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Dienstag, den 9. November.
1886
Fuldaer Jalung
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□ Parteipolitisches Wetterleuchten, n.
Fürst Bismarck, der in der auswärtigen Politik neben einem seltenen Glück auch einen nicht zu läugnenden praktischen Blick und Scharfsinn, eine ungemeine diplomatische Geriebenheit bewiesen hat, wurde in seinen Berechnungen über die Parteizusammensetzung im Innern bisher fast regelmäßig von den Thatsachen ad absurdum geführt, und nur sein Talent in der Handhabung des Satzes „divido et impera* (entzwei und gebiete) hat ihm über fast unüberwindlich scheinende Konflikte hinweggeholfen. So wird sich der Kanzler in seinen Plänen auf der Basis einer unbedingten mittelparteilichen Zukunftsmehrheit im Reichstage auch ganz sicherlich verrechnen. Denn selbst wenn heute schon die sämmtlichen zur zukünftigen Mittelpartei einberechneten Parteien, Deutschkonservative, Reichspartei und Nationalliberale, alle wie ein Mann zusammenständen und sich zu einer großen Gesammtpartei verschmölzen, — es würde für die Mehrheit im Reichstage ebensowenig langen, wie bisher. Wenn man durch „selbstlose" Wahlbündnisse der drei Parteien eine Vermehrung ihrer Gesammtzahl erwartet, dann hat man denn doch die Grund» gk setze von Adam Riese außer Betracht gelaffen. 1+1+1 bleibt immer 3, ob man es nun in drei Theile» neben einander schreibt, oder zusam-- men in einer Ziffer.
Die Advokaten der Mittelpartei werden uns erwidern, daß in Zukunft die „unsittlichen" (sic!) Wahlbündnisse der Konservativen mit dem Cen» trum und der Nationalliberalen mit den Freisinnigen aufhören sollen. Aber, wenn auch, die Rechnung stimmt trotzdem nicht. Denn es steht z, B. fest, daß die Centrumspartei bei den letzten Wahlen in etwa zwei Dutzend und mehr Wahlbezirken für einen konservativen Kandidaten eingetreten ist. Auch würde naturgemäß eine ver» schwörungsähnliche Koalition aller Mitterparteiler, die eben nicht auf Grundsätzen, sondern auf rein „taktischen" Erwägungen beruhte, die anderen Parteien zu ganz denselben „taktischen" Schachzügen zwingen. Und bei der alten strammen Schulung und Disciplin der deutsches Cen«
Wieder vereinigt.
Frei nach dem Englischen bearbeitet.
22. Fortsetzung.
Mein Gatte gab tei le Antwort, er erhob sich und öffnete mir höflich die Thür. Jetzt erst war es mir möglich, einen vollen Blick in sein Gesicht zu thun — o ich fühlte es wie ein Stich in's Herz, al« ich sah, wie schmerzlich und trübe e« um seine Lippen zuckte. Er blickte wie ein Mann, der einen tödtlichen Streich empfangen hat, desien Starkmuth ihm aber verbietet, seinen Schmerz unverhüllt zu zeigen. Er gab seine Sache verloren, er betrachtete sich nicht mehr als Herr von Kynaston. Ich sehnte mich darnach, ihm mein Mitgefühl auszudrücken und ihm zugleich meinen Dank auszusprechen für die Zartheit, mit der er mich vor Duncan's Frechheit zu schützen gesucht, und sagte:
„Ich muß Dich sprechen, Hugo, sobald Du allein bist. Versprich mir, zu mir zu kommen oder mich wiffen zu laffen, wenn ich Dich aufsuchen kann."
