J\£ 251
Mittwoch, den 3. November.
1886
Fuldm Jellung.
Die Fuldaer Zeitung, erscheint täglich. Sonn- und Feiertage mitgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen »ochenbeilage ,6ttrne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
Jnserntrr Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Zur Landtags'Ersatzwahl im Wahlkreise Hünfeld-Gersfeld.
Ein Wort an die Wahlmänner!
—* Hünfeld, 3. November 1886.
Die anonymen Einsender der Annonce in Nr. 128 des ,Hünfelder Kreisblattes' scheinen von der Charakterfestigkeit der auf das Centrums- Programm gewählten Wahlmänner eine durchaus irrige Ansicht zu haben, wenn sie dieselben für die Wahl des Herrn Landraths von Wegnern begeistern wollen.
Wir setzen auf sämmtliche katholische Wahl- männer die völlig berechtigte Hoffnung, daß sie der Fahne des Centrums nicht untreu werden, einmal weil sie von den Urwählern nur unter dieser Bedingung als Personen des Vertrauens gewählt wurden und dann, weil es eine niemals wieder gut zu machende Schmach vor dem katholischen Theile Deutschlands wäre, einen zu zwei Drittel katholischen Wahlkreis dem Centrnm verloren gehe» zu lassen.
Die Einsender der betr. Annonce mögen auch nur einen Wahlkreis im weiten deutschen Reiche anführen, in welchem die in der Majorität befindlichen Protestanten einem Centrumsmann ihre Stimme gegeben haben, — — und die katholische» Wahlmänner des Kreises Hünfeld-Gersfeld sollten es über sich gewinnen, das sonst Unerhörte znr That- sache werden zu lassen?
Hier handelt es sich nicht um eine pe rsönliche Frage, es handelt sich um ein Prineip, und das letztere darf unter keinen Umständen aufgegeben werden! Tief zu beklagen wäre es, wenn gerade die Wahlmänner unseres Kreises für die Durchlöcherung dieses Princips von einem Windthorst, einem Reichensperger, einem gaga■ gegeaeat
Wieder vereinigt.
Frei nach dem Englischen bearbeitet.
18. Fortsetzung.
9.
Als ich mich am anderen Morgen angekleidet hatte und mich ins Kinderzimmer begeben wollte, begegnete ich auf dem Corridor dem Kammerdiener meines Gatten, Butler, welcher seinen Herrn auf der Reise begleitet hatte. Von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, ersuche ich ihn, mit mir in das Kinderzimmer einzutreten, und hier begann ich, ohne meine Verlegenheit verbergen zu können:
„Dein Herr hat sich auf der Reise nicht erholt, Butler; er ging gesund fort und kommt fast krank heim."
Butler, von dem ich wußte, daß er seinem Herrn durchaus ergeben war, entgegnete:
„Auf Reisen, gnädige Frau, wie wir sie gemacht haben, erholt man sich nicht; ich selbst habe mir allerlei kleine Leiden geholt, obwohl ich mir das Leben bequemer einrichtete als der Herr."
„Aber, lieber Butler," gab ich zur Antwort, „erzähle mir doch, was Dein Herr Alles erlebt hat. Ich sehe, daß er krank ist, und kann von ihm nicht erfahren, was die Ursache ist."
„Nun," begann Butler in gemüthlichem Tone, »als wir von hier Hals über Kopf abreisten, als
Schorlemer-Alst verantwortlich gemacht werden könnten!
Darum hoch die Fahne des Centrrrnrs, ihr Wahlmänner von Hünfeld-Gersfeld, kein Anderer verdiene Euer Vertrauen als
Herr Amtsrichter Wankel in Weyhers
der Euere Interessen so genau kennt und als Mann der Centrumspartei auch mit der unbedingt nothwendigen Begeisterung zu verfechten weiß, wie kein Anderer!
Also nochmals
Hoch die Fahne des Centrums!
Deutsches Reich.
Berlin, 2. November.
* Die Konferenz der internationalen Erdmessung beendete gestern ihre Arbeiten. Die nächste Sitzung der permanenten Kommisffon soll 1887 in Nizza stattfinden.
* Die freiconservative Partei wird in der nächsten Landtags-Session, wie der Landrath und und Abg. Dr. Gerlach seinen Wählern in Las- kowitz am Montag mitgetheilt hat, eine Gesetzesvorlage einbringen, welche den ^böswilligen Contraktbruch des Gesindes schärfer bestraft.
• Gegenwärtig spukt wieder die Gründung einer Mittelpartei. Bei der vorigen Reichstagswahl (28. Oct. 1884) war der Kampfpreis auf der einen Seite die Wiederherstellung, auf der andern die Verhinderung der Wiederherstellung einer Mittelpartei, bestehend aus den Na- tionalliberalen als den Führern und den „gemäßigten" Conservativen als den Geführten. Die „conservativ-klericale Coalition" sollte durch eine nationalliberal-conservative, wie sie in der sog. Compromiß-Aera 1867—1878 bestanden, ersetzt werden, das Centrum „gestürzt", „die übermächtige parlamentarische Stellung desselben gebrochen", „die Römlinge" sollten „aus dem deutschen Reichstage hinausgewiesen" werden. So hieß es seit Monaten in allen Tonarten von Berlin bis Köln im nationalliberalen und Regierungs-Lager. In
wenn w>r flüchten müßten, ging es zunächst nach Rußland und zwar nach Petersburg. Dort blieben wir nur wenige Tage, dann ging es tief ins Land hinein, wohin, das weiß ich nicht mehr, denn die vertrackten russischen Namen kann ich nicht behalten, aber genug, wir besuchten einen Freund des gnädigen Herrn, den Euer Gnaden ja auch kennen, den Grafen Orloffki."
