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229.

Donnerstag, den 7. October.

1886

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-ü- Die Vorgänge in Bulgarien sind geeignet, jeden rechtlich denkenden Menschen aus'» Tiefste zu empören. Ja noch mehr! Wir Deutsche, die wir uns seit den 70er Jahren an den Gedanken gewöhnt haben, in der ganzen Welt als die tonangebende Macht in der europäischen Politik betrachtet und geehrt zu werden, die wir alle großen politischen Ereigniffe und Veränder­ungen, alle politischen Kongresse und Vereinbar­ungen der Mächte fortgesetzt unter der Aegide und dem Vorsitz Deutschlands und seines ersten Staats­mannes sich vollziehen sahen, die wir es sozusagen selbstredend fanden, daß in Europa keine hohe Politik mehr ohne Berlin und den Reichskanzler getrieben werden könnte, — sehen nun mit einem Male die bestgehaßte (man weiß, warum) aller Mächte, Rußland, in dem europäischen Koncert den Taktstock führen, und zwar mit aller dem Russen nun einmal angeborenen Rücksichtslosigkeit. Die Sprache, welche das Moskauer hochofficiöse Organ, das Blatt, des jüngst von höchster Stelle so schmeichelhaft ausgezeichneten Deutschenfreffers Katkow gegen Oesterreich und Deutschland führt, ist nachgerade empörend geworden. Und während die russischen Officiösen das Deutschthum und die deutsche Ehre frech insultiren und uns im Geiste den Fuß in den Nacken drücken, haben wir von den tonangebenden Ofsiciösen Deutschlands Lob» sprüche der russischen Politik, Vorwürfe über die dem Bulgarenfürsten sympathisch zujubelnde deutsche Sentimentalität, ja sogar über reichsfeindliche Con- spiration hören müssen. Wir wollen uns heute nicht weitläufig mit den fast unergründlichen Jrr- gängen der officiösen Taktik in der bulgarischen Frage befassen. Jedoch sei auch an dieser Stelle die Thatsache festgenagelt, daß dieselben officiösen Soldschreiber, welche vor mehreren Wochen die gewaltsame Entthronung Alexanders als eilte Frie­densgarantie begrüßten, dann den auf den Wunsch seines Volkes nach Bulgarien Zurückkehrenden nicht nur als einen Dummkopf, sondern auch als

Der Domöllllmrister uou Fulda.

Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.

(57. Fortsetzung.)

Herr Johann Leonard Dienzenhofer blickte bei den letzten Worten, die er mit erhöhter Stimme gesprochen hatte, seinen jüngeren Bruder forschend an, aber als er sah, daß dieser durchaus zu fei­nem Widerspruche geneigt war, wischte er sich beruhigt den Schweiß von der Stirn, etwas er­schöpft von der langen Rede, wie er selbst in der Magistratssitzung noch keine gehalten hatte.

Und Johannes Dienzenhofer stellte sich ja gerne wieder unter die Botmäßigkeit seines Bruders, war er doch herzlich froh, nun wieder einen Wirkungskreis gefunden zu haben; und war der­selbe auch weit untergeordneter als sein bisheriger, so hätte er doch zufrieden und glücklich leben wollen, wenn — er nur Weib und Kinder bei stch gehabt hätte. So aber ging die Trennung von ihnen wie ein Riß durch sein Leben und er wachte sich die bittersten Vorwürfe darüber, daß er Leonorens Drängen nachgegeben und die Sei- nigen allein in Fulda zurückgelassen hatte.

