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JV 272.

Sonnabend, den 27. November.

1886

Die.Fuldaer

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X Aus dem Wahlkreise Hunseld- Gersfeld*)

wird uns unterm 25. d. M. geschrieben:

Die .Fuldaer Zeitung' reproduzirt in Nr. 268 einen Artikel aus dem .Hünfelder Kreisblatt', der es als das harmloseste Ding von der Welt dar- zustellen sucht, daß bci der jüngsten Landtags- ersatzwahl in Hünfeld einerseits die Wahlmänner des Kreises Gersfeld entgegen der ganzen bis­herigen Uebung diesmal zuerst zur Abstimmung aufgerufen wurden, und daß andererseits Land­rath Krekeler, obwohl Wahlkandidat, als Mitglied der Wahlkommiffion fungirte; es muthe sonderbar an, sagt dec Artikelschreiber des genannten Kreis­blattes, aus der Anwesenheit des kandidirenden Landraths im Wahlvorstand und der Voranstel- lung der Gersfelder Wählerschaft den Abfall einer so bedeutenden Anzahl katholischer Wahlmänner von der Sache des Centrums zu erklären. Wir für unsere Person sehen diesen doppelten Umstand bezüglich des thatsächlichen Ergebwsses der Wahl nicht als so gar harmlos an und sind auch der Meinung, daß die Wahlprüfungskommission des Abgeordnetenhauses diese beiden Dinge gleichfalls nicht so harmlos betrachten werde, als man sie hier darzustellen trachtet.

Der Wahlkreis, um heute nur davon zu han­deln, führt die gesetzliche Bezeichnung „Hünfeld- Gersfeld"; ebenso kann die Wahl des Abgeord- neten für diesen Wahlkreis nur zu Hünfeld vor- genommen werden. Der vor der letzten Wahl uns zugMllte Wahlzettel ist uns augenblicklich nicht zu Händen; wir glauben aber uns erinnern zu können, daß im Verzeichnisse sämmtlichcr Urwahl- bezirke des Wahlkreises die des Kreises Hünfeld denen des Kreises Gersfeld ebenfalls vorangestellt sind. Demzufolge erscheint es, wir wollen nicht ge­radezu ^agen, gesetzlich begründet, abermin- heftens ganz selbstverständlich zu sein, daß bei der Landtagswahl die Wahlmänner des Kreises Hünfeld zuerst zur Abstimmung kommen, wenn

*) Anmerk, der Red. Da es z. Z. noch nicht außer Frage steht, ob nicht doch eine Reklamation gegen die Gültigkeit der Wahl an das Abgeordnetenhaus zu richten sei, so dürfte obiger Artikel nebst anderem in un­seren Händen befindlichem Material bei Erwägung dieser Frage gute Dienste leisten.

Magdalena.

Weihnachts-Roman von Carl Armand.

6. Fortsetzung.

„Wehe dem", rief er mit schallender Stimme, der es wagt, sich an seinem Herrn zu vergreifen! Nicht von der Stelle, sage ich Euch! Eine Kugel Jedem, der sich nur noch um eines Haares Breite mir naht!"

Kolchow, in seiner sinnlosen Wuth Nichts ach­tend, wagte dennoch den verhängnißvollen Schritt — da, noch ehe Alexander die Waffe losgedrückt, machte ein Anderer ganz unerwartet dem Kampfe ein Ende, noch ehe er begonnen: Greif, der Bern­hardiner !

Von Allen unbemerkt, war er durch die offene Thür hereingekommen und nun, seinen Herrn be­droht sehend, warf er sich mit wüthendem Gebell auf den Angreifer und warf ihn, die mächtigen Tatzen tief in seine Schultern schlagend, zu Boden. Er würde ihn vollends getödtet haben, wenn nicht Alexanders lautes „Laß ab, Greif!" ihn daran ^rhindert hätte; doch mußte dieser, um seinem Befehl Geltung zu verschaffen, bat wüthende Thier, ho« sich ganz in sein Opfer verblffen hatte, ge- waltsam von demselben wegreißen.

