Mittwoch, den 6. October.
1886
Jalung
Fiildarr
liegen des Handwerks und der Landwirthschaft bei
falscher Behandlung nur um so gefährlichere Fol« en haben könnten.
Mögen daher alle', an welche der Ruf nach Verminderung des Luxus ergangen ist, die Mahnung weniger auf jene aus der Arbeit des Volkes hervorgegangen und indirekt zur Hebung de» Volkswohlstandes beitragenden Luxusgegenstände beziehen, als vielmehr auf solche Dinge, deren Entbehrung für sie wirklich ein persönliches Opfer bedeutet, auf eigentliche luxuriöse Genüsse, wie da sind kostbare und verschwenderische Speisen und Getränke, prunkende Feste und Gelage u. s. w. Denn gerade die üppigen Gaumengenüsse, der verschwenderische Verbrauch derjenigen Himmelsgaben, an denen es dem Armen oft zur Stillung des quälendsten Hungers mangelt, reizen die niedere Klaffe mehr als alles andere zur Mißgunst, Neid und Haß gegen die besitzenden Klaffen.
? Zur Frage der Luxus-Einschränkung.
Auf dem sozialen Kongreß in Lüttich sind die Mittel zur Lösung der sozialen Frage nach allen Richtungen hin gründlich und von Sachkennern besprochen worden; wir greifen hier nur ein Mittel, das von mehreren Rednern warm empfohlen wurde, heraus, um eine kurze Erörterung daran zu knüpfen: es ist die Einschränkung des Luxus. Der Appell an die besser situirten Bevölkerungsklaffen, mit Rücksicht auf die so traurige und gespannte Zeitlage und auf das Elend so vieler Millionen dem überflüssigen Luxus zu entsagen, sich gewiffe Einschränkungen aufzuerlegen, ist gewiß ein sehr zeitgemäßer. Man muß sich aber klar zu werden suchen erstens über die wahren, edlen Motive, zweitens über die daraus sich ergebenden Folgerungen für die christliche Wohlthätigkeit, und drittens über den vernünftigen Umfang, über die in den Motiven selbst begründete Ausdehnung einer solchen Luxus-Enthaltung.
Das Hauptmotiv für eine vernünftige Einschränkung in den Luxusausgaben und eine Verminderung des luxuriösen Lebensgenuffes muß in den Forderungen der Religion selbst begründet sein, welche eine Gleichberechtigung aller Menschen in brüderlicher Liebe fordert, welche den übermäßigen Genuß, den Hang zum Irdischen und den Müßiggang verpönt, welche von jedem Menschen fordert, daß er je nach seiner Lebensstellung eine gewiffe, mit mehr oder minder Anstrengung verbundene j Lebensaufgabe erfüllt. Ein weiteres weniger voll- I kommenes Motiv ist die Erwägung, daß die Entfaltung eines großen Luxus, das sorglose Genießen, das Schwelgen in Besitz und Genuß diejenigen Nebenmenschen, welche in schwerer Arbeit, in Noth und Sorgen ihr kümmerliches Brod derdienen oder gar des Nothwendigsten entbehren müssen, mit Neid, Groll und Mißstimmung gegen die Reichen erfüllt und sie schließlich, wenn sie des religiösen und moralischen Halts entbehren, mit Naturnoth- wenbigkeit zu gelehrigen Jüngern der Sozialdemokratie, und in weiterer Konsequenz des Umsturzes, des Nihilismus und der Anarchie machen.
