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VV 235 Donnerstag, den 14. October. 1886

Die Fuldaer Zeitung, erscheint tag ch, <5;?n» und Feiertag« ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld 1 Mk. 50 Pfg„ — mit der sMirtstychen Wochenbetlage ,Lter«r an6 Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg. Inserate: Di« einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 13. October.

* Der Bundesraih tritt morgen zu einer Plenarsitzung zusammen. !

* Der Wiener Correspondent des .Berliner Tageblattes' übermittelt demselben folgende Nach­richt eines italienischen Blattes: „Drei Individuen suchten unter verdächtigen Umständen in die Villa Carnervon in Portoftno, woselbst der deutsche Kronprinz wohnt, einzudringen. Dieselben wurden verhaftet und es stellte sich heraus, daß alle drei Franzosen sind; sie gaben vor, die Absicht gehabt zu haben, dem Kronprinz eine Bittschrift zu über­reichen. Bei ihrer Durchsuchung ward jedoch eine ■ solche nicht vorgefunden. Ob ein Attentat geplant ! wurde, ist ungewiß."

* Staatsminister v. Bötticher, der gestern | von Varzin nach Berlin zurückgekehrt ist, begibt sich ebenso wie Minister v. Puttkamer am - Freitag nach Frankfurt a. M. um der am Sonn- ! abend statlsindenden Eröffnungsfeier der Main- kanalisirungsanlagen und des Frankfurter Hafens beizuwohnen.

* Wie ein öfters offiziös bedientes Provinzial­blatt meldet, soll Fürst Bismarck nunmehr durch Herrn von Schlözer den apostolischen Stuhl in i Kenntniß gesetzt haben, daß für bie' im Januar beginnende Landtagsscssion „eine weitere Re­vision der Maigesetze" bestimmt in Aussicht genommen sei.- Diese Meldung wird auch von der ,Post' ohne Vorbehalt reproducirt. Hinzuge­fügt wird allerdings, daß die Revisionsvorschläge noch nicht formulirr seien; doch habe ein allge­meiner Jdeen-Austausch darüber stattgefunden.

* Die Disciplinarrmtersuchung gegen den Amts- : gerichtsrath Francke ist bereits eingeleitet. Vor­gestern früh fand in Ratzeburg und zwar in einem Gastzimmer des Hotels „Zum Rathskeller", in welchem der Oberlandesgerichtsrath Blanck aus Kiel Absteigequartier genommen hatte, durch die­sen Herrn die erste Vernehmung des Amtsgerichts­rath Francke statt. Der Lauenburger Landrath v. Doiega-Kozierowski, sowie der Schuhmacher Boye, dessen Name in der Briesaffaire gemiß- braucht worden, wohnten einem Theil des Ver­hörs bei.

* Vor kurzem ist hier eine Broschüre „Gegen , die Schwurgerichte" erschienen, welche in ■ sehr lebhafter Weise, aber ohne neue Argumente - vorzubringen, gegen das Geschworenengericht pole- misirte. Es ist bemerkenswerth, daß die .Nordd. ; Allg. Ztg.' dieser Schrift entgegentritt; sie be- . merkt u. a.: „Wenn der Verfasser aus seinen : Beobachtungen den Schluß ziehen zu dürfen glaubt, daß die Gleichgültigkeit des Publikums gegen ein s. Z. so dringend begehrtes Institut groß genug \ sei, um selbst durch eine gärzliche Beseitigung i desselben nicht alterirt zu werden, so spricht sich in dieser Behauptung wohl mehr ein Wunsch als eine Thatsache aus. Sonst würden die auf Ver- ‘ besserung des schwurgerichtlichen Verfahrens ab- ; zielenden Vorschläge gar nicht die große Beachtung j finden, welche sich auf dieselben lenkt. Diese Be­achtung beweist, daß man das Institut um seiner i Mängel willen nicht in Abgunst kommen lassen . will."

* Elberfeld, 13. Okt. Die Buchdruckerei­besitzer Lucas, Martini und Grüttefien erließen betreffs des hier ausgebrochenen Buchdrucker- ' strikes die Erklärung, daß die ohne vorherige Kündigung Ausgetretenen in ihren Werkstätten . keine Arbeit mehr finden.

