1886
Sonnabend, den 30. October.
V 249
Fuldim EW Ztilmig
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Zweites Blatt. |
Wieder vereinigt.
Frei nach tcm Englischen bearbeitet.
16. Fortsetzung.
Was sollte ich beginnen? Wo blieb die Ent- schloffenheit, welche zu besitzen ich mir seit Monaten eingebildet hatte? Verflogen war alle Besinnung, alle Ueberlegung. Ihm vor den Augen der Diener- schäft entgegen zu treten, war ein Ding der Un- Möglichkeit — wie hätte ich ihn begrüßen sollen? Und wenn ich vor ihm gestanden hätte, zögernd, überlegend, Worte suchend und keine findend — — wär das zu ertragen? Ich zitterte bei dem Gedanken, welche mir nachtheiligen Schlüffe er aus meinem seltsamen Benehmen nothwendigerweise ziehen mußte. Da hörte ich ihn sagen:
„ES ist noch früh! Lady Kynaston ist vielleicht noch nicht angekleidet, übrigens habe ich meine Heimkehr ja auch nicht angemeldet, und somit komme ich ganz unerwartet."
Aber da rief der Knabe ungeduldig:
„Mama war vor ein paar Stunden schon angekleidet — soll ich hinein gehen und ihr sagen, daß Du wieder da bist, Papa?"
„Wir gehen zusammen, mein Junge," entegnete mein Gatte.
Nun entstand eine kleine mir endlos dünkende Pause, vielleicht wollte Sir Hugo der Dienerschaft Zeit lasten, sich zurück zu ziehen. Dann bewegte sich der Drücker an der Thür, sie öffnete sich — wir standen uns gegenüber. Der wichtigste, ent« scheidendste Augenblick in meinem Leben war gekommen, aber ich hatte nicht die Kraft, ihn aus- zunutzen. Meine erste unwillkürliche Empfindung war, ihm entgegen zu stürzen, ihn an mich zu preffen — aber ich fühlte ein Bleigewicht an meinen Füßen, ich vermochte kaum mich zu bewegen. Ich sah ihn an — o Gott, ich las in seinem Gesichte zwar Milde und Güte, nicht aber Vergebung. Ich versuchte zu sprechen, doch meine Zunge versagte den Dienst. Die Worte der Liebe, welche stürmisch aus meinem geängstigten Herzen emporquollen, blieben mir auf den Lippen hängen. Endlich, endlich aber stieß ich heraus:
„So sind Sie doch zurückgekommen, Sir Hugo?" Welch' ein frostiger Empfang für den Gatten! Aber er hatte, ich sah es, schon vorher den Ent- schluß gefaßt, sich nicht von etwaigen mitleidigen Regungen beeinflussen zu lassen, deshalb hielt er den Knaben auf dem Arme, vielleicht um mich zu hindern, ihn zu umarmen. Das Kind fühlte instinktiv, daß zwischen Vater und Mutter eine Mißhelligkeit vorliege und fragte lebhaft:
„Arme Mama! Papa, bist Du denn nicht froh, Mama wieder zu fehen? Du hast sie ja noch nicht einmal geküßt, wie Du cs sonst thatest!"
Die Worte des Klein-.n zerriffen mein H.rz und meinen Gatten verwirrten sie im höchsten Grade, so daß seine Wangen sich lebhaft rötheten. Aber er entgegnete in mildem Tone und streckte mir seine Hand entgegen:
„Vergib mir, Helene. Es ist mein inniger Wunsch, daß wir fortan als Freunde neben ein- ander leben."
