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253 Freitag, den 5. November. 1886

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Di« »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und F«iertagr ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgelds 1 Mk. 50 Pfg., — mit bei belletristischen Wochenbetlage .Eterae und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Ml. 75 Pfg.

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Deutsches Reich.

Berlin, 4. November.

* Der Abg. Dr. Windthorstpaffirte vorgestern den 3. d. Braunschweig auf der Reise nach Wien.

* Der .Kölnischen Zeitung' wird offiziös ge­meldet, daß von den vielen Nachrichten, die in den letzten Tagen über dis kirchenpolitischen Verhandlungen in Rom an die Oeffentlichkeit gebracht worden seien, diejenige des ,Temps' der Wahrheit am nächsten komme. Danach hätte der preußische Gesandte, Dr. v. Schlözer, dem Vatikan eine Denkschrift überreicht, worin eine organische Revision der Maigesetze in Aussicht gestellt wird, welche sich namentlich mit genauer Um­grenzung der A n z e i g e p f l i ch t und Befreiung der Geistlichen vom Militärdienste beschäftigen würde. Auch einigen bestimmten geistlichen Orden würde die Rückkehr gestattet werden.

* Ein Defizit von mindestens 15 Millionen. Zu diesem unerfreulichen Resultat kommt eine Rechnung, welche Herr Eugen Richter in der .Freis. Ztg.' über den Reichshaushaltsetat für das künftige Jahr 1887/88 aufstellt. Wenn daran die Mahnung geknüpft wird, recht sparsam zu sein, die nicht unbedingt nothwendigen Bauten auf einen günstigeren Zeitpunkt zu verschieben und den Gelüsten der Militärpartei Widerstand zu leisten, so sind wir mit der ,Freis. Ztg.' vollständig ein­verstanden. Aber andererseits möchten wir doch, schreibt die ,Corr. Rink.', auch die Finanznoth nicht in gar zu grellen Farben ausmalen; denn wenn sich im Volke die Ansicht festsetzt, dcß der Reichshaushalt durchaus nicht mehr in's Gleich­gewicht zu bringen sei, so ist das Wasser auf die Mühlen der Erfinder neuer Steuern. Sobald der künftige neue Reichsschatzsekretär die neue Brannt­weinsteuer, oder sogar Spiritusmonopolgesetze ein­bringt, werden die Offiziösen der Regierung und der Spiritusbrenner nicht ermangeln, die Finanz­lage womöglich noch schlechter zu machen, wie er jetzt die .Freisinnige Zeitung' int Interesse der Sparsamkeit thut. Um einer solchen steuerfiscalischen Agitation die Wege zu verlegen, muß besonders darauf hingewiesen werden, daß die gegenwärtig dem Reiche zur Verfügung stehenden Mittel für normale Zeitläufe vollständig genügend sind und

Wieder vereinigt.

Frei nach dem Englischen bearbeitet.

19. Fortsetzung.

Der Unverschämte bewegte sich einige Schritte vorwärts, wie wenn er meine Hand ergreifen wollte. Herr Fothergill ließ vor Entsetzen die Papiere, welche er gerade in Händen hielt, auf den Tisch fallen und starrte offenen Mundes, das lebende Bild unbeschreiblichen Staunens, von Duncan auf mich und umgekehrt. Und ich? Ich war leblos. Gewiß, ich sah, hörte und fühlte, aber ich war bewegungslos wie eine Leiche. Ich blickte meinen Gatten an, und er, war es nun der hülflose Ausdruck meiner Sluyn oder eine Regung seiner edleren Natur, was ihn bewegte — genug, er stand schnell auf und trat zwischen mich und den Unverschämten. Seine Hand ruhte auf meiner Schulter, wie wenn er mich beschützen und ermuthi- gen wolle — der Druck seiner Hand durchzuckte mich elektrisch, ich fühlte meine Kraft zurückkehren. Aber seine Augen begegneten nicht den meinen, ich wußte nicht, was ihn bewegte — nur die tiefe Bläffe seiner Wangen ließ mich ahnen, wie tief sein Stolz sich beleidigt fühlte.

