V 237
Sonnabend, den 16. October.
1886
Fuldser
Jrihing
1 Mk. 50 Pfg., — mit der
auch wirklich die Verlegenheit, etwas ihr Aehnliches an ihre Stelle zu setzen, hat die Kartoffel unent- vehrlich gemacht. Trotzdem ist ste aber nur ein sehr einseitiges Nahrungsmittel. Sie ist sehr arm an Eiweißstoffen, enthält davon nur 1-2 Prozent. Wollte man dah?r durch bloßen Genuß von Kartoffeln die für die Ernährung nothwendige Eiweiß- menge gewinnen, so müßte man täglich ungefähr — nach Aussage eines bedeutenden Arztes — 8 bis 12 Pfund Kartoffeln verzehren, eine Last, unter welcher sowohl der Magen als der Geld- beutel schwer seufzen würde. Auch von der zur Ernährung sehr wichtigen phosphorsauren Erde und dem Eisen enthalten sie nur unzureichende Mengen; reich sind ste nur an Stärkemehl (17 bis 20 Procent). Durch alle diese Eigenschaften wird die Kartoffel ein gutes Respirationsmittel, ein guter Fettbildner, aber ein sehr schlechter Ernährungsstoff. Als Hauptnahrungsmittel angewandt, kann sie daher nicht verfehlen, „das Blut stoffarm, die Muskeln schwach, die Drüsen skrophu- lös zu machen". „Die Kartoffel", sagt Ossiandro, „ist in der Kinderdiät eine wahrhafte Pflegemutter der Skropheln geworden." Wird woll, denke ich, so schlimm nicht sein; das Rechte wird auch hier in der Mitte liegen.
Und damit dieses hochwichtige Kulturhistorische' Jubiläum auch der gebührenden Feier nicht entbehrt, werden di; verehrten Leserinnen es sich nicht nehmen laffen, an einem beliebig zu wählenden Tage Reibkuchen zu backen. Wohl be- komm's!
der Uk-rmark allem vier: Blankenburg, Joachimsthal, Warendorf und Seehausen mit zusammen 12,489 Morgen Land, darunter 8944 Acker und Gärten. Ein Schulamt Dambeck ferner liegt im Reöierungsbezirk Magdeburg, zu dem Vorwerke, Mühlen, Krüge und Förstereien, sowie die Rentenerhebung aus 17 Dörfern gehören.
* Berliner Blätter schreiben, daß th euere Gänse, braten in Aussicht stehen. Eine Seuche, deren Entstehen noch nicht ermittelt ist, richtet augenblicklich unter den Gänsen, sowohl den fetten als auch den mageren, furchtbare Verheerungen an. Die Thiere laufen anscheinend ganz gesund umher, fressen und saufen mit gutem Appetit, legen sich in demselben Augenblicke auf die Seite und verenden nach wenigen Zuckungen. Viele Berliner Wild- handler haben das Geschäft in den leckeren Bratenvögeln m Folge der gehabten Verluste bereits ganz aufgeqeben. Einer der größeren Wildhändler hat über 400 Stück ver- loten. Die Seuche verlangt nicht nur ihre Opfer in den Eisenbahnzügen und auf sonstigen Transporten, sondern sie tritt auch in den Stallungen auf dem Lande bei regelmäßiger Fütterung auf. Die Ursache der Entstehung dieser Seuche ist noch nicht ermittelt.
* Eingemachte Gurken, die schon nach 12 Stunde n gen,eßbar sind, bereitet man, indem man die Gurken zuerst schält, zerschneidet und von den Kernen befreit und sie dann in eine Flüssigkeit legt, die man folgendermaßen herstellt. In gut erhitzten, starken Doppel- essig (Weinessig) gibt man einige grüne Schoten des spanischen Pfeffers (Paprika), die man in Stücke schneidet nebst schwarzem Pfeffer, Nelkenpfeffer (engl. Gewürz) Gewürznelken und Lorbeerblätter und thut dies alles mit den Gurken in ein luftdicht verschließbares Einmachglas, worin es natürlich gut zugemacht aufbewahrt wird Ist die Menge der Gurken nicht sehr groß, so kann man dieselbe Flüssigkeit nach Verbrauch der ersten Gurken noch zu einer zweiten Quantität benutzen.
Die Fuldaer Zeitung, erscheint t-gUch,, S»«. mrd Fet«t°g. ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld •“MJ« "»ch.ur.il". Fier«« ”«* vlitmeu' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk 75 Vfa Di. einspaltige ßtUe oder deren Raum 15 Pfg,; bei Wiederholungen entsprechender Rabats '
Vermischtes.