Trotzdem ein seliger Jubel meine Seele durchbrauste, vermochte ich nicht, meine Hand in die seine zu legen, so ergriff er denn die schlaff darniederhängende, zog mich näher an sich und küßte mich flüchtig auf die Wange. Ich ließ es ge- schehen, ohne ihm meine tiefe Bewegung zu erkennen zu geben, denn ich sah an seinen Gesichtszügen, daß dieser anscheinende Beweis von Zärtlichkeit nur leere Formalität war, damit das scharfe Auge des Kindes keine Spur von Mißhelligkeit zwischen uns
entdeckte. Er war wieder gekommen, wie er gegangen — unerbittlich, unversöhnt. So konnte ich denn in rein geschäftsmäßigem Tone mit ihm verkehren, und ich wollte es. Er sollte den Stolz eines schwer beleidigten Weibes kennen lernen. Ich neigte mich zu meinem Knaben, den Sir Hugo nun auf den Boden gesetzt hatte, nieder und flüsterte ihm zu, zu seinen Spielen zurückzukehren, was er sofort mit Zeichen lebhaftester Freude that. An der Thür kehrte er sich noch einmal um und rief:
„Papa, ich habe jeden Abend mit Mama für Dich gebetet. Betest Du nun auch mit uns?"
Keiner fand eine Antwort auf die peinigende Frage des Knaben, ja ich wagte nicht einmal aufzublicken, um nicht seinem Auge zu begegnen. Als wir stumm blieben, sprang Hugo hinaus.
Ich ließ mich nun in einem Stuhle nieder und faltete meine Hände auf dem Schoße. So saß ich eine kleine Weile, ohne daß mein Gatte zu sprechen begann. Ich wartete! er sollte beginnen, nicht an mir, der Gekränkten, war es, das erste Wort auszusprechen. Endlich sagte er:
„Ich bin heimgekommen, um die ernsten Pflichten wieder auf mich zu nehmen, welche ich ohne Ueberlegung so plötzlich von mir geworfen. Es war nicht meine Absicht, so unerwartet heimzukehren, sonst hätte ich vorher geschrieben, damit Sie sich auf meine Ankunft vorbereiten konnten."
„Sie kommen mir jede Minute angenehm, denn ich war jede Stunde während der verflossenen neun Monate auf Ihre Rückkehr vorbereitet," entgegnete ich ruhig mit einem Anflug von Selbstbewußtsein.
„Sie sind gut," war seine kühle Antwort. So lobt man mechanisch, ohne eine Spur tieferen Gefühl» einen Bedienten, der während der Abwesenheit der Herrschaft Alles zum Besten versorgt hat. Sir Hugo sprach als Gentleman, nicht als mein Gatte.
Ich blickte auf und sagte:
„Sie sind heimgekommen, weil Herr Fothergill wichtiger Geschäfte wegen Ihre Abreise von Wien verlangte, nicht wahr?"
Ich fixirte ihn bei diesen meinen Worten scharf. Aber nicht eine Spur von Bewegung oder Verlegenheit entdeckte ich in seinen Zügen — wollte er nichts oder hatte er nichts zu verrathen?
„Ich empfing den Brief unseres Sachwalters erst, als ich die Heimreise bereits angetreten hatte," entgegnete er. „Aber ich bin höchlich überrascht, daß Sie Herrn Fothergill's Vertrauen so bald und so sehr, wie es den Anschein hat, besitzen. Er ist doch sonst nicht so mittheilsam."
„Lasten wir das," erwiderte ich kühl. „Besprechen wir eine Angelegenheit, die mir weit wichtiger ist. Sie haben soeben geäußert, daß Sie geneigt seien, fortan als Freund neben mir zu leben — wollen Sie mir nicht auseinandersetzen, was ich davon zu halten habe? Was heißt dar in diesem seltsamen Falle: Freund sein?"
Meine unumwundene Frage, auch wohl mein ernster Blick setzten ihn ein wenig in Verlegenheit. Er schlug die Augen nieder und entgegnete nach einer Weile langsam und zögernd:
„Ich dachte nicht, daß Sie mich sobald schon in die Rothwendigkeit versetzen würden, meine Worte zu erklären, und noch weniger erwartete ich, daß die Aufforderung in einem so befehlend klingenden Tone erfolgen werde. Doch fei es. Ich gestehe, daß die Zeit und längeres ruhigeres Nachdenken mir die Ueberzeugung beigebracht haben, daß es Unrecht von mir war, Sie in einer so auffälligen und Ihren Ruf kompromittirenden Weise zu verlaffen. Ihre Ausreden — als solche faßte ich wenigstens Ihre meine Beschlüffe bekämpfenden Bemerkungen auf — daß die eheliche Treue und
Ihre Pflichten als Gattin und Mutter Ihnen.nicht gestatteten, in die Scheidung zu willigen, verdienten in der That größere Beachtung, als ich Ihnen schenkte. Daß ich Sie einem so einsamen Leben und den üblen Nachreden schutzlos überlieferte, war mehr als ich thun durfte, obgleich ich im Grunde genommen Recht hatte."
