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243.

Sonnabend, den 23. October.

1886

Fllldm Jeitlttlg

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Preßprozeß gegen das,Fränkische Bolksblatt'.

* Würzburg, 18. Okt.

Unter ungeheurem Andrange des Publikums begann heute Vormittag der zweite Würzburger Preßprozeß gegen das ,Fränk. Volksblatt'. Angeklagt ist Johann Wickl, 24 Jahre alt, cand. jur., geb. zu Trippstadt, Bezirksamt Kaiserslautern, verantwortlicher Redakteur des ,Fränk. Volksblattes' dahier, früher beim .Pfälzischen Volksblatt', wegen zehn Vergehen der Beleidigung des Ge- sammtmin ister i ums. Als Zeugen sind vorgeladen und erschienen: 1. Herr Ministerialrath Dr. v. Ziegler, 2. Herr Lycealdirektor Dr. Daller von Freising, 3. Alphons Weber, Kammerdiener des Königs; auf Antrag des Staats­anwalts wurde der als Zuhörer anwesende Herr Abgeord­nete Pius Gabler als Zeuge bestimmt. Graf Dürkheim, welcher ebenfalls geladen ist, ist nicht erschienen und ent­schuldigt sich in einem Schreiben an den Präsidenten mit dienstlicher Verhinderung.

In einer Reihe von Nummern des,Fänk. Volksbl.' erschienen in den Monaten Juni und Juli d. I. Artikel, welche nunmehr Geg-nstand der Anklage bilden. In den Artikeln ist dem Ministerium vorgehalten, daß es einen Staatsstreich begangen habe, ein ungeheurer Frevel sei verübt, das Ministerium habe eine Wand zwischen König und Volk aufgeführt, König Ludwig und der jetzige König {eien das Cjiür des Liberalismus und der Loge, daß Miß­trauen des Königs Ludwig sei vom liberalen Ministerium künstlich geschürt, Lutz sei der Gouverneur von Bayern gewesen, das Ministerium habe seine Freude an der Scheide­wand zwischen König und Volk gehabt, das Ministerium habe Unterlassungssünden begangen, der König sei irre­geleitet worden. Das Ministerium trage vor Gott und der Weltgeschichte die Hauptschuld an der Katastrophe, die Excellenzen seien um Ausreden nicht verlegen, es sei ein Gewaltstreich gegen den König begangen, das Ministerium habe das Volk getäuscht, das Ministerium habe lange Zeit die Unwahrheit behauptet, ferner das Demissions­gesuch der Minister sei nicht ernstlich gemeint gewesen, das Kabinet Lutz habe keine ritterliche Noblesse gezeigt rc. Angeklagter Wickl erklärt in seiner Vertheidigung, das ,Fränk. Volksbl.' sei ein Parteiblatt und von diesem Ge­sichtspunkt aus seien die Artikel ausgenommen, übrigens enthielten dieselben keine Ministerbeleidigung. Zeuge Pius Gabler präcisirt auf Verlangen des Staatsanwalts seine Zeugenaussage vom Samstag dahin, daß die Aussage des betr. Ministerialbeamten bei ihm den bestimmten Eindruck

Wieder vereinigt.

Frei nach dem Englischen bearbeitet.

10. Fortsetzung.

Mein Gemahl war abgereist, ohne im min­desten Vorkehrungen zu treffen, die tausend- fachen Vermuthungen zu unterdrücken, welche seine plötzliche Flucht von Haus, Weib und Kind Her­vorrufen mußte. Auch darin zeigte sich die kraft- volle Unabhängigkeit seines Charakters, er machte sich nichts aus dem Urtheile der ganzen Welt, wenn er selbst nur überzeugt war, recht zu Han- deln. Er hatte der ganzen vornehmen Gesellschaft getrotzt, als er mich, die Tochter eines unbedeu­tenden Buchhändlers, zu seinem Weibe machte, er trotzte ihr, als er mich verließ. Die Welt natür­lich, welche nichts lieber thut, als indiskrete Blicke in das intimste Familienleben zu werfen, nament­lich, wenn sie dort Zerwürfnisse vermuthet, war unerschöpflich in Erfindung von allerlei Gründen für das rätselhafte Verschwinden des Herrn von Kynaston. Da hieß es zunächst, er habe gespielt und ungeheuere Summen verloren, so daß der Bankerott unvermeidlich sei; als sich indessen nach Verlauf von einigen Wochen nichts ereignete, was diese Vermuthung bestätigen konnte, so kam man selbstverständlich auf eine andere, weit glaubhaftere, die nämlich, daß er in die Netze einer schönen