Einen Blick der Verachtung warf Alexander noch -

wir auch mit diesem Zugeständniß ebengenannten : Wahlmännern durchaus keinen Vorrang vor denen i des Kreises Gersfeld, und ebensowenig einen ton- ! angebenden Einfluß auf das Ergebniß der Wahl 1 vindiciren wollen. Einsender dieses hat den meisten, ! beinahe sämmtlichen Landtagswahlen zu Hünfeld : als Wahlmann beigewohnt; ohne alle Ausnahme I wurde von jedem Wahlkommissär stets die Reihen« ■ folge gehandhabt, daß zuerst die Wahlmänner des : Kreises Hünfeld, und an deren Spitze die der ! Stadt Hünfeld zur Abstimmung aufgerufen ; wurden, dann erst kamen die Wahlmänner des s Kreises Gersfeld an die Reihe. Bei der jüngsten Wahl nun wurde von der bisherigen vieljährigen Uebung zum ersten Male eine Ausnahme gemacht. Niemand würde es der Centrumspartei verargen können, wenn dieselbe geradezu behaupten wollte, es sei dies mit einer gewissen Absichtlichkeit ge« I schehen. Es war ja bereits geraume Zeit vor dem i Wahltermine bekannt, und konnte dies auch dem j Herrn Wahlkommissär nicht unbekannt geblieben fein, daß die katholischen Wahlmänner des Kreises Hünfeld sozusagen einstimmig den Centrumskandi­daten, Herrn Amtsrichter Wankel zu Weyhers, wählen würden; was insbesondere die Herren

! Wahlmänner der Stadt Hünfeld betrifft, so waren diese mit einem eigenen öffentlichen Wahlaufrufe für Herrn Amtsrichter Wankel eingetreten. Eben­dieselben haben auch bei allen früheren Landtags- wählen, als die ersten zur Abstimmung aufge­rufen, stets mit starker, den Wahlsaal durchtönen­der Stimme, die von ihrer unerschütterlichen Uederzeugungs-Treue Zeugniß tiab, ihr Votum abgegeben, nach ihnen in gleicher Weise, die Wahlmänner der übrigen Urwahlbezirke des Kreises Hünfeld, so daß ohne Zweifel nicht selten manche vielleicht noch schwankende und zweifelhafte katholische Wahlmänner anderer Bezirke dadurch ermuthigt wurden und demzufolge gleichfalls ihr Votum zu Gunsten des Centrums­kandidaten abgegeben haben. Vor der diesmaligen Wahl nun hatte man die katholischen Wahlmänner des Kreises Gersfeld auf alle mögliche Weise be­arbeitet, dem Centrum abtrünnig zu werden und für Landrath Krekeler zu stimmen; nachdem be­reits die Gensdarmerie hierin mehr als ihre Schul­digkeit gethan hatte, bot unmittelbar vor der Wahl

auf den Elenden, der, wie ein gefällter Baum, von den Zähnen des Hundes furchtbar zerfleischt, blutüberströmt am Boden lag. Dann legte er den Arm um Magdalena, die schaudernd die Augen schloß, und führte sie, das Pistol noch immer vor­haltend, an den zitternden Knechten vorüber dem Ausgang zu.

Draußen hatte sich die Dienerschaft, durch die wie ein Lauffeuer sich verbreitende Nachricht von der bevorstehenden Exekution herbeigezogen, zahl­reich versammelt, darunter der alte Boris, der, von Todesangst gefoltert, des Ausgangs der auf« regenden Scene geharrt.

Als Alexander an ihm vorbeischritt, küßte er unter Thränen den Saum von Magdalenens Ge­wand.

Alexander reichte dem treuen Diener die Hand. „Lebe wohl, Alter!" flüsterte er ihm zu. Dann fetzte er ohne Aufenthalt seinen Weg zum Schloß­hof fort.

„Mein Pferd!" befahl er unten 'angekommen einem der Reitknechte.

Eben als Rurik vorgeführt wurde und Alexan­der Magdalenens leichte Gestalt in den Sattel hob, kam der junge Graf Fedor die breite aus den oberen Stockwerken führende Treppe hinab.

