JV 230.
Freitag, den 8. October.
1886
$ 3eitung, erscheint ^gUch. Ssnn. und Fnertage aulgenommen. Merteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der
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Der Doulballmeister von Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(58. Fortsetzung.)
Die zahlreiche Menschenmenge, welche Kopf an Kopf die weiten Kirchenhallen füllte, um so rasch als möglich das Wahlergebniß zu vernehmen, war sehr^enttäuscht, als langsam die Kapitulare aus der Sakristei zurückkamen und die Kirche verließen, ohne daß der Name des Gewählten von der Kanzel herab publizirt wurde, wie dies doch sonst ge- schah.
Mt unbefriedigten Mienen strömten die Leute aus den Thoren der Kirche.
Draußen stand ein alter Jude, den die Neugierde ebenfalls herbeigelockt hatte, dem aber der Eintritt in's Innere der Kirche nicht gestattet war.
„Gottes Wunder, was eine Wahl, was ein Fürst!" rief er voll freudiger Bewegung aus. „Wer hält' gedacht, daß sie machen würden zum Fürst den Jüngsten! Aber der Herr hat gelenkt die Herzen, daß wir kriegen sollen den besten Herrn!"
„Was schwätzest Du da, Mansche!?" fragten seine.Zuhörer. „Wir wißen ja noch gar nicht, wer gewählt ist, denn der Name ist nicht verkündet worden."
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Deutsches Reich.
Berlin, 7. October.
* Der englische Schatzkanzler Lord Churchill ist dem sogenannten Hofbericht zufolge im allerstreng, sten Jtzcognito aus London in Berlin eingetroffen. Er soll dem englischen Botschafter Hierselbst wieder- holt Besuche abgestattet haben. Auf Anfragen bei der Botschaft ist letzteres entschieden in Abrede gestellt worden. Nach anderweiten Meldungen traf Churchill unter dem Namen eines Mr. Spencer aus London hier ein und ist heute Vormittag wieder abgereist angeblich nach Varzin.
* Angesichts der unter dem 2. Oktober im .Reichs- und Staats-Anzeiger' erlassenen Bekanntmachung des Cultusministers, in welcher derselbe „auf Grund des Art. 2 des Gesetzes vom 21. Mai 1886 bekannt macht, daß dis theologische Lehranstalt des Clerical - Seminars in Fulda zur wissenschaftlichen Vorbildung der Geistlichen geeignet ist", schreibt die .Germania': Für die übrigen Anstalten dieser Art, die, so lange noch die Ausnahmebestimmung für Posen- Gnesen und Culm besteht, nur noch in Hildesheim, Paderborn nnd Trier -rkffnet wsr» den können, fehlt eine solche Bekanntmachung noch. Die besten Errungenschaften des neuen Friedens- gesetzes für die jetzt wieder zu eröffnenden theologischen Lehranstalten sind, im Vergleich zu den Maigesetzen, die den Bischöfen zustehende Freiheit, ohne Mitwirkung des Staates die Leiter und Lehrer auszuwählen, falls diese nur die vorge- schriebene Befähigung besitzen, und ferner die Beschränkung der exorbitanten maigesetzlichen Staatsaufsicht auf die im Art. 2 des Friedens- gesetzes genau umschriebenen Punkte. Der Hin- schius'sche Versuch, durch kühne Interpretation die maigesetzliche Aufsicht wieder durch eine Hin« terthür einzuschmuggeln, kann bei ehrlicher Handhabung des Gesetzes von Seiten des Staates keine Bedeutung gewinnen und würde ganz ge- wiß auch von den Bischöfen a limine abgewiesen
werden. Auch nicht ein Mal eine falsche Praxis der Aufsicht wird man in irgend einer Weise zu- laffen, weil nirgends eine Ersitzung und „Einbür- gerung" von „Rechten" leichter ist, als gerade bei solchen Aufsichtsrechten. Das principiis obstare ist also, das wird man auch von staatlicher Seite zugeben, hier nichts als Pflicht.
