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236.

Freitag, den 15. October

1886

Fuldiier

Jrilung

She ,Fuldaer Zeitung, erscheint täglich. Sann, und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der

relletrMche« »ochenbeilag« ,Eterue und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Di« einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

+ Die soziale Zukunfts-Gefahr

Hast Du in dieser Zeit

Deshalb hieße es, sich in falsche Sicherheit wie­gen, wenn man diese Wiener Verschwörung nach Art einer alltäglichen Verbrechergeschichte behandelte. Sie ist mehr als das, sie ist ein neues Symptom, der in ganz Europa und auch in einem Theile der neuen Welt gährenden revolutionären Krisis und zugleich auch ein Mahn- und Warnungszeichen, der Entwicklung der sozialen Frage fortan die ganze Kraft und Aufmerksamkeit zuzuwenden. Denn die soziale Frage ist die Frage der Zukunft, und

Die Blätter berichteten in den letzten Tagen von der glücklichen Aufdeckung eines anarchischen Kom- plots in der Kaiserstadt an der Donau. Geradezu schauerliche Pläne sind da an's Tageslicht gefördert und zeitig gestört worden. Die Verschwörer hat­ten bereits alle Vorkehrungen getroffen, um mit Bomben und Dynamit in mehreren Wiener Vor­städten ganze Häuserkomplexe in die Luft zu spren­gen, Hunderte, ja vielleicht Tausende von Menschen um's Leben zu bringen und die ganze civilisirte Welt in Schrecken zu setzen. Durch die Wachsam­keit und Schneidigkeit der Wiener Polizei ist die Gefahr abgewendet worden. Jndeß ist es nicht gelungen, die unmenschlichen Mordgesellen alle ein­zufangen, einzelne haben sich der drohenden Fest­nahme zu entziehen gewußt und werden als Kry- stallisationspunkt für neue ähnliche Verschwörungen sortbestehen. Der ruhige Bürger hat gewiß er- leichtert aufgeathmet, als er von dem schlagfertigen Eingreifen der Polizei las, auch ist im Gedanken an die bloße Möglichkeit einer solchen Massenkata- strophe gewiß Manchem ein Schauer durch den Körper gefahren. Indessen schon nach wenigen Tagen ist bei Vielen das Schreckliche fast vergessen und durch neue Eindrücke verwischt. Und doch ist dieses Wiener Ereigniß von entsetzlicher Wichtigkeit, es hat wieder einmal wie ein greller Blitz die . . ,, , ...

ganze trostlose und fast hoffnungslose soziale Lage seinen Reformen mit dem Gegner gleichen Schritt erhellt. Was in Wien glücklich vereitelt wurde, t ~ kann sich dort und in anderen Städten Europas tagtäglich wiederholen, ohne daß es der Polizei gelingt, den Verbrechern zeitig genug auf die Spur zr; kommen. Wir haben ja im Niederwald-Atten- tat einen ähnlichen teuflischen Anschlag auf deut- schem Boden gesehen.

Und doch sah ich an seiner bekümmerten Miene, daß er die geheime Hoffnung hegte, ich möchte es ergreifen. O, war es denn für meine Züch- tigung nöthig, meine Aufgabe durch dies trüge­rische Blendwerk noch schwerer zu machen? Aber ich zögerte nur einen Augenblick. Ich war nicht mehr das blinde und schwache Wesen von ehedem, ich war fester und entschlossener geworden, ich wollte seine Verzeihung nicht erlangen durch eine wenn auch unschuldige Täuschung, zu welcher er mir selbst die Hand bot.

i jemehr ein Staat dafür Sorge trägt, das Loos I der arbeitenden Bevölkerung zu verbessern, ihrer Unzufriedenheit zu steuern und ihnen die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Besitz und Ent­behrung weniger fühlbar zu machen, desto ruhiger und zuversichtlicher kann er den Dingen, die da kommen werden, entgegensehen. Eine nachhaltige revolutionäre Bewegung ist nur da möglich, wo die wenigen Rädelsführer einen breiten empfäng­lichen Boden für ihre Lehren und Verheißungen finden. Die Zahl der Unzufriedenen durch posi­tive Reformen möglichst zu verringern, die Arbei­ter durch Belehrung und durch entgegenkommende Behandlung ihren Verführern und Versuchern zu entziehen, das muß die Sorge Aller sein, die es mit dem Vaterlande gut meinen.

