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JV 274

Dienstag, den 30. November

1886

JfiilNtr Hl Jdlimg.

©te -Fuldaer Zeitung^ erscheint täglich. Sonn- und Feiertag, ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit bet belletristischen Wochenbett,ge ,«rernr »nS Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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* Die Auflösung des Reichstags und zwar die möglichst baldige Auflösung des Reichstags liegt im Plan der Regierung. Darüber kann, so führt die .Freisinnige Zeitung' aus, kein Zweifel mehr bestehen. Der Regierung sind die im Reichstage bestehenden Ansichten über Militärfragen nichts weniger als unbekannt. Die Regierung weiß, daß für ein neues Septennat im Reichstage nur auf etwa 157 Stimmen zu rech- nen ist, und daß dieser Minderheit eine Mehrheit von 240 Stimmen gegenübersteht. Alle Zufällig­keiten in der Präsenz der Mitglieder vermögen an dieser Sachlage nichts zu ändern. Im Gegen- theil wird die Forderung des Septennats in dem Maße noch unannehmbarer, wie zugleich damit eine Erhöhung der Friedenspräsenzstarke verbun­den ist.

Die Militärfrage aber wird wie im Jahre 1878 das Sozialistengesetz nur den Anlaß zu der Auf­lösung abgeben, nicht aber den tieferen Grund für diese Maßregel darstellen. Der tiefere Grund ist wie damals darin zu suchen, daß dieser Reichstag nicht so viel Steuern und Monopole zu be­willigen bereit war, wie der Kanzler von ihm ver­langt hat.

Bis zur Auflösung im Jahre 1878 waren im Reichstage neue Steuern abgelehnt worden. Die anderweitige Zusammensetzung des Reichstages nach der Auflösung führte dann bekanntlich von 1879—1881 zu einer Erhöhung der Steuerlast um nicht weniger, als 130 Millionen. Auch der gegenwärtige, 1884 gewählte Reichstag fjatl&öo neue Zölle, Börsen und Stempelsteuern zum Ge- sammtbetrage von etwa 50 Millionen Mark be­willigt. Ja, es würde sich, wie aus den Erklär- nngen der Centrumspartei im Juni dieses Jahres zu entnehmen war, unter Umständen noch für weitere Erhöhungen der Steuerlast um etwa 70 Millionen Mark in Form einer neuen Brannt­weinsteuer eine Mehrheit zusammengefunden haben. Dies alles aber ist der Regierung noch bei wei­tem nicht genug. Sie braucht noch Hunderte von Millionen. Rur in Form von Monopolen können die sich fortgesetzt steigernden Finanzbe­dürfnisse für die maßgebende Wirthschaftspolitik zuletzt bestritten werden. Eine richtige Monopol-

Megdaleia.

Weihnachts-Roman von Carl Armand.

8. Fortsetzung.

Als vor längerer Zeit die junge katholische Gemahlin des jetzigen Grundherrn im ersten Jahre einer überaus glücklichen Ehe plötzlich starb, hatte sie vor ihrem Tode ihren Gatten um An­stellung eines Geistlichen für seine katholischen Unterthanen gebeten. Derselbe ließ in Folge die­ses Wunsches die halbverfallene Waldkapelle re- stauriren und schuf bei derselben den Posten, um den sich Kasimir Boronow, damals noch sehr jung, bewarb und denselben mit aufopfernder Pflicht­treue ausfüllte.

Unermüdlich widmete er, ein echter Priester des Herrn, all seine Zeit und Kräfte den Unglück­lichen, zu deren Trost er bestellt war, er darbte selbst, um ihnen außer der geistlichen noch hier und da eine materielle Unterstützung zuzuwenden, und nicht Sturm noch Schnee vermochten ihn von seinen Samaritergängen abzuhalten.

