J\£ 224.
Freitag, den 1. October.
1886
Fuldaer $
K8
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□ Die soeiale Frage.*)
Wenn man nach den inneren Gründen forscht, welche die preußische Regierung und ihre leitenden Männer bewogen haben, dem Kulturkämpfe Lebewohl zu sagen und der Kirche und ihren Dienern wieder größere Freiheit in der religiösen Volkserziehung zu gewähren, so darf man in allererster Linie auf die heutige Entwickelung der socialen Lage Hinweisen. Die sociale Frage ist das Schreckgespenst, welches alle unsere Verhältniffe mehr oder minder fühlbar beeinflußt, aber es ist nicht bloß ein wesenloses Gespenst, es ist eine Gefahr von graufer Wirklichkeit und Greifbarkeit, und gegen diese Gefahr bedarf es rascher, gründlicher und energischer Gegenmittel. Seitdem die leitenden Faktoren der deutschen Regierungen und mit ihnen viele von alten Vorurtheilen mehr oder minder bekehrte Parteimänner erkannt haben, welch' eminent konservatives Element die katholische Kirche und das Papstthum ist, seitdem die eindringlichen Mahnungen, welche der hl. Vater von seinem erhabenen Sitze immerfort gegen die destruktiven Ideen der modernen Welt richten, und seine dem Umsturz von Thron und Altar in gleicