JV 239.
Dienstag, den 19. October.
1886
Die ,Fuldaer Zeitung, erscheint täglich. Sann» und Friertag» ausgenommen. Merteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgelds 1 Mk. 50 Pfq., — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg, Inserate: Di» einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
O Bayerische Centrumspartei?
Bezüglich der Anregung des ,B. Kur.' für die nächsten Landtagswahlen der patriotischen Partei in Bayern einen einheitlichen Namen „Bayerische Centrumspartei" zu geben, äutzern sich die bayrischen Blätter großenteils zu stimmend. Mit Freuden ist die Anregung ausgenommen und mehrfach schon besprochen worden. Die ,Augsb. Postztg.' sagt darüber: In hiesigen patriotischen Parteikreisen wird der Vorschlag, die Partei unter der Bezeichnung: „Bayerische Centrums-Partei" zu reorganisiren, beifällig ausgenommen. Die bisherigen Parteibezeichnungen waren eine wahre Musterkarte und es ist in der Thal notwendig, endlich eine gemeinsame offizielle Parteifirma zu wählen. Das Bedürfniß hiefür ist schon lange vorhanden und im Grunde hätte schon nach 1870 eine Reorganisation der Partei eintreten sollen, nachdem die Lösung bet deuschen Frage und die Neuordnung der politischen Verhältnisse die Partei vor eine völlig neue Situation gestellt hatte. Hoffen wir, daß das Versäumte jetzt nachgeholt werde. Dazu gehört auch, wie gesagt, die Feststellung der Parteifirma. Hier ist vor Allem das Verhältniß zu berücksichtigen, in welchem die Partei zur Vertretung im Reichstage steht. Dieses Verhältniß ergibt sofort von selbst die zutreffende Antwort auf die Frage nach der richtigen Parteibezeichnung. Aus diesem Gesichtspunkte stellt «ich die Bezeichnung „bayerische Centrumspartei" als die beste.bar. Die Elemente, welche in Bayern die Wählerschaft bes Reichstagscentrums bilden, sind ohnehin im Wesentlichen dieselben, aus denen sich die bayerische „Rechte" rekrutirt, und die Ziele und Bestrebungen Beider sind in ihrem betreffenden Wirkungskreise die gleichen: Schutz der Religion und Kirche, Festhaltung der Grundlagen der Reichsverfassung unter Ablehnung des Einheitsstaates und christnch-soziale Reformpolitik. Die Bezeichnung „patriotisch" ist schon seit 1870 anti- quitt, der Name „katholisch.bayerisch" aber ist insofern bedenklich, als der Begriff „katholisch" und „Partei" eine contradictio in se involvirt und etwas Entwürdigendes darin liegt, den Katholizismus auf das Niveau des Parteiwesens herunterzudrücken. Ohne Zweifel liegt auch große Weisheit darin, daß die Centrumspartei im Reichs
tag und preußischen Landtag es vermieden hat, in die Parteibezeichnung das confeffionelle Moment aufzunehmen. Es muß die Möglichteit wenigstens für die Zukunft offen bleiben, daß alle überzeugten Christen, welche guten Willen haben und allseitige Gerechtigkeit üben wollen, zur gemeinsamen Vereinigung sich zusammenfinden, wenn auch nicht zu verkennen ist, daß für die Gegenwart zwecks einer solchen Vereinigung die trennenden Vorurtheile und Klüfte noch nicht überwunden sind. So glauben wir denn, daß die Bezeichnung „Bayerische Centrumspartei" als die beste unter den gegebenen Verhältnissen betrachtet werden darf." Auch andere Blätter stimmen dem Vorschläge bei. Die .Germania' sagt, „daß sie nicht wüßte, was gegen die Vortheile dieses Planes irgendwie in Betracht kommen könnte". — Die .Köln. Volksztg.' bringt den Artikel des .Bayer. Kur.' zum Abdruck und sagt dazu: „Die Organisation ist unseres Erachtens für die Partei geradezu eine Lebensfrage geworden. Auf den Namen kommt es erst in zweiter Reihe an. Wenn unsere bayerischen Freunde es zu einer Organisation bringen, welche den Rahmen eines einheitlichen, zielbewußten Strebens darstellt, dann ist uns um den Namen nicht bange. Wenn dabei die enge Verwandtschaft mit der Centrumspartei im Reichstage und im preußischen Abgeordnetenhause auch äußerlich zum Ausdruck kommt, so ist das eine sehr angenehme Zugabe."