Leonora sandte ihm zwar Briefe voll Trost und Ermuthigung, sie schrieb von der prächtigen, inneren Vollendung der Stiftskirche, sie schrieb

einen Friedensstörer hinstellten, weiterhin den dem unzweideutigen russischen „Pack Dich" nach'eben­den Bulgarenfürsten al« ein Muster heldenmüthiger Entsagung priesen, der die deutschen Reichsseinde i beschämt habe, — daß ebendieselben Officiösen sich jetzt fast die Finger krumm schreiben, um dar- j zuthun, daß der Fürst Alexander eigentlich gar ! keinen vernünftigen Grund gehabt habe, nach der

Rückkehr auf den bulgarischen Thron auf ruffisches i Geheiß freiwillig zurückzutreten und das Land in die jetzige Verwirrung zu stürzen. Wir selbst, die Anhänger der Centrumspartei, haben von den Officiösen schon so viel Schmäyungen, Verdächtig­ungen und Verleumdungen ertragen müssen, daß uns diese ungerechte und allen Thatsachen hohn­sprechende Behandlung des Fürsten Alexander nicht weiter Wunder nehmen kann.

Wir erblicken darin nur ein Symptom der Lage, und dieses Symptom eröffnet der gegenwärtigen Stellung der deutschen Politik keine sehr rosige Perspektive. Die Vorgänge in Bulgarien, das brüske Auftreten des russischen Spezialbevollmäch­tigen General Kaulbars, die peinliche Situation Oesterreich-Ungarns, welches durch die russischen Willkürmaßregeln direkt bedroht ist, der daraus sich ergebende düstere Blick in die Zukunft — dies Alles bedeutet nichts mehr und nichts weniger als ein Fiasko der offiziösen deutschen Politik, und dieses nur zu klare Fiasko soll jetzt maskirt und beschönigt werden durch Anklagen gegen den Bul­garenfürsten, der das Karnikel gewesen sein muß. Eines ist uns an dem ganzen Treiben der Offi­ziösen von jeher auffälliger gewesen, als alles An­dere. Wenn die bekannten Blätter, welche zu sol­chen direkten oder indirekten Stimmungsäußerungen der leitenden Regierungskreise benutzt werden (vor Allem ,Nordd. Ällgem. Ztg.', ,Post', .Köln. Ztg.') darauf berechnet wären, durch Verbreitung in den weniger gebildeten Volksschichten die öffentliche Mei­nung ganz nach Belieben zu „machen", wenn sie mit anderen Worten auf die geringe Urtheilsfähig- keit ihrer Leser spekuliren könnten, dann wäre uns Manches klar. Aber diese großen politischen Or­gane, vor Allem die .Rordd. Allgem. Ztg.', wer­den doch wohl zum größten Theile von Leuten ge­lesen, denen man ein eigenes Urtheil zutrauen darf, und die gewitzigt genug sind, heute noch nicht ver-

von der hoffnungsreichen Entwickelung der Kinder - besonders von dem ältesten Sohne Heinrich, des Vaters Liebling, der mit großem Eifer in der Schule sich auszeichnete — aber kein Wort stand in ihren Briefen von den Entbehrungen die sie zu tragen hatte, kein Wort von den Kränkun­gen, die man ihr zufügte. Ja, Leonora durch­lebte eine schwere Zeit in Fulda, seitdem ihr Mann von ihr geschieden, dessen Einnahme nicht groß genug war, um sie reichlich unterstützen zu können, eine Zeit voll Kümmerniß, Roth und Bitterkeit, aber ihre starke Seele trug alles muthig, ohne Klagen mit dem festen Vertrauen an ein gütiges Walten der Vorsehung, das auch einst ihr Loos wieder wenden werde.

Der Fürstabt hatte sich nicht weiter um sie gekümmert. Er hatte den Tag Maria Himmel­fahrt zur feierlichen 'Einweihung der neuerbauten Kirche bestimmt und vom hl. Vater die besondere Erlaubniß erhalten, dieselbe selbst vornehmen zu dürfen, da sie sonst nur Bischöfen zustand. Adal­bert war hoch erfreut über die Kirche, deren Ge- ^ammtkosten nur gegen 100,000 Guldxn betrugen eine Summe, die heutzickäge "für ein solches Riesenwerk mindestens verzehnfacht werden müßte, doch betrug damals der Tagelohn nur sechs Kreuzer und viele Frohnden wurden geleistet.

