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JV 255. Montag, den 8. November. 1886

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□ Parteipolitisches Wetterleuchten.

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V Bekanntlich war es die „Konservative Korre­spondenz", welche den Plan eines festen Zusammen­schlusses der deutschkonservativen, freikonseroativen und nationalliberalen Partei zu einer „Mittel­partei" formell anregte. Wir sagen „formell", denn in Wirklichkeit war es die ,Nordd. Allg. Z t g.", das freiwillige Organ des Reichskanzlers, welches in der vielbesprochenen ungnädigen Polemik gegen die nationalliberale Partei und den Kölner Parteitag die Parole zur mittelparteilichen Koalition ausgab und die nationalliberale Partei empfindlich rüffelte, weil sie ihrer liberalen Vergangenheit und dem aus dieser Vergangenheit stammenden Namen noch allzuviel Gewicht beimesse. ES mußte daher dem Eingeweihten ei» Lächeln abnöthigen, als die.Norddeutsche' die konservative Partei und ihr officielles Organ, die .Konserv. Korresp.' ostentativ belobigte, weil sie so „selbst­los" gewesen seien und ein so „tiefes politisches Verständniß" bewiesen hätten, indem sie die „An­regung" zur Bildung der Mittelpartei gaben. Die .Konserv. Korresp.' scheint manchmal aus denselben Quellen zu schöpfen, wie die .Nordd. Allg. Ztg.', welch' letztere ja auch zu den konser­vativen Parteiblättern gezählt wird und in der Wahlbewegung stets offiziell zur konservativen Fahne schwört.

Man wird deßhalh kaum sehlgehen, wenn man die „Anregung" zu dem „mittelparteilichen Versumpfungs-Kartell", resp. zur „Poli­tik der Filzpantoffeln", auf den Fürsten Bismarck selbst oder wenigstens auf seine nächste Umgebung zurückführt. Der Reichskanzler verfolgt ja schon seit vielen Jahren mit zäher Energie das Ziel, fich und seiner wechselvollen inneren Politik im Reichstage eine feste, auf's Wort folgende und möglichst „selbstlose" Majorität zu schaffen. Bei den letzten Reichstagswahlen ist der Plan miß­glückt; der Reichskanzler fand zwar eine statt­liche Mehrheit für die soziale und wirthschaft- ! liche Reformpolitik, für die Durchführung der \ Ziele und Forderungen der beiden Kaiserlichen Botschaften, aber in dieser Mehrheit stand als wichtiger und ausschlaggebender Faktor die Hundert­schaar des Centrums, die andererseits auch mit

Wieder vereinigt.

Frei nach dem Englischen bearbeitet.

21. Fortsetzung.

„Ich klage Sie an, daß Sie von all' diesen Schriftstücken Kenntniß gehabt und sie unterdrückt haben. Es ist möglich, daß Sie sie vernichtet haben auf Anstiften einer wenig skrupulösen Mutter —"

Da sprang mein Gatte auf und rief mit dröh­nender Stimme dem Unverschämten zu:

„Noch ein Wort gegen meine engelreine Mutter und meine Hunde werden Sie aus dem Hause jagen."

Nie werde ich diesen Augenblick vergeffen. Zorn­sprühenden Auges, hochaufgerichtet stand mein Gatte da, und sein Gegner zuckte zusammen wie ein er­tappter Dieb.

Es entstand eine Pause, während welcher Dun­can vergebens nach Worten suchte. Langsam kehrte chm die Besinnung zurück und er fuhr in vorsich- ngerern Tone fort:

„Sie wann damals 16 Jahre alt und vermoch­ten nicht einzusehen, was <Se thaten. Es war aber Ihre Pflicht, in reiferen Jahren das Unrecht wnder gut zu machen. Sie haben es nicht gethan, ®ie sind nunmehr schuldig."

