JV 237.
Sonnabend, den 16. October.
1886
Die ,Fuldaer Zeitung, erscheint täglich. Sann- und Feiertage angenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld 1 Mk. 50 Pfg., — mit der drlletristtschen Wochenbeilag« ,Lterae nn- ®lumetl' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg. Inserate; Di« einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Erstes Blatt.
+ Tie soziale Zutimsts-Gefahr.
(Schluß.)
Vergegenwärtigen wir uns kurz die heutige Ausdehnung der socialistischen Propaganda. Auf dem im nächsten Jahre in London abzuhaltenden internationalen Arbeiter-Kongreß soll der auf dem Pariser Kongreß beschlossene Plan der Wiedererrichtung der „Internationale" thatsächlich ausgeführt werden. Erstmals wurde bekanntlich die Internationale 1864 auch in London begründet, später in Frankreich und Spanien verboten. Daß bei der heutigen Ausdehnung der socialistischen Bewegung die internationale Verbindung aller Umstürzler von ganz anderer Bedeutung sein würde, als vor 20 Jahren, liegt klar auf der Hand. In England hat der Socialismus in den Trabes-Unions (Gewerbe-Vereinen) bereits siegreichen Fuß gefaßt und verfügt dort über 600,000 Arbeiter. Daß die eigentliche social- demokratische Partei in England in zwei Lager gespalten ist, die „Sozial Demokratie Federalioe" und die „Socialistic League", hat am letzten Ende wenig zu bedeuten, denn in den schließlichen Zielen sind die Gruppen einig. Wie es mit dem Socialismus in Belgien und in Frankreich steht, ist allgemein bekannt und bei großen Arbeiter-Strikes und den sich daran anschließenden Unruhen offen genug an den TÄg getreten. In Frankreich hat die Bewegung auch noch eine besondere Stütze an dem Regierungssystem, das ja nur ein Produkt der Revolution und ein Spielball radikaler Launen ist. Auch in Holland gährt es schon bedenklich, so daß die Regierung sich nach gesetzlichen Maßregeln gegen die socia- listische Bewegung umsteht. Aber auch in den nordischen Staaten hat die Umsturzpartei ihre Anhänger. In Dänemark, Schweden und Norwegen haben die sogenannten Arbeiter-Fachvereine offen das Programm der Socialdemokratie angenommen, und der gemeinsame Gothenburger Kongreß trug ein ganz socialistisches Gepräge. Ob das von der schwedischen Negierung projek- tirte Socialistengesitz etwas dagegen ausrichten wird, ist sehr zu bezweifeln. Ueber die Umsturzbestrebungen in Rußland brauchen wir kein
Wieder vereinigt.
Frei nach dem Englischen bearbeitet.
4. Fortsetzung.
„Und doch hast Du soeben gestanden, daß Du ihn noch liebtest drei Tage vor deiner Verbindung mit mir und darüber hinaus" — warf mein Gatte heftig ein. „Wenn Du Dich rein zu wa- ! schen beabsichtigst, so muß ich gestehen, daß Du sehr geschickt zu Werke gehst."
„Aber ich bin ja noch lange nicht zu Ende —"
„So beeile Dich! Was Du bis fitzt mir erzählt hast, berührt in ksinem Punkte die Ai klage, welche ich gegen Dich gerichtet habe."
„Ich kann," entgegnete ich heftig, „mich nur vertheidigen, indem ich Dir in Alles, was ich in jener Zeit, ehe ich Dich kennen lernte, durchlebt habe, einen Einblick verschaffe. Versagst Du mir, mich anzuhören, so muß ich annehmen, daß Du mich gerne schuldig sähest."