Vor seinen sanften Worten schmolz die eisige Rinde, mit der ich gewaltsam mein Fühlen umgeben hatte. Bedeuteten diese süßen Laute den Beginn einer seligen Zukunft, welche gleiches Glück brachte wie die unvergeßliche Vergangenheit? Er fuhrt fort:
„Ich kam zu dieser Einsicht selbstverständlich nicht auf einmal, aber sie drängte sich mir nach und nach unwiderstehlich auf. Und so bin ich denn entschloßen, Ihnen vor der Welt, soweit es in meinen Kräften steht, die frühere Aufmerksamkeit wieder zuzuwenden."
Da war die Grenze! Bloße Aufmerksamkeit wollte er mir widmen, mir die Höflichkeit erzeigen, welche er mir als der Herrin des Hauses schuldig war! Ich entgegnete nichts. Er kam mir näher, so nahe, daß sein Athem, als er sich über mich beugte und meine Mienen gespannt beobachtete, die Haare über meiner Stirne streifte. Was wollte er? Mich gewinnen durch Aufmerksamkeiten, die ein unerfahrenes Mädchen vielleicht täuschen könnten?
„Du hast gelitten, Helene," sagte er in jenem weichen Tone, der mich früher entzückt hatte. „Deine Wangen sind gebleicht, Dein Gesicht trägt nicht mehr die Farbe der Gesundheit. Ich weiß, ich bin schuld daran, ich habe Dir mehr Kummer verursacht als ich beabsichtigte und ahnen konnte."
Ich blickte auf und sah ihm mit Festigkeit in die mit banger Erwartung auf mich gerichteten Augen. Wenn es denn seine Absicht war, einzulenken und mildere Gesinnungen walten zu laffen, so sollte er doch wiffen, welche Schmach er mir angethan. Hätte er mir seine Liebe geboten, so wäre ich auf's Höchste beglückt gewesen, aber sein Anerbieten, mich bloß neben sich dulden zu wollen, beleidigte mich."
„Du bedauerst es, mich beleidigt zu haben?" entgegnete ich. „Glaubst Du, Dein bloßes Bedauern könne mich für die unsäglichen Qualen entschädigen, welche ich seit der Dauer Deiner Abwesenheit erduldet? Lieber möchte ich tobt sein, als Dein Bedauern ertragen."-»
Er wendete sich ab von mir, seine Gesichtszüge nahmen einen harten Ausdruck an.
„Sage was Du willst, Helene," entgegnete er, „ich werde mich nicht verleiten laffen, auch Dich zu beschuldigen; was ich Dir vorwerfen könnte, weißt Du, und ich verschmähe es, die alte Geschichte aufzufrischen. Aber ich bitte Dich, Helene, nimm das Wenige von mir an, was ich Dir aus ehrlichem Herzen zu bieten vermag: meine aufmerksame Sorge, mein ängstliches Bestreben, Dein Wohlergehen zu fördern —"
Jetzt war es aus mit meiner mühsam bewahrten Fassung, ich empfand jedes seiner wohlüberlegten Worte als eine neue Beleidigung. In leidenschaftlicher Erregung sprang ich auf und rief:
„Wohlergeh'n ist ein eisiges Wort. Gib mir mein Glück zurück, das Du in Deinen Händen trägst, laß vergessen sein, was geschehen und liebe mich wie vordem."
Verschwunden war mein Stolz, verschwunden jeder Gedanke au die Genugthuung, welche er mir schuldete; ich war jetzt diejenige, welche um Verzeihung bat, sein Opfer, feine Sklavin. Ich legte meine Hand auf seinen Arm und versuchte mit sehnsüchtigen Blicken in sein von mir abgewendetes Antlitz zu schauen.
(Fortsetzung folgt.)