Das Volk fing aber jetzt an, dem Gerücht von

< gessen zu haben, wenn sie vor 10 oder 20 Tagen I in demselben Blatte das Gegentheil von dem ge- lesen haben, was heute als unumstößliche Wahrheit aufgestellt wird. Selbst wenn wir in Rechnung ziehen, daß diese Blätter wesentlich auf die lieber« nähme ihrer politischen Weisheit in die gesinnungs­tüchtige Provinzialpresse, und dadurch indirekt doch wieder auf das eigentliche „Volk" spekuliren, so bleibt es uns dennoch fast ein Räthsel, wie dieses und jenes Blatt in höheren und gebildeten gesell­schaftlichen Kreisen noch als ernsthaftes und salon- sähiges Organ gelten kann. Sollte hier vielleicht der bekannte Spruch von den beiden Auguren zu­treffen, die mit der ernsthaftesten Miene ihren abergläubischen Hokuspokus trieben, aber einander anlachten, wenn sie sich auf der Straße begegneten? Mundus vult decipi!

Der ungarische Ministerpräsident Tisza hat in der vorigen Woche im Abgeordnetenhause zu Pest erklärt, daß Bulgarien ein unabhängiger Staat sei und bleiben müsse, da keiner Macht irgend ein Protektorat über Bulgarien zustehe, daß überhaupt nichts Belangreiches dort geschehen könne ohne vorheriges Einvernehmen der Berliner-Vertrags- Mächte. Auch in den offiziellen Blättern Deutsch­lands können wir diese und ähnliche Sätze Tag für Tag lesen. Aber wie verhält sich zu dieser grauen Theorie die nackte Wirklichkeit? Rußland hat einen rücksichtslosen Haudegen als Spezial- bevollmächtigten nach Bulgarien geschickt, dieser diktirt der bulgarischen Regentschaft die „Wünsche" Rußlands und droht mit dem russischen Zorn, wenn man sich den Bedingungen nicht völlig unter­werfen will. Kann man sich hier auf das duldende Einverständniß Bulgariens berufen? Wahrlich nicht! Rußland zwingt sich den Bulgaren als Protektor auf, und die russischen Organe erklären offen heraus, man müsse sich auch in den anderen Balkanstaaten häuslich eimichten, trotz Oesterreich, trotz dec Türkei und trotz den Mächten. Jetzt ist General Kaulbars, nachdem die bulgarische Re­gierung ihm in der Frage der Aufhebung des Belagerungszustandes und der Freilassung der Offiziere nachgegeben hat, noch immer nicht be­friedigt, er verlangt brüsk die Aufschiebung der Wahlen, damit er Zeit gewinne, das Volk mit Hilfe des Hochverräthers Zaukow und seiner Spieß-

dem bevorstehenden Einstürze der Kuppel zu miß­trauen; waren doch die Gerüste herausgenommen worden und alle Wände ohne Wanken in ihrem Gefüge geblieben. Und als nun am 15. August des Jahres 1712 das feierliche Geläute aller Glocken den Tag der Einsegnung verkündete, da strömte eine unzählige Volksmenge herbei, um freudig bewegt dem hochbedeutungsvollen Acte bei­zuwohnen , welchen der fürstliche Gründer und Abt in Gegenwart des Stiftskapitels und der gesummten Geistlichkeit mit allem kirchlichen Glanze vornahm.

Einer aber fehlte bei dem hohen Feste, dessen wohl Niemand gedachte: — der Baumeister Jo­hannes Dienzenhofer. Sein Weib und seine Kin­der nur knieten unbeachtet in der letzten Bank. —

Die Kirche war gleich den früheren dem Hei­lande geweiht. Einige Tage später, am Feste des hl. Bartholomäus, erfolgte dann die Konsekration der Nebenaltäre.

Adalbert von Schleifras sah nun seine Lieblings­idee verwirklicht; über der heiligen Grabesstätte erhob sich ein Gotteshaus im Geschmacke seines Zeitalters, das ihm allein als würdiger Ausdruck architektonischer Schönheit erschien — ein Werk jenes später so viel geschmähten Barockstyles. Und dennoch ein schönes Werk, denn was der Barock- styl auch Ungesundes und Verwildertes in seinem