* Aus dem Bisthum Limburg 11. Okt. wird der ,D. Rchsztg.' geschrieben: Dieser Tage ' ging eine namens der Diözesangeistlichkert von sämmtlichen Dekanen unterzeichnete Adresse an den i hl. Vater ab, worin demselben der Dank ausge­sprochen wurde dafür, daß er sobald uns eiren ' Oberhirten gegeben in einem Priester der Diözese, dem Monsignore Dr. Karl Klein. Als sonstige Candidaten wurden genannt: Generalvikar Giese —Münster, Dr. Komp—Fulda, Schmitz - Crffeld, van Ackeren—Kevelaer. Außer den Zeitungs- depeschen ist dem Clerus bis j- tzt keinerlei amtliche ; Mittheilung über die Wahl zugegangen. Dr. Klein ist unter den aktiven Geistli. en der Diözese im Dienste der zwölf älteste und steht im 65. Lebensjahre. — Faktisch'liegt die Verwaltung der Diözese ganz in seinen Händen.

* München, 11. Okt. Zu der Bekanntmachung , des Magistrats in Füssen schreibt man den ,M. N. N.' von dort: „Die Person des verstör- ! denen Königs ist bei unserer Stadt- und Land- ;

bevölkerung in einen förmlichen Mythus gehüllt. Jene gefälschte Proklamation, welche der König kurz vor seiner Abreise nach Berg erlaffen haben soll — thatsächlich ein böswilliges Machwerk der gefährlichsten Sorte — existirt in unaezählten Abschriften und wird als theuereS „Vermächkniß" verehrt. Nach dem Volksglauben wurde der König von Gudden zuerst betäubt und kampfunfähig ge­macht und dann ertränkt — den unglücklichen Arzt aber läßt die Fama in An.erika leben! Auf dem Auer Friedhof, so sagt man, sei nicht Gudden, sondern eine Wachsfigur begraben. Und so w-iter! Ob diesem abenteuerlichen Volksglauben durch die oben erwähnte Bekanntmachung der Garaus ge­macht wird, ist fast zu bezweifeln. Hat man doch nicht einmal dem Bischof von Augsburg in dieser Frage Glauben geschenkt! Es ist sehr bedauerlich, daß selbst intelligente und zum Theil hochstehende Persönlichkeiten von Auswärts bei gelegentlicher Anwesenheit in Hohenschwangau und Füssen Aenße- rungen gemacht haben, welche eher zu einer Ver­wirrung als zur Beruhigung der Gemüther bei­tragen. Ich nehme ausdrücklich den Bischof von Augsburg und den deutschen Kronprinzen aus, welch' letzterer sogar über eine gewisse unvermuthete „Begegnung" nicht wenig frappirt war." Zum Schluß fügt der Korrespondent die ro.ife Bemer­kung bei, es gebe ein sicheres Mittel, um oieses herrliche Stück Bayern allmählig aus den Banden des Aberglaubens zu reißen und die Gegend aus einem Schmollwinkel in ein Paradies zu verwart- dein: die Eisenbahn! - - '

— Das amtliche Münchener Polizeiorgan bringt einen Bericht über das Befinden des Königs Otto, wonach die Prognose bestimmtest dahin geht, daß die Heilung des an Paronoia leidenden Monarchen undenkbar' erschtine. Auf die Lebens­dauer sei das Leiden einflußlos, da diese Art Gei­steskrankheit ablaufe, ohne das organische Leben zu stören oder auch nur zu benachtheiligen. (Diese offiziöse Auslassung über die vollständige und un­heilbare Geistesgestörtheit des Königs Otto ist wörtlich vom offiziösen Telegraphenbureau v'rbrei- tet worden. Da ein besonderer Anlaß zu einer derartigen Kundgebung nicht zu erkennen ist, .taucht die Vermuthung auf, daß dadurch auf einen Thron­wechsel in Bayern vorbereitet werden soll.)

