Parteigenossen im Osten und Westen unseres Vaterlandes. Ein wahres „Verhängniß", „auch das noch" und ähnliche Aeußerungen kennzeichneten die Stimmung, als unter dem Eindruck der jüngsten Tagesereignisse das bedauerliche Wahlresultat bekannt wurde. Wir sind aber dieserhalb nicht untröstlich; wir hoffen sogar etwas dabei zu „prcfitiren" — nämlich eine um so regere Unterstützung unseres Centrumsorgans! In dieser Hinsicht sind wir aus Interesse für unsere gute Sache sehr eigennützig. — Man wird doch bald zur Einsicht kommen, daß ein täglich erscheinendes Blatt wie die .Fuldaer Zeitung' heutzutage für die Katholiken eine unumgängliche Nothwendigkeit ist, und man wird, sofern die Einsicht — fruchtbringend sein soll, auch darnach handeln. Sapienti sat! —
Deutsches Reich.
Berlin, 14. November.
*Der Reichsetatsentwurf 1887/88 schlägt, wie man der ,Fr. Z.' meldet, eine Anleihe im Betrage von 72 Millionen vor.
• Der Prinzregent von Braunschweig, Prinz Albrecht trifft heute früh in Berlin ein und begiebt sich am Montag mit seiner Gemahlin nach Schwerin, um der am Mittwoch dort- selbst stattsindenden Vermählung der Herzogin Charlotte von Mecklenburg-Schwerin mit dem Prinzen Reuß, Heinrich XVIII. beizuwohnen.
• Auf Grund des Artikels 2 des Gesetzes vom 21. Mai 1886 macht der Kultusminister bekannt, daß die philosophisch-theologische Lehranstalt in Trier zur wissenschaftlichen Vorbildung der Geistlichen geeignet sei. Es sind also nun Fulda und Trier genannt, es bleiben noch Paderborn und Hildesheim übrig.
* Der designirte Bischof von Kulm, Dr. Redner, hat um die landesherrliche Anerkennung noch nicht nachsuchen können, da in Rom noch einige Formalitäten zu erledigen sind, ehe die Wahl definitiv wird.
* Der Amtsgerichtsrath Franke in Ratzeburg ist wegen der bekannten Briefaffaire bei der letzten Lauenburger Wahl nicht nur unter Verlust der Umzugskosten strafversetzt, sondern auch zur Herabsetzung seines Gehalts um 300 Mark verur- theilt worden.
Ausland.
* Der König von Belgien hat die in der Thronrede angekündigte Begnadigung der Auf- j rührer bereits vollzogen. Daß er angesichts i des Antrages Croca, der völlige Amnestie ver- ' langt, mit seiner Gnade nicht kargen durfte, falls er bei den Arbeitern seine Popularität nicht gänz- ■ lich einbüßen wollte, lag klar zu Tage. So kann ! es nicht überraschen, wenn sich die Zahl der Be- ■ gnadigten auf die hohe Ziffer von 630 beläuft, i Ob damit das Amnestiegeschrei zum Schweigen ! gebracht wird, ist eine andere Frage. Die jetzt
Sie waren schon ziemlich alt, aber aus einem so festen Stoffe gearbeitet, daß es meinem Gatten nicht möglich war, sie mit den Händen zu zerreißen; glücklicherweise hatte er ein Messer bei sich, mit welchem er die Vorhänge in breite einzelne Streifen schnitt, welche er fest mit einander zu einem langen Stricke verknotete.
Nun war er fertig; er sah mich an mit einem Blicke, aus welchem das Feuer seiner neuerwachten Liebe hervorleuchtete, und von Neuem stürzte ich mich in seine Arme.
„Was willst Du thun?" rief ich leidenschaftlich. „Soll ich mich allein retten, soll ich Dich dem entsetzlichen Tode überlassen? Hugo, laß mich mit Dir sterben. Wir sind versöhnt, jetzt soll uns nichts mehr trennen."
Während ich sprach, begann die starke Thür in allen Fugen zu krachen, die Flammen beleckten sie und drohten ihr schnellen Untergang. Die Hitze in dem kleinen Zimmer begann immer stärker zu werden, unsere Lungen athmeten glühende Luft ein, unsere Augen begannen zu thränen. Meinen Gatten überlief ein kalter Schauer, er zitterte und sagte mit bebender Stimme:
„Wenn Du mich je geliebt hast, Helene, so beweise es nun. Wir haben nicht eine Minute zu verlieren. Ich will, daß Du Dich rettest. Du bist klein und schmal und wirst nicht die geringste Schwierigkeit finden, Dich durch den Fensterrahmen zu zwängen. Ich werde Dich an diesem Stricke hinunter lassen."