„Ich höre, gab er zur Antwort und zuckte die Achseln, wie wenn er sagen wollte, Deine ! Mühe ist vergebens, Dein Urtheil ist gesprochen. ;
„Endlich gab ich Duncan auf," fuhr ich fort. ; Anfangs glaubte ich, ich müsse in dem Kampfe, : welcher sich in mir zwischen Liebe und kalter Ue- : berlegung entspann, unterliegen, denn meine Seele
Wort zu verlieren, denn wenn dort auch der Nihilismus längere Zeit anscheinend geschwiegen hat, so kann dieser Zustand der übertünchten Gräber uns keinen Augenblick über die wahre Lage täuschen. Der Nihilismus braucht sich auch nicht einmal sonderlich abzuplagen, da ja die leitenden Kreise selbst, indem sie die bulgarische Revolution unter ihre schützenden Fittiche nahm, für den revolutionären Gedanken Propaganda machten. So legt sich allmälig immer dichter und fester das Netz der socialistischen Organision über Europa, und wenn in der That in der „Internationale" auch die äußere Verbindung zwischen den Ländern aufleben wird, dann helfen keine Socialistengesetze mehr. Möge man daher auch in Deutschland ernstlich und unverzüglich an die Fortsetzung durchgreifender Social re formen herantreten. Diese Argumentation durch Thatsachen wirkt beffer als alle anti-socialistische Agitation in Wort und Schrift.
Gegenüber den jüngsten offiziösen Verlautbarungen, nach welchen die Frage, der Alters« und Invalidenv'ersorgung den Reichstag in seiner nächsten Session noch nicht beschäftigen soll, ist es an der Zeit, auf mehrere feierliche Kundgebungen von höchster Stells hinzuweisen, welche nicht nur diese wichtige Reform selbst, sondern auch die Beschleunigung und ba dmöglichste Durchführung derselben mit klaren Worten fordert. In der Allerhöchsten kaiserlichen Botschaft vom 14. April 1883, welche eine vorzeitige Bc- rathung des Etats für 1884/85 ankünUgtr, >«k in der folgenden Session „für wirksame Reformen auf sozialpolitischem Gebiete Zeit zu finden, also vor 3^2 Jahren, sprach der Kaiser die „Hoffnung" aus, „daß in der nächsten Session weitere Vorlagen wegen der Alters- und Jnvaliden- versorgung zur gesi tzlichen Verabschiedung gebracht werden könnten." Nachdem so die kaiserliche Botschaft diese wichtige Reform schon für die Reichstagssession 1884 erhofft hatte, sprach sich die Thronrede vom 6. März 1884 zur Eröffnung des Reichstages über diese Frage wörtlich wie folgt aus:
„Nach dem Zustandekommen des Unfallver- „sicherungsgesetzes wird es unsere Aufgabe sein, „auf entsprechender organisatorischer Grundlage „eine befriedigende Ordnung der Fürsorge für die
hing leidenschaftlich an dem solcher Liebe nicht würdigen Manne. Aber mein Verstand siegte. Mein alter Vater, welcher unsere Verlobung mit Freuden gebilligt hatte und die schmählichen That- ächen, welche" Duncan betrafen, nicht glauben wollte, brauste heftig auf und schloß mich längere Zeit ein. Duncan selbst, welcher hoffte, meine Liebe zu ihm werde meinen moralischen Widerstand schon brechen, versuchte alle möglichen Mittel, mich von meinem Entschlüsse abzubringen — 0, das war eine Zeit der Qual, welche mich fast dem Wahnsinn nahe brachte. In dieser Zeit sahst Du mich zum ersten Mal, Du besuchtest das Büchermagazin meines Vaters und sprachest den Wunsch aus, mich kennen zu lernen. Was nun folgte, habe ich nicht nöthig, zu erzählen. Du gestandest mir Deine Liebe, botest mir Deine Hand trotz der weiten sozialen Kluft, die uns trennte, und sagtest dabei, Du hofftest, daß ich Dich wieder lieben würde, wenn ich Dir ein freies Herz zu bieten vermöchte. Das sagtest Du, ich wage nicht, es zu leugnen. Und ich kam zu Dir mit einer Lüge auf den Lippen! Ich sagte, mein Herz sei frei! Darin liegt meine schreck.iche Beleidigung und weiß Gott, ich mache nicht den Versuch, sie zu bemänteln. Mein Vater verbot Duncan das Haus, wie er mich behandelte, wage ich nicht zu erzählen, denn ;
„durch Alter oder Invalidität erwerbsunfähig „werdenden Arbeiter anzustreben. Die Erfüllung „dieser Pflicht gegen die arbeitende Bevölkerung „soll in diesen die Segnungen der friedlichen Ent« „Wickelung des geeinten Vaterlandes zum vollen „Bewußtsein bringen, damit den auf den Umsturz „göttlicher und menschlicher Ordnung gerichteten „Bestrebungen revolutionärer Elemente der Boden „entzogen und die Beseitigung der erlassenen Aus- „nahmegesetze angebahnt werde."
