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J\S 247. Donnerstag, den 28. October. 1886

Fuldm

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* Zur Jmrrrngsfrage.

Der selbständige Handwerkerstand geht immer mehr zurück, das ist eine offenkundige, durch die Statistik leider nur zu sehr bestätigte Thatsache. Aber auch kein anderer Stand kann von sich sagen, daß er so von den Regierungen vernachlässigt, in seinen Rechten gekränkt worden wäre als gerade er. Und doch hat die deutsche Handwerker- und Gewerbepartei längst auf Grund eingehender Unter­suchungen ihre Ueberzeugung dahin ausgesprochen, daß das Gewerbe auf keine andere Weise vor einem tieferen Verfalle geschützt, wieder auf eine würdige Stufe gebracht und zur Erfüllung seiner wirthschaftlichen und sozialen Aufgaben befähigt werden könne, als durch Schaffung allgemein ver­breiteter mit der nöthigen gesetzlichen Autorität ausgerüsteter fachgewerblicher Corporatio- nen. Die Behauptung, daß die Innungen den Prüfstein bilden sollen für die schwerwiegende Frage, ob der gewerbetreibende Mittelstand soviel Verständniß für seine Lage besitze, daß er sich zu einer festen Phalanx nach oben und unten hin vereinigt, oder aber, ob seine soziale Rolle aus­gespielt ist und er mithin als maßgebender Faktor aus dem Gesellschaftsleben ausscheiden müffe, be­gründet die .Deutsche Buchdrucker-Zeitung', indem sie schreibt:

„Das Erwerbsleben der Kulturnationen hat sich zum potenzirten Kapitalismus und Industrialismus ent­wickelt. Nicht das vorhandene wirkliche Bedürfniß regelt heutzutage die Produktion, sondern vorwiegend dieSpeku- lation und das durch dieselbe mit allen Mitteln der Reklame und durch die Unnatur des hyperkulturellen Volkslebens künstlich hervorgerufene Bedürfniß. Ein­fachheit und Mäßigkeit sind dem Gespött verfallen und zwischen der unnatürlich en verfeinerten Art zu leben und den sittlichen Anschauungen findet eine Wechsel­wirkung statt, die ihren schlimm en Einfluß auf den gejammten Geschäftsbetrieb nicht verfehlt. Soli­dität, Treue und Glauben sind darin leider immer mehr und mehr in de r Abnahme begriffen. Das Handwerk, früher der Schwerpunkt eines jeden nationalen Erwerbslebens, ist von der Großindustrie völlig bei­seite gedrängt worden, das Maschinenwesen hat die Arbeit der Menschenhand zum großen Theil überflüssig ge­macht; ganze Ecwerbsklassen sind durch die Maschine elen­diglich zu Grunds gegangen. Das Handwerk ist an seinem Niedergange nur zum Theil selbst schul» ! nicht viele seiner Angehörigen waren in der Lage, sich Maschinen zuzu­legen. Hätte es aber wirklich die Mehrzahl gekonnt, wohin dann mit der unausbleiblichen Ueberprovuktion? Der

Wieder vereinigt.

Frei nach dem Englischen bearbeitet.

14. Fortsetzung.

1 ♦

Wie könnte ich beschreiben, welche Gefühle meine Seele wild durchstürmten? Sie war wie ein vom wildesten Orkan bewegtes Meer, immer wieder erhob es sich zu erneutem heftigeren Ansturm, daß ich in der Angst meines Herzens verzweifelnd den Himmel fragte: Wie wird es enden? Welch' eine Zukunft stand uns bevor? War mein Gatte mir untreu ? D ohte ihm in der That Unehre und Schande? O, Ersteres hätte ich verschmerzen können, ich würde ihm vergeben haben, wenn er mich um Verzeihung angefleht hätte, aber wenn Unehre und Schande sein Haupt bedeckte, dann war er mir für ewig verloren. Ich kannte ihn ja bis in die Tiefen seiner Seele, wie ich mich selbst kenne. Ich wußte: nicht er selbst hatte sich eines strafbaren Vergehens schuldig gemacht, das hielt ich für unmöglich; aber vielleicht waren alle An­zeichen gegen ihn, und das hätte sein stolzer Geist nimmer ertragen. Endlich aber trat eine Ruhe in mir ein; ich dachte daran, daß mein Gatte nach Hause zurückkehren werde, und von diesem Augen­blicke an malte mir meine Phantasie nichts Anderes „xhr vor, als die süße Hoffnung, feine Verzeihung