Da ging in seinen Zügen eine plötzliche Veränderung vor; in schweigendem Tone entgegnete er:
„Ich wünsche es nicht. Ich habe heute durch Dich wahrlich Uebles genug erfahren."
trumspartei hätten ihre Minoritäten in vie- ; len Bezirken ein sehr gewichtiges Wörtchen ! mitzureden. Zieht man ferner in Betracht, daß jeder Schlag auch einen Gegenschlag erzeugt, daß unnatürliche Verstärkung der mittelparteilichen Versumpfungs-Gemeinschaft auch einen festeren Zusammenstoß und ein neues stärkeres Aufleben der wirklich freisinnigen und liberalen Elemente im Volke zur Folge haben würde, so erscheinen die Aussichen der Mittelpartei recht mager.
Dazu kommt endlich noch als letztes und zwar als wichtigstes Moment, daß keineswegs alle Glieder der drei Parteien in den mittelparteilichen Sumpf hineingehen wollen. Auf der rechten Seite sträubt sich die altkonservotive Gruppe, welche in der Preffe durch die „Kreuzzeitung",, den „Reichsboten", die „Neue Westphl. Volksztg.", das „Schlesische Morgenblatt" vertreten wird, deren Gewicht und Ansehen von der „Konservativen Korrespondenz" denn doch gar zu sehr unterschätzt wird; ihnen schließt sich in Süddeutschland die badische konservative Partei, vertreten durch die „Bad. Landpost", wenigstens bisher, bedingungslos an. Aber auch bei den Nationalliberalen ist trotz des gewaltigen Tamtams der „Nationalliberalen Korrespondenz", der „Schles. Zeitung" und Kons, der innere Drang zur Mit- telpartei-gar nicht so groß. Rudolf v. Bennigsen hat bereits die schriftliche Erklärung von sich gegeben, daß er „nicht in der Lage sei, sich an der beabsicktiate» Bilduna ciir-,r Mittelpartei za betheiligen"; auch Herr v. Benda zeigt narren Widerwillen gegen diese Koalition, ähnlich werden alle die denken, welche von der liberalen Vergangenheit der Parteie etwas mehr als den bloßen Namen erübrigt haben. Und selbst in Süddeutschland an der Geburtsstätte der Heidelbergerei, will man von Mittelpartei vorläufig nichs wiffen.
So hat denn die Sache keineswegs einen so glatten £ et lauf genommen, wie es nach den prahlerischen Rodomontaden der nationalen und konservativen „Korrespondenzen" — beide schöpfen aus dem nie verstechenden Quell der osfiziöfen Inspiration — scheinen möchte. Sagt doch selbst die freikonservative „Post", die Mittelpartei-Pro- phetin par excellence, daß „gegen die Art, wie
Ich stürtzte hinaus — die Thür schloß sich hinter mir — bald von Sinnen lehnte ich mich an die Wand. Wie im Traume hörte ich drinnen im Zimmer unfern alten Sachwalter in augenscheinlich großer Erregung sagen:
„Sir Hugo, das ist eine ungerechte Behandlung, die ein Gentlemen keiner Dame, am wenigsten seiner Gemahlin, zu Theil werden läßt."
„Und ich entgegne Ihnen," gab mein Gatte in demselben schneidenden Tone, den er mir gegenüber eingeschlagen, zur Antwort, „daß ich kein Jüngling mehr bin, der etwa in leidenschaftlicher Aufwallung handelt. Ich weiß genau, was ich thue, und schätze den Menschen nach dem, was er ist. Vor Allem aber bedenken Sie: mein Verfahren gegen meine Gattin gehört nicht zu bett Dingen, welche wir hier verhandelt haben. Zur Sache."
Das war mein Todesurtheil!
Ich hörte noch, wie nun mein Gatte in raschem, fieberhaften Tone auf Herrn Fothergill einsprach, und wie dieser lebhafte, fast gereizte Antworten gab, aber ich verstand nicht, was sie einander sagten.