Wenn aber die Einschränkung des Luxus einen I wirklichen Werth haben soll, so müssen die beiden erörterten Motive ihre Ergänzung finden in einem dritten Motiv, nämlich in der Absicht, das dem
für sich selbst, aus reiner egoistischer Absicht, getragen hat und beiträgt, aber das sind wirth- Ein solches Sparsystem haben unsere christlichen schaftliche und soziale Krisen, welche sich erst all« Sozialpolitiker, welche die Wohlhabenden und Reichen | mälig beseitigen und heilen lassen, die aber bei zur Luxusenthaltung ermahnen, nicht im Sinne. Wer
Parole durchgeführte Verminderung des Luxus mit einem Schlage dem Hunger und Elend preisgegeben wären. Gewiß muß zugegeben werden, daß sich in Folge der übertriebenen Luxus- und Genußsucht, der steigenden Bedürfnisse und Lebensansprüche selbst minder gut situirter Leute eine übertriebene Luxus-Produktion herausgebildet hat, daß auch dieser verderbliche Umschwung viel zum Darnieder-
Dre ,Fulda« Zeitung, «scheint t!glich, Sann« und Feintag« ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der delletrtsttschm Wochenbeilage ,Sterne «ad Blume«' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg. Inserate: Di« einspaltige Zeile ob« deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
eigenen Luxus und Lebensgenuß Entzogene den ärmeren Nebenmenschen zuzuwenden, zu sparen für die Armen und für dieSchlechtersituirten. Wenn der Boden- oder Rentenzins um ein Geringes gesunken ist, so hört und liest man manchmal, die oberen Zehntausend, die von ihren Kapitalien und Renten Lebenden seien nun genöthigt, zu sparen, ihren Luxus einzuschränken, auf manche Genüsse zu verzichten. Diese Leute sparen natürlich nur
In Lüttich wurde u. a. auch eine gewisse Einschränkung in Vergnügungs- und Badereisen empfohlen. Auch hierin ist zu unterscheiden. Gewiß ist dar Reisen und Bäderbesuchen in weiten Kreisen zu einer gewissen Manie geworden und fördert sogar offen den wirthschaftlichen Ruin von Tausenden, die besser daheim blieben und die Grundsätze einer richtigen Oekonomie studirten. Aber andererseits bringt die Wanderlust, welche alljährlich zur Sommerzeit die oberen Regionen der Gesellschaft ergreift und eine sich stets wiederholende Völkerwanderung zur Folge hat, das überflüssige Geld der Reichen unter die Leute und dient zur Hebung des Wohlstandes in vielen sonst mittellosen Gegenden. Ohne jene tadelSwerthe und theilweise gewissenlose Uebertreibung ist der in unserem modernen Leben einmal stereotyp gewordene sommerliche Reisetrieb nicht durchaus
viel besitzt, soll von dem, was er hat, denen mittheilen, die wenig oder nichts besitzen. Nur dann, wenn die Sparsamkeit, die Luxusenthaltung der Reichen begleitet ist von einer ausgiebigen Wohlthätigkeit, hat sie einen wirklichen edlen Zweck.
Es wird aber nur sehr wenige Reiche geben, | welche uneigennützig genug sind, die vollen logischen und moralischen Konsequenzen aus. diesen Sätzen zu ziehen. Das Christenthum will ja auch wahrlich keinen Kommunismus, es begehrt von dem Reichen nicht, daß er sich seines Besitzes entäußere, um sich Anderen gleichzustellen (nicht Jeder kann sich zu der vollkommenen Entsagung des Ordenslebens erheben), es verlangt nur einen richtigen Gebrauch der irdischen Güter. Und dieser richtige Gebrauch besteht nicht allein im Geben und Schenken, in der reinen Wohlthätigkeit ohne jeden Entgelt, nein — und damit kommen wir zum ; dritten Punkte — er kann auch darin bestehen, daß man sein Geld und Gut verwendet, um seinen Nebenmenschen Gelegenheit zu Arbeitsverdienst und zu ehrlichem Erwerb zu bieten. Und an diesem Zwecke des Reichthum» findet auch die verlangte Luxuseinschränkung ihre natürliche Grenze. Die Parole „Einschränkung des Luxus" kann auch mißverstanden werden, eine übertriebene und falsche Auslegung finden und so schließlich das Gegentheil von dem erreichen, was sie bezweckt hat. Die Luxusartikel, welche die Wohnungen und den Besitz der Reichen in allen nur denkbaren Formen anfüllen, die tausenderlei Gegenstände der Kunst und des Kunstgewerbes, der Technik und Industrie, die Bodenprodukte u. s. w. erfordern zu ihrer Herstellung und Produktion Millionen von Arbeitskräften, welche durch eine gewissermaßen auf
Leonora mit
dem
lang ein
und wenn Eure Schöpfung ein Dezennium ihre Dauer bewährt hat, dann soll Euch glänzendes Zeugniß lohnen!"