Deutsches Reich.
Berlin, 18. October.
* Zur heutigen Feier des Geburtstags des Kronprinzen trugen in Berlin die öffentlichen Gebäude Flaggenschmuck. Der Kronprinz, welcher gegenwärtig bekanntlich auf der Villa Kauerbon in Portesino bei Genua weilt, hatte heute einen Ausflug in die dortige Umgegend unternommen, weshalb von einer größeren Festlichkeit Abstand genommen worden war.
* Wie bereits erwähnt, liegt die „Geschichte desCulturkampfes in Preußen-Deutschland" von Dr. Paul Majunke nunmehr abgeschloffen vor. Der Verfaffer sagt in dem Vorworte zu seinem in neun Lieferungen erschienenen Werke: „Gerade während des heißesten Kampfes auf einen Platz gestellt, von welchem aus ich alle
Wieder vereinigt.
Frei nach dem Englischen bearbeitet.
6. Fortsetzung.
Aber er stampfte mit den Füßen und zeigte mit der erhobenen Hand nach der Thür. Da schwankte die Mutter hinaus, und ich sank ohnmächtig zu den Füßen meines Vaters nieder.
Einige Tage verflossen mir in unnennbarer Qual. Immer wieder sah ich das schmerzzerrissene Antlitz meiner Mutter vor mir, immer wieder hörte ich ihre flehende Stimme. Mein Vater schien äußerlich gefaßt, aber ich sah es seinem Gesichte an, welche heimlichen Qualen auch er erlitt. Da führte die Haushälterin eines Abends eine alte Bettlerin in mein Zimmer, die mir, so lange die Alte uns beobachten konnte, lang und breit ihre elende Lage auseinandersetzte, aber, sobald die Haushälterin uns verlassen hatte, mir einen Brief übergab.
Er kam von meiner Mutter. Sie lag in einem Hospital schwer krank unv bat in rührenden Worten, sie zu besuchen. Ohne mich zu besinnen, warf ich einen Mantel um und eilte hinaus. Ein Freudenschimmer überflog das todtenbleiche Gesicht meiner armen Mutter, als ich neben ihrem Bette niederkniete. Sie legte ihre magere Hand auf meinen Kopf und sagte:
„Armes Kind, ich habe mich schwer an Dir und Deinem Vater versündigt, aber ich habe auch gebüßt —"
„Mutter," rief ich, hingerissen von Liebe und Mitleid, „schweige, vergeben und vergessen ist Alles."
Sie lächelte schwach, .dann flüsterte sie mit leiser Stimme:
„Helene, bringe den Vater her. Ich kann nicht ruhig sterben, wenn er mir nicht vergeben hat."
Unter heftigem Schluchzen versprach ich es, aber wie sollte ich den harten, schwer beleidigten Mann bewegen?
Als ich mich verabschiedete, begleitete mich eine barmherzige Schwester hinaus, und sagte:
„Mein Fräulein, wenn Sie mit der Dame noch etwas zu bereden haben, so thun sie es bald. Der Tod steht vor der Thür."
Ach, das hatte ich selbst schon erkannt, und ich flehte zu Gott, daß er ihr Leben nur so lange erhalten möge, bis ich ihr den Vater zugeführt.