Nach und nach gewann ich meine Besinnung wieder und wankte zu meinem Zimmer empor. Al« ich auf die .Mitte der Treppe angekommen war, überkam mich ein plötzlicher Schwindel, so
die „Kons. Korr." die auf Grund gemeinsamer praktischer Ziele einzuleitende Gemeinsamkeit der Wahlaktion sich denkt, aller» \ dings einige praktische Bedenken zu er» 1 heben seien." Gewiß, jene Dutzend - Blätter im ! Reiche, welche zu amtlichen Bekanntmachungen benutzt werden und nebenbei auch, je nach der mehr oder minder nach rechts oder nach links neigenden persönlichen Meinung des leitenden Bezirks- oder Kreisbeamten, konservative oder nationalliberale Waschzettel in Kommission nehmen, werden nach j Kräften für die Mittelparteien Stimmung machen, i Aber ob damit die Parteien selbst endgültig ge- ? wonnen werden, ist doch eine andere Frage. Unser j Endurtheil geht dahin: zu einem stärkeren Zusam- ! menschlich der drei „Mittelparteien" bei den näch- - sten Reichstagswahlen wird es wohl ohne allen ! Zweifel kommen, aber nicht zu einer „Mittelpar- j tei" im Sinne der Urheber dieser schönen Idee, und vollends nicht zu einer mittelparteilichen Reichstagsmehrheit.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. November.
Das „Berl. Tagebl." will wiffen , es sei von der großherzoglich hessischen Regierung ein Kirchengesetzentwurf nahezu vollendet, der voraussichtlich noch in diesem Monat der Kammer zugehen werde. Derselbe dürfte sich an das preußische Kirchengesetz anlehnen.
* DjS Abrugung des Fürsten Bismarck gegen Ult mit* hdÄ
,Dtsch. Tagebl.' hervorhebt, nicht allein auf alle dem Reichskanzleramte zugehenden Schriftstücke und Dokumente, sondern auch, wie uns mitge- theilt wird, auf alle Depeschen, welche für den Fürsten Bismarck auf dem Haupttelegraphenamt für ihn einlaufen. Die Depeschen werden dem Herrn Reichskanzler nicht in dem aus dem Apparat kommenden Original wie den anderen Empfängern zugesandt. Sie muffen vielmehr in der Centralstation auf weißem Papier angefertigt werden, gleichviel, ob der Inhalt in französischer, englischer, italienischer oder spanischer Sprache verfaßt ist. Selbst die mit dem Hnghes-Apparat bereits gedruckten Depeschen werden einer solchen Umschreibung unterworfen.
daß ich mich am Geländer festhalten mußte. Sicher wäre ich die Treppe hinabgestürzt, wenn nicht Mallet, welche gleich darauf mir folgte, mich gestützt hätte. So kam ich denn mehr tobt als lebenbig in meinem Zimmer an, wo Mallet sich mit besonderer Dienstfertigkeit um mich bemühte. Aber ich schickte sie fort, denn ich mußte allein sein mit meinen quälenden Gedanken. Kaum hatte sie die Thür hinter sich geschloffen, als ich zum Fenster eilte und beide Flügel weit aufriß, um die frische belebende Lust einathmeu zu können. Da fielen meine Augen auf den Park und begegneten zu meinem Entsetzen dem höhnisch lächelnden Gesichte Duncan's, der neben dem Bassin unserer Fontaine stand. Als ich, wie vom Blitz getroffen, bewegungslos am Fenster stehen blieb, tief er:
„Nun, Lady Kynaston, betrachten Sie all' die Herrlichkeit noch einmal, bald müssen Sie ja mit dem Bettelstab in der Hand.Ihr schönes Schloß verlassen. Um ein Schloß verriethsn Sie mich und ich räche mich an Ihnen, indem ich Sie her- aurjage aus dem Schloß."
Mich überlief es kalt, ich eilte in das Zimmer zurück und brach in Thränen au«. Es «ar mir, als wenn ich allein die Urheberin all' des Elends und werth fei, mit Schimpf und Schande aus dem Haufe meines Gatten gejagt zu werden.