Einzelbild herunterladen
 

188.6

Sonnabend, den 9. October.

Fuldaers

Erstes Blatt

Der Dombaomeister von Fulda.

Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.

* Die Arbeiterverhältnisse in Belgien.

Die Ergebnisse der Kommission, welche zur Un­tersuchung der Arbeiterverhältnisie in Belgien nie- dergesetzt wurde, sind fortwährend recht traurige. Die »Köln. Volksztg.', welche über Zustände und Vorgänge in Belgien fortlaufend gut informirt wird, bringt dafür neue traurige Belege. In Doux, dem Mittelpunkt der Borinage, verdient der Gru­benarbeiter im günstigsten Falle 48—60 FrcS. im Monat, während das Existenzenminimum einer Ar­beiterfamilie je nach der Kinderzahl auf 80—100 Frcs. angeschlagen morden war. Er verdient nie­mals so viel, als er zur kraftvollen Fortsetzung der Arbeit, zur Erhaltung seines gesunden Lebens als den Mindestbetrag unbedingt nöthig hat. Junge Mädchen im Alter von 15 bis 18 Jahren muffen in den Schachten 16, 18 und selbst 19 Stunden täglich arbeiten und verlassen die Grube nicht von 4 oder 5 Uhr Früh bis 10 oder 11 Uhr Nachts. Ihr Lohn beträgt P/2, in Ausnahmefällen 2 Frks. Dabei sind sie schutzlos fast überall den frivolen Nachstellungen von Seiten der Werkführer ausge­setzt. Noch schlimmer stellen sich die Verhältnisse in der Fabrikation von Schwefelhülzern heraus. Dieselbe bildet namentlich in den flandrischen Pro­vinzen einen wichtigen Industriezweig, bei dem hier allein 30—35,000 Männer, Frauen und Kinder beschäftigt werden. Alle Aussagen, auch selbst der Fabrikbesitzer als der Arbeitgeber, stimmen darin überein, daß die Arbeit dabei absolut tödtlich ist. Schon nach wenigen Jahren stellt sich bei der kräf­tigsten Natur die Lungenschwindsucht ein; länger als 10—12 Jahre hat noch Niemand in diesen Todtenkammern ausgehalten. Alle Arbeiter und Arbeiterinnen tragen die Spuren einer unheilbaren Blutvergiftung im Gesichte. Da die Arbeit keine körperliche Anstrengung erfordert, so sind schon Kin- der vom fünften und fechsten Lebensjahre an dabei beschäftigt. Ohne Schulbildung, ohne religiöse Unterweisung stechen diese unglücklichen Geschöpfe in der von Schwefel und Phosphor verpesteten Atmosphäre dem sichern und fchmerzvollsten Tode entgegen. In den übrigen Industrien sind eben­falls die schreiendsten Fälle der Ausbeutung und Uebervortheilung der Arbeiter durch den Arbeitgeber konstatirt. Und zwar hält überall die Immoralität

gewinnen mnß! Wie viele Verbrechen geschehen unter der Erde und in den Fabriken I Die Frau wird verthwrt und moralisch erniedrigt; man ruinirt ihren Körper, verdirbt ihre Seele und raubt ihr alle Scham. Man möge über die Bedürfnisse der Produktion und der Arbeit sagen, was man will; aber wahr ist, daß die Hartherzigkeit des Reichen gegen den Armen maßlos ist, gerade wie der Haß des Letztem. Man muß zugeben: das Uebel ist un­ermeßlich. Oben wie unten ist die Gesellschaft erschüttert; sie besteht nur noch aus menschlichen Massen wankel- müthigen Geistes und leeren Herzens, bedroht tm Wohl­leben, drohend in der Armuth!

