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Sonnabend, den 20. November.

V 26(1.

Fuldaer

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— mit der

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Erstes Blatt.

Zur Niederlage des Centrums im Wahlbezirke Hünfeld-Gersfeld.

△ Aus dem Kreise GerS selb, 18. Nov.

„Glänzender Wahlsieg"! Mit diesen Worten meldete man dem konservativen Kas­seler Journal per Telegramm die Niederlage des Centrums. In weiterer Nummer schreibt daffelbe Blatt: „Die „Germania" ist sprachlos geworden." Das Gersfelder Kreisblatt verkündete diesen Sieg als ein Friedenszeichen unter den Confessionen, ruft aber damit zugleich Heiterkeit unter den Kreiseingeseflenen hervor. Mögen sich Katholiken und Protestanten einmal verständnißinnig und ehrlich die Hand schütteln! Der Wahlsieg ist nämlich zu glänzend, als daß er nicht — höchst auffällig erschiene.

In redlichem Frieden leben vorab seit langer Zeit im Kreise Gersfeld alle Confessionen neben einander, Ka­tholiken, Protestanten und Juden, und hat sich auch im Kulturkampf die gegenseitige Beziehung unter dem Volke nicht sonderlich getrübt, weil das Volk den Culturkampf ja nicht geschaffen hat, die­ser auch nicht ein Kampf zwischen Confessionen ist. Protestanten und Katholiken sitzen friedlich mit einander cnft Biertische, man spielt singt und trinkt, raucht und politisirt, Jedem seine Meinung lastend, und übt überall bürgerliche und kirchliche Toleranz, wie es in unserer ehedem baieri- schen Rhön gemüthliche süddeutsche Tradition ist. Und so ist auch im Kreise Hünfeld die Stellung der Confessionen zu ein­ander eine durchaus friedliche. Nur bei den Landtagswahlen finden wir seit einer Reihe von Jahren beide Confessionen des Wahl­bezirks Hünfeld-Gersfeld, wie auch sonst im wei­ten Lande, stets einander gegenüber: die Katholiken auf Seite des Centrums, die Pro­testanten hier früher auf Seite der Liberalen, jetzt auf Seite der Conservativen. So stan­den unverändert auch am 10. ds. sämmtliche Protestanten zusammen gegen die Katholiken. Das hat man sich nie übel genommen, weil man eben Jedem seine Meinung läßt. Deßwegen haben auch die Centrumswahlmänner beider Kreise,

welche den vereinigten Protestanten in der Stärke von 102 gegen 65 überlegen sind, auf gemein­schaftliche Parole die Verkündigung frühe- i rer Centrumssiege durch den Königlichen , Wahlkommistar niemals nnt lauten Bei- ! fallsrufen begleitet, sondern um die politischen i Gegner nicht zu kränken, verließ man jedesmal ! schweigend die Wahlstätte. Erfreulich war es, daß die Conservativen bei der neulichen Nieder­lage des Centrums denselben Takt wahrten. Solches Verhalten zweier konfessionell getrennter großer Wahlparteien ist ein ungleich werthvol­leres Friedenszeichen und ist dem ehrlich den­kenden Volke diese gegenseitige Achtung der Prin­zipientreue viel wohlgefälliger, als das Handrei­chen Einzelner aus verschwommenen Beweggründen.

