Einzelbild herunterladen
 

JV 233.

Dienstag, den 12. October.

1886

Fuldm

Drilling.

Di- .Fulda« Zeitung, erscheint tkglich, S-mn- und Feiertag« ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementSprsrs ohne Bringerlohn und Bestellgeld 1 Mk. 50 Pfg., - mit der SellListMen «och.nb.ilage .Sterne -Md Blumes in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 7o Pfg.

Inserat«: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

□ Zur Militärfrage.*)

I.

In den letzten Tagen hat in der Preffe eine umfangreiche Diskussion über die in der nächsten Reichstagssession bevorstehende gesetzliche Neurege­lung der Heeresstärke begonnen. Die sogen. Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres ist bis zum 31. März 1888 gesetzlich festgestellt, so daß eine neue Regelung auch noch in der zweitfolgen« den Session, also im Spätjahr 1887, nach den nächstjährigen Reichstagswahlen statlfinden könnte. Indessen steht schon heute fest, daß die Reichsre­gierung nicht so lange warten, sondern schon den gegenwärtigen Reichstag in der kommenden Session mit der Militärfrage beschäftigen wird. Ob man sich dadurch die Möglichkeit offen lassen will, bei einer nicht nach Wunsch der Regierung ausfallen­den Entscheidung die Sache nochmals vertagen und die ganze Frage als Feldgeschrei für die nächsten Wahlen verwerthen zu können, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls ist mit Rücksicht auf den Mitte November bevorstehenden Zusammentritt des Reichs­tages die Frage von akuter Bedeutung, und würde auch ohne die jetzt vorliegende direkte Veranlassung eine Stellungnahme der Parteien und Parteiorgane von selbst alsbald geboten gewesen sein. Die Ver­anlassung zu der so plötzlich in hohen Flammen auflodernden Diskussion eines Theiles der Presse gab bekanntlich die bestimmte Nachricht der Ber­liner .Kreuzzeitung', es sei der „feste Wille" der Regierung, bei der demnächstigen gesetzlichen Neuordnung der Militärfrage an Stelle des heu­tigen Septennats, der für den Zeitraum von 7 Jahren festgesetzten HeereSziffer, ein „Aeternat", eine Festsetzung der Heeresstärke für „ewige" Zei­ten, also für eine unbegrenzte Dauer zu ver­langen. Da die Reichsregierung mit dieser For­derung auch schon im Jahre 1874, allerdings er­folglos, aufgetreten war, so konnte diese Mitthei­lung an und für sich keineswegs überraschen, wenn es auch höchst sonderbar erscheinen mußte, daß diese angeblich geplante Neuerung gerade einem Reichstage vorgelegt werden sollte, von dessen Ma­jorität unter keinen Umständen eine so weit gehende

*) Nachdruck nicht gestattet.

Wieder vereinigt.

Frei nach dem Englischen bearbeitet.

1. Fortsetzung.

Verzweiflungsvoll rang ich die Hände. Ich hätte mich auf die Erde werfen und so recht aus Herzengrund weinen mögen. Jetzt wußte ich, er, der meines Herzens einzige Liebe war und stets gewesen, zürnte mir — weshalb? O wenn ich es gewußt hätte! Mein Gewissen klagte mich nicht des mindesten Vergehens an. Aber er, der strenge finstere Mann, hüllte sich in Schweigen und ließ mich alle Qualen der Ungewißheit durchkosten. Doch ich bezwang die aufsteigende Verzweiflung. Wenn denn Tage des Leides für mich kommen sollten, wenn eine Krisis mein Leben bedrohte, so wollte ich ihnen mit Muth und Entschlossenheit begegnen. Mit keinem Zucken meiner Gesichts­muskeln wollte ich den forschend auf mich gerich­teten Blicken verrathen, was mich bewegte — aber ich mußte nach Hause, nun hielt mich nichts mehr, mußte zu ihm!

Als Mallet auf mein Schellen wieder in das Zimmer trat, fand sie mich anscheinend ruhig und gefaßt. Ich gab meine Anweisungen für die Abreise mit dem Mittagszuge so gelassen, wie ich es in jeder anderen Situation gethan haben würde.

