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JV 232.

Montag, den 11. October.

1886

JfuliidiT NN Jalung.

Die ,Fuldaer Zeitung, erscheint t?gl!ch, Sinn* und Feiertag« ausgenommen. WerteljShrlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld 1 Mk. 50 Pfg., — mit der vellerrtstrschen Wochenbeilage ,Lterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg. Inserate: Di» einspaltige Zeil« oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Ein Wiener Sittenrnnster.

Vor einiger Zeit verschwand plötzlich ein Kauf- man von Simmering, einem Vororte Wiens, Na­mens Moritz Widhalm. Er war der N.ffe des Bürgermeisters von Simmering, Joseph Fröschl, besten Geschäfte Widhalm vor 2 Jahren über­nommen hatte, während Fröschl als wohlhabender Mann von seinen Renten lebte. War Fröschl von seinem Geschäfte reich geworden, so häufte Widhalm in dem kurzen Zeiträume von 2 Jahren eine Schuldenlast von 150.000 Gulden an. Wie ging das zu? Während Fröschl als nüchterner, sparsamer und wohlthätiger Mann sich selbst em­porgearbeitet, trat Wildhalm in bereits wohlha­bende Verhältnisse ein und wurde das Opfer der modernen leichtsinnigen Erziehung. Zuerst führten ihm Kuppler Dirnen zu, welche ihn zu Ausgaben veranlaßten, die zu seinen Einnahmen in keinem Verhältnisse standen. Um sich Geld zu machen, wurde er dann von denselben zum Börsenspiele verleitet und t-amit war Widhalm in kurzer Zeit geliefert. Er wurde durch seine Ausschweifungen und durch das Börsenspiel zum Verbrecher, zum Wechselfälscher. Er stellte Wechsel auf den Na­men seines Onkels aus, welch' Letzterer, als er die Lage einmal übersah, hinging und in seiner Verzweiflung sich erhängte. Der hochangesehene Bürgermeister Fröschl von Simmering endete als Selbstmörder, in den Tod getrieben durch seinen eigenen Neffen.

Dieser Widhalm ist übrigens nur der Typus einer ganzen Erwerbsschicht.

Die Söhne und Nachfolger der alten soliden Firmen, die Söhne der Kaufleute und Fabrikan­ten wollen nicht mehr in den bescheidenen Ver­hältnissen ihrer Vorfahren leben. Die eitlen Mütter sorgen dafür, daß ihre Söhne „fesche" Leute werden. Mit 18 Jahren, sobald sie der Schule entwachsen sind und in welchem Alter sie eigentlich an den Ernst der Arbeit gewöhnt werden sollen, spielt der junge Kaufmanns- und Fabrikantensohn den vollendeten Cavalier. Im Geschäfte ist er nicht zu sehen, denn seine Zeit gehört den Reitpferden, den Jagdhunden und den schönen Damen. Uebernimmt er selbst das Ge­schäft, so wird dieses leichtsinnige Leben sortge-

Wieder vereinigt.*)

Frei nach dem englischen bearbeitet.

1.

Wenn ich jetzt, wo ich eine alte Frau bin und die Last der Jahre meinen Rücken gebeugt hat, auf mein Leben zurückblicke, so scheint es mir, als sei es vergangen wie ein freundlicher Sommer­tag. Ich genoß die Liebe eines wahrhaft edlen Galten, ich sah meinen Sohn sich prächtig ent­wickeln und meine kühnsten Erwartungen über­flügeln; ich stand weit und breit im Lande als die Gattin eines mächtigen Lords in hohem An­sehen und war — ich darf es gestehen — eine viel umschmeichelte Persönlichkeit. Und doch gab es in meinem Leben zwei Perioden, wo ich daran verzweifelte, jemals das lang erträumte Glück dauernd genießen zu können. Beide Male hatte ich das so heiß ersehnte Ziel erreicht — das erste Mal lernte ich es, als ich bei ihm angekommen, verachten; ich hatte mich getäuscht, meine Phan­tasie hatte mir eine inhaltleere Fata • Morgana vorgespiegelt. Aber ich fand ein anderes Glück, ich fühlte mich selig in seinem Genuffe, bis plötz­lich eine rauhe Hand es mir zu entreißen drohte. Ich kämpfte mit Aufbietung all meiner Kräfte um