„Sie sind erstaunt, lieber Fothergill," sagte er lu dem noch immer starr dastehenden Anwalt in

daß das gegenwärtige Defizit kein organisches, sondern ein durch den vorübergehenden Verfall der Zuckersteuer veranlaßtes außerordentliches Nebel ist.

* Der Minister Maybach hat unterm 24. Oktober c. eine Verfügung betreffend das Ver­halten des Dienstpersonals gegen das Publikum erlaffen, welche jedenfalls bei allen Reisenden viel Sympathie finden wird. Dieselbe hat folgenden Wortlaut: „Neben vielen anerkennen­den Sicherungen über freundliches und entgegen­kommendes Verhalten des mit dem reisenden Publi­kum dienstlich verkehrenden Staats-Eisenbahn- Beamten-Personals sind leider in neuerer Zeit auch manche Klagen über absprechendes und unhöfliches Benehmen einzelner Beamten zu meiner Kenntniß gelangt. Ich nehme daraus Anlaß, nachdrücklich daran zu erinnern, daß § 1 des Betriebsreglements, nicht minder § 69 Abs. 1 und 2 des Bahnpolizeireglements für die Eisen­bahnen Deutschlands, wie die gemeinsamen Be­stimmungen für alle Beamte des Staatseisenbahn­dienstes ein höfliches und rücksichtsvolles, wenn auch entschiedenes Benehmen gegen das Publikum zur besonderen Pflicht machen. Die Königlichen Eisenbahn-Direktionen und die Königlichen Eisen­bahn-Betriebsämter beauftrage ich, die Beobachtung der vorbezeichneten Vorschriften sorgsam zu über­wachen, Verstöße gegen dieselben nachdrücklich zu ahnden und solche Beamte, welche sich durch ihr Verhalten als ungeeignet für den Verkehr mit dem Publikum erwiesen haben, aus den betreffenden Stellungen zu entfernen."

* Der ,Voff. Ztg'.' wird aus Schleswig-Hol­stein geschrieben: „Man ist hier sehr gespannt darauf, ob es wahr gemacht werden wird, daß Minister Maybach diejenigen Blätter verfolgen läßt, welche die Mittheilungen der ,Schleswiger Nachr.' in Anlaß des Schleswiger Eisen­bahn-Unfalles über eine angeblich zu starke Ausnutzung der Arbeitskraft des Zugpersonals gutgläubig nachgedruckt haben. Die .Schleswiger Nachr.' sind ein so gouvernementales Blatt, daß man ihre thatsächlichen Nachrichten aus Schleswig als halbamtlich zu betrachten gewöhnt ist. Für diese Provinz sind die .Schlesw. Nachr.' genau das, was in Berlin die ,Nordd. Allg. Ztg.' ist. Die unabhängige Preffe Schleswig-Holsteins hat

demselben kalten, abgemeffenen Tone, in welchem er vorhin gesprochen, „über die Kühnheit, mit wel­cher der junge Mann eine schwere Beschuldigung, wie er glaubt, gegen meine Gattin schleudert. Ich bin es nicht. Glücklicherweise war es ihm nicht vorbehalten, mich über eine Episode aus den Mädchenjahren meiner Gattin zu informiren. Es war eine Täuschung in der Wahl ihres Herzens, wie sie bei jugendlichen Herzen leicht und oft vor­kommt. Ich bin glücklich, Helene", wandte er sich an mich, „daß Du Deine Liebe mir zugewendet hast."

Und gleichzeitig küßte er meine Hand. O, in diesem Augenblicke hätte ich vor ihm niederfallen und ihm die Füße küssen mögen; er hatte mich vor der entsetzlichsten Demüthignng bewahrt, die mich treffen konnte. Aber ich wußte, er that es nur aus Rücksicht auf die Welt, aus vorsichtiger Berechnung, wenn auch sein edles Herz dazu mit­wirkte. Gewaltsam drängte ich meine stürmisch aufwallenden Gefühle zurück; sie hier zu offenbaren, war nicht der geeignete Ort, und vielleicht hätte es ihn nur verletzt.