Und er setzte sich mit triumphirender Miene.

den politisch freisinnigen Parteien eine Abwehr- Mehrheit zu bilden im Stande war. Die Be­mühungen des Reichskanzlers, das Vertrauen der Mehrheit des deutschen Volkes zu dieser von ihm gewählten Abwehr-Mehrheit des Reichstages zu erschüttern, sind noch in aller Gedächtniß. Die große Rede vom verschmitzten Loki, der den blinden Hödur verleitete, den Baldur (den deutschen ! Völkerfrühling) zu erschlagen, die EntrüstungS- \ Bewegung aus Veranlassung des abgelehnten dritten Direktors im auswärtigen Amte, und manche ähnliche, wenn auch weniger sensationell« Kundgebungen des reichskanzlerischen Zornes gegen die sog. „Obstruktionsparteien", zuletzt noch die freilich weit über ihr Ziel hinausschießenden An­griffe gegen die Gegner des Schnapsmonopols (dazu gehörten ja schließlich auch die sämmtlichen Nationalliberalen) — alle diese Versuche hatten nicht den gewünschten Erfolg. Denn im anderen Falle wäre der heutige Reichstag längst zu den Vätern versammelt worden und hätte einem unter den großen „nationalen" Eindrücken neugewählten Platz machen muffen.

Nächstens soll nun wieder die Reichstagssession, die letzte der laufenden Legislaturperiode, eröffnet werden, und damit beginnen aufs Neue die Sor­gen des Reichskanzlers um die ihm fehlende un­bedingte Regierungsmehrheit, zugleich auch die : Sorgen um den Ausfall der nächstjährigen Wahlen. ? Von großen gesetzgeberischen Aufgaben scheint der • bevorstehenden Reichstagsfeffion nichts bescheert: werden zu sollen, als die Erneuerung des Militär­gesetzes in der gegenwärtigen oder in einer neuen Form, jedenfalls aber unter stärkerer Belastung der Steuer- und Wehrkraft. Mit dem Zustande­kommen des neuen Militärgesetzes preffirt es nun bekanntlich nicht so sehr, da das gegenwärtige Septennat erst am 31. März 1888 abläuft. Die Regierung scheint aber auch nicht unbedingt auf ein Zustandekommen des Militärgesetzes in dieser Legislaturperiode zu rechnen. Im Gegentheil hat nach unserem Dafürhalten Fürst Bismarck den Plan, die sogenannten „Oppositionsparteien" da­durch, daß er sie vor eine Entscheidung in der Mil tärfrage stellt, vor dem Volke gewiffermaßen festzunageln, um dann nach vorläufiger Scheiterung feiner Militärgesetz-Vorlage für den nächstjährigen Wahlkampf eine zugkräftige und seiner Ansicht

Jetzt griff aber Herr Fothergill mit einem an ihm noch nicht beobachteten Eifer in die Debatte ein.

„Herr Forsyth, Sie verwirren die Angelegenheit noch mehr. Bis jetzt haben wir nichts von Ihnen vernommen, als kühne Behauptungen, die jeder thatsächlichen Unterlage entbehren — wir verlan­gen aber Beweise. Wir leugnen das Vorhanden­sein irgend welcher Dokumente, welche das belegen, was Sie behaupten."

„Sie mögen deren Vorhandensein ruhig leugnen," entgegnete Duncan kaltblütig, „es wird mich nicht berühren. Jene Leute, welche die fraglichen Do­kumente nach Kynaston sandten, waren glücklicher Weise nicht so harmlos, als man dermalen hier vielleicht angenommen hat; sie sandten nämlich nicht die Originale, sondern bloße Abschriften ein und erstere sind in meinem Besitz." Und mit triumphirendern Lächeln zog er ein kleines Packet aus seiner Tasche. „Herr Fothergill", wandte er sich höhnisch an unseren Sachwalter, „hier sehen Sie wiederum, wie wichtig es bei allen Rechtsge­schäften ist, kein irgendwie erhebliches Beweisstück aus den Händen zu lassen; wie leicht geht solch' ein Papier verloren, das durchaus unersetzlich ist!"

Meines Gatten Wangen bedeckten sich wiederum mit Zornesröthe, aber er hielt an sich.