Preisgebung der verfassungsmäßigen Rechte der Volksvertretung zu erwarten ist.

Aber sei es nun, daß die Stellungnahme der verschiedenen Parteiorgane die maßgebenden Kreise alsbald von der Unfruchtbarkeit und Unausführ­barkeit des Planes überzeugt hat, sei es, daß derselbe in der That nur ein „ballon d’essay“ der .Kreuzzeitung' und der konservativen Partei war, oder endlich, daß hohe militärische Kreise die ,Kreuzzeitungs'-Jdee hervorgebracht haben, während die Regierung, also Fürst Bismarck, nichts oder noch nichts davon wissen wollen — das anerkannte Leiborgan des Reichskanzlers, die ,Nordd. Allgem. Ztg.', hat der Nachricht der .Kreuzzeitung', ein Dementi von einer Bestimmtheit und Entschie­denheit entgegengesetzt, welche nichts zu wünschen übrig lassen.

Nach diesem hochofsiziösen Dementi beruht die ganze Nachricht, daß an die Stelle des Militär- Septennats irgend eine andere gesetzliche Grund­lage treten soll, auf willkürlichenErfindun- gen, im Schooße der Regierung haben keine Erwägungen oder Verhandlungen nach dieser Rich­tung stattgefunden. Wie gesagt, die Ableugnung ist eine kategorische, und wenn sie auch gewisse Deutungen in der vorhin kurz skizzirten Richtung zuläßt, so müssen wir uns doch zunächst an den Wortlaut des kauzlerischeu Dementis halten und die willkürliche Erfindung als solche behandeln. Wir halten es nicht für denkbar, daß die Reichs- regierung einem Reichstage von der heutigen Zu­sammensetzung mit einem solchen „Aeternats"-An­trag, mit dem Vorschläge einer „Eisernen Präsenz­ziffer" kommen sollte, nachdem sogar der mit der schönsten nationalliberal-konservativen Zweidrittels­mehrheit ausgestattete Reichstag vom Jahre 1874 diesen Vorschlag zurückgewiesen hat.

Vergegenwärtigen wir uns kurz die Situation.

Mit dem 31. März 1888 läuft, wie schon er­wähnt, das heutige Militär-Septennat ab, und wenn bis dahin kein neues Reichsgesetz über die Feststellung der Friedensstärke des Heeres zu Stande käme, so würde vom 1. April 1888 ab der Jah­resetat hierfür maßgebend sein, wie dies ja auch bis zum Jahre 1867 in Deutschland, insbesondere auch in Preußen, geltendes Recht gewesen ist und

„Ich habe mich schon gewundert, meine Lady," sagte Mallet in einem Tone, der mir unaussteh­lich vorkam, „daß wir hier so lange verweilten, zumal Madame Trelawuey sich ja längst auf der Besserung befindet und Sir Hugo Sie nur wider Willen hat gehen lassen."

Hier muß ich einfügen, daß ich Madame Tre« lawney als meine mütterliche Freundin betrachte. Ich lernte sie im ersten Jahre meiner Verheira- thung kennen und lieben. Ein so engelreines Gemüth, eine so innige Frömmigkeit habe ich nie wieder bei einer Frau gefunden. Vielleicht dächte ich an meine selige Mutter mit den gleichen Ge- fühln, wenn ich sie je gekannt hätte, aber sie starb, als ich noch recht klein war.

Madame Trelawney war immer recht kränklich. Es kam vor, daß sie ganze Wochen auf dem Sopha liegend zubringen mußte, ohne eine an­dere Pflege zu haben, als die einer allerdings treuen und guten Dienerin. Vor etwa vier Wo­chen war sie wiederum so schwer erkrankt, daß man für ihr Leben fürchten mußte; sie hatte mich deshalb rufen lassen, und ich war sofort an ihr Bett geeilt. Mit Thränen hatte ich mich von meinen Kleinen verabschiedet, mit einiger Gezwun­genheit von meinem Gatten, der mir nun so schwer zu zürnen schien. Er hatte mir kein böses Wort gesagt — aber es war ein Schatten zwi-