Aber es ist hohe Zeit zu dieser positiven Gegen­aktion, zu dieser Reformarbeit im Kampfe gegen die soziale Gefahr. Denn die Propaganda der Revolution ruht keinen Augenblick, sie arbeitet im unheimlichen Dunkel Tag für Tag weiter an dem grausigen Plane, die ganze bestehende staatliche und gesellschaftliche Ordnung über den Haufen zu werfen. Kann der Staat es verantworten, unter­dessen das Tempo der Sozialreform zu mäßigen, längst in Aussicht genommene Verbesserungen der Arbeiterlage ad tabulas graecas zu verschieben? Der Staat sollte sich an dem Eifer und der Rüh­rigkeit der Umstürzler ein Beispiel nehmen und in

Aber seine Gefichtszüge behielten ihren harten Ausdruck, ich hatte ihn nicht zu überzeugen ver-

einer Miene die Treue verletzt, welche ich Dir am Altars geschworen? Soll das Alles nicht ge- nügen, das Zünglein an der Wage zu meinen Gunsten schwanken zu lassen? Hugo, verstoße mich nicht!" flehte ich.

„Hugo," rief ich, „habe Geduld mit mir. Ich mag mich nicht vor deinem Zorne retten, indem ich Deinen Einflüsterungen folge. Gewiß bin ich schuldig gewesen, aber mein Fehler ist nicht so groß, daß ich Deine Verzeihung nicht erlangen könnte. Denke der glücklichen Tage, welche wir

halten. Unsere Polizeigesetze halten nicht im Ge­ringsten das Wachsthum der revolutionären Ideen auf, und wenn selbst die deutsche Sozialdemokratie nothgedrungen äußerlich in den Schranken zu blei­ben sucht, welche ihrem öffentlichen Auftreten ge­setzt sind, so ist es andererseits notorisch, daß die deutschen Sozialistenführer im Rathe der europäischen Genossen den Ton angeben. Daß aber diese noth- gedrungene Zurückhaltung der Sozialdemokratie auch wieder manche Anhänger zuführt, die vielleicht zurückschrecken würden, wenn sie sich von vornherin der letzten Endziele ihrer Führer bewußt wären, unterliegt keinem Zweifel. (Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 14. October.

* In einem offiziösen Artikel wirft die .Nord­

„Du hast mir also nichts zu sagen?" fragte er nach einer kleinen Weile; er vermochte ein Zfttern in seiner Stimme nicht zu unterdrücken. „Du kannst den Brief nicht verleugnen? Der Himmel ist mein Zeuge," setzte er in feierlichem Tone hinzu, „daß ich ein gütiger Richter zu sein wünsche. Ich will die größte Rücksicht nehmen auf die Unerfahrenheit des Mädchens, die Schwäche des Weibes. Ich will Dir keine weitere Schuld beimessen, als die, mit den Gefühlen eines jungen Mannes gespielt und ihn schließlich betrogen zu haben. Richt wahr, Helene, so ist es?" cxr c metn Herz in beschleunigtem Tempo zu mit einander verlebt haben — es sind sieben schlagen begann, als er mir diese Frage stellte! lange glückliche Jahre. O« ...

»o zeigte sich mir ein Rettungsseil, um mich ja auch nur einmal Ursache gehabt, Dich über

Uber den entsetzlichen Dunkel gähnenden Abgrund Dein Weib zu beklagen, habe ich auch nur mit schwingen zu können, ich hatte ja nur nöthig zu entgegnen: „ja, ich betrog ihn, Dich aber nimmer!" und vor mir schimmerte in verführerischem Lichte die Hoffnung auf Vergebung, auf allmähliges Zurückkehren de» ehelichen Friedens. Aber ach, dies Rettungsseil war ein betrügerischer Fallstrick, geeignet, mich nur noch tiefer finken zu lassen.

Wieder vereinigt.

Frei nach dem Englischen bearbeitet.