* Limburg, 6. Okt. Ueber den neuen Bi- schof, Herrn Dr. Karl Klein, einen geborenen Frankfurter, schreibt die ,Franks. Ztg.':
„Karl Klein, am 11. Januar 1819 als Sohn des 1841 dahier verstorbenen ersten Ober-Postamtssekretärs Klein in einem Hause der Allerheiligenstraße geboren, besuchte bis zum Herbste 1831 gleichzeitig mit dem jetzigen emeritirten Professor Eberz, dem verstorbenen Senator Forsboom u, A. die Selektenschule und von da ab das Simultan-Gym- nasium zu Regensburg, woselbst der Großvater als Geh. Kabinetssekretär des Fürsten Taxis eine sehr angesehene Stellung einnahm. Im Herbste 1837 absolvirte der 18jäh- rige Jüngling nach strenger Prüfung das gedachte Gymnasium mit der Note „Vorzüglich würdig". Während von den zahlreichen Brüdern zwei sich dem Militärstande widmeten, von welchen der eine als bayerischer Hauptmann bei Sedan fiel, der andere mit zahlreichen Orden als Oberstlieutenant in Pension zu Linz a. D. lebt, zwei andere die kaufmännische Laufbahn ergriffen und in Livorno und Bukarest angesehene Stellungen einnahmen (der eine bekleidete lange Zeit das belgische Konsulat resp. Generalkonsulat), entschied sich der jetzige Bischof von Limburg unter dem Eindrücke der Wirksamkeit der Bischöfe Sailer I und Wittman», des nachmaligen Fürstbischofs und Kardinals Diepenbrock und anderer bedeutenden Geistlichen für den Priesterstand und besuchte nacheinander die Universitäten München, Freiburg i. B. und Tübingen, an welchen er Gelegenheit hatte, die hervorragendsten Lehrer seiner Zeit zu hören, einen Döllinger, Möhler, Klee, Kuhn, Hir- scher, Hug, Staudenmaier u. A. Die theologische Fakultät in Freiburg i. B. promovirte 1841 den jungen Studenten summa cum laude zum Doktor der Theologie. Nach vorzüglich bestandener Staatsprüfung am 4. November 1841 vom damaligen Bischof Kaiser in Mainz zum Priester geweiht, feierte der vom damaligen Stadtpsarrer Dr. Bohm väterlich protegirte Neopresbyter im Dom seine Primiz und erhielt demnächst seine erste Anstellung in Wiesbaden, welcher am 1. Oktober 1842 die als Kaplan an der St. Leonhardskirche folgte. Mit dem 1. Januar 1843 berief dann der damalige Bischof Dr. Blum nach Kenntnißnahme einiger Aufsätze des angehenden Priesters denselben als seinen Hofkaplan und Privatsekretär nach Limburg, welche Stadt er seitdem nicht mehr verließ. In rascher Aufeinanderfolge wurde er 1845 Domvikar, 1849 durch Wahl des Domkapitels Inhaber der von der Stadt Frankfurt gestifteten Domherrnstelle, 1852 Generalvikar, Ende 1871 ebenfalls durch einstimmige Wahl des Domkapitels Dom- dechant. Im Jahre 1848 begleitete er seinen Bischof zu der Würzburger Bischofs-Konserenz und gewann sich als
einer der Konferenz-Sekretäre schnell die bleibende Gun^ der späteren Kardinäle Geissel und Reisach. Ebenso trat er bald in nähere Beziehungen zu den Münchener und Wiener Nuntien, von welchen namentlich Kardinal di Lucca und Aloisi ihm ihr Vertrauen zuwendeten. Wiederholt reiste er nach Rom, wo er von Pius IX. huldvollst ausgenommen wurde und nacheinander die Würden eines Geh. Kammerherrn, päpstlichen Hausprälaten und apostolischen Proto-Notars erhielt. Im Frühsommer dieses Jahres gewährte ihm Leo XIII. eine Privat-Audienz, welche wohl nicht ohne Einfluß auf seine Beförderung zum Bischof gewesen sein dürfte. Der Staatsregierung trat er 1867 bis 1870 näher, während welcher Zeit er dem Hause der Abgeordneten als Vertreter des Unterwesterwald - Kreises angehörte und im Auftrage des Bischofs die Verhandlungen über die Durchführung des Verfassungs-Artikels XV. für das Bisthum Limburg zu führen hatte. Das Resultat dieser Verhandlungen machte dem eifrigen und gewandten Unterhändler alle Ehre; denn dem Bischof wurde eine große Freiheit und Selbstständigkeit in der Verwaltung seiner Diözese eingeräumt, dem Bisthum eine Dotationsvermehrung von jährlich rund 21,000 Mk. bewilligt und das Domkapitel und Ordinariat von Grund aus reorga- nisirt oder richtiger gesagt neugeschaffen. Kein Wunder, daß Klein von Jahr zu Jahr an Liebe bei seinem Bischöfe, an Vertrauen und Verehrung beim Diözesan-Klerus gewann und allgemein im Bisthum als der gegebene Nachfolger des Dr. Blum betrachtet wurde. Auch die preußische Regierung betrachtete ihn nicht mit ungünstigem Auge. In Limburg rühmt man dem mit ungetheiltem Jubel begrüßten Oberhirten große Pünktlichkeit im kirchlichen Dienste, unermüdliche Ausdauer im Beichtstühle, stete Bereitwilligkeit zum Krankenbesuche und werkthätige Liebe zu den Armen, sowie aufmerksame Pflege höflicher Beziehungen zu den Staats- und städtischen Behörden nach."