Er beschränkte sich indeß nicht nur darauf, durch seinen milden beredten Zuspruch ein Seelenarzt sei­ner Schutzbefohlenen zu sein, auch ihre körperli­chen Leiden suchte er zu lindern, indem er, gestützt , auf reiche Kenntnisse in den Naturwissenschaften, '

Mehrheit zu erlangen, das ist der eigentliche Zweck der Auflösung.

Auch sonst bestehen ja freilich noch allerlei Wünsche und Projekte, beispielsweise in Bezug auf Verfassungsrevifion, Aufhebung des geheimen Wahlrechts u. dgl. Verschafft eine Auflösung dem Kanzler im Reichstage eine ihm unbedingt ergebene Mehrheit, ähnlich wie er sie gegenwärtig schon im Abgeordnetenhause besitzt, so steht der Verwirklichung aller dieser Pläne nichts mehr entgegen.

Vielleicht auch nicht einmal ein Regierungs­wechsel; denn wenn bei einem solchen, wie die Conservativen befürchten, das parlamentarische Regierungssystem in Frage käme, so würde der Kanzler in der Lage sein, sich für seinen Willen auch auf eine ihm ergebene parlamentarische Mehr­heit berufen zu können.

Wann wird die Auflösung erfolgen? Der Kanzler hat offenbar mit dieser Auflösung dieselbe Eile wie mit allen seinen Vorlagen. Als Grund für seine Eile gab er bekanntlich im Reichstage schon im März dieses Jahres an, daß er nicht wiffe, wer in der nächsten Zeit noch lebe.

Die Auflösung kann erfolgen entweder gegen Neujahr oder Anfang Februar. Bis zum 1. April ist eine neue Etatsfestsetzung erforderlich. Eine Auflösung vor Neujahr würde eine Fest­setzung des Etats durch einen neu gewählten Reichstag bis dahin ermöglichen. Erfolgt dagegen die Auflösung nicht vor Neujahr, so muß der b& AStsberaHung „erjt lich. Auch wird die entscheidende Abstimmung über die Militärfrage vor Neujahr keinesfalls erfolgen. Andernfalls würde man sicherlich wieder, wie bei der letzten Monopolvorlage, den Vorwurf gegen die Mehrheit vorbringen, daß die Vorlage ohne nähere Prüfung und Untersuchung abgelehnt worden sei. Indeß wird sich der Zeitpuukt einer möglichen Auflösung sehr bald nach der Eröffnung heraus- stellen. Bei einer Auflösung vor Neujahr würden die Neuwahlen anfangs Februar, bei einer Auf­lösung zu Anfang Februar im Laufe des März zu erfolgen haben. In jedem Falle wird zwischen der Verordnung über die Auflösung und dem Wahltage wie 1878 ein Zwischenraum von aus heilkräftigen Kräutern und Pflanzen, die er sammelte, stärkende Arzneien bereitete und in die elenden Hütten der armen Leibeignen trug, wo er stets wie ein Engel des Trostes erschien und fast wie ein Heiliger verehrt wurde.

Auf solchen Gängen wurde er meist von Mag- dalena begleitet, deren Kindheit er behütet und die an ihm stets einen warmen , treuen Freund besessen. Sie half ihm auch beim Einsammeln der Kräuter und war nicht glücklicher, als wenn sie für eine kurze Zeit aus dem kalten, düstern Schlosse in die ftiedliche Priesterwohnung flüchten und in die milden, tiefen Augen des edlen Geist­lichen schauen durfte.

Es war kurz vor Mitternacht.

In Kasimir Boronows niederem Zimmer brannte auf dem hölzernen Tische ein einfaches Talglicht, und er selbst saß von dem flackernden Schein desselben ungewiß beleuchtet und sortirte sorgsam ein vor ihm liegendes Pflanzenbündel.

Zuweilen sah er von seiner Arbeit auf, zu einem an der Wand ihm gegenüber hängenden Christusbilde und bewegte dabei die Lippen in leisem Gebete.