*) Nachdruck verboten.

führt, bis der angehäufte Reichthum erschöpft ist. Dann heißt es: die Geschäfte gehen schlecht. Man versucht sein Glück im Börsenspiele. Um die nö- thigen Summen aufzubringen, wird der Credit maßlos in Anspruch genommen, bis die Schlinge des Wucherers zugezogen wird. Der Mann ist fertig, er endet als Selbstmörder, im Armenhause oder er führt eine verschollene Existenz. In Wien gehört es zu den seltenen Ausnahmen, daß ein gutes Geschäft auf die dritte Generation übergeht. Wenn nicht der Sohn verdirbt, so geschieht dies sicher beim Enkel. Eine Arbeitstradition in der Familie gibt es nicht. Eine Anhänglichkeit an den ererbten Besitz existirt nicht oder doch nur sehr ausnahmsweise. Wird der Besitz nicht im Leichtsinn vergeudet, so wird er doch wenigster s „versilbert". Man sührt ein faules Rentner­leben! Die Schuld an diesen Dingen trägt die namenlos leichtsinnige und frivole Erziehung. Die Mädchen werden in Pensionaten erzogen, wo sie alles Mögliche lernen, nur nicht die Einfachheit des Lebens. Als Hausfrauen vergeuden sie unvernünftig Geld; als Mütter sind sie außer Stand, ihre Kinder zu erziehen. Die Töchter werden wieder in Penfionate geschickt, bei den Söhnen wird von den eitlen Müttern nur dar­auf gesehen, daß sie in „Gesellschaft" beliebt sind und sich „fesch" zu betragen wiffen. Der Sohn wird von der Mutter verzogen, vergebens kämpft hiergegen der Vater an. Es fehlt an der Er­ziehung, an der christlichen Erziehung, welche den Ernst und die Nothwendigkeit der Arbeit, die Pflicht der Entsagung und den Werth des Gehorsams in täglicher Selbstverleugnung nicht bloß predigt, sondern von Stunde zu Stunde praktisch zur Ausübung bringt.

Deutsches Reich.

Berlin, 10. October.

* Der Kronprinz sowie Prinz Wilhelm werden der am 6. November zu W e i m a r stattfindenden Vermählung der Prinzessin Elisabeth von Sachsen ».Weimar mit dem Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg beiwohnen.

* Die Minister des Innern und des Kriegs haben eine Verfügung erlaffen, durch welche die

die Seligkeit meines Lebens — aber ich hätte ge­wiß nicht den Sieg davon getragen, wenn der Himmel nicht rettend für mich eingetreten wäre. Und nun will ich erzählen, was ich erlebt in jener leidvollsten Periode meines Lebens. Ich berichte einfach und schlicht, und werde nicht versuchen, meine etwaigen Fehler zu bemänteln.

Seit einigen Wochen verweilte ich bei einer kranken Freundin, sie pflegend und ihre zahlreichen Kinder beaufsichtigend. Wie es meinem Gatten, meinen eigenen Kindern erging — ich wußte es nicht, denn es ging mir keine Nachricht zu. Täg­lich, stündlich wartete ich auf einen Brief, verge­bens. Nachts fand ich entweder keinen Schlaf, oder entsetzliche Träume machten den kurzen Schlummer zur Qual. So hatte ich wieder eine Nacht fast schlaflos zugebracht, als endlich, endlich der Morgen heraufdämmerte. Wird heute ein Lebenszeichen von ihm einlaufen? Nur dieser eine Gedanke beschäftigte mich.

Unerträgliche Ungeduld folterte meine Seele. Immer und immer wieder griff ich zur Uhr, deren Zeiger mir heute auf dem Zifferblaite festgewachsen schienen. Erst 6 Uhr I Die ganze Nacht suchte ich vergebens den heißersehnten Schlaf, warf mich wie ein Fieberkranker von der einen Seite auf die andere, und als gegen Morgen endlich übergroße Müdigkeit meine Augen schloß, erwachte ich mit schwerem Kopfe und fand, daß ich kaum eine

Behörden angewiesen werden, aus den Nieder­landen eingehende Gesuche um Ausfertigung von Legitimationspapieren deutscher Staats­angehöriger nicht mehr direkt, sondern nur durch die Kaiserlichen Konsularämter zu erledigen, da es vielfach vorgekommen, daß niederländische Werbe­agenten auf Grund solcher Papiere durch Miß­brauch derselben jungen Leuten ohne genügende Legitimation den Eintritt in die niederländische Kolonialarmee unter falschem Namen ermöglicht haben. Auch die Geistlichen sind besonders ange­wiesen, Geburtspapiere rc., die nach dieser Seite verlangt werden, nicht mehr direkt auszuliefern.

