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JV 259

Freitag, den 12. November.

1886

Die ,Fuldaer Zeitung erscheint täglich. Sonn- inb Feiertag» ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgelds 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilag« ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Jnjerate: Di« einspaltige Zeile oder deren Rau« 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. November.

• Die .Nordd. Allg. Zig.' sagt gegenüber den Bemerkungen einiger Blätter, daß die königliche Bestätigung Redners zum Bischof von Culm noch auf sich warte» lasie, die landesherrliche An­erkennung von Dr. Redner sei bis jetzt überhaupt noch nicht nachgesucht, dieselbe konnte daher auch noch nicht ertheilt werden.

* In Berlin ist heute Morgen der Afrika­reisende Dr. G. A Fischer nach ganz kurzem Krankenlager einem Gallenfieber erlegen.

* In Berlin ist ein „Hauptverein für Knabenhandarbeit" begründet worden. Der­selbe soll den Ausgangspunkt einer umfaffenden, sich auf das ganze Reich erstreckenden Agitation für den Handsertigkeits unterricht bilden. Die Ein­leitungen dazu sind von dem Vorstande des deut­schen Vereins für Knabenhandarbeit besprochen worden. Man will zunächst durch einen Aufruf das allgemeine Interesse für die Angelegenheit wecken.

* Der .Post' wird bezüglich der Verhaftungen in Buckau bei Magdeburg aus bester Quelle be- stätigt, daß es sich um anarchistische Umtriebe handelt. Die Untersuchuug ist bereits im Gange und ist der Reichsanwalt Stenglein aus Leipzig in dieser Angelegenheit in Magdeburg gewesen.

* Cottbus, 8. Roo. Die am Vormittag des 30. April d. I. in Sp rem berg stattge­habten Ausschreitungen einer Anzahl gestellungs­pflichtiger junger Leute kamen gestern vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichtes zur Ver­handlung. Die Ausschreitungen am Nachmittage desselben Tages haben Der Behörde zur Anklage­erhebung keine Veranlassung gegeben, und wegen des Excefles am Abende desselben Tages ist keine Anklage erhoben worden, da in der Dunkelheit Niemand erkannt werden konnte und Verhaftungen nicht vorgenommen wurden. Die Vorgänge vom 1. Mai kommen erst am 18. d. vor dem Schwur­gericht zur Verhandlung. Bekanntlich wurde wegen dieser Vorgänge über Spremberg auch der Be­lagerungszustand verhängt. Am 30. April fand im Schützenhause in Spremberg die Gestel­lung der Militairpflichtigen statt. Es ging dabei

Wieder vereinigt.

Frei nach dem Englischen bearbeitet.

25. Fortsetzung.

„Worin mochte diese Unruhe denn ihre Ursache haben?" forschte ich, von einem aufkeimenden Ver­dachte ergriffen.

Frau Crofton wurde ein wenig verlegen und zauderte mit der Antwort. Ich wiederholte meine Frage in dringendem Tone, und nun entgegnete sie mit unverkennbaren Widerstreben:

„Offen gestanden, e» schien mir, als habe sie ktwas auf dem Gewissen".

Ich wußte genug, und fragte nicht weiter.

Frau Crofton fuhr fort:

„Schließlich entdeckte die gnädige Frau in dem alten Thurme, welcher den rechten Flügel des Schlosses flankirt, ein kleines Zimmer, welches sie zu ihrem ständigen Aufenthaltsort wählte. Hier schrieb und las sie, hier machte sie ihre Hand­arbeiten. Als sie gestorben war, that ich einmal einen Blick in das Zimmerchen und fand Alles unverändert. Doch weiß ich ganz bestimmt, daß niemals ein Pult oder Damenschreibtisch dort ge­standen hat. Das sagte ich auch Sir Hugo. In­dessen habe ich ihm doch die Schlüssel gegeben, und so wird er denn wohl diese Nacht benutzen, um Alle« zu durchstöbern."