gemacht habe, daß derselbe zur Zeit der Unterredung mit ihm von der Geistesgestörtheit des Königs überzeugt ge­wesen und daß derselbe hiervon dem Minister Lutz Mit­theilung gemacht habe. Daß Minister Lutz erst im März 1886 die volle Ueberzeugung von der Geisteskrankheit des Königs erlangt, habe kein Mensch geglaubt. Ministerial- rath Dr. Ziegler bestreitet, daß das Ministerium eine künstliche Scheidewand aufgerichtet habe, der Minister des Innern habe im Gegentheil dem König berichtet, daß das Volk Sehnsucht nach ihm habe, der König habe aber mit dem Bemerken abgelehnt, er wolle diese Plebsereien nicht. Einzelne Vorfälle, die er, Zeuge, auch dem Minister Lutz mitgetheilt habe, hatten ihm wohl einige Male leise Zweifel über die geistige Gesundheit des Königs aufkommen lassen. Doch hätten bei ihm solche Zweifel auch wieder abgenom­men. Abg. Dr. Daller macht zunächst denselben Vorbe­halt bezüglich seiner Zeugenaussage wie Abg. P. Gabler am Samstag und sagt dann aus, er habe schon seit 1884 die Ueberzeugung gehabt, daß eine volle Zurechnungsfähigkeit beim König nicht mehr angenommen werden könne, er könne jedoch positiv nicht behaupten, daß die Minister diese Ansicht getheilt hätten. Verschwendungssucht müsse bei einer allerhöchsten Person immer Symptom geistiger Störung sein. Nach seiner Ueberzeugung hätte Dezember 1885 spä­testens eingeschritten werden muffen. Auch Minister Lutz habe in der Kammer gesagt, daß gerade aus der Verschwen­dung des Königs auf dessen geistige Erkrankung geschlos­sen werden konnte. Kammerlakai Weber, jetzt Schriftsetzer, 24 Jahre alt, war vom 28. April bis 1. November 1885 und vom 28. Mai bis 12. Juni d. I. als Kammerlakai stets in unmittelbarer Nähe beim König, will aber nie eine Wahrnehmung von Geistesstörung beim König gemacht haben. Zeuge deponirt, daß die Staatskommission zur Nachtzeit ankam, die Gänge mit 4 Gendarmen besetzte, die aus München mitgebracht wurden, daß der König gefan­gen genommen wurde, daß er, wie er von Hofbediensteten hörte, in eine Chaise gebracht wurde, an der sich Riemen zum Fesseln befanden. Nachdem die Staatskommission be­reits eingetroffen, habe der König zu ihm gesagt: Man will mich für geisteskrank erklären, ein solches Leben ertrage ich nicht, wie mein Bruder Otto, den die Wärter alle Augenblicke mit der Faust bedrohen. Lieber den Tod, als ein solches Leben. Mein Blut komme über die, die mich verrathen haben! — Der Staatsanwalt Herr Held führt aus, der Güter höchstes sei die Ehre, die Ehre der Minister habe der Angeklagte frivol angegriffen. Das Be­nehmen Memminger's am Sonnabend sei das eines Man­nes gewesen, das heutige Benehmen Wickl's war es nicht. Das ,grünt. Volksbl.' sei, wie Wickl angegeben, wirklich ein Parteiblatt, dasselbe sei von Parteihaß erfüllt, es habe sogar die Geistlichen in der Umgebung des Königs begei­fert. Selbst Memminger habe in seinem Blatte von Schand­artikeln des,Fränk. Volksbl.' gesprochen, dieses Blatt strotze seit Jahren von Haß und Gift gegen die Minister, noch in den jüngsten Tagen habe das Blatt behauptet, der König sei gar nicht geisteskrank gewesen. Der Staatsanwalt geht dann die einzelnen Artikel durch und findet in jedem Blatte vielfache Ministerbeleidigungen. Er ist überzeugt, daß die

Schauspielerin von europäischem Rufe gegangen und ihr nach Petersburg gefolgt sei. Meine eigene seltsame Lage, mein gedrücktes und verhärmtes Wesen schien diesen Verdacht zu bekräftigen. Oben­drein war dergleichen ja auch in der Gesellschaft nicht selten. Das gewöhnliche Volk bedauerte mich; die Standesgenoffen meines Gemahls entschuldigten ihn indessen; er hatte ja eine Rotürivre geheirathet, welche ihm unmöglich genügen konnte! Ja, sie hatten längst vorausgesehen, daß es so kommen würde! Die klugen Leute vergaßen ganz, daß Hugo mir zu Liebe und um mir Demüthigungen zu ersparen, allen gesellschaftlichen Verkehr mit ihnen abgebrochen hatte und nur mir lebte.

Aber jene infame Vermuthung schlich sich auch an mich heran, sie versuchte sich in mein gequältes Herz zu stehlen und mich zu bereden, es sei so. Kann sein grausames Benehmen gegen Dich, sagte die Versucherin, nicht bloß ein leerer Vorwand sein, um seine eigenen schmachvollen Absichten zu verhüllen? Um einen Grund zu haben, sich von Dir zu entfernen?