„Weiter theile ich Ihnen mit," fuhr Duncan

i nach besonders populäre „nationale" Wahlparole ; zu erlangen. So denken wir uns die Sache.

i Und mit diesem Plane steht der Plan der i mittelparteilichen Koalition im engsten : Zusammenhänge. Der Kitt, der die in Bezug auf Fragen der Wirthschafts- und Sozialpolitik theil- weise in diametralem Gegensätze stehenden Konser­vativen und Liberalen aneinanderzuschließen be­stimmt ist, soll der „nationale Gedanke" fein, der ja nach mancher Leute Meinung wesent­lich im Militarismus und seinen stets wachsen­den Anforderungen aufgeht, und außerdem nur noch etwa die Kolonialpolitik nebst ihrem ver­schiedenen Zubehör in sich schließt. Was aber unter der ausschließlichen Herrschaft einer „Mittel­partei", zu der auch die bisher allen durch­greifenden sozialen und wirthschaftlichen Reformen widerstrebenden Nationalliberale» gehören, aus den Programmzielen der kaiserlichen Botschaft werden soll, das wird sich erst zu zeigen haben. Indessen wird es unserer Meinung nach zu der mittel- parteilichen Mehrheit überhaupt gar nicht kommen.

Deutsches Neich.

Berlin, 7. November.

* Der Reichskanzler wird in allernächster Zeit zurückerwartet. In diplomatischen Kreisen glaubt man, daß die Zurückkunft im Zusammen­hang stehe mit einer etwaigen Vorstellung der Mächte gegenüber Rußland.

* Aus Rom wird der.Germania' geschrieben: „Heber die Verhandlungen zwischen dem h. Stuhl und der preußischen Regierung ist nichts Bestimmtes zu erfahren. Der in Arbeit befind­liche Gesetzentwurf über die weitere Revision der Maigesetze ist noch nicht hier angelangt. Doch soll Herr v. Schlözer dem Staatssecretariat be­reits verschiedene Actenstücke betreffs der Regelung der noch schwebenden Fragen übergeben haben. Ich erfahre aus glaubwürdiger Quelle, daß die Bureaux des Staatssecretariats die Vorarbei­ten über die Revifion schon begonnen haben, und daß der Papst die Ausarbeitung der Wünsche des h. Stuhles einem Prälaten anvertraut hat. Der Schwerpunkt der Verhandlungen liegt natür­lich in der Formulirung der Ausdehnung und der Bedingungen der für immer zu gewährenden Anzeige der Pfarrer. Wie ich schon früher

fort, „daß die Wtttwe Sir Everard'S und deren Sohn sich unten im Dorfe aufhalten und sich gern jedem Verhör unterwerfen, das Sie etwa mit ihnen anstellen wollen. Sie sind eben ihrer Sache sicher. Uebtigens wird ein Blick auf den jungen Mann jeden Unbefangenen überzeugen, daß er der Sohn Sir Everard'S ist."

„Wir geben nichts auf derlei Naturspiele," ent­gegnete Herr Fothergill. „Wir haben erlebt, daß gar mancher Anspruch auf Grund solcher Beweise erhoben wurde, der vor Gericht in sich selbst zerfiel."

„Sie werden doch angesichts solch' evidenter Be­weisgründe die Sache nicht noch vor ein Gericht bringen wollen?" fragte Duncan. „Sparen Sie doch die Blamage."

Aber unser Sachwalter ging aus seine Frage nicht ein. In trockenem Tone erwiderte er:

„Bitte, präfentiren Sie uns Ihre Papiere. Hät­ten Sie mir dieselben früher übergeben, so hätten wir diese unerfreuliche Unterredung um ein gut Stück abkürzen können. Bis jetzt sind wir noch um keinen Schritt vorwärts gekommen."

„Und doch mußte Alles, was ich geäußert habe, gesagt roert m," entgegnete Duncan, indem er das kleine Packe chen öffnete und mit großer Sorgfalt nie Papiere herausnahm. Dann trat er nahe an den Tisch und breitete sie vor dem Sachwalter aus