Begnadigten zählen mehr oder minder 'zu den Opfern einer raffinirten Verführung, ihre Amne- stirung ist ein Zugeständniß an die Menschlichkeit. Hätte die Regierung aber auch der Begnadigung der schwer Belasteten, der Hauptführer jener heillosen aufrührerischen Bewegung vom März diese» Jahre» das Wort reden wollen, so hätte sie einen schweren politischen Fehler begangen, sie hätte Oel in'S Feuer gegossen. Er wäre ein Zugeständniß an die sociale Rovolution, ein Zurückweichen der legitimen Ordnung vor dem Andrängen der unzufriedenen Elemente, welche» die Zuversicht und das Ungestüm der letzteren bis aufs Höchste gesteigert hätte.
* Tirnowa, 13. Rov. Prinz Waldemar hat ab gelehnt. Die Regentschaft demissionirt. Die Sobranje beschloß eine Deputation an die Signatarmächte zu entsenden, damit dieselben einen Kandidaten für den Fürstenthron bezeichnen. — Die Demission Karawelow's wurde angenommen, jene Stambulow's und Motkurow's abgelehnt. An Stelle Karawelow's wurde der Präsident der Sobranje, Zivkow zum Regenten gewählt. (Fr. Z.)
* Madrid, 10. November. Dreiundachtzig von den am Aufstande vom 19. September be- theiligten Soldaten sind heute vom Kriegsgerichte zu lebenslänglicher Gefängnißstrafe verurtheilt worden.
* Kairo, 13. Nov. Sir Drummond Wolf ist nach London berufen worden und reist Dienstag ab.
„Der nächste deutsch-französische Krieg".
II.
Der Verfasser (Oberstlieutenant a. D. Köttschau) sagt weiter: Die politische Stellung Deutschlands und Frankreichs zu andern Staaten bringt es mit sich, daß der „nächste Krieg" ohne Bundesgenossen geführt werden wird. Europa befindet sich bezüglich der Staatenbildung in einer ungewöhnlichen Gährunz, und nur der Umstand, daß die Kampfplätze früherer Zeiten für Ausfechtung internationaler Zwistigkeiten, Deutschland und Italien, durch nationalen Zusammenschluß von Kampfhähnen entrückt sind, hat wohl zumeist verhindert, daß diese ungeheure Bewegung nährend der jüngsten 25 Jahre noch mehr Kriege gezeitigt hat. Aber auch ein anderes Moment spricht mit. Der unklare Drang nach zügellos freiheitlichen Anschauungen, die innere Uneinigkeit der christlichen Konfessionen haben das Schreckenskind unserer Zeit, den Anarchismus, großgezogen, der in immer heftigerem Vordringen nur in der Monarchie ein zur Stunde noch unübersteigliches Hinderniß findet. Der Gegensatz zwischen Frankreich und dem deutschen Reich springt da ohne weitere» in die Augen. In Frankreich gleitet die Staatsform immer mehr zum rothen Radikalismus, und bei uns befestigt sich die auf
Ich antwortete nicht, ich sah seinem Treiben wie geistesabwesend zu. Er öffnete das mittlere Fenster und prüfte die Festigkeit de» Rahmens — er nickte befriedigt. Dann versuchte er mit einer Ruhe, die mich in Erstaunen setzte, ob der Strick meine kleine Last wohl werde tragen können; auch diese Probe schien zu seiner Beruhigung auszufallen. Dann näherte er sich mir und legte das eine Ende des Strickes sorgsam unter meinen Armen her und band es mir auf dem Rücken fest. Endlich sagte er:
„Gott weiß, wie schwer es mir wird, Helene, mich von Dir zu trennen, aber es gibt Dinge, die uns höher stehen müssen, als sogar die Auf- ; Opferung unseres Lebens. Du mußt mir aehorchen, ' Helene. Nicht allein Dein Leben sollst Dir retten : und Dich unserem Knaben erhalten, Du sollst auch I meine so hart angegriffene Ehre vor der Welt ! wiederherstellen. Ich habe in dieser unglücklichen Nacht nach langem änastlichen Suchen den Brief wiedergefunden, den Eoerard Kynaston meinem Vater geschrieben hat, und mit ihm auch die Dokumente, welche ihm beigefügt waren. Mein Leben gilt mir nicht« ohne meine Ehre, diese aber kann nur gerettet werden, wenn Du diese Dokumente der Wittwe und meinem kleinen Neffen übergibst. Er schob die Papiere mit diesen Worten in meine Tasche.
