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Freitag, den 19. November.

Fuldaer

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Die .Fuldaer Zeitung" erscheint täglich, Sonn- und Feiertag« «utgenommen. Bierleljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgelds 1 Rk. 50 Pfg., — mit bet belletristischen Wochenbeilage .Eterue und Blume«' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Ml. 75 Pfg.

Inserat!: Die einf»altize Zeile oder deren Murn 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Fulda, 19. November.

• Die Diskussion über die Hünfeld-Ger S- selber Landlags-Ersatzwahl hat in der Presse solche Dimensionen angenommen, daß es einem verhältnißmäßig kleineren Blatte wie der .Fuldaer Zeitung' gradezu unmöglich wird, die Aeußerungen und Korrespondenzen sämmtlich zu überwachen oder gar in ihren eigenen Spalten zu reproduziren. Ueberhaupt darf in der gegenwär­tigen Fuldaer Krisis, wenn man die Sache kurz­weg so bezeichnen will, nicht vergesien werden, daß die ,Fuld. Zeitung' für bescheidene Verhältnisie einge­richtet ift, und daß ihr nicht nach Art großer Blätter ein Redaktionsapparat zur Verfügung steht, von dem man gewaltige Dinge erwarten darf. Wir thun, was unter den gegebenen Umständen zu thun möglich ist und glauben, das auch bisher in vollstem Maße gethan zu Haden. Was nun die Aeußerungen auswärtiger Blätter über die Hünfel­der Wahl betrifft, so fanden wir schon vorgestern in der ,Köl. Vztg.' eine Correspondenz, deren Einsender wir sofort zu errathen glaubten, denn der Inhalt des Artikels machte in der That, wie das genannte Blatt richtig bemerkte, den Eindruck der Natur­treue. Wir lassen, obgleich wegen Anhäufung des Stoffes etwas verspätet, besagte Correspondenz hier folgen:

„Die Mehrheit der Katholiken im Wahlkreise Hünfeld- Gersfeld stand bisher treu zur Fahne des Centrums, und bedurfte es seit dem Jahre 1870 keiner merklichen Agi­tation, am wenigsten solcher von Fulda aus, um den Centrumskandidaten stets siegreich aus der Wahlurne her­vorgehen zu lassen. Auch die am 10. d. hier stattgefundene Ersatzwahl für den Heimgegangenen verehrten Abg. Rübsam versprach einen sichern Erfolg für den Centrumskandidaten Wankel, um so mehr, als es hieß, der Landrath Krekeler wolle sich nicht als Kandidat aufstellen lassen. Aber nichts­destoweniger wurde ganz im Geheimen durch dem Land­rath untergebene Gemeindevorsteher, die als Wahlmänner im vorigen Jahre gewählt waren, zu Gunsten der noch in letzter Stunde aufgestellten Kandidatur des Landrathes eingewirkt. (In dem zur Mehrheit protestantischen Gers­feld waren schon s. Z. der Landrath selbst, sein Kreis­sekretär und sein Kreisbote als Wahlkandidaten bei den Urwahlen aufgestellt und auch als Wahlmänner aus der Wahlurne hervorgegangen.) Als Hauptmoment zur Em­pfehlung des Landrathes wurde der Umstand benutzt, daß die königl. Regierung der in Poppenhausen in's Leben ge­tretenen Molkerei kürzlich 5000 M. unverzinslich zur Ver-

Magdalena.*)

Weihnachts-Roman von Carl Armand.

1. Kapitel.

Die bleiche Sonne des kurzen nordffchen Winter- tages neigte sich über St. Petersburgs hohen Palästen zum Untergange. Die zahllosen Kuppeln und Thürme seiner prächtigen Kirchen strahlten noch einmal in vielfarbigem Glanze, den das scheidende Tagesgestirn wie einen Feenschleier da­rüber breitete; bald aber erlosch die intensive Farbengluth: die purpurnen und rosigen Tinten verschwammen in ein tiefes Violett, bis "auch dieses von der nun rasch hereinbrechenden Dämmerung verschlungen wurde, welche über die breiten Straßen der Czarenstadt, wie über ihre moor- und wald­reiche Umgebung ihre kalten, schwarzgrauen Schatten warf.

Doch nicht lange währte dieses Dunkel. Ueberall flammte es auf an den langgestreckten Häuserreihen und bald verbreiteten die zahllosen Gasflammen der Laternen Tageshelle in den breiten Straßen. In demselben ging es heute besonders lebhaft zu.

Es war Weihnachtsabend.

Auf den Trottoirs drängten sich geschäftig hin und hereilende, dicht in Pelz gehüllte Gestalten,

*) Nachdruck verboten.