4. Fortsetzung.

deutsche' zum dritten Male die Frage aus, meß' halb Fürst Alexander eigentlich Bulgarien ver­lassen habe und stützt diesmal ihre Ausführungen hauptsächlich darauf, daß der jetzige Ausfall der Wahlen zur Sobranje beweise, wie die Majorität des bulgarischen Volkes dem Fürsten ergeben ge­wesen sei. Das offiziöse Blatt will also jetzt, wo über die wahre Stimmung des bulgarischen Volkes kein Zweifel mehr besteht, von Neuem die Welt darüber täuschen, daß gerade die offiziöse deutsche Presse es gewesen ist, welche unmittelbar nach der Entführung des Fürsten seine Stellung in Bul­garien als unhaltbar und seine Entthronung als längst vorausgesehen hingestellt hat. Wer damals behauptete, die Majorität des Landes stehe hinter dem Fürsten und dieser könne daher zurückkehren, wurde von derselben »Norddeutschen' und ihren Kolleginnen beschimpft und als Reichsfeind behandelt. Jetzt möchte man dies allerdings vergessen machen. Selbst diejenigen Blätter, die bis vor Kurzem noch in der bulgarischen Frage der Norddeutschen' sekundirten, sind jetzt darüber einig, daß die Ver­treter Rußlands in Bulgarien ein furchtbares Fiasko erlitten haben.

* Der in München erscheinende .Bayer. Kur.' spricht aus Anlaß der Neuwahlen zur Kammer der Abgeordneten der Bildung einer „bayeri­schen Centrumspartei" das Wort. Die Katholiken Bayerns seien bei den letzten Wahlen unter sehr verschiedenen Parteibezeichnungen in den Wahlkampf eingetreten: „katholisch»bayerisch", „bayerisch-patriotisch", „katholisch-konservativ", in der Pfalz unter der Bezeichnung „bayerische Cen­trumspartei". Letztere gefällt dem .Bayer. Kur.' am besten und scheint ihm geeignet, von den Ka- tholiken des ganzen Landes acceptirt zu werden und sagt daher: „Die ruhmreiche politische Ver­gangenheit der Centrumspartei des Reichstags er­muntert, die volle Gleichheit der Grundsätze und Ziele mit dem Centrum in religiöser, politischer und sozialer Beziehung berechtigen uns zur Füh­rung des gleichen Namens und alle unsere Bestre­bungen werden mit diesem Namen dargelegt: wir wollen in den durch die Stellung Bayerns beding­ten Grenzen dasselbe, was das Centrum im Reiche erstrebt und vielfach schon erreicht hat. Endlich würde, und das ist nicht unser geringster Grund,

macht. Nach einer Weile entgegnete er mit bei­ßendem Spott:

„Gewiß habe ich keine Ursache gehabt, mich über Dich zu beklagen! Du hast die Seltsamkei­ten meines Temperaments und Heftigkeit meiner Leidenschaft mit Geduld eines Engels ertragen, bis ich, trotz mancher Hindernisse dahin kam, Dir meine Hand zu bieten. Das war eine Komödie, die Du spieltest, ein verbrecherischer Betrug war Dein Handeln. Mich ermuntertest Du, Dir mein Herz zu Füßen zu legen — und hinter meinem Rü­cken tauschtest Du mit einem anderen Manne Lie­besbeweise. Und nun willst Du noch sagen, ich sei nicht Dein Narr, nicht Dein ssOpfer gewesen, nicht —"

Die innere Erregung übermannte ihn, er brach plötzlich ab und ging, hastig aufspringend, im Zimmer auf und ab. Ich sah ihm nach, ich wußte, wozu er in diesem Augenblicke, wo sein Zorn so jäh erwachte, fähig war — trotzdem aber nahm ich mir vor, auf all' seine Fragen die nackte Wahrheit zu sagen; mochte denn kommen, was da wollte, diese Scheidewand, welche sich zwischen uns emporgerichtet, sollte entweder fallen für im­mer, oder — das Oder vermochte ich nicht auszu­denken, es war zu entsetzlich für mich.

Plötzlich sagte mein Gatte, stehen bleibend:

„Ich mag nicht mehr um die Sache herum.