Und dazu kam, um meine Pein auf die Spitze zu treiben, die Gewißheit, daß mein Gatte Fräu­lein Garcia bewunderte, denn wir waren häufig im Theater gewesen, wenn sie auftrat, und daß sie augenblicklich in der russischen Hauptstadt ein Engagement angenommen hatte, sowie daß mein

Geschworenen auf alle 10 Schuldfragen ein Ja antworten würden. Der Vertheidiger, Herr Rechtsanwalt Köth, führt aus, es sei ein konstitutioneller Grundsatz, daß die Mehrheit verlange, ein gegnerisches Ministerium solle gehen. Daraus folge, daß das ,Fränk. Volksbl.', das ein Partei­blatt sei, das Ministerium angreife. Es bestehe indeß ein mächtiger Unterschied zwischen dem Angriff gegen ein Mi­nisterium und jenem gegen Privatpersonen. Er gebe zu, daß sein Client sich vielleicht nicht geschickt vertheidigt habe und anders hätte benehmen können. Memmingsr habe Übrigens mehr Routine vor Schwurgerichten, Wickl sei be­fangen gewesen rc. Der Vertheidiger bestreitet die Absicht der Ministerbeleidigung und hebt hervor, daß die Mehr­zahl der Artikel vor der Rechtfertigung des Ministeriums vom 26. Juni d. I. erschienen sei. Er plaidirt auf Nicht- schuldig. Es folgt dann längere Duplik und Replik. Nach zweistündiger Berathung der Geschworenen verkündet deren Obmann, Herr Wachszieher Lambert, den Wahrspruch, welcher von den 10Schuldfragen nur eine (Art. N. 135 vom 16. Juni) bejaht. Der Staatsanwalt beantragt 5 Monate Gefängniß und Unbrauchbarmachung sämmtlicher Zeitungsnummern, der Vertheidiger beantragt, insbesondere auch unter Hinweis auf die Jugend und Unerfahrenheit des Angeklagten, eine 14tügige Gefängnißstrafe. Der Ge­richtshof erkennt auf zwei Monate Gefängniß und Einziehung der betreff. Nr. — Bemerkenswerth ist, daß die Geschworenen in dem inkriminirten „Mehr Licht" über­schriebenen Artikel, wegen dessen der Redakteur der.Am­berger Volkszeitung' verurtheilt wurde, keine Ministerbelei­digung fanden.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. October.

* Der neuliche Besuch des russischen Botschaf­ters Grafen Sch uw al off in Varzin und seine inzwischen erfolgte Reise nach Petersburg wird mit einer Aufnahme der Verhandlungen über die Zoll- und Handelsverhältniffe zwischen Deutsch­land und Rußland in Verbindung gebracht. Von anderer Seite wird das bezweifelt und angenom­men, daß es sich bei dem Varziner Besuche um Fragen der auswärtigen Politik gehandelt habe. Das Eine schließt indeß das Andere nicht aus; überdies hat Rußland ein ebenso großes Interesse daran, daß die deutsch-russischen Handelsbeziehun­gen eine Aenderung erfahren, als Deutsch­land selbst.

* Zur Fernhaltung der Cholera sind an den frequenten Grenzübergangspunkten vorsorgliche Maßregeln in Aussicht genommen. In Mittelwalde und Friedland, Provinz Schlesien, haben bereits eingehende örtliche Erwägungen stattgefunden.

* In den diplomatischen Kreisen von Paris

Gemahl, wie ich nach vielen Nachforschungen auf Umwegen erfuhr, ebenfalls nach Rußland abge­reist war.

Aber bald wies ich solche, unaufhörlich auf mich einstürmende Gedanken mit Scham und Entrüstung zurück. Wenn es ja auch, Gott sei es geklagt, bei den hohen Herren häufig Sitte ist, ihre Frauen zu vernachlässigen und Schauspielerinnen und an­deren leichten Wesen anbetend zu Füßen zu lie­gen, so wäre es doch von mir eine Versündigung an Hugo's durchaus ehrenhaftem Charakter ge­wesen, wenn ich ihn einer ähnlichen Treulosigkeit fähig geglaubt. Und nimmer konnte ich seine zarte Liebe vergessen, welche bis zu diesem Tage mein Leben zu einem süßen Traume gemacht, nimmer sein todtenbleiches Gesicht, als er zu mir sagte, daß sein mich verdammendes Urtheil sein Lebens­glück vernichten werde.

Ich lebte nun in trostloser Einsamkeit, — denn ich fürchtete mich fast vor der Gesellschaft meiner ehemaligen Freunde — und zehrte von den süßen Erinnerungen der Vergangenheit. Meines Man­nes Liebe und Güte, seine Zartheit, seinen Edel- muth rief ich mir täglich ins Gedächtniß zurück und überhäufte mich mit Vorwürfen, ihn nicht dafür belohnt zu haben. Wohl wußte ich, daß meine Selsstvorwürfe ungerecht waren — aber es war mir nicht möglich, sie zurück zu dränge n