EVteder vereinigt. licher Weise einer Antwort, ich that mein Bestes,

Frei nach dem Englischen bearbeitet. um dem Kinde in der nächsten Viertelstunde die

„ “—77~— Zeit zu vertreiben. Wir tranken aus einer Tasse,

, 9’ n'5“’9'!. . . von demselben Stückchen Biscuit, und die

„Ich habk mach angestrengt, recht gut zu jein, ausgelaffene Fröhlichkeit meines Kindes belohnte

Mama, und die Wärterin sagt, ich fei es auch mich für die Anstrengung, welche es mich kostete

gewesen; aber Papa hat mich immer behandelt, so fröhlich zu sein

als wäre ich ein echter Taugenichts. Denke Dir Zwei Stunden später stand Sir Hugo mir in nur, Mama, gestern, als ich ihm im Parke be- meinem Ankleidezimmer gegenüber. Als er eintrat gegnete und hübsch artig „Guten Morgen" sagte, war ich mit einem Schrei in die Höhe gefahren' ist er nicht einmal stehen geblieben und hat mir aber es war kein Ruf des Schreckens denn ich auch keine Antwort gegeben. Ist er denn böse auf erwartete ja seinen Eintritt, aber stundenlanges,

mich?" „ r k r ,r , L ängstliches Harren hatte meine Kräfte erschöpft und

Mem Herz war zu voll, als daß rch aus die meine Seele eingehüllt und mich faft dem Schlafe Frage des Kmdes eine Antwort hätte geben können; nahegebracht. So vermochte ich nur mit großer für den Augenblick verbannte ein G.fühl tiefster Anstrengung mich zu ermuntern und die Situation Empörung jede andere Empfindung. Wenn er zu begreifen. Sicher machte mein plötzliches Auf- denn der Mutter zürnen zu muffen glaubte, durfte fahren keinen guten Eindruck auf ihn — mußte er denn das unschuldige Kind so grausam be- i es ihm nicht als Zeichen von Furcht erscheinen«

handeln? Und wenn er an dem Kinde seinen i Er sah mich gleichgiltig an und sagte in kaltem

Zorn in solcher Werse ausließ - was hatte dann Tone: „Du schliefest? Ich müßte eigentlich um die Mutter zu erwarten? Es war nicht Furcht, : Entschuldigung bitten, daß ich Dich gestört habe was mir diesen Gedanken eingab, im Gegentheil > aber ich klopfte an Deine Thür und als Niemand die Erzählung des Kindes hatte mich mit Ent- i antwortete, trat ich ein, in dem Glauben Du rüstung erfüllt und mir meinen Muth wieder- . seiest nicht darin, Helene'" gegeben. Ich fühlte mich unschuldig und hatte! Was hätte ich nicht darum gegeben wenn er Kraft genug, ihm stolz gegenüber zu treten. - mich nicht so überrascht hätte, wie er gethan' Er I

Der Eintritt der Dienerin überhob mich glück- ' glaubte also, ich habe geschlafen. Mußte er nun I

j nicht annehmen, das was unfehlbar kommen mußte, ä sei mir gänzlich gleichgiltig? Er näherte sich mir, die ihm keinen Schritt entgegen ging, und be­trachtete mich mit der Miene ernster Ueberlegung von Kopf bis zu Füßen. Es gab eine Zeit in meinem Leben, wo ich Sir Hugo ans der Ferne mit einer Art ehrfürchtiger Bewunderung be« j trachtete, das war jene unvergeßliche Zeit, wo er \ so häufig mit meinem Vater verkehrte, der seine glänzende Begabung nicht genug zu rühmen wußte. Das war jene Zeit, wo er endlich die mir gegen­über streng bewahrte Reserve aufgab und den W g des schweigsamen bleichen Mädchens kreuzte, das endlich sein Lebensglück zerstören sollte; das war jene Zeit, wo ich den plötzlichen und heftigen Aus- bruch feiner Leidenschaft noch nicht bewundern und fürchten gelernt hatte. Wenn ich ihn sah, so fühlte ich instinktmäßig seine geheime Autorität. Nun aber, als er vor mir stand, zeigten feine G sichts- Züge keine Spur jener unnachahmlichen Sanftmuth, die sie sonst immer mir gegenüber trugen; ich bemerkte, daß fein feuriges Auge durchbohrend auf mir ruhte und daß er jedes Zeichen von Schwäche und Zaghaftigkeit als einen B weis meiner Schuld auffaffen würde. Ich mußte also all' meine Kraft zusammen fassen.

„Du läßt mir für Zweifel fein-.n Raum," fuhr er fort in sarkastischem Tone. „Du host fein6