Er war eine Viertelstunde vor dem älteren Bru­der im Schlosse angekommen, und nach einer Un-

im Gasthause zum grünen Baum (grün ist ja nach des Dichters Wort des Lebens goldener Baum) zu Hünfeld Herr Landrath Krekeler in einer eigenen, wie es scheint, nur für gewisse Kreise angeordneten Wahlversammlung seine ganze Beredt« samkeit auf, um seine allezeit getreuen, unterthä- nigst gehorsamsten Gemeindevorsteher sammt Anhang auf seine Seite zu bringen. Nach solcher Bear­beitung traten sodann die guten katholischen Wahl- männer des Kreises Gersfeld den schweren Gang . zur Schlachtbank, d. i. zum Wahllokale an. Hätte ! man jetzt die Wahlmänner der Stadt und des ! Kreises Hünfeld, der bisherigen Uebung entspre­chend, zuerst zur Stimmabgabe aufgerufen, die, wie stets, so auch diesmal muthig für den Gen» trums-Candidaten eingetreten sind, so war zwei­fellos zu gewärtigen, freilich für die andere Seite zu befürchten, daß manche, vielleicht viele, katho­lische Wahlmänner des Kreises Gersfeld wieder Muth gefaßt hätten, der Stimme ihres Gewissens gefolgt und für den Centrums - Candidaten einge­treten wären; nun aber mußten letztere zu ihrer eigenen peimichen Ueberraschung zuerst hin zum Wahltisch treten, von wo die feueriaen Augen des gestrengen Herrn Landraths Krekeler ihnen ent- gegenblitzten; was Wunder, daß sie, besonders die allzeit getreue, unterthänigst gehorsamsten Her­ren Gemeindevorsteher, ganz muthlos wurden, die Stimme des Gewissens augenblicklich zum Schweigen brachten, und mit zaghafter Stimme ihren gestrengen Herrn Landrath zu ihrem Ver­trauensmann für den Landtag bezeichneten. Es fei absurd, meint der Artikelschreiber des Hünfel­der Kreisblattes, überlegte Männer für eine Ham­melheerde, die dem Leithammel nachspringt, zu erklären. Aber wir ersuchen den Herrn Verfasser des Artikels im mehrgedachten Kreisblatt, sich einmal den Aufsatz: „Zur Niederlage des Cen­trums im Wahlbezirke Hünfeld-Gersfeld," in Nr. 266 der ,Fuld. Ztg.' anzusehen; da steht aus­drücklich von den fahnenflüchtigen Wahlmännern des Kreises Gersfeld geschrieben: „meist mit er­stickter Stimme entwandt sich das Votum ihrer Kehle, so daß es selbst den Protokollführern un­verständlich wurde und aus der Wahlkommiffion heraus mehrmals zum lauteren Reden aufgefor- dert werden mußte." In dieser kläglichen Hal- terrebung mit dem Vater, der ihm kurz als ein fait accompli die bevorstehende Verlobung Alexan­ders mit der Komtesse Surakoff mitgetheilt, in schlecht verhehlter Erbitterung in seine eigenen Zim­mer hinaufgeeilt, um sich dort ungestört den Zorn- ausbrüchen hinzugeben, zu denen sein heftiges Tem­perament ihn hinriß.

Er selbst hatte sich Hoffnung auf die Hand der Komtesse gemacht, die ihm eine glänzende Zukunft sichern sollte; er liebte Olga von Surakoff und glaubte auch annehmen zu dürfen, daß sie, die in jeder Beziehung zu ihm paßte, seine Neigung er« wiedere. Nun durkreuzte des Vaters Wille alle seine Pläne! Olga, das wußte er, würde sich fügen und sich bett Erben von Grolskoi zum Ge­mahl aufbringen lassen — fr lachte bitter bei bem Gebanken. Unb AlexandetI Nun, ber würbe es vermuthlich ebenso machen, wie hätte er sich auch gegen Graf Konstantins allmächtiges Gebot auf­lehnen sollen? Daß Alexanber burch basselbe viel­eicht noch l härter getroffen würbe, als er selbst, MS fiel feilem Egoismus nicht ein, sein Haß gegen >en Brubei erreichte vielmehr seinen Höhepunkt. Warum mußte berselbe ihm überall „feindlich" jegenubertreten? Er Huberte mit dem Geschick, >aß es ihm keine Waffe gegen den Verhaßten bot, nm ihn verderben zu können. In dieser Stirn mung würde er es vielleicht gethan haben!