„Es ist nicht nöthig", fügte er noch hinzu, „daß ich Dir die Versicherung gebe, den Brief und die Dokumente erst heute zum ersten Mal gesehen zu
gut demokratischer Grundlage ruhende Kaisermacht von Jahr zu Jahr in höherem Maße. Die beiden Gegensätze müssen einmal aufeinanderplatzen. Je mehr aber alle anderen Staate von denselben Gegensätzen durchzogen werden, destoweniger werden sie Lust verspüren, sich an dieser Kraftmessung zu betheiligen. Alle, sagt Köttschau, werden dem interessanten Kampfe zusehen und möglichst großen politischen und pekuniären Vortheil aus der Neutralisation dieser Kräfte ziehen, aber keiner wird thätig eingreifen. Die Betheiligung ist nicht nur theuer, sondern es kann wirklich Niemand wissen, wie sie in ihren Folgen sich gestaltet. Wie sich aber die einzelnen europäischen Staaten zu den Kämpfenden stellen mögen, auf die „inneren Feinde" in Deutschland darf das Ausland nicht mehr rechnen. Die Gefahr einer Auflehnung einzelner Parteien oder gar ganzer Glieder des Reiches ist für immer be- seitigt durch die Hausmacht des Kaisers und durch das straffe Wesen, welches aus Preußen über ganz Deutschland sich verbreitet hat. Interessant zu Lesen sind die Darlegungen des Werkes über den Schauplatz des „nächsten Krieger" sowie über die beiderseitigen Kampfesmittel. Die Hoffnung der französischen Revanchemänner geht dahin, die deutschen Heere nach Frankreich hineinzulocken, und dortselbst in dem Gewirr von überstarken Befestigungen zu zermalmen, während gleichzeitig em Theil de« französischen Heere« in Elsaß-Lothringen seinen Siegeseinzug hält. Letzteres hat nur sehr bedenkliche Schwierigkeiten. An der „trouöe de Belfort“ können sich französische Tcuppenabthei- lungen leicht das Vergnügen eines Spazierganges machen, dringen sie aber dorther weiter vor, so stoßen sie sehr bald auf unüberwindliche Hindernisse, werden sich sogar bald zurückziehen müssen, da dann der Entscheidungskampf ganz wo ander» ausgefochten wird.
Aus Stabt, proötn} und Nachbargebiet
Fulda, 15. November.
• Angesichts der in unserer Samstagsnummer mitgetheilten Zuschrift unseres hochwürdigsten Herrn Bischofs an die.Germania' schreibt die .Nieder- rheinische Volkszeitung': „Wir können selbstverständlich an btefe bestimmte Erklärung eines katholischen Bischofes keine polemischen Bemerkungen knüpfen; wir müssen selbst den im Munde eines Bischöfe» doppelt harten Vorwurf, daß wir resp. unser Korrespondent in seinen Auslassungen einer „unwürdigen Art" sich bedient hätte, ruhig über uns ergehen lassen. Wir werden auch im weitern Fortgänge dieser Angelegenheit diejenige Selbstverleugnung üben, welche die Sache, der wir dienen wollen und die hohe Würde eines katholischen Bischofs erheischt. Auf eine Erklärung unserseits können wir natürlich nicht verzichten, das find
haben. Helene, vertheidige meine Ehre, ich werde es vielleicht nicht mehr können."
Alles das hörte ich wie in einem schweren Traume befangen. Ec schloß mich in seine Arme und führte mich dem Fenster zu.
„Nun Muth, mein Herz," flüsterte er, als ich bewegungslos an seinem Halse hing. „Ich folge Dir. Schließe Deine Augen, bewege Dich so wenig wie möglich und vertraue im Uebrigen auf die Kraft meines Armes. Du wirst gerettet fein."
Er hob mich empor, im nächsten Augenblicke saß ich auf der Fensterbank.
„Küsse mich noch einmal," flüsterte er, „und sende mir Hilfe, sobald Du unten angekommen sein wirst."
Nun schwebe ich in der Luft — ein Schrei entringt sich meinen Lippen — was aber ferner geschehen, weiß ich nicht, denn das Bewußtsein verließ mich.
13.
Der Himmel war mit mir. Hätte ich mein Bewußtsein nicht sofort wieder erlangt, so wäre mein Gatte verloren gewesen und ich selbst vielleicht von den Trümmern de« Thurmes erschlagen worden. Aber f obalo mein Fuß die Erde berührte, war meine Schwäche verflogen, ich schlug die Augen auf, sah umher und war sofort Herrin der Situation.
(Fortsetzung folgt.)