Der kath.-soziale Kongreß in Lüttich ist somit gerade zur rechten Zeit zusammengetreten. Die Aufgaben der Sozialreform greifen über die Grenzen der Staaten und Nattonen hinüber und in Folge der internationalen Konkurrenz wird mancher Fort­schritt zum Wohle der Arbeiter erst dann möglich, wenn die anderen Industriestaaten mitthun. Wenn der Meinungsaustausch zwischen den verschiedenen Ländern auf diesem Gebiete der sozialen Aufgaben anfängt, so wird die Reform hoffentlich in ihrem weiteren Verlaufe zu einer Annäherung der ver­schiedenen Nationen überhaupt mitwirken, was alle Freunde des Friedens innerhalb der christlichen Völkerfamilien mit Freuden begrüßen müssen. Statt die edlen Bestrebungen der in Lüttich Ver­sammelten ihren nationalliberalen Freunden als Muster hinzustellen, sucht die .Nationalztg., müh­sam nach einem Vorwand zum Nörgeln und er­hob dann den alten Vorwurf, daß die .klerikalen" Reaierunaey des „katholischen" Belgien bisher Hierfür ~me Arbeiter gethan hätten. Die katho­lische Partei Belgiens, welche früher mühsam um eine knappe Mehrheit ringen mußte, konnte die Socialreform nicht eher in Angriff nehmen, jeder Versuch in dieser Richtung wäre ein Selbst­mord zu Gunsten des „Liberalismus" gewesen. Jetzt zum ersten Male hat sie eine gesicherte Mehrheit, welche ihr gestattet, schwere und weit- greifende Pläne in Angriff zu nehmen. Das größte Hinderniß sind aber gegenwärtig noch die „libera­len" Einflüsse auf ven König, welche dem Ministerium von Seiten der Krone Schwierigkeiten veranlassen. Der König ist ein schwacher Charakter und fürchtet sich, gleich anderen Fürsten, vor den Liberalen, wogegen er, wieder gleich anderen Fürsten, vor den Katholiken weniger Respekt hat, weil er weiß, daß diese keine Revolution machen«

Die Angriffe auf den katholischen socialen Kon-

(Schluß.)

Endlich trat er durch das geöffnete Portal in's Innere ein. Hier athmete er aus tiefster Brust auf. Wie frei, wie weit, wie hell waren diese Hallen, durch die ein Hauch freudig klaren Geistes zu wehen schien! Und wie prächtig die Dekoration, die reichen Stuccaturarbeiten, Fresken und vergol­deten Altäre, welche sich von der weißen Farbe der Architektur abhoben. Eine großartige Wirkung aber brachte der majestätische Hochaltar hervor, welcher die Tiefe abzuschließen schien, obgleich durch seine sechs schwarze Marmorsäulen sich der Blick noch weiter verlor, bis nach dem fernen Hinter­gründe des hohen Chores, dessen prächtiger Altar erst den würdigen Schluß des Ganzen bildete.

In der That, hier war alles dazu angethan, einen erhebenden Eindruck wach zu rufen; der Fremde schien ganz überwältigt davon. Er war in die Kniee gesunken, und das Gesicht in die Hände vergrabend, brach aus seiner Brust ein lautes Schluchzen.

Lange, lange verharrte er in der feierlichen Tempeleinsamkeit, wo er jede Seitenkapelle betrat,

Festmahl, an welchem der Fürstabt Constantin von Buttlar selber theilzunehmen geruhte. An seiner Seite aber saß — Johannes Dienzenhofer.

„Ja, mein lieber Freund," sagte jetzt der Fürst mit seiner liebenswürdigen Herablassung. „Wie gern sähe ich noch Eure Kunst in Fulda walten, hier, wo ich noch so viel bauen und verschönern möchte!"

„Und gern auch würde ich Eure hochfürstlichen Gnaden meine Dienste weihen, aber —"

„Aber — ?" betonte Constantin, und das alte, unwiderstehliche Lächeln umspielte seine feinen Lip­pen. „Aber ein fürstbischöflicher Oberhof­baumeister und Rathsherr der Stadt Bamberg dankt dafür, seine hochangesehene Stel­lung um einer minder einflußreichen willen aufzu­geben."

Johannes Dienzenhofer blickte den Fürsten mit seinen großen blauen Augen voll an und erwiederte: „Nein, hochfürstliche Gnaden, die Stellung ist es nicht; — aber die Heimath bleibt doch immer die Heimath. Keiner mag wohl gern seinen Boden mit einem anderen vertauschen, wie sehr aber gerade wir Bamberger an der unserigen hängen, das sagt ja schon unser alter Spruch: „Und wär' Nürnberg mein, ich wollt' es in Bamberg verzehren!"