Unsere Zeit krankt an einem kurzen Gedächtniß und, namentlich gewiffen offiziösen Blätter scheinen die erhebenden und herzerfreuenden Worte der beiden kaiserlichen Botschaften ebensowenig gegenwärtig zu sein, wie dec obige Passus der 1884er Thronrede. Sie hätten sonst gewiß schon längst dafür plädiren muffen, daß die nun bereits seit drei Jahren vom Kaiser selbst ersehnte und vom ganzen deutschen Volk freudig begrüßte Fortsetzung der Sozialreform, zunächst durch Regelung der Alters- und Jnvalidenversorgung, energisch in Angriff genommen würde. Aber was bisher unter« lassen wurde, kann noch nachgeholt werden, wenn man guten Willen hat und der Ungeduld und Sorge eingedenkt bleibt, mit welcher der Kaiser in der Botschaft vom 4. April 1883 noch für den Rest seines Lebensabends eine durchgreifende Besserung der Lage der Arbeiter erwartete und anstrebte. _____________»-
Deutsches Reich.
Berlin, 15. .October.
* In Berliner politischen Kreisen wird nach den neuesten Meldungen die Lage doch allmählich ernst angesehen und mit den Besorgnissen wächst der Widerwille gegen das Treiben Rußlands, in welchem sich mehr und mehr das Bestreben kund gibt, den europäischen Frieden zu untergraben. Die Sprache der Regierungsblätter wird als Widerschein der Stimmung an leitenden Stellen angesehen. Fernstehenden ist es unverständlich, welche Gründe die Leiter der deutschen Politik bewegen können, wenigstens scheinbar Rußland zu unterstützen. Es heißt, Englands Vorschläge seien vom Fürsten Bismarck abgelehnt worden und die Sendung des Lord Churchill mißglückt. Inzwischen ist Lord Churchill in Wien eingetroffen, dort werden seine Vorstellungen auf
er ist mein Vater, aber nichts würde mich bewegt haben, so zu handeln, wenn nicht mein Gewissen mich beruhigt hätte."
Hugo schlug ein bitteres Lachen auf und rief:
„Du weißt Dich vortrefflich mit Deinem Gewissen abznfindcn. Es ist eine schöne Sache um solche Weitherzigkeit! Du ließest einen Andern in Dein Herz einziehen, ihm vorlügend, er werde der Einzige darin fein, während 6er beste Platz längst von einem Anderen eingenommen war. Nein, nichts, nichts vermag Dich zu entschuldigen —"
„Ich bin sogleich zu Ende," entgegnete ich matt und niedergeschlagen. „Hätte ich Dir damals gestanden, daß ich Duncan liebte, so würdest Du mich auf gegeben und ich all' die süßen Hoffnungen verloren haben, welche sich für mich an diese Verbindung knüpften. Aber mehr als das, ich wußte, daß diese unglückliche Liebe endlich doch in mir ersterben würde und daß die tiefe,, wahre Verehrung, welche ich für Dich hegte, allmählich in Liebe übergehen würde. Vor dem Himmel habe ich geschworen, meine Pflicht zu thun, und Hugo, ich habe Dir niemals, niemals Unrecht gethan."
Nun war es vom Herzen, was mich so lange gepeinigt. Nur mit dem Aufgebot all' meiner Kräfte war es mir möglich gewesen, mein Geständ« niß so wahrheitsgetreu und kurz vorzutragen, wie