Ein schräger Streifen silbernen Mondlrchtes fiel seitwärts durch eines der kleinen Fenster und floß verklärend über des Erlösers schmerzliche und - doch so erhabene Züge, die segnend auf den ein- -

mindestens sechs Wochen liegen, da d'e Wählerlisten sich kaum innerhalb vierzehn Tage aufstellen laffen und zwischen dem Beginn der Offenlegung der Listen und dem Wahltermin ge­setzlich mindestens vier Wochen liegen muffen.

Deutsches Äeich.

Berlin, 29. November.

* Der Kaiser hat heute Nachmittag das Prä­sidium des Reichstags empfangen und dabei, wie officiös gemeldet wird, Veranlaffung genommen, persönlich die Gründe für die neue Militär­vorlage in längerer Rede zu entwickeln und die Annahme derselben dem Reichstage an's Herz zu legen. Die Beziehungen des Reichs zu den Nachbarstaaten seien durchaus befriedigend und freundlich; gleichwohl aber sei es die Pflicht Deutschlands, in seiner militärischen Rüstung hin­ter den andern Großstaaten, die es zum Theil schon überflügelten, nicht zurückzubleiben. Und deshalb erweise sich die Organisation unserer Ar­mee in der Form des neuen Entwurfs als eine unabweisbare Nothwendigkeit. Von anderer Seite wird noch mitgetheilt, daß Se. Majestät darauf verwiesen habe, wie in anderen Ländern ähnliche Vorlagen ohne Schwierigkeiten durchgingen. Auch stellte der Kaiser noch besondere Einzelmittheilun­gen über die Armeeverhältniffe anderer Länder durch den Kriegsminister in Aussicht. Bezüglich der auswärtigen Situation drückte der Kaiser, wie berichtet wird, nicht nur den Wunsch, sondern auch die Hoffnung, auf Erhaltung des Friedens agI. den Sitzungen des Provinzial-Landtags nach Han­nover begeben, gedenkt aber zeitig genug zurückzu­kehren, um an den Militär-Debatten theilzunehmen.

* Bei der Spiritusbrennerei ist, wie die Zeitschrift für Spiritusindustrie auf Grund der Nachweise über die Ergebniffe der Einnahmen aus der Branntweinsteuer in den Monaten August, September, Oktober konstatirt, die Produktions­einschränkung thatsächlich eingetreten. In den ersten drei Monaten dieser Campagne betrug die Steuer gegen 1885 circa 30, gegen 1884 circa 18 Millio­nen weniger. Bei der Annahme einer Ausbeute von 8,2 Procent entspricht die weniger gezahlte Steuer gegen 1885 einer Minderproduktion von

samen Mann herabzublicken schienen, der in Gebet und Arbeit die heilige Christnacht durchwachte.

Plötzlich tönte von außen her näher und näher kommender Hufschlag in die tiefe Stille des engen Raumes; Kasimir Boronow hob lauschend den ausdrucksvollen Kopf: kein Zweifel, ein Reiter hielt vor seiner Hütte, schon schlug ein lautes Wiehern an sein Ohr. — Er sprang auf und eilte, dem nächtlichen Besucher, wer immer es auch sei, seine gastliche Thüre zu öffnen.

„Jst's möglich — Graf Alexander? tief er in höchster Ueberraschung, als er deffelben ansichtig

wurde.

Dieser hatte sich schon vom Pferde geschwungen und auch Magdalena herabgehoben, die zum Schutz gegen die intensive Kälte der Dezembernacht dicht in Alexanders Mantel gehüllt, von Boronow für einen jüngeren männlichen Begleiter deffelben ge- halten wurde. J , j

Alexander mußte seine hohe Gestalt tief herab­beugen, als er, den Arm um seine junge Braut geschlungen, durch die niedere Thür über die Schwelle 6er Blockhütte trat.

„Willkommen Herr Graf unter meinem Dache," sprach B«onow, der Rurik notdürftig unterge- bracht, und streckte seinem Gaste mit warmer Herzlichkeit- die Hand entgegen.

Alexander umschloß dieselbe mit festem Druck.