* Trier, 6. Oktober. Gestern Abend starb hier der weit über die Grenzen unserer Diözese hinaus bekannte Dr. phil. Eduard Step hinsky, Professor der Mora! am hiesigen Priesterseminare. Der Heimgegangene war geboren in Saarlouis am 18. Februar 1834, hat also ein Alter von nur 52 Jahren erreicht. Am 29. August 1856 zum Priester geweiht, wirkte er zunächst in der Seelsorge in Koblenz und wurde dann 1861 zum Religionslehrer am hiesigen Gymnasium ernannt. Die Früchte seines in dieser Stellung entfalteten segensreichen Wirkens bewogen den hochseligen Bischof Mathias Eberhard, ihn zum Professor der Moraltheologie an Stelle des verstorbenen Dr. Mayers am Priesterseminar zu ernennen. Da Stephinsky hier in Trier seine Gymnasial- wie Seminarstudien absolvirte, so war also den beiden Anstalten auch seine Lehrthätigkeit zugewandt, an denen er ehemals gelernt hatte. Im Januar 1874
„Gott der Gerechte, so weiß ich, ein alter verachteter Jud' es doch! Der gnädigste Herr von Buttlar ist geworden Fürst. Möge ihn segnen der Herr!"
„Manschet, hat Dir's geträumt? Woher willst Du das wissen?" fragten die Anderen.
„Gott meiner Väter! Hab' ich doch gesehen mit meinen alten Augen, nfie die hohen Herren aus der Kirche kamen, daß der gnädige Herr Propst von Thulba ist eingestiegen zuerst in den Wagen und daß er sich hat gesetzt auf die rechte Seite. Hinter ihm aber kam Se. Gnaden, der alte Herr Stiftsdechant und hat sich gesetzt auf die linke Seite. Gottes Wunder, wird er doch nicht so ehren den jüngsten Prälat, wenn der nicht wäre Fürst?"
Der Beweis leuchtete den Fuldaern ein und mit Blitzesschnelle ging jetzt der Name Friedrich von Buttlar von Mund zu Mund. Hochgestimmte Freude aber rief die Kunde hervor, da ja alle Herzen dem edlen und milden Herrn entgegenschlugen. Und als nun der Wellenschlag der frohen Begeisterung zu dem Gewählten selber drang, und als er gewahrte, welche warmen Sympathien das ganze Volk ihm entgegenbrachte, da erkannte er in des Volkes Stimme die Stimme Gottes und er anterwarf sich demüthig dem Willen des Höchsten.
Unter dem Namen Constantin bestieg erden
Stuhl des hl. Sturmius, auf dem er zwölf Jahre lang voll Weisheit und Milde zu des Landes Segen geherrscht hat.
Eine der ersten Verfügungen des neuen Fürsten war, daß er den bei ihm in hoher Gunst stehenden Amtsvogt Weiß von Thulba als Kammerrath nach Fulda berief. Die übergesiedelte Familie — einschließlich der Base Annjoseph — nahm ihre Wohnung in Dienzenhofer's geräumigen Hause zur Freude Leonoren's, die seither dort ein einsam trauervolles Leben verbracht hatte. Nun aber hatte sie wieder treue Freunde in Fulda, denn die junge Frau Kammerräthin — eine sehr zufriedene kleine Frau, deren un- gezwungene Munterkeit in auffallendem Gegensätze zu dem steifen, förmlichen Wesen ihres Ehe- Herrn stand — hatte die alte, herzliche An- hänglichkeit nicht vergessen. Ihre Freundschaft trieb jetzt frische Blüthen und der wohlmeinende neugebackene Kammerrath, suchte allen seinen Einfluß aufzubieten, damit der pekuniären Bedrängniß der armen Frau abgeholfen werde.
Da wurde diese eines Tages in's Schloß be« schieden. Mit gewinnender Huld, wie sie ihm so ganz eigen, redete Constantin von Buttlar Leonora an.
„Ich habe erst jetzt erfahren durch den Kammerrath Weiß, einen warmen Fürsprecher von