kolossale Aufschwung des Maschinenwesens hat den indu­striellen Kapitalismus erst ermöglicht, hat aber zugleich — wer wollte das leugnen — einen Hauptantheil an dem allgemeinen Kulturaufschwung, der noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht hat. Aber er hatte zugleich eine ungeheure Verschiebung der Erwerbsverhältniffe im Gefolge und diese sind heute noch nicht zur Ruhe gelangt. In innigster Verbindung damit steht für den Minderbegüterten, sowohl Arbeitgeber als Arbeit­nehmer, die Unsicherheit des Erwerbes, die den Ein­zelnen zum Spielball der jeweiligen Konjunk­tur desMarktes macht. „Krieg aller gegen alle" ist die Signatur des heutigen Erwerbslebens, das, wenn man es sich in der bisher beobachteten Weise unbehindert fortentwickeln ließe, zur völligen Vernichtung des Mittelstandes führen müßte, so daß wir schließlich nur noch Nabobs und Paupers hätten. Die industrielle Entwickelung Englands ist der unseren um hundert Jahre voran; die Klassengegensätze treten dort auch schon viel markanter hervor und in absehbarer Zeit wird dort eine Katastrop he eintreten, die sich schon jetzt durch Handels­krisen, Massenstreiks, Plünderungszüge des Lumpenprole­tariats und andere unangenehme Dinge ankündigt. Durch jene Entwickelung ist das Erwerbsleben eine Lotterie geworden, in denen zwar Einzelne Treffer ziehen, die Ge- sammtheit der Spieler aber auf Kosten der wenigen Ge­winner immer ärmer und ärmer wird. Das neugeeinte deutsche Reich ging den übrigen Kulturstaaten in der sozia­len Reform voran. fDer Staat erkannte es als seine Auf­gabe an, nicht nur den Schutzmann für Bewachung des Eigenthums seiner Bürger zu machen, sondern wenigstens die verderblichen Folgen des Industrialismus und Kapita­lismus zunächst von den wirthschafllich Schwächsten, den Arbeitern, abzuwenden; diese Reform wird von den Ar­beitern erst dann besser gewürdigt werden, wenn dem Gebäude der Schlußstein, die Altersversorgung, eingefügt worden ist. Aber auch dem Mittelstände will der Staat wieder zu seiner berechtigten Stellung verhelfen und hat ihm deshalb in dem neuenJnnungsgesetz die Mittel geboten, sich wirksam zu vereinigen. Die Berufsge­nossenschaften bilden einstweilen den weiteren Rahmen, der schließlich hoffentlich ganz von den Jnnungsver- bän.den ausgesüllt werden wird. Die Innungen werden, je mehr sie wachsen, ihre Aufgaben immer mehr verbrei­ten müssen; sie werden ihre Ziele aber dann auch stets weiter stecken können und schließlich als letztes eine Art korporativen Sozialismus in’S Auge fassen müssen. Da­hin geht die Entwickelung der Industrie und die Strömung des Zeitgeistes. Rur in innigster Gemeinsch aft können wir dem Kapitalismus und der Ausbeutung unseres Gewerbes in jeder Form, nur als geschlossene Körperschaft können wir den übertriebenenForderungen der Agitatoren unter unseren Gehilfen entgegentreten; in der Vereini­gung aber werden wir auch leichter als bisher in der Lage sein, berechtigte Forderungen unserer Gehilfen zu erfüllen! Darum: Vereinigt euch l"

Wenn man Dem Vorstehendenjvoll und ganz zu­stimmen kann, so ist jedoch noch zu bemerken, daß,

zu erlangen. Deßhalb wartete ich sehnsüchtig auf Herrn Fothergill's Besuch, denn er mußte wissen an welchem Tage mein Gatte zurückkehren werde. Ihn nach dem Grunde und den näheren Umständen von Duncan Forsiffh's Anklage zu fragen, stan- bei mir in zweiter Reihe. Aber der sonst so pünkt­liche Anwalt erschien nicht, so daß ich endlich, unfähig, die quälende Ungewißheit zu ertragen, noch einmal zu seiner Wohnung sandte. Endlich erschien er am späten Abend, wichtige Geschäfte als Entschuldigung für sein Zögern vorschützend. Ich sah ihm auf den ersten Blick an, daß er nicht die Absicht hatte, mir viel mitzutheilen. Indessen gestand er auf meine dringenden Bitten, doch ver­nommen zu haben, Sir Hugo wolle heimkehren, nur habe er die Zeit seines Eintreffens noch nicht genau bestimmt. In der schwachen Hoffnung, doch noch ein wenig mehr erfahren zu können, fragte ich :

„Hat er Ihnen denn nicht irgend welche In­struktionen gegeben, welche sich auf seine Rückkehr beziehen?"