wie immer, etwa» laut her, die jungen Leute zogen singend, mit Taschentücher an den Spazier­stöcken durch die Straßen, und hierbei soll der Polizei-Sergent Hubrich die Leute, indem er ihr Benehmen untersagte, mit „Du" angeredet haben. Es kam schließlich zu ernsthaften Reibungen zwi­schen der Polizei und den jungen Leuten, und erst durch die Dazwischenkunft eines Theiles der Bürger­schaft wurde die Ordnung wieder hergestellt. Wegen diese» Vorfalles haben sich nunmehr 17 Personen vor dem Cottbuser Landgericht wegen Aufruhrs und Auflaufe« zu verantworten, die nicht dabei als Rädelsführer fungirt haben. (Die Rädelsführer sind vor das Schwurgericht geladen.) Die Verhandlung gegen den Tuchmachergesellen Sommer, der augenblicklich Soldat ist, wurde autoesetzt. Der Zutritt ist nur gegen Karten ge­stattet. Sämmtliche Angeklagten erklären sich für nichtschuldig.

* Vom Rhein, 10. Noa. Die .Köln. Ztg.' ist mit einer ihrer Klostergeschichten, bekanntlich Spezialität der ,Köln. Ztg.', wieder arg reingefal­len. Sie hatte erzählt, daß ein Mädchen au» Hessen in einem Kloster im holländ. Limburg gegen den Willen der Mutter verborgen gehalten werde. Neulich sei der Minister v. Puttkamer in der Pro­vinz Limburg gewesen und an ihn habe sich in dieser Angelegenheit ein Gendarmerie-Wachtmeister in Aachen gewandt behufs polizeilicher Reklamation des Mädchens. Hinterher stellte sich heraus, daß Alle» wieder von A bis Z von der ,Köln. Ztg.' erlogen worden ist. Sie selbst muß jetzt hinterher eingestehen, daß Minister v. Puttkamer nicht in Holland gewesen ist, daß das betreffende Mädchen sich in Belgien habe vermiethen wollen, was dem­selben nicht gelang, daß ferner demselben die nach­gesuchte Aufnahme in einem Kloster zu Lüttich von der Vorsteherin des Klosters verweigert wurde, und das Mädchen sich jetzt in Luxemburg befinde.

• Wetzlar, 9. Nov. Wie es gemacht wird, um der katholischen Geistlichkeit Ein» anzuhängen, zeigt folgende Notiz des.Berliner Tageblatt' vom 17. Oktober: „Limburg a. d. Lahn, 11. Oktober. Unter Ausschluß der Ocffentlichkeit wurde in der heutigen Strafkammer sitzung der katholische Pfar­rer von W. aus Lollar wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit zu 6 Monaten Gefängniß verur«

„Heute Nacht?" wiederholte ich sinnend.

„Ja", entgegnete sie, „erwacht kein Geheimniß daraus, obgleich er erst nach oben geht, wenn Alles im Schloß zur Ruhe gegangen."

Jetzt war ich mir klar über den Stand der ganzen leidigen Streitangelegenheit; ich wußte nun, daß die Fremden, welche sich für die recht­mäßigen Hinterbliebenen Sir Everard's ausgaben, es in der That auch waren. Die Mutter meines Gatten hatte, um ihrem eigenen Sohne die Erb­folge zu sichern, die Papiere bei Seite geschafft; Sir Hugo ahnte es, und war nun von dem ernsten Bestreben erfüllt, das begangene Unrecht wieder gut zu machen. Wir waren ruinirt.

12.

Er war Mitternacht. Die ersehnte Ruhe hatte ich nicht gesunden, wilde Träume ängstigten mich. Und plötzlich fuhr ich empor, es war mir. als habe eine rauhe Faust mich gepackt und durch einander geschüttelt. Gleichzeitig tönten ängstliche Rufe an mein Ohr. Ich öffnete die schlaftrunkenen Augen und sah Frau Crofton mit allen Zeichen heftigen Schreckens vor meinem Bette stehen. Sie war todtenbleich und zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. Nie hatte ich die ziemlich phlegmati­sche Frau so aufgeregt gesehen. Eh' ich fragen konnte, was geschehen sei, schrie sie:

theilt." An dieser Nachricht schreibt die ,Germ', ist Eins wahr, daß ein Pfarrer wegen des ge­nannten Verbrechens verurtheilt worden ist, aber nicht der katholische, sondern der protestantische; ferner war es nicht der Pfarrer von Lollar bei Marburg, sondern von Dorlar bei Wetzlar. Uebrigens giebt es weder in Lollar, noch in Dor­lar einen katholischen Geistlichen, geschweige denn einen katholischen Pfarrer.

