Sonnabend, 27. November.
1886.
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ehristlicht in der Wn.
Nachdruck verboten. M
Winter ist es, strenger, eisiger Winter.
Das einsame Forsthaus hoch oben im Rhönge- birge liegt still und öde, gleichsam wie vergraben in den ungeheueren Schneemassen, die eintagelang währendes dichte« Schneegestöber aufgethürmt hat.
Unermüdlich halte der bewölkte Himmel die weißen, weichen Flocken herabgestreut. Jetzt endlich hat er aufgehört und mit krystallener Klarheit blickte er nun herab auf die weite, stille Gebirgsnatur, die so großartig ruhig, in ihren bleichen Schneemantel gehüllt, daliegt.
Was ein Winter in der Rhön heißen will, weiß nur Jener, der ihn dort erlebt hat, und wohl ohne Uebertreibung behauptet daher ein Kenner des höchsten Nordens, daß man, um den nordischen Winter zu studieren, die weite Reise aus Nordkap ober gar nach der sibirischen Tundra fich sparest könne — ein Besuch der heimatlichen Rhön zeigt den Winter in voller Großartigkeit entfaltet.
Und es ist ein langes Regiment, das er hier führt.
Bis tief in den „wunderschönen" Monat Mai behauptet er seine Herrschaft und drückt erbarmungslos die armen Rhönbewohner, denen die Natur so äußerst karg und stiefmütterlich h der Unfruchtbarkeit der Bodenbeschaffenheit sich erweist, und die trotzdem mit so rührender Treue an ihrer felsigen ober moorigen Scholle hängen.
Es ist ein merkwürbiges Stück Gebirgswelt, bie« ses vielverschrieene Rhöngebirge; aber es ist von einer so interessanten Eigenart, daß es sich wohl der Mühe lohnt, es näher kennen zu lernen.
Kahle, düstere Berghöhen; seltsam aufeinander gethürmte Basaltmasien; wild zerklüftete Schluchten und Flußtyäler; ausgedehnte von grünem Wassermoos überzogene Moore und Sümpfe, — aus denen das Ohr eines Sonntagskindes zuweilen noch ein fernes, dumpfes Läuten von dort versunkenen Städten vernimmt — ober weite, öbe Strecken, I wo kein anderer Wachsthum, als eine von den hier ständig lagernden Wolken und Nebeln gebildete kümmerliche Moosdccke; — dies zusammen bildet einen Landschafts-Charakter, der allerdings und mit Recht ungemein traurig und melancholisch genannt werden darf.
Ungleich freundlicher zwar nach Bodenbeschaffenheit und landschaftlichem Ausdrucke als die sogenannte „hohe Rhön" erscheint der Theil des Ge« । birges, der den Namen „Vorderrhön" führt — \ — eute imposante Gruppe mit vereinzelten, scharf ! geformten Bergkuppen, bereit stolze Häupter bie altehrwürdige Bonifatiusstadt Fulda grüßen.
Reichen Feldbau findet man hier, voller bemal- | betet sinb die schönen Berge, die, wenn sie zur Sommerszeit in ihrem grünen, duftigen Blätterschmucke dastehen, wohl auch zauberische Landschafts« bilder von lieblicher Schönheit erschließen, die manchen fahrenden Maler lange hier feffeln.
Jetzt aber ist es Winter, kalter, eisiger Winter. In öder Einförmigkeit liegt die erstarrte Natur, die kein Lebenston durchzieht.
Nur der Brunnen vor dem Forsthause, der sorg
sam mit Stroh umwunden ist, rauscht langsam und sicher wie im Traum fort, und langsam und leise rinnt das Wafler über den steinernen Behälter, der es sonst aufzunehmen pflegt, der aber heute bis obenhin mit Eis gefüllt ist.
Wie um Erbarmen flehend strecken die Bäume die schneebelasteten Aeste in das Dunkel des Winterabends aus; nur manchmal ist es, als ob ihnen ein bang zitternder Klageton entfahre, wenn die grimmige Kälte ihnen mit grausamer Hand die schützende Rinde zersprengt und der eisige Hauch ihr innerstes Lebensmark tödtend berührt.
Wie viel bester hat es doch da ihr Waldgenoste, den gestern die Axt gefällt und der jetzt da drinnen steht im behaglich durchwärmten, traulichen Wohnzimmer!
Wie prangt er in buntem flimmernden Schmucke! Wie strahlt er in lichtem Kerzenglanze!
An seiner Spitze schwebt ein Engel, der trägt in der Hand ein Fähnchen, und auf diesem stehen die Worte: „Gloria in excelaig DeeJ“
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!" —
Es ist der hohe, gnadenreiche Friedensgruß, der heute vom Himmel zur Erde und von der Erde wieder aufwärts zum Himmel tönt; denn wieder ist es erschienen, das hochgebenedeite Fest der Christenheit, das mit seinen Tannenreisern und strahlenden Lichtern in die Oede der Win'.ernacht so wunderlieblich grünt und leuchtet, ersehnt und erwartet von Millionen kleiner und großer Herzen.