„Rein," entgegnete Fothergill kurz und setzte, wie wenn er das Gespräch abzubrechen gedenke, hinzu:

„Der Kleine befindet stch hoffentlich wohl?"

Gleichzeitig erhob er sich, um sich zu verabschie­den. Aber da« litt ich nicht, ich wollte meine ganze Überredungskunst anwenden, um mehr aus

wenn die Regierung einen guten Anfang in der Sozialreform gemacht hat, sie dies hauptsächlich auf das Drängen und die t^atfräftige Unterstützung des Centrums hin zu Wege gebracht hat. Machen also das Jnnungswesen und die Handwerksreform Fortschritte, wenigstens in der äußern Form, so wollen wir hoffen, daß diese auch in der Innern Entwickelung und Besserung bald gleichen Schritt halten.

Deutsches Gleich.

Berlin, 27. October.

* Heute Nachmittag 2* 1/4 Uhr wurde im Sitzungs- saale des Herrenhauses die Allgemeine Kon­ferenz der Internationalen Erdmessung mit einer Ansprache des Kultusministers Dr. von Goßler eröffnet. Die Minister v. Bötticher, Lucius, Scholz, Friedberg, Staatssekretär v. Schelling, Ministerialdirektor Greif, Abgeordneter Sombars wohnten der Eröffnung bei. Die Tribünen waren mit einer Anzahl von Persönlichkeiten aus den Kreisen der Gelehrten und anderer höherer Gesell­schaftsschichten besetzt. Das Bureau der Konferenz wurde in folgender Weise gebildet: Präsident: Geh. Regierungsrath Professor Dr. Förster-Berlin. Vice- prästdent: Geh. Rath von Struve aus Pulkowa bei St. Petersburg und Herr Faye aus Paris. Sekretär: Herr Professor Dr. Hirsch aus NeuchLtel. Nach einer Ansprache des Präsioenten wurde so­dann zu den programmmäßigen Berichten über die Bethätigung der Organisation seit der letzten Ge­neral-Konferenz der Europäischen Gradmessung (Rom 1883) übergegangen.

* Die Zusammenstellung der Betriebsergebnisse deutscher Eisenbahnen im September d. I. weist gegenüber den Ergebnissen des Monats September 1885 im Durchschnitt eine mäßige Mehreinnahme auf, die aber ausschließlich aus dem Personen- Gepäckverkehr fließt. In der Zeit vom 1. April bis Ende September d. I. stellte sich die Einnahme aus den preußischen Staats­bahnen inSgefammt auf 326,462,700 Mk., d. i. 6,354,738 Mk. mehr als in dem gleichem Zeit­raum des Vorjahres. Auch die württembergischen, oberhessischen, badischen und oldenburgischen Staatsbahnen haben seit Beginn des Etatjahres Mehreinnahmen aufzuweisen, während die sächsi-

ihm heraus zu locken, und so vertrat ich ihm Den Weg und bat flehentlich:

„Gehen Sie nicht, lieber Herr Fothergill, ohne mir Alles mitgetheilt zu haben, was Sie mir mit gutem Gewissen erzählen dürfen, es ist doch gewiß mehr, als Sie mir bis jetzt gesagt haben. Versetzen Sie sich doch in meine Sage, in die Sage eines treuen, liebenden Weibes, dem so un gewöhnliche, geheimnißvolle, Bangen erregende Mittheilungen gemacht worden sind, wie mir. O bitte, sagen Sie mir, legen Sie der Sache irgend welche Bedeutung bei?"

Erstaunt und erschreckt zugleich blickte der treue Sachwalter auf; sein Auge blitzte.

„Wie?" rief er erregt, Sie wollen damit doch nicht sagen, daß jener kecke Bursche die Frechheit gehabt hat, mit seiner seltsamen Erzählung auch Sie zu belästigen?"

„Doch, er ist bei mir gewesen," entgegnete ich, und setzte nach kurzem Nachdenken mit flopfenoem Herzen hinzu: „Sind Sie bekannt mit Herrn Forsylh'S Antecedentien?"

Herr Fothergill sah mich einen Augenblick mit seinen scharfen Augen streng und durchdringend an, wie etwa ein Untersuchungsrichter einen ver­stockten Gefangenen. Ob er wußte welches 33er« hältniß zwischen mir und Duncan einst zu meinem Verderben bestanden hatte? Aber allmählig mit-