„Das weiß ich," fiel ich ein, eine Lüge benutzend, um mich mit meiner Unwissenheit nicht bloß zu stellen. Aber Butler's Erzählung beunruhigte mich in hohem Maße.
„Nun, und dort begann ein Leben," fuhr Butler fort, „daß selbst eine stärkere Natur, als unser gnädige Herr sie besitzt, nicht hätte ertragen können. Jeden Tag tolle Ritte und gefährliche Jagden! Nicht auf solches Wild, gnädige Frau, wie es in unserem zahmen England massenweise herumläuft, nicht auf Hasen und Füchse, sondern auf Bären, veritable Bären. Es schien, als ob dem Herrn sein Leben keinen Schilling mehr werth sei. Ich habe mir von einem Jägerburschen erzählen lassen, daß einmal der gnädige Herr mit einem Bären handgemein wurde und auf ein Haar sein Leben hätte lassen müssen."
Ich schauderte, es schien mir, als habe mein Gatte den Tod gesucht.
„Das dauerte vier Monate, dann reisten wir nach Oesterreich. Nachdem wir in Steiermark u
Heidelberg (23. März) brach der Frühlingsmorgen der nationalliberalen Partei an, in Berlin (18. Mai) proclamirte der Minister a. D. Hobrecht: „Auf der ganzen Linie avanciren!", in Darmstadt (20. Juni) sprach der „Miturheber der Heidelberger Erklärung" und Mitarbeiter der ,Köln. Ztg.', Prof. Marquardsen, die Art und Weise, wie der deutsche Reichstag sich darstelle, gereiche dem deutschen Volke nicht zur besonderen Ehre; die nationalliberale Partei müsse wachsen, damit endlich wieder eine Partei der Gentlemen im Reichstage sitze. Ihm secundirte der weiland Mitführer der kleinen nach diesem und Dr. Völk benannten „schäußlichen Völkergruppe", Bankdirek- tor v. Schauß, mit den Worten: von den Fesseln des Centrums müsse der Kanzler befreit werden zum Wohle des Vaterlandes. Es verging fast keine Woche ohne eine große nationalliberale Versammlung. Die Nationalliberalen hatten 168 Candidaten aufgestellt. Aber der Erfolg? Sie hatten im vorigen Reichstage 45 Mitglieder gezählt — dies Mal brachten sie es auf ganze 50. Ohne Zweifel wird es bei den Reichstagswahlen im Herbst 1887 zu einem stärkeren Zusammenschluß der sog. „Mittelparteien" kommen, aber nicht zu einer Mittelpartei im Sinne der Urheber dieser schönen Idee und vollends nicht zu einer mittelparteilichen Reichstagsmehrheit.
* Die Zahl der bei den preußischen Justizbehörden beschäftigten Referendare betrug nach einer Mittheilung des Justizministerialerlaffes (jedesmal am 1. Juli des betreffenden Jahres): 1875: 1983, 1876: 2326, 1877) 2409, 1878: 3004, 1879: 3206, 1880: 3590, 1881: 3791, 1882: 3928, 1883: 3937, 1884: 3919, 1885: 3839, 1886: 3724. Gegen das 1883 erreichte Maximum hat also eine Abnahme der Referen- darien von circa 200 oder 5 pCt. stattgefunden. Auf die einzelnen Oberlandesgerichte vertheilen sich die Referendarien am 1. Juli 1886: Kam- mergericht 676, Breslau 426, Köln 412, Naumburg (incl. 4 Referendarien au» Anhalt und Schwarzburg-Sondershausen) 397, Hamm 312, Celle 310, Königsberg 260, Stettin 222, Frank- fürt a/M. 204, Marienwerder 160, Cassel 117, Kiel und Posen je 114.
etwa emen Monat aufgehalten, begaben wir uns nach Wien. Was dort der gnädige Herr angefangen? Nun, eben so gut hätte er sich in die Wüste Sahara zurückziehen können, denn er lebte in der schönen Kaiserstadt so einsam wie ein Eremit. Was der Herr eigentlich angefangen, weiß ich nicht, nur hat er mit Herrn Fothergill und einigen Staatsmännern in England viele Briefe gewechselt. Hin und wieder kamen auch wohl Freunde des gnädigen Herrn, die unsere feinen Cigarren rauchten und unsere theuren Weine tranken — der Herr aber saß zwischen ihnen, wie Einer, der die Sprache verloren hat. Ja, ja, gnädige Frau, er ist ganz anders geworden," setzte er wehmüthig hinzu, „ich glaube, er hat sogar sein Testament schon gemacht. Und mehr weiß ich nicht."
Ich empfand tiefen Schmerz bei dem schmucklosen Berichte des wackeren Dieners. Damals ging mir aus seinen Worten unwiderleglich hervor, daß mein Gatte in der That unter seinem Wahne tiefer litt, als ich es geahnt hatte. Ich dankte Butler und entließ ihn. Er ging mit den Worten:
„Ich denke, es wird nun Alles besser, gnädige Frau, nun er wieder bei Ihnen ist. Sie werden ihm die seltsamen Flirren schon aus dem Kopfe reden I"
Buttler wußte nicht, daß das Niemand weniger konnte als ich!
Ich beschäftigte mich nun mit meinem Kleinen