wie es heute in Bezug auf die Präsenzstärke der Marine und in Bezug auf die Zahl der zur Uebung einzuberufenden Reservisten der Fall ist. Nach dem Verfassungsentwurfe für den norddeutschen Bund sollte die Friedensstärke des Heeres 1 pCt. der Bevölkerung von 1867 betragen und nach je zehn Jahren im Verhältniß zur wachsenden Bevölkerung anders normirt werden. Aber der norddeutsche Reichstag sand diese Forderung ungeheuerlich und schließlich wurde zwar der verlangte Prozentsatz der Bevölkerung bewilligt, aber nur für drei Jahre. Noch vor Ablauf dieser drei Jahre kam der deutsch- französische Krieg, der eine Verlängerung des Pro­visoriums um weitere drei Jahre zur Folge hatte. Im Anfang des Jahres 1874 legte die Reichs- regierung dem im Spätherbste vorher gewählten gut gouvernementalen Reichstage ein Militärgesetz vor, welches die Bestimmung enthielt, die Präsenz­stärke des Heeres solle auf ein Prozent der Bevöl­kerung von 1871 auf 401,659 Mann ausschließ­lich der Freiwilligen normirt werden, und zwar „bis zum Erlaß einer anderweitigen gesetzlichen Bestimmung", d. h. dauernd oder so lange, bis es der Regierung gefallen würde, eine Erhöhung zu verlangen.

Aber die sonst so gefügige nationalliberale Par­tei war zu einer solchen Preisgabe der konstitutio­nellen Rechte nicht zu bewegen; jedoch dem in den Osterferien 1874 namentlich von den Kriegerver­einen in's Werk gesetzten Drucke gelang es, die nalicnalliberale Partei zu einem Vermittlungsvor­schlage zu drängen. Die Partei, welche anfäng­lich zum größten Theil aus dem vollen Etatsrecht bestehen wollte, bot der Regierung das „Sep- tennat" an, d. h. auf 7 Jahre sollte die Frie­densstärke der Armee 401,659 Mann betragen, nach Ablauf dieser Zeit sollte das Etatsrecht wie­der in Kraft treten. Mit einigem Widerstreben nahm die Regierung den Vorschlag an, und so wurde also vor 12 Jahren der Versuch, ein „Mi- litär-Aeternat" einzuführen, von der ausschlaggeben­den nationalliberalen Partei vereitelt. Für das Septennat stimmte 1874 außer den Konservativen und Nationalliberalen auch etwa der vierte Theil der Fortschrittspartei, die spätere Gruppe Löwe- Berger. Das Stimmenverhältniß betrug 214 gegen 123 Stimmen.

schen uns getreten. Und dieser übte noch immer seine Macht aus.

Mallet besaß die lästige Freimüthigkeit, welche nun einmal alten Kammerfrauen eigen ist. Vielleicht hatte sie auch die Absicht, 'mir einen leisen Stich zu versetzen, und war das der Fall, so erreichte sie ihr Ziel vollkommen. Ich gab ihr indessen keine Antwort und ging in das Frühstückszimmer hinab, wo eine fröhliche Kinderschaar meiner schon harrte. Sie stürmten auf mich ein, umringten und küßten mich mit stürmischer Leidenschaftlichkeit, so daß der Gedanke, nun von ihnen scheiden zu müs­sen, mir die Seele zerschnitt. Aber ich überwand diese sentimentale Regung, versuchte ein wenig zu essen urb brachte die Kinder mit einigen begütigen­den Worten aus dem Hause und in den Wald hinaus. Ich beabsichtigte, mich von ihnen wegzn- stehlen. Dann begab ich mich zu meiner Freundin.

Sie lag in weißem Kleide auf dem Sopha und bot mit ihrem lieblichen, nachdenklichen Gesicht und der reizenden Gestalt einen malerischen Anblick. Ich ging auf sie zu und knieete, wie ich es zu thun pflegte, an ihrer Seite nieder. Sie wendete sich zu mir.

„Willkommen, mein Liebling," sagte sie. „Du läßt Dich ja recht spät sehen, vermuthlich, um mir noch länger Ruhe zu gönnen. Aber ich werde bald rebelliren und Euch nicht mehr den Gefallen thun,