Mittwoch, den 17. November.
1886
JV 263.
Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- mb Feiertage aulgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgelds 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochrnbeilaze ,Sterne an# Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
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Weihnachts-Anzeiger!
Wie in den beiden Vorjahren so werden wir auch jetzt wieder als Gratisbeilage zu unserer Zeitung einen Weih- nachts-Anzcigcr herausgeben, der am 27. November, 4., 11. und 18. Dezember erscheint.
Eine für den „Weihnachts-Anzeiger" bestimmte größere Originalarbeit „Christnacht in der Rhön" wird demselben im Kreise unserer ständigen Leser und darüber hinaus eine sehr willkommene und mit Spannung erwartete Aufnahme sichern, so daß die Aufmerksamkeit dadurch auch um so mehr auf die betreffenden W e i h n a ch t s- Jnserate hingelenkt wird.
Wir berechnen diese Inserate pro Zeile mit nur 10 Pf. und bitten um möglichst baldige Einsendung derselben, damit für gefälliges Arrangement Sorge getragen werden kann. Bei wiederholter Insertion wird entsprechender Rabatt bewilligt.
Fulda, im November 1886.
Die Redaktion und Expedition der Fuldaer Zeitung.
„Der nächste deutsch-französische Krieg".
III.
Die drei großen Vertheidigungslirien, welche parallel der Ostgrenze zwischen dieser und Paris gezogen sind, hat man auf deutscher Seite ohne die geringste „Spionage" sehr genau studiren können und seinen Angriffsplan denselben genau angepaßt. Schlimm ist für die Franzosen, daß sie ihre Streitkräfte zur Besetzung der Veitheidigungslruien weit auseinander ziehen müssen und dabei nie wiffen können, wo der deutsche Vorstoß erfolgt. Immerhin haben die Franzosen durch die kunstvolle Anlage eines vielverzweigten Eisenbahnnetzes dafür gesorgt, „daß der Aufmarsch der Heere in den vorbereitenden Stellungen sowie ihrer Vorhuttruppen in den dicht an der Grönze gelegenen Aufstellungen mit einer großen Schnelligkeit bewirkt werden kann, daß jedes befestigte Lager mit jedem anderen unmittelbar und mehrfach verbunden ist, daß hinter der ersten Vertheidigungslinie geeignete Geländethcile für die Zusammenziehung einzelner Heere mit besonderen Bahnen ausgestattet sind, und endlich daß die Verschiebung großer Truppenmaflen auf größte Entfernungen vorgesehen ist". 30 Millionen Franken haben die Franzosen für die Verbefferung ihrer Bahnen ausgegeben; man muß nun abwarten, was sie damit leisten, und ob sie einen ebenso tüchtigen Angriffsplan besitzen wie der vor aller
Wieder vereinigt.
Frei nach dem Englischen bearbeitet. 29. Fortsetzung.
Ich machte eine lebhafte Bewegung, welche den jungen Mann ermuthigte, näher zu treten, und er kam zögernd heran. Jetzt, wo ich ihn mit Muße betrachten konnte, staunte ich über die vornehme Schönheit dieses echt Kynaston'schen Gesichtes. Lichtes Haar umrahmte in dichten Locken seine bleichen Wangen, und seine Augen strahlten in mildem, fast zärtlichem Glanze.
„O fagen Sie mir", redete ich ihn an, können Sie mir gute Nachrichten über das Befinden meines Gatten bringen?"
„Das Bewußtsein ist zurückgekehrt", entgegnete Everard. „Denn er befahl mir, mich zu entfernen, da es mir schwer wurde, sein schweres Leiden anzusehen." Als er bemerkte wie schwer mich seine Worte erschütterten, fügte er eilig hinzu:
„Fürchten Sie nichts, gnädige Frau. Ich hörte, wie der eine Arzt zum andern jagte: er ist ein eisenfester Mann und wird es überstehen."