* Aus Gnesen erhält die ,®erm.' folgende Zuschrift: „Gehorsam als Priester dem Befehle meines Celsissimi Ordinarrii, nehme ich hiermit zurück, womit ich irgend welchen Anstoß gegeben haben könnte. Duliüski, Domkapitular."

* Paderborn, 8. Okt. Am 16. d. M. wird, laut Erlaß des hochwürdigsten Herrn Bischofs im amtlichen Kirchenblatt, das hiesige Priester­seminar wieder eröffnet werden. Der Erlaß lautet:

Mit innigem Danke gegen Gott kann ich heute mit­theilen, daß es mir vergönnt sein wird, mit Beginn des Wintersemesters mein Priesterseminar wieder zu eröffnen. Die Wiedereröffnung soll Samstag, den 16. Oktober, nach vorhergegangenem seierlichen Hochamte in der Markkirche stattstnden. Die Alumnen, welche seither in dem Priester­seminar zu Eichstätt ihre Vorbereitung empfangen haben, müssen Freitag, den 15. Oktober Hierselbst eintreffen, die­jenigen Alumnen, welche erst jetzt ihre Aufnahmeprüfung bestanden haben, müssen bereits am Montag den 11. Okt., Hierselbst eintreffen und haben dieselben sich Abends spätestens 7 Uhr bei dem Herrn Regens Dr. Rintelen zu melden. Die Herren Pfarrer werden beauftragt, den aus ihrer Pfarrei gebürtigen Alumnen hiervon Mittheilung zu machen. Paderborn, 2. Oktober 1886. Der Bischof t Franz Kaspar.

* Münster, 8. Okt. Die wunderliche Notiz der ,K. Ztg.' über ein „katholisches Mis­sionshaus zur Ausbildung von Afrika-Missio­naren" unter angeblicher Leitung des Hrn. Rektors Amrhein klärt sich jetzt auf. Wie der ,Wests. Merkur' hört wird die ehemals von Lützow'sche Besitzung in der Nähe der Mauritzkirche, welche in den letzten Jahren der Pfarrgeist­lichkeit von St. Mauritz zur Wohnung diente,

halbe Stunde geschlafen hatte. Erst sechs Uhr! Noch zwei Stunden muß ich warten, ehe der Post­bote hier eintrifft, noch zwei endlos lange Stunden ! Diese peinliche Ungewißheit, in der ich seit einer Woche schwebe, zerrüttet meinen Körper und Geist. Was mag das Schweigen meines Gatten bedeuten? Eines weiß ich, Krankheit oder sonst ein bedenk­licher Zufall liegen nicht vor, denn in einem so geordneten Haushalte, wie der unsere es ist, würde man keine Stunde gezögert haben, der Herrin von irgend einem bedauerlichen Vorkommniß durch den Telegraphen Nachricht zu geben. Mein Gemahl, Sir Hugo Kynaston, würde sofort die nöthigen Anordnungen getroffen haben. Somit hatte ich die feste Ueberzeugung, daß zu Hause Alles körperlich wohl — aber, o Himmel, einen wie kleinen Theil der menschlichen Leiden um­schließen die physischen! Schmerz, Krankheit, ja selbst der Tod sind leichter zu ertragen, als jene geheime unerklärliche Angst, welche in grausamer Gier an den Wurzeln des Lebens nagt, und von solch' bösen Ahnungen wurde ich damals wie ein gehetztes Wild geplagt: Und woher mochten sie nur kommen? Hatte ich ein böses Gewiffen, das so leicht, so natürlich die Quelle geheimen Angst­gefühle» ist? Gott sei Dank, nein, meine Seele fühlte sich frei; ich konnte meinem Gatten und jedem Menschen frei ins Auge sehen. Doch, jedem Menschen ? Einen gab es, bei dem ich es nicht