* In Frankfurt a. M. hat gestern die Po­lizei eine große Anzahl Socialisten, die in einer Wirthschaft versammelt waren, sammt dem Wirth des Locals, Heinrich Printz, verhaftet.

Ausland.

• Budapest, 11. Nov. Kalnoky gibt nächsten Samstag in den Delegationen Erklärungen über die auswärtige Politik Oesterreich-Ungarns ab.

* Paris, 11. Nov. Die Kammer wählte heute die Kommission zur Prüfung des Antrags Michelin-Planteau auf Trennung von Kirche und Staat. 12 Mitglieder dieser Kommission sind für, 10 gegen die Trennung. (Fr. Z.)

* Der von der Sobranje zum Fürsten von Bul­garien gewählte PrinzWaldemaristder jüngste Sohn des dänischen Königspaares, am 27. Okto­ber 1858 geboren und seit dem 25. Oktober 1885 mit der Prinzessin Marie von Orleans, Tochter des Herzogs von Chartres, verheirathet. Der Name des Prinzen Waldemar als Nachfolger des Fürsten Alexander tauchte nach der Moskauer Krönung aus, bei welcher Fürst Alexander von Bulgarien vor dem Zaren erschien, aber einen sehr wenig gnädi­gen Empfang fand. Damals stand Zankow, der jetzt die Stütze des Ruffenthums in Bulgarien bildet, in schroffster Opposition gegen die russischen Diplomaten und Offiziere, welche dort schalteten. Er verband sich mit den Liberalen, die suspendirte Verfassung wurde wieder eingeführt, Kaulbars und Skobolew kehrten nach Rußland zurück. Gelegent­lich der bekannten Familien - Zusammenkunft zu Kopenhagen im Jahre 1883, bei welcher auch Glad­stone zu Gaste war, wurde die Kandidatur des Bruders der russischen Kaiserin mit großem Nach­druck in den Blättern gemeldet, welche intime No­tizen über jene Zusammenkunft brachten. Der Pa­riser Korrespondent der .Times' erklärt, daß der

„Stehen Sie auf, gnädige Frau, stehen Sie auf das Schloß steht in Flammen!"

Ich hatte in meinen Mädchenjahren häufig er­zählen hören, daß die meisten Menschen, in dem Augenblicke, wo sie erfahren, daß es über ihrem Kopfe brennt, nicht wissen, wa« sie anfangen sollen, daß sie gerade das am ersten zu retten suchen, was nicht den geringsten Werth hat. So ging e» auch mir. Mechanisch strich ich mir die langwallenden Haare aus der Stirn und sah Frau Crofton wie geistesabwesend an. Die wackere Frau wußte jedoch trotz aller Angst ganz genau, was sie zu thun hatte und rief;

„Es ist kein Augenblick zu verlieren. Ich helfe Euer Gnaden, sich anzuziehen."

Meine Besinnung kehrte allmählich zurück. Deut­lich schlugen nun an mein Ohr verworrene Rufe, Hülfeschreie und das knisternde Geräusch be» Feuers; ja, ich meinte sogar, mein Zimmer sei schon von Rauch angefüllt, aber das war nur Einbildung von mir. Ich sandte ein kurzes Stoß­gebet zum Himmel empor und sprang aus dem Bette.

„Wo ist das Kind?" rief ich athemlos.

„In Sicherheit!" entgegnete Frau Croftor, mir eifrig helfend, einige Kleidungsstücke anzulegen. „Wir h ben ihn vorläufig im Gartenhäuschen cinquarLett. Er hat die Augen weit offen und