Die letzte Kerze ist angezündet und der duftende Weihnachtsbaum, besten Aeste unb Zweige unter ber Last ihres Schmuckes sich beugen, steht nun in glänzender Vollendung da. Die reichen Lichtwellen, die seine zahllosen Kerzen ausströmen, über« fluthen mit lichtem Schein die kleine Krippe, die in schlichter, anspruchsloser Darstellung bie Geburt bes Welterlösers veranschaulicht.
Wie geschmackvoll sind die einfachen Wachsfiguren gruppirt; die heilige Jungfrau, bie voll himmlischer Mutterfreude und voll tiefer Demuth das Haupt herabneigt über das liebliche Kind, das so arm und hilflos auf dem Stroh liegt und doch ber Welt das Heil bringt; ber ernste,- bärtige Joseph, ber in andachtsvoller Betrachtung auf seinen Stab sich lehnt, und etwas weiter abseits die frommen Hirten, die auf des Engels Ruf herbeieilen mit ihren Gaben. Ochs und Eselein vervollständigen die Staffage.
Es ist eine schöne, katholische Sit!e, diese Krippen, die in vielen Gegenden den Weichnachtsbaum ganz vertreten, und bie immer, selbst wo die bilb- liche Darstellung den Anforderungen der Kunst noch so fern bleibt, ein sinnig gläubiges Gemüth tief ergreifen.
Noch einen Blick wirft jetzt die Mutter, die Alles so sinnig und bedeutungsvoll angeordnet hat, auf Christbaum und Krippe, noch einen Blick auf die hübschen Sachen, die zierlich ausgebreitet auf dem weißgedeckten Tische liegen! dann ergreift sie mit freudig stolzer Befriedigung die Schelle.
Älingelingeling! —
Die Thüre geht auf. Jubelnd stürmt es herein, und mit weckgeöffneten Augen stehen die Kleinen jetzt vor der blendenden, funkelnden Herrlichkeit.
Freudige Ausrufe der Verwunderung ertönten dann aber strecken sich die kleinen Hände hastig nach den für sie bestimmten Geschenken, die sie rasch herausgefunden, aus.
„O, welche wunderschön' Vogelflinte! — und ein kleiner Hirschfänger und sogar ein Pulverhorn!" ruft mit leuchtenden Augen der überglückliche kleine Fritz aus, ber ein Förster wie der Vater werden will. „Jetzt kann ich den Vater schon auf die Jagd begleiten. Hurrah! — jetzt kann ich auch Hasen und Rebhühner schießen," und jubelnd hängt er bie funkelnagelneuen ungefährlichen Jagdwaffen um.
„Nein, seht nur, welch' prächtiges Schaukelpferd mir das liebe Christkind bescheert hat!" ruft Max dazwischen. „Gerade ein Schaukelpferd habe ich mir ja gewünscht. Und Bleisoldaten sind hier, zwei große Schachteln voll, sogar eine Seeschlacht ist dabei."________________________(Fortsetzung folgt.)
An die richtige Adresse.*)
Weihnachts-Erzählung von A. Zingeler.
Es war ein kalter, aber schöner, heller Wintertag. Die blendend weiße Schneedecke, welche die weite Ebene vom Rheinstrom bis zu den bläulich schimmernden Höhen des Vorgebirges hin einhüllte und den im Herbst bestellten Feldern zum wohl- thätigen Schutz gegen den eisigen Nordwind diente, glitzerte und blitzte in den Strahlen der Sonne, als ob sie mit kostbarem Edelgestein übersäet fei. Der stacke Nebel, der sich in der Frühe herabgesenkt, hatte sich an den Bäumen und Sträuchern unter dem Einfluß der Kälte verdichtet, war zu zierlichen Krystallen geworden und gereichte nun den entlaubten Pflanzen zur prächtigen Zierde. Heber jedem Weiher und sonstigem stehenden Waffertirmpel lagerte eine milchweiß» Eiskruste. Die gefieberten Bewohner ber Fluren schienen verschwunben; die strenge Kälte und Futtermangel trieb sie in bie Nähe ber menschlichen Wohnungen. Nur hie unb da hockte ein magerer Spatz trübselig auf den eisumsponnenen Drähten der Telegraphenleitung und dachte mit Wehmuth an die verschwundenen üppigen Tage des Herbstes zurück; ab und zu ließ eine Krähe mit schwerfälligem Flug sich auf bie weiße Schneebecke herab, von weitem dann dem Tintenklex gleichend, bett ber Schüler auf fein frisches Heft gemacht hat. — Allüberall zeigte sich bie strenge, alles beherrschenbe Gewalt bes Winters.
Das winterliche Bilb schien für einen Reisenden, her sich allein in e^neiy Coups erster Klasse bes Schnellzuges befand) ganz befonberen Reiz zu haben. Trotz der nicht gewöhnlichen Kälte hatte er schon, seit der Zug Brühl verlassen, die einzige Station zwischen Bonn und der rheinischen Metropotz, an welcher derselbe angehalten, da« Fenster löffnet und blickte mit sichtlichem Interesse in die Winterlandschaft hinaus. Je mehr der in hastiger Eile dahinjagende Zug sich Köln näherte, um so mehr schien auch die Aufmerksamkeit des
*) Nachdruck verboten. 1