Als ich nach Haufe zurückkam, faß mein Vater bereits beim Abendessen und empfing mich mit finsterem Blick. Ohne mich zu fragen, wo ich gewesen, beantwortete er meinen Gruß und fuhr fort zu essen. Ich sah starr auf meinen Teller, fühlte aber, daß seine Blicke beständig auf meinem Ge«
Phasen des Streites bald aus der Ferne, bald in nächster Nähe, bald inmitten der Schlacht beobachten mußte, bin ich in der Lage gewesen, mir sowohl über das Gesammt-Tableau des Kampfes als auch über zahlreiche Einzelheiten desselben ein Bild zu verschaffen, wie es nur wenigen geboten sein konnte." Er spricht den Wunsch aus, daß feine Darstellung „den Gegnern zum Nachdenken, den Freunden zur Genugthuung für erlittene Strapazen, aber auch zugleich zur Ausdauer und Wachsamkeit für die Zukunft dienen" möge. Der letztere Zweck ist von ganz besonderer Wichtigkeit. „Vergeben, aber nicht vergessen", muß die Losung der preußischen Katholiken sein und bleiben, auch wenn der kirchenpolitische Conflikt seinen Ausgleich gefunden, wovon wir leider noch recht weit entfernt sind. Darum sind geschichtliche Darstellungen des „Culturkampfes" verdienstliche und nothwen- dige Arbeiten, und zwar müssen wir deren für die verschiedenen Bevölkerungskreise haben. Das Majunke'sche Werk, welches ein sehr umfangreiches Material, auch zahlreiche Auslassungen von Tagesblättern enthält, ist populair gehalten in der frischen Sprache des ehemaligen Redakteurs der .Germania'. Ein Jnhaltsverzeichniß und eine chronologische Uebersicht erleichtern das Nachschlagen in dankenswerther Weise.
* Die eisenbahnfachwisfenschaftlichen Vorlesungen finden im Wintersemester 1886/87 in folgender Weife statt: In Berlin werden in den Räumen der Universität Vorlesungen über preußisches Eisenbahnrecht, die Nationalökonomie der Eisenbahnen, insbesondere das Tarifwesen, sowie über den Betrieb der Eisenbahnen gehalten werden. Das Nähere, namentlich auch bezüglich der Anmeldung zu den Vorlesungen, ist aus dem Anschläge in der Universität ersichtlich. In Breslau werden die fachwissenschaftlichen Vorträge sich auf die Nationalökonomie der Eisenbahnen mit besonderer Berücksichtigung des Tarifwesens, die Verwaltung der preußischen Staatsbahnen, das preußische Eisenbahnrecht und den Betrieb der Eisenbahnen erstrecken. In Bonn werden Vorlesungen über preußisches Eisenbahnrecht stattfinden.
* Nach dem ,Evang. Kirchl. Anz.' hat das Consistorium der Provinz Brandenburg dem inzwischen in den Ruhestand getretenen Charit«-
sichte ruhten. Plötzlich sagte er in rauhem Tone: „Du hast geweint, Helene."
Wiederum in Thränen ausbrechend, sprang ich auf und kniete neben seinem Stuhle nieder.
„Erbarmen, Vater, Erbarmen!" rief ich, „sie stirbt."
Er schrak zusammen und antwortete nichts. Auf seinem Gesichte malte sich ein Zeichen eines heftigen inneren Kampfes ab. Eine Ewigkeit schien es mir zu währen, bis er endlich sich zu mir wendete und fragte:
„Wo ist sie?"
„Im St. Patriks - Hospital," entgegnete ich, und frohe Hoffnung stieg in mir auf.
Wieder schwieg er eine Weile, dann stand er auf und sagte:
„Gehen wir."
Im Nu stand ich fertig da. Doch nun kann ich kurz fein. Bis Mitternacht blieben wir im Hospital, dann war Alles aus. In Frieden mit Gott und der Welt ging meine Mutter in das bessere Jenseits hinüber.
Würde jemals auch für mich der Tag kommen, an dem mein Gatte mich verzeihend wieder an seine Brust nahm? Ich war nicht schuldig und doch verstieß er mich. Sein Charakter war ebenso hart und unbeugsam wie der meines Vaters — würde auch er sich jemals rühren lassen?