Forsyth war augenscheinlich über das unerwartete Benehmen meines Gatten in gleichem Grade er­staunt und enttäuscht; er hatte geglaubt, e» werde eine heftige Scene und meine Demüthigung erfolgen.

bett Unfall in der ruhigsten Weife behandelt und erst die sensationellen Mittheilungen des Schles­wiger, den Regierungskreisen so nahe stehenden Blattes haben den begreiflichen Wunsch nach einer sehr sorgsamen Untersuchung nahe gelegt. Wenn schon die Annahme der Mö lichkeit, daß an irgend einem Punkte einer Riesenverwaltung etwas nicht in Ordnung ist, strafrechtlich verfolgt werden könnte, dann wäre es bester, die öffentliche Dis- cussion zu schließen. In dem vorliegenden Falle muß überdies mit allem Nachdruck darauf hinge­wiesen werden, daß die Verfolgung der bekannten tausendfach nachgedruckten Schleswiger Mitt Heilung eine Buße fein würde, welche fast die ganze unabhängige Presse Deutsch­lands für die Sünde eines erzgouvernementalen Localblattes zu tragen haben würde."

* Nach der,Aach. Volksztg.' hat der neuliche Besuch des hochwürdigsten Herrn Bischofs Höting von Osnabrück in Berlin der Erwerbung eines staatlichen Gebäudes für die Osnabrücker Bisthumsverwaltung gegolten. Die Gerüchte über die Errichtung einer theologischen Facultät in Osnabrück seien unbegründet.

* Marburg, 4. Nov. Heute Vormittag fand die Ersatzwahl unseres Kreises zum Abgeordneten­hause statt. Herr Amtsgerichtsrath v. Stieren­berg (konservativ) erhielt 114 Stimmen, die liberalen Gegenkandidaten Bürgermeister Ruth von Bellnhausen 10 und Bürgermeister Breitstadt von Hastenhausen 8 Stimmen; abgegeben waren über­haupt 133 Stimmen.

* München, 3. Nov. Der Prinz-Regent er­nannte an Stelle der verstorbenen Ritter, des Di­rektors der Akademie Piloty und des Dichters Vik­tor v. Scheffel, die vom Ordenskapitel vorgeschla­genen Direktor v. Werner und den Wiener Volksdramatiker Anzengruber zu Rittern des Michaelordens für Kunst und Wissenschaft.

* Aus München, 2. Nov., erhält die ,Köln. Vztg.' folgende Nachricht: Es bestätigt sich, daß Regensburg als Ort der nächsten Katholi- ken-Versammlung auserseyen ist. Seine Lage ist günstig, und gewiß werden auch wieder viele Katholiken aus Oesterreich kommen, wie einst bei der ersten Katholiken-Versammlung, die in Regens­burg abgehalten wurde. Damals glänzte noch

Jndesten gewann er rasch seinen Gleichmuth wie­der und entgegnete in höhnischem Tone:

„Wie es scheint, ist der Geist echter Ritterlich- feit in den Kynaston's noch nicht ausgestorben I Uebrigens möchte ich gar zu gern wissen", wandte er sich direct an meinen Gatten, „ob das Ver­trauen zwischen Ihnen und Helene so groß ist, daß sie sich nicht gescheut hat, selbst ihren Gatten von dem einstigen Verhältniß zwischen ihr und mir in Kenntniß zu setzen, und ob sie gestanden hat, daß sie offiziell mit mir verlobt war."

Der Unselige wollte mich vernichten, und ich mußte es geschehen taffen!

Mein Gatte fuhr auf, und für einen Augenblick leuchtete aus seinen Augen, die den meinen be­gegneten, das Feuer ingrimmiger Entrüstung. Doch er bezwang sich schnell und entgegnete in ruhigem, aber entschiedenem Tone:

„Wenn Sie nicht hierhergekommen wären, Herr Forsyth, um eine Rechtsstreitigkeit mit mir zum Ausgleich zu bringen, so würde ich Ihre unquali- ficirbare Unverschämtheit bestrafen, wie sie es ver­dient. Wenn Sie, wie es scheint, noch nicht vor­bereitet sind, unsere Geschäfte zu erledigen, und sie nur zum Vorwand genommen haben, um meine Gattin uni mich beleidigen zu können, so wollen wir die heutige Unterredung schließen, und ich werde meine Men erschuft beauftragen, Ihnen die