und Gesundheitswidrigkeit mit dem Grade der Unter­drückung der Arbeiter gleichen Schritt. Die Enqueten in Lüttich und in der Spinnerei von Saint-Leon­hard haben besonders Aufsehen erregt und selbst die Entrüstung der gemäßigt-liberalen Presse her­vorgerufen. Aber man blieb nicht dabei stehen, durch eine unbillige Herabsetzung des Lohnes die Arbeiter in materiellem Elend und der dadurch bedingten geistigen Ohnmacht und sittlichen Ver­kommenheit zu erhalten, um sie desto folgsamer und abhänger zu machen. Man schritt auch in vielen amtlich nachgewiesenen Fällen zum offenen Contraktbruch. Unter irgend einem Vorwande machte man dem Arbeiter Abzüge von dem aus­bedungenen Lohn, der an und für sich schon ein Hungerlohn war. Dem Arbeiter blieb keine Wahl; wollte er nicht mit seiner Familie hungern, so mußte er auch um die Hälfte des Stückes Brod, das ihm versprochen war, fortdienen. Einen schlechten Eindruck hat es hervorgerufen, daß die Arbeit­geber mit verschwindenden Ausnahmen der Re­gierungs-Commission zur Durchführung ihrer Aufgabe die größten Schwierigkeiten, in den Weg legten. Man suchte, so viel es anging, die be­stehenden Mißbräuche zu verheimlichen und alle graöirenben Vorfälle zu vertuschen. Die Arbeiter, welche vernommen wurden, schwebten in Gefahr, gemaßregelt zu werden, sobald sie die Wahrheit sprachen. Wehe dem, der ungünstig für den Fabrikberrn aussaafe! Er Mrd- sofort a".s Lohn und Brod entlassen, und die Verbindung der Arbeitgeber unter einander verhinderte ihm den Wiedereintritt in eine andere Werkstatt. Es wären jedenfalls noch ganz andere Nachtstücke der Gesellschaft enthüllt worden, wenn die Commiffare ganz in diesen Abgrund der modernen Produk­tionsweise hätten einbringen können. Der „©cur- rier de Bruxelles" faßt sein Urtheil solgender- maßen zusammen:

Welche Betrügerei und Raubsucht auf der einen, welches Elend und welche Erniedrigung auf der andern Seite. Die meisten Nahrungsmittel des Arbeiters, namentlich das Brod, find gefälscht, als Liqueur wird ihm Gift verkauft. Seine Arbeit wird ihm mit schlechten Waaren bezahlt; sein Herr beutet ihn aus und verurtheilt ihn zum Zwangs­einkauf. Und wie steht es in der Industrie? Das Leben hat kein Gewicht mehr in der Waage der Erwerbsgier; es ist nur noch ein Werkzeug, das man benutzt, ausnutzt, dann zerbricht und wegwirft. Sollen wir von dem Loos der Frau in den Höhlen reden, wo sie ihr tägliches Brod

und jeden Architekturtheil genau besichtigte. Und als er dann endlich die Kirche verließ, da war es, als sei seine Gestalt mit einem Male höher gewachsen, so frei und gehoben trug er jetzt den Kopf und von feinen Zügen leuchtete der Ausdruck einer merkwürdig klaren Ruhe.

Nun lenkte er seine Schritte nach dem Benedik« tinerstiste, einem sehr umfangreichen Gebäude, das sich hinter der Kirche in langgestreckten Flügeln hinzog und das die Stätte der einst weltberühmten Klosterschule war.

„Kennt Ihr mich nicht mehr, Bruder Franzis­kus?" fragte er lächelnd den alten Pförtner, der ihm geöffnet hatte und ihn nun fragend anstarrte.

„Bei meinem heiligen Namenspatron, es ist der Herr Hofbaumeister," rief dieser voll freudigster Ueberrafdjung aus. „Wer hätte das gedacht, daß Ihr —"

„Ja, ich wollte doch selber kommen zu der heh­ren Feier," unterbrach ihn der Andere, und mit schallenden Schritten folgte er dem alten Benedik­tinerbruder durch den langen Kreuzgang.

Am andern Tage fand in den altehrwürdigen Klosterräumen ein oft sich ereignendes Fest statt. Ein junger Novize hatte am Morgen in der Kirche feierlichst Profeß gethan und im Refektorium ver­sammelte die Ordensmitglieder ein fröhliches

Inserate: Di« einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.; 6et Wiederholungen entsprechender Rabatt.