Gerührt sagte ich dem jungen Manne innigen Dank für seine tröstliche Botschaft und setzte
Augen offen daliegende Vertheidigungsplan ist. Nun ist aber noch der Krieg zur See zu berücksichtigen. Sollten die Franzosen die jüdische Halbinsel, unseren schwächsten Küstenpunkt, mit Einwilligung Dänemarks zur Landung benutzen, dann müßten wir abwarten, wie viel Truppen sie landen; mehr als 60,000 Mann kaum. Diese „würde aber der einstige Nachfolger Falckensteins freudestrahlend als Operationsobjekt begrüßen und nach höchstens acht Tagen in einen mehr zur Kapitulation als zur Wiedereinschiffung geeigneten Winkel manövrirt haben." An den deutschen Küsten und Kriegshäfen harren der französischen Landungstruppen höchst unangenehme Ueberraschungen. „Der Gedanke eines Kolonialkrieges erscheint gar vielen Deutschen ungeheuerlich, aber dieser Gedanke ist in kühnen Köpfen längst heimisch und kann bei günstiger Gelegenheit zur That werden. England verdankt manche seiner besten Kolonieen der vorbereitenden Thätigkeit der Franzosen. Wenn uns diese zwingen, ihre Feinde zu sein, so thun wir wohl, vorkommendenfalls das lehrreiche Beispiel der Engländer nachzuahmen." Der Kriegszustand beiderseits der Vogesen — bemerkt der Verfasser — schädigt nicht nur beide beteiligte Völker materiell; er macht sie schließlich auch beide lächerlich, weil ihre Interessen, wenn man sie nicht in Bezug auf eine Grenzprovinz, sondern im großen Stil beurtheilt, fast durchweg die gleichen sind, und weil somit beide Völker bei jeder europäischen oder sonstigen Krisis wegen ihres Zwiesvaltes sich in das eigene Fleisch schneiden müssen. Es gibt da viele tertii gaudentes, und ihr heimliches Lachen wird schließlich vernichtender Spott. Ein dunkler Drang nach Abhilfe erfaßt immer noch weitere Kreise.
Der Verfaffer meint schließlich, der Waffengang der beiden Völker werde bald nach den ersten Kämpfen, die ein Stehen des Erfolges herbeiführen würden, geschloffen werden; aber ein so gewaltiger Versuch wäre blos mit den trotz aller Schwächen ritterlichen Franzosen zu wagen. In dieser Beziehung scheint uns der Verfaffer doch sehr zu irren. Die Franzosen waren Deutschland gegenüber niemals ritterlich, sie haben nach Deutschland förmliche Raub- und Brandzüge gemacht, sie haben die deutschen Reichsstände — Habsburg fast allein ausgenommen — zum Verrath an Kaiser und Reich Jahrhunderte hindurch systematisch erkauft und das waren gewiß keine ritterlichen Waffen. Vollends in der Gegenwart hat sich im Charakter
bann, eingedenk dessen, was ich noch versäumt hatte, hinzu:
„Verzeihen Sie, Lady, wenn ich in vergangener Nacht mich so unfreundlich benahm; die grenzenlose Aufregung, in welcher ich mich befand —"
Weiter kam ich nicht, denn Lady Kynaston fchnitt mir in freundlichster Weise die Rede ab und forderte mich auf, dem inzwischen ausgetragenen Frühstück zuzusprechen. Wir setzten uns und plauderten, wie wenn wir lange als gute Bekannte miteinander verlebt hätten. Aber zu effen vermochte ich nichts, ein Glas Wein war Alles, was ich genoß.
