Tochter jenes polnischen Rebelleß getraut?"

»Ja.* *

Dec Graf spielte^ mit seiner Reitpeitsche.

„Und wer hieß Dich, Du Hund von einem Pfaffen, gegen meinen Willen einen rechtgläubigen