33. Kapitel, !
Die Abreise.
„So hab' ich denn die Stadt »erlafsen, Wo ich gelebt so lange Zeit, Ich ziehe traurig meine Straßen, Es gibt mir Niemand das Geleit." Uhland.
Es war ein stürmischer Novembertag, an
Künstlerehre kann nur die Zeit rechtfertigen. Und sie wird mich rechtfertigen," fuhr er mit tiefer Ueberzeugung fort, „Fulda's Nachwelt muß mich einst anders richten, wie es die Gegenwart gethan!"
Johannes Dienzenhofer der Stadt, in die er vor elf Jahren von freudigster Hoffnung bewegt, eingezogen war, traurig den Rücken kehrte. Sein Künstlertraum hatte sich zwar erfüllt, er hatte ein hehres Gotteshaus in'» Leben gestellt, aber welchen Lohn gab ihm nun Fulda für ein Mühen und Schaffen, dem er die beste Kraft seine« Lebens gewidmet hotte?
Wie ein Geächteter zog er aus der Stadt, ohne selbst die feierliche Einweihung seine» geliebten Werke» abzuwarten, da ihm der Boden gleichsam unter den Füßen brannte. Da» hatte er freilich nie geglaubt, daß ihm noch einmal eine
gnädig. „Eure Kaution ist von guter Art; — so ziehet denn frei und ungehindert hin, wo immer Ihr wollt. Mein Segenswunsch begleite Euch, —
„Ja, hochfürstliche Gnaden," fiel Johanne» Dienzenhofer mit zitternder Stimme ein, „die theuersten Pfänder will ich hier zurücklaffen zur Widerlegung de« bösen Verdachtes und Niemand wird dann wohl zweifeln, daß ich diese einst wieder lösen werde; bessere Bürgschaft vermag ich nicht zu stellen."
Der Fürst zögerte einen Augenblick, doch dann erschien auf seinem Antlitz der bekannte Ausdruck des raschen Entschlusses. „Wohlan," entschied er
„Und warum wollt Ihr für diese Zuversicht nicht auch der Mitwelt gegenüber mit festem Muthe eiustehen? Wenn ich Euch von hinnen ziehen lasse, — wer leistet dann Gewähr für Eure Ehre?" fragte er langsam.
„Ich, fürstliche Gnaden," rief flehentlich erhobenen Händen aus. „Ich und unsere Kinder, wir wollen hier bleiben, bis meinMann von dem Verdachte glänzend gereinigt ist. So wahr der Herr lebt, wir wollen einstehen für die Wahrheit seiner Aussage und dafür haften mit allem, wa» wir besitzen."
Der Domdaumeister von Zoldir.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(56. Fortsetzung.)
„Was fällt Euch ein, Dienzenhofer, Ihr wollt fort?" fuhr der Fürst hastig auf.
„Ja, hochfürstliche Gnaden. Nach den letzten bitteren Erfahrungen ist es mir nicht länger möglich, in dieser Stadt zu leben und zu schaffen. Meine Mission ist ja hier erfüllt und mein Werk wird da» hohe Vertrauen meine» Herrn rechtfertigen. Mögen Eure hochfürstlichen Gnaden deshalb geruhen, sobald als ich die gesunkene Lebenskraft wieder erlangt habe, mich in mein Heimathland zurückkehren zu lassen."
Schweigend blickte Adabert vor sich nieder und seine Miene hatte sich wieder streng verfinstert.
„Und habt Ihr auch bedacht, daß Ihr dadurch nur den Verdacht bestärkt, der nun einmal gegen Euch wach geworden ist?" fragte er dann, und seine Augen ruhten scharf und durchdringend auf dem Baumeister.
Johanne« Dienzenhofer aber hielt ruhig den Blick au» und fest entgegnete er:
„Den böswilligen Verdacht kann ich den Men- schm nicht aus der Seele reißen, mich und meine