, fügung gestellt hatte; diese Bewilligung wurde als Verdienst Krekeler's den dortigen bäuerlichen Landbewohnern, ins­besondere den Wahlmännern, gerühmt. Dies, sowie die eine Stunde v r der Wahl int Gasthaus zum „grünen Baum" zu Hünfeld gehaltene Wahlrede des Landrathes, in welcher derselbe als Friedensengel sich darstellte, in Entfal­tung seines, bereits nach der »Franks. Ztg.' erwähnten Pro­gramms, ist wohl vor allem die Ursache, daß wir diese beschä­mende Niederlage erlitten Haden. Die Wahl vollzog sich in folgender Weise. Als die Wahlmänner im Rathhaussaale ver­sammelt waren, schlug der Wahlkommissar u. A. auch den Landrath Krekeler als Beisitzer für das Bureau vor. Gegen diesen Vorschlag wurde Protest erhoben und der­selbe damit motivirt, daß die Theilnahme des Landraths und Wahlkandidaten Krekeler an der Leitung der Wahl­verhandlung die vielen Gemeindevorsteher des Kreises Gersfeld beeinflussen müsse. Die beantragte Abstimmung erfolgte durch Hände-Aufheben. Der Einspruch blieb in der Minderheit, wohl deshalb, weil die Vorsteher des Kreises Gersfeld ihrem vor ihnen stehenden Landrath nicht ein Mißtrauensvotum geben wollten. Genug, ber Land- rath saß in dem Bureau, und die Wahl begann. Ent­gegen früherm Gebrauche gaben zuerst die Wahlmänner des Kreises Gersfeld ihre Stimme ab. Es war kaum möglich, eine Stimmabgabe zu hören, so leise erfolgten dieselben, bis die Geistlichen und festgebliebenen Wahl­männer des Bezirks Hilders, sowie die ohne Ausnahme für Herrn Amtsrichter Wankel in Weyhers mit lauter Stimme eintretenden katholischen Wahlmänner des Kreises Hünfeld an die Reihe kamen. So geschah das uns vor­her unglaublich Erschienene! Ich theilte Ihnen diese treue Schilderung der Vorgänge bei der Wahl mit, weil ich dafür halte, daß ungeschminkte Wahrheit das sicherste Mittel ist, die Wiederholung ähnlicher Dinge zu verhin­dern !"

Genanntes Blatt macht dazu folgende sehr richtige Bemerkungen:

„Trifft die vorstehende Darlegegung zu, so glaubt man sich in einem ostpreußischen Mail,'reis versetzt, wo unter den Augen des gestrengen Herrn Landraths oder auch des Herrn Gendarmen der Wahlmann zuweilen vergißt, wer ihm das Mandat gegeben hat und in welchem Sinne ihm das Mandat gegeben worden ist. In einer der er­sten Aeußerungen über die Hünfelder Wahl war von einer möglichen Anfechtung derselben die Rede. Wir wol­len schon jetzt aussprechen, daß wenn die obigen Mitthei­lungen richtig find und nichts anderes noch vorliegt, für eine Anfechtung ganz und gar kein Material vorhanden ist. Es ist gewiß nicht schön, wenn man will, wenig taktvoll, daß der Herr Wahlkommissär den Herrn Land­rath und zwar den kandidirenden Landrath als Beisitzer bei der Wahlhandlung vorschlägt und daß besagter kandi- dirender Landrath sich vorschlagen und wählen läßt; aber eine Beeinflussung, welche einen Grund für die Ungül­tigkeits-Erklärung der Wahl abgeben könnte, vermögen wir in diesem Vorgänge absolut nicht zu finden. Ein nor­maler Wahlmann muß hinreichend starke Nerven haben, um eventuell auch durch das Stirnrunzeln des Herrn während leichte, meist von edlen Pferden gezogene Schlitten pfeilschnell über dar hartgefrorene Pflaster jagten.

An einer Slraßenecke, wo das Gedränge be­sonders stark wurde, lösten sich zwei Personen aus der Menge und bogen rasch in eine breite, seitwärts längs der Newa hinführende Promenade ein, die zwar um die Morgenstunden stets von vornehmen Paffanten beiderlei Geschlechts belebt zu sein pflegte, um diese Zeit aber veihältniß- mäßig einsam zu nennen war.

Die beiden Männer waren Militärs, das ver- rieth schon der abgemeffene taktmäßige Schritt auch ohne die Uniform der Preobraschentty'schen Garde, welche unter den übergeworfenen langen Mänteln sichtbar war.

„Alle Wetter!" rief der eine, größere von ihnen, indem er seinen Arm durch den des Be­gleiters schob, „hier kann man doch einmal auf- athmen und ein verständliches Wort sprechen — ich glaubte schon, darauf verzichten zu müffen für heute Abend."

„Leider kann ich von der günstigen Gelegenheit nicht lange mehr profitiren, Joan", entgegnete der Andere mit einem leichten Seufzer; „ich muß noch nach Golskoi hinausreiten und werbe eilen müssen, um nicht zu spät zu kommen."

„Ah, Sie werden im Schlöffe erwartet?"