Zwei Stunden später — eine Ewigkeit für meine Ungeduld — wurde mir enbli^ erlaubt, meinen Gatten zu besuchen. Ich flog die kleine Treppe hinauf. O Gott, welch' ein Anblick bot sich mir dar! Auf dem Bette lag ein todtenbleicher Mann, dessen Stirn von einer breiten Binde völlig bedeckt war. Seine Hände waren nicht sichtbar, die Aerzte hatten sie mit Tüchern umwickelt. Seine lebhaften Augen hatten ihren Glanz verloren, sie starrten mich matt und wehmüthig an. Dieser Anblick, welcher sogar einen gänzlich Unbeteiligten hätte
der Franzosen ein sehr bedauerlicher Umschwung vollzogen. Unter der Herrschaft des „Kulturkampfes" sind die guten sittlichen Traditionen immer mehr geschwunden und die sittliche Verrohung, besonders der höheren Stände, hat große Fortschritte gemacht; dazu kommt der Groll über die Niederlagen von 1870/71, der beständig wach gehalten wird und so sind ruhige Ueberlegungen, Achtung vor den Frauen und den Fremden, Achtung des tapferen Feindes und des ehrlichen Gegners, Haltung des gegebenen Ehrenwortes, so sind überhaupt alle ritterlichen Eigenschaften, die man den Franzosen in früherer Zeit nicht mit Unrecht nachrühmte, immer mehr im Verblassen begriffen.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. November.
* Der Berliner Polizei sind gestern Abend 8000 Exemplare eines in heftigster Sprache ab- gefaßten sozialdemokratischen Flugblatts in die Hände gefallen und mit Beschlag belegt worden. Das Blatt, welches schließt: „Hoch die revolutionäre internationale Sozialdemokratie" ist sofort auf Grund des Sozialistengesetzes verboten worden.
* Welche Gelder das mittelparteiliche Steuerbewilligungs- und Versumpfungscartell der ,Post' kosten würde? Das kann man gar nicht sagen, denn man hat es hier mit unbeftnirbaren Dingen zu thun. Die .Liberale Correspondenz' meint, mit weniger als 100 Millionen würde das militärische Programm des mittelparteilicher: Car. tells nicht erfüllt werden können. Es würde die ganze Erfüllung des Programms der Mittelparteien wahre Unsummen verschlingen.
* Die zwischen Deutschland und Portugal geführten Verhandlungen über Festsetzung der Grenzen in Südafrika sind ihrem Abschluß nahe. Die portugiesische Presse rühmt das deutscherseits bewiesene Entgegenkommen.
* Berlin, 15. November. „Der schwarze Schleier" von Oscar Blumenthal war in der .Schlesischen Volkszeitung' einer abfälligen Kritik unterzogen und gerügt worden, daß der Abe. Dr. Win dt hör st in dem Stück verhöhnt werde. Das veranlaßt Herrn Blumenthal zu folgendem Schreiben an die Redaktion der.Germ.':
Sehr geehrter Herr! Die.Germania' bringt in ihrer heutigen Nummer einen Artikel aus bet .Schlesischen Volkszeitung', in welchem gegen mich ein ebenso herber wie grunbloser Vorwurf erhoben wirb. Ich soll angeblich in meinem Schauspiel „Der schwarze Schleier" in ber Figur bes Dr. Menck, welche von Karl Fränzel als bewegen müssen, rührten mich dergestalt, daß ich mit einem durchdringenden Schmerzensschrei neben seinem Bette niedersank und mein Gesicht in den Kissen verbarg. Ein konvulsivisches Schluchzen erschütterte meinen Körper und drohte mich einer Ohnmacht zu überliefern. Mein Gatte legte seine umwickelte Hand auf meinen Kopf und sagte leise:
„Gute Helene! Noch immer zärtlich und treu nach Allem, was Du durch mich erduldet! Fasse Dich! Wohl leide ich schwer, mein liebes Herz, ich will es Dir nicht verhehlen, aber glaube mir, ich werde nicht sterben. Wie könnte ich es, jetzt, wo wir uns eben wiedergefunden?"
Seine zärtlichen Worte erfüllten mich mit seligem Jubel. Ja, ich hatte ihn wieder; er hatte die Wahrheit meiner Liebe hatte meine Treue erkannt, und seine Liebe zu mir, die nur begraben lag unter der schweren Last eines falschen Verdachtes, hatte sich wieder empor gearbeitet zu neuem Leben. Und in diesem Augenblicke schien es mir, als sei ich seii er Liebe nicht mehr würdig. Denn während e sich verzehrte in der unablässigen Sorge um die Ehre seines Hauses und unter dem Gewichte eines Mißverständnisses seufzte, dem wohl