Wenn wir darum heute ausrufen: Ehre den wackeren Katholiken des Kreises Hün­feld, welche so einmüthig und mannhaft für das Centrum einstanden! — so rufen wir auch: Ehre den Protestanten beider Kreise, welche sich für ihre Sache, wenn auch gegen uns zusammen- schlosten! Aber ein Pfui der Entrüstung kam den Wählern der Centrumspartei auf die Lippen, als sie diese Schaar von 32 Flüchtlingen aus dem Kreise Gersfeld sah. Beim Militär würden solche Leute Ueberläufer heißen und dort dem Standrechte verfallen. Aber — „O liebeHerren glaubt es mir!", — heißt es im Straßburger Liede, und darum Pardon für die armen Söhne der Berge! Zwar nicht blos bei den eigenen CentrumS-Urwählern und denen der Kreise Hünfeld und Fulda, sondern auch bei der Centrums­partei von ganz Deutschland haben diese katholischen Rhöner das allergrößte Aufsehen und den größten Unmuth erregt. Bekundet doch ihr Abfall vor der Außenwelt einen schmählichen Un­dank der Katholiken des Wahlbezirkes gegen das ruhmreiche Centrum und seine hoch­verdienten Führer, aus deffen Initiative oder Mitwirkung zugleich auch alle auf dem Gebiete des Volkswohles liegenden neueren staatlichen In­stitutionen hervorgegangen sind! Allein es darf doch diesen Männern die Schuld durchaus nicht einzig beigemeffen werden.

Es war der Hochdruck von Oben, auf welchen die .Fuldaer Zeitung' bereits hingedeutet hat, welcher die Grenze des Erlaubten wirklich

jöegimlm.

Weihnachts-Roman^on Carl Armanb.

1. Fortsetzung.

Sie waren mittlerweile vor der Wohnung Fe- dors angelangt; Ivan blieb stehen und beobachtete unter den herabgesenkten Lidern hervor die Wir­kung seiner schlau berechneten Worte auf dem Ge­sichte des Andern.

Das Resultat mochte ihn nicht unbefriedigt dün­ken, denn ein diabolisches Lächeln zuckte momentan um die schmalen Lippen.

»Hier müffen wir uns wohl verabschieden?" sagte Fedor, ihm die Hand hinstreckend in be­dauerndem Tone. Er schien die Unterhaltung gern fortgesetzt zu haben.

„Man muß das Eisen schmieden, so lange es heiß ist," dachte Ivan bei sich. „Wie wär's?" gab er deshalb zurück, „wenn Sie mir eines Ihrer Pferde liehen und ich Sie noch ein Stück Weges begleitete? Wir könnten dann noch ein Viertel- flündchen angenehm verplaudern."

„Prächtig, Joan, prächtig! oder befler noch, Eie begleiten mich ganz und bleiben die Nacht auf dem Schlöffe — zu morgen Mittag hat der Graf Eie ja ohnehin geladen."

„Sehr liebenswürdig, Fedor Konstantinowitsch,

doch meine Gegenwart würde nur störend sein heute Abend: Graf Alexander und ich sind nun nun einmal keine Freunde. So lange er fern war, war es etwas Anderes. Uebrigens," setzte er mit einem Seufzer hinzu, „wird es gut sein, bei Zei­ten den angenehmen Aufenthalt entbehren zu ler­nen, später, wenn er einmal der Herr dort ist, werde ich es ja doch müffen."

Fedors Gesicht verfinsterte sich wieder, seinen Lippen entfuhr ein halb unterdrückter Fluch.

„Ueberall ist er mir im Wege," murmelte er, mit dem Fuße stampfend.

Ivan hatte inzwischen die Klingel gezogen und dem öffnenden Diener an Fedoras statt herrisch seine Befehle in Betreff der Pferde gegeben. — Wenige Minuten später ritten Beide in raschem Trabe auf der nach Grolskoi führenden Landstraße dahin.

Ivan wußte die Zeit klug zu benutzen, um durch geschickt in die Unterhaltung gestreute Bemerkungen die Erbitterung des jungen Grafen gegen seinen Bruder mehr und mehr zu steigern und seinen Verdacht wegen etwaiger hochverrätherischer Pläne deffelben noch glaubwürdiger zu machen, ohne in- deß den Schein der Absichtlichkeit auf sich zu laden.

Als er endlich glaubte, genügenden Sprengstoff in dem leicht erregbaren Gemüthe des Gefährten

mehr als streifte. Es war die Furcht vor dem landräthlichen Herrn Wahlkandivaten, deffen En­ergie in Durchsetzung seines Willens allgemein be­kannt ist. Es war das Eintreten mehrerer Gensdarmen des Kreises für die Wahl des Herrn Chefs. Es wurden von ihnen die kathol. Wahlmänner aufgesucht, um diesen die Kandidatur des Herrn Landraths zu empfehlen. Auch wurde dabei die Person des Centrumskandi­daten bemängelt. Aus dem Amtsbezirk Weyhers ging ein Gensdarm hinüber in den Amtsbezirk Hilders und besuchte zu diesem Zwecke die Ort­schaften der beiden Thäler von Dietges bis Batten und von Batten bis Wüstensachsen. Derselbe über­nachtete im fremden Bezirke. Der gedruckte Wahl­aufruf für den konservativen Kandidaten wurde, wenigstens theilweise, gleichfalls durch die Gens- darmerie besorgt; jedoch nicht alle Wahlmänner hatten die Ehre, denselben zu erhalten. — Zur Wahlansprache im „Grünen Baum" zu Hünfeld scheint gleichfalls eine spezielle Ordre ergangen zu sein. Und nun erst in der Wahlkommission der Herr Wahlkandidat selbst!

„O wären wir erst an dem Sttin vorbei!" — so mochte Mancher von ihnen wirren Sinnes mit sich selbst kämpfend seufzen, als das Defiliren am Wahltische begann und er im Begriffe stand, eine geachtete Partei niederzustimmen, wel­cher er eine ganze Reihe von Jahren und doch wohl aus Ueberzeugung angehört hatte, worin er sogar zum Ehrenamt eines Wahlmannes emvorge- stiegen war! Vor sich am Wahltische den Herm Landrath von Gersfelv, im Rücken die Centrums­wähler beider Kreise: das war eine harte P r e s s u r, und meist mit erstickter Stimme entwand sich das Votum ihrer Kehle, so daß es selbst den Protokollführern unverständlich wurde und aus der Wahlkommission heraus mehrmals zum lauteren Reden aufgefordert werden mußte. Ein ein­ziger Gemeindevorsteher des Kreises Gers­feld blieb standhaft, der Landwirth CorsinFülj« ter von Weyhers. Respekt vor seiner Charakterfestigkeit! Vierzehn Gemeindevor­steher fielen um, während ihre Kollegen, die Bür­germeister des Kreises Hünfeld, mit Ausnahme von zweien, welche für den Herrn Landrath von Wegnern stimmten, in der Anzahl von acht dem Centrum treu blieben.

aufgehäuft zu haben, hielt er sein Pferd an — es mochte ihm zweckmäßig erscheinen, Fedor jetzt seinen eigenen Gedanken, denen er die Richtung gegeben, zu überlaffen.

„Es wird Zeit, daß ich umkehre," sagte er, dem Freunde die Hand hinstreckend. „Was Ihre Schuld betrifft, so machen Sie sich keine überflüssigen Sor­gen: wir finden wohl noch einen Ausweg. Kommt Zeit, kommt Rath, und im Uebrigen fröhliche Weihnacht!"

„Wird nicht allzu fröhlich werden," spottete Fe­dor, „ich verspreche mir kein Amüsement auf Schloß Grolskoi, höchstens bei der Kleinen, der Magda­lena, von der ich Ihnen öfters gesprochen. Das Mädchen ist eine Schönheit sogar für meinen ver­wöhnten Geschmack — leider ist sie spröde und stolz wie eine Prinzessin und weiß alle meixe An­näherungsversuche abzuwehren. Nun, Widerstand reizt und die mühelosen Siege werden auch zuletzt langweilig."

„Ich wünsche Ihnen besten Erfolg; nochmals Adieu!"

„Auf Wiedersehen morgen."

Fedor ,ab seinem Pferde oie Sporen und sprengte in raschem Galopp davon. Seine Gedanken ver­loren sich in die Perspektive, die der Versucher ihm eröffnet und die ihm lockend eine glänzende