Landraths sich nicht bestimmen zu lassen, gegen sein Man­dat zu handeln. Wir haben auch bisher geglaubt, daß in den Wahlkreisen der Centrumspartei die Anwesenheit des Herrn Landraths im Wahlvorstand und die Kandida­tur des Herrn Landraths für den Ausfall der Wahl nicht von Bedeutung sei, wie sich ja oft genug herausgestellt hat. In Hünfeld-Gersfeld scheint's anders gewesen zu sein. — Aus dem Gesagten ergibt sich aber auch die Lehre für die Zukunft ganz klar und bestimmt, unter der Voraussetzung, daß der „Umfall" der zu Wahlmännern ge­wählten Gemeindevorsteher hauptsächlich — es werden ja auch noch andere Momente mitgewirkt haben — den kläg­lichen Ausfall der Hünfelder Wahl verschuldet hat. Der Christ betet täglich: „Und führe uns nicht in Versuchung". Das gilt auch für die Wahlen. Man muß keine mehr oder minder unabhängigen Leute zu Wahlmännern wäh­len, damit sie nicht in Gefahr kommen, schwach zu werden. Wähle man zu Wahlmännern unabhängige, selbstständige Männer, auf die Verlaß ist unter allen Umständen! Die „umgefallenen" 33 aber mögen an jene Arbeiter in den schlesischen, rheinischen und westfälischen Jnduftriebezirken denken, welche für die Centrums - Candidaten ihre Stim­men abgaben, auf die Gefahr hin, von nationalliberalen und freikonservativen Wahltyrannen mit itrau und Kind brodlos zu werden. Das ist doch etwas anders, als ein Bißchen Mißfallen des Herrn Landrathes. Einen Land­rath, und das sagen wir zum Schluß, soll man überhaupt nicht in den Landtag wählen. Der L ndrath gehört zu den unabhängigsten Beamten, gehört zu den sogenannten politischen Beamten, von welchen in dem bekannten aller­höchsten Erlaß betreffend der Wahlen die Rede ist. Da soll man lieber gleich den Herrn Minister selbst wählen, anstatt seine Untergebenen. Das ist das ABC in der Wahlfibel. In Hünfeld-Gersfeld muß man anscheinend damit wieder anfangen. Wir zweifeln nicht, daß der Ver­lauf der nächsten Session des Abgeordnetenhauses dieses Studium erleichtern wird; denn darauf, daß das Cen- trum dem Krekeler Gelegenheit geben wird, klärlich an den Tag zu legen, wie's ihm mit seinem schönen kirchen- politischen Programm gemeint ist — darauf kann man sich verlaffen.

* Wie wir aus der .Germania' ersehen, wird einem mitteldeutschen Blatte in Betreff ver Hun- feld-Gersfelder Wahl Folgendes geschrieben:

Sehr geehrte Redaction! Zur Berichtigung der in Nr. 259 Ihres geschätzten, hier vielfach gelesenen Blattes vom 13. d. von Fulda datirten Nachricht, daß bei der am 10. d. in Hünfeld stattgehabten Ersatzwahl zum preußischen Landtag ein Theil der Centrumsmänner auf Wunsch des Herrn Bischofs Georg für den protestantischen Konser­vativen gestimmt habe, kann ich Ihnen auf Grund einer von dem zur Gegenpartei übergegangenen Gemeindevor­steher und Ausschußmitglied des Gersfelder Kreistages, Herrn I. Seifert dahier, eingezogenen genauen Er­kundigung die zuverlässige Nachricht geben, daß der hochw. Bischof von Fulda den vom Centrum Abgefallenen zu diesem Schritte keinerlei Direktive gegeben hat, noch überhaupt in irgend welche Beziehung pt

„Gewiß, mein Vater würde es mir sehr ver­übeln — es als eine große Rücksichtslosigkeit em­pfinden, wenn ich heute Abend fern bliebe."

„Nun, ein Viertelstündchen werden Sie mir doch noch schenken können, Feodor Konstantinowitsch?"

„Leider nein, — Sie wissen: mein Bruder kehrt heute Abend von seinen Reisen zurück, da muß ich bei der Ankunft gegenwärtig sein."

„Ach, sicherlich, mein Bester — ich will nicht unbescheiden sein: der Bruder geht vor dem Freunde, also Graf Alexander kehrt zurück; — richtig, ich hatte das vergeffen. — Das wird ja ein rühren­des Wiedersehen werden nach zweijähriger Tren­nung!"

Die Worte wurden in sarkastischem Tone ge­sprochen, und der Schein der Straßenlaterne, der in diesem Augenblick voll auf die beiden Wanderer fiel, zeigte ein unangenehmes Lächeln auf de« verlebten Zügen des Sprechenden.

Der Andere zog eine Gnmaffe, die Alles eher als Freude ausdrückte. „Spotten Sie nicht, Joan," sagte er unmuthig, „Sie sollten am besten wisse«, daß ich die Festtage hundertmal lieber hier ta Ihrer und der Kameraden Gesellschaft verlebte als zu Haus, wo alles sich in den steifsten Forme« bewegt. Schloß Grolrkoi ist wahrhaftig kein b*= neidenswerther Aufenthaltsort für einen lebens­lustigen jungen Offizier. Der Vater blickt ewig