* lieber die Schädlichkeit des Rauchens stellt Prof. Kleinwächter in Czernowitz auf Grund eingehender Studien folgende Grundsätze auf. Am wenigsten schädlich ist das Rauchen aus Nargilehs. Lange Pfeifenrohre sind zweckmäßiger als kurze; die Röhren müssen häufig gereinigt und durch neue ersetzt werden. Am schädlichsten sind kurze Thon- oder Holz-Pfeifen, weil sie am leichtesten durchtränkt sind mit Tabaksaft, welcher die Lip- penschleimhaut rcht und Lippenkrebs verursacht. Deshalb sind auch Cigarren und Cigarretten schädlicher als Pfeifen. Die Cigarretten sind wohl aus schwächerem Tabak bereitet, auch nicht so compact gefüllt, wie die Cigarren; aber anderer- seit» entwickelt sich bei Verbrennung des Cigarret- tenpapiers Kreofoth, welches die Augenschleimhaut stark reizt. Der Gebrauch von Mundstücken und Clgarrenspitzen mindert die Schädlichkeit des Rauchens. Dasselbe gilt von eingelegter Watte. Pfeifen und Cigarren sollen nie ganz zu Ende geraucht werden, weil gerade in den zuletzt bleibenden Tabakstheilen am meisten von dem Nicotin enthaltenden Safte angesammelt ist. Nie soll man Tabakrauch einathmen. Das Rauchen in geschloffenen Räumen ist natürlich nachtheiliger als im Freien. Am schädlichsten wirkt das Rauchen vor dem Frühstück und das Rauchen hes Nachts im Schlafzimmer.
* Die Tournüre soll nun jetzt auch ihren Schirm erhalten. Ein Berliner Schirmfabrikant will besondere Schirme konstruiren, um das Naßwerden der Tournüre bei Regenwetter zu verhindern. Di se Erfinduna hilft offenbar einem tief empfundenen Bedürfniß ab. Ganz besonderen Dank schulden die Damen dem Erfinder dafür, daß er seine Idee vor dem ersten Schneefall zu Tage gefördert hat.
* Berlin, 14. Okt. Das reichste Gymnasium in Preußen ist das königlich Joachimsthal'sche Gymna- | sium. Der Direktor dieses Gymnasiums herrscht wie i ein kleiner Fürst, denn der Anstalt gehören zahlreiche ' Güter, die sogenannten Joachimslhal'schen Schulämter, in 1
s„Wegen so 'ne Backpfeife braucht so'n Mäjchen ooch nich so ville Sperenzken zu mach en."j Der Arbeiter Ernst Friedrich Weber, welcher ich wegen Mißhandlung und Hausfriedensbruchs auf der Anklagebank befand, äußert- diese Worte in wegwerfendem Tone, als vom Vorsitzenden befragt wurde, ob er sich schuldig bekenne. — Bors.: Was war denn die Veranlassung zu der von Ihnen begangenen Rohheit? — Angekl.: Del will ick Ihnen janz jenau erzählen, Hr. Jerichtshof. Ick bin Ihnen nämlich en janz leidenschasts- voller Dänzer, un die Mächens danzen jerne mit mir, weil ick nich dodt zu machen bin, un denn immer linksrum, aber nich mit'n vollen Fuß. Die Musik hatte eben en Wink jejeben un jespielt, „Rück mal mit den Silber- jroschen raus.", un der Maitre cassirte in. Nu is't Zeit denk- ick, un jehe uf die Schulzens Anna los, die ick sehr jut kenne, un sage: „Nu mach, Mächen, schnell noch en paar Mal rum, det jeht jleich wieder los." — Bors.: Fassen Sie sich kürzer, sie gab Ihnen also einen Korb — Singen.: Ne, jejeben hat sie mir nischt, kuckt mir die Kröte so von unten bis obenIan un meent in so'n recht hochnäsigen Ton: „Nee, det woll'n wir lieber sind laffen, du schlägst bei't Danzen hinten und vorne aus un hast nötigten Sonntag meine Freindin mit'n Absatz jejen det eene Schienenbeen jehauen, det det Mächen zheite noch mit fliegende Alimente inreiben muß." Ick sage denn, det det bloß in't Jed.änze jekommen is un bloß en Zufall jeroefen wäre, sie sagt aber kurzweg: „Ach wat, Zu all is 'ne Kellerdhiere, ick danze nich mit dir, un damit- Pasta!" Nu wurde ick natierlich fuchtig un habe ihr 'ne Backpfeife jewunken; denn wo kann sie sick woll über mein Danzen monkirn? Un det is allens, un wat is da weiter jroß bei? — Vors.: Nun, ich danke; es wäre eine nette Geschichte, wenn diese. Form auf den Tanzböden eingeführt wurde. Hat der Wirth Ihnen nun nicht das Local verboten? — Angekl.: Det hat er natierlich jedhan. — Vors.: Sind Sie denn gegangen? — Angekl.: Nee, wo kann der Mann mir rausweisen, wenn ick meinen Nickel erst halb abjedanzt habe? Det is ja offenbarer Bedrug. — Vors.: Sie haben schließlich mit Gewalt ent- sernt werden müssen. — Angekl.: Jawoll, endlich haben sie mir jeschafft; ville Hunde sind det Hasen Dod. Wejen meiner kann der Mann aber verhungern, ick were meine Danzjroschen wo anders hindragen. — Vors.: Dazu kam, ich Ihnen nur raihen. — Da der Angeklagte nicht vorbestraft war, so kam er mit ein-r Gesammtstrafe von 20 Mark et)ent. vier Tage Gefängniß davon.
(Auch eine Erklärung.) „Papa, was ist denn ein Belletrist?" „Du kannst ja Französisch. Also sag' mal, was heißt belle auf deutsch?" „Schön." „Und triste 2" „Traurig." „Na siehst Du, Belletristik ist ein schöner, aber trauriger Beruf, denn die Belletristen haben gewöhnlich kein Geld!"
* Cirkusdirektor: Sie wünschen in meinem Cirkus als Clown zu debutiren? Wissen Sie, daß zu einem solchen eine bedeutende Elastizität gehört? Was waren sie denn früher? Debütant: Offiziosus beim Preßbureau. - Cirkusdirektor : Sie sind engagirt.
Wo ist das Glück?
Nicht draußen in der großen Welt, Wo Lust und Freud' sich rastlos drängt. Nicht, wo Gesellschaft, Rang und Geld In Fesseln Treu' und Wahrheit zwängt; Nicht, wo der laue Strom der Zeit In wilden Wellen sich ergießt — In friedlich stiller „Häuslichkeit" Das Her, das wahre Glück genießt.
Da fühlt es sich so wohl, so frei, Da klopft es ängstlich nicht und bang; Der St»»m der Zeit fließt still vorbei. Den Frieden stört kein läst'ger Zwang; Die Liebe weiht zum Heiligthnm Des reinsten Gkück's, so Herz als Haus, Ihr großes Evangelium
Spricht ewig laut're Wahrheit aus.
O, suche darum draußen nicht, Was aufzufinden nicht so schwer! Der Welt das wahre Glück gebricht, Da irrst vergeblich du umher. Such' es in deiner eig’nen „Brust", In deiner „Lieben" trautem Kreis! Des rechten Glück's wird sich bewußt, Wer richtig eS zu suchen weiß! —
* Zum dreihundertjährigen »Kartoffel- Jnbilänm«.
Dreihundert Jahre sind «S, seitdem die Kartoffel durch den General Mitttau nach Deutschland (Sachsen) verpflanzt wurde. Johann Hawkins, ein Sklavenhändler, brachte diese Knollenfrucht 1565 zuerst zur Kenntniß der Europäer. Walther Raleigh führte sie dann 1584 nach Irland; Franz Drake half sie alsdann in Europa verbreiten, wo sie noch eine Seltenheit blieb, bis sie durch obigen General in unserem Vaterlande allgenieiner wurde, wo diese Pflanze jetzt eine Lebensfrage der Existenz von Millionen geworden ist.
Wie fßüfam! Jetzt können wir die Kartoffel nicht »ehr entbehre», und im vorigen Jahrhundert stieß ihre Einführung in die europäische Kücke auf den größten Widerstand. Friedrich der Große mußte seine Untertanen mit Soldaten dazu zwingen, Kartoffeln zu bauen und zu kaufen. In Frankr^ch schenkte man den Bauern ganze Säcke voll Kartoffeln, um sie zu ihrem Anbaue zu reizen, aber ste wollten nicht. Erst als die Regierung ihre eigenen Besitzungen mit Kartoffeln bepflanzen ließ und bei schwerer Strafe verbot, eine Knolle von diesen Feldern zu nehmen, war der Reiz des Verbotenm stark genug, das Vorurtheil der Bauern zu besiegen. Sie stahlen jetzt die Kartoffeln und bauten sie an. In England war ein komisches Mißverständniß daran Schuld, daß die Kartoffel so schwer Eingang fand. Franz Drake, dieser berühmte englische Seefahrer, war, wie schon o;en erwähnt, der erste, welcher die Kartoffel aus Amerika nach Europa brachte. Nun hatte ein Edelmann, der ihn begleitete, seinen englischen Verwandten auch etwas von dieser fremden Frucht gesandt und diese ein großes Gastmahl veranstaltet, bei dem die kostbare Sendung versucht werden sollte. Ihr Koch aber Me geglaubt, an dem fremden Kraute feien die Blätter das Eßbare und hatte sie nach Art des Thee's zubereitet; natürlich fand man das Gericht abscheulich und verdammte die Kartoffel als eine für amerikanische Wilde passende Speise. So hat auch die Kartoffel ihre „Geschichte."
Da die Kartoffel die Eigenschaft besitzt, sich in allen Formen der Bereitungsweisen zu fügen und sich den meisten anderen Speisen als billiger und angmehmer Begleiter anzuschließen, so ist dieselbe ein steter Repräsentant der reichen und dürftigen Mttagstafel geworden, dm man entbehrt, wo er fehlt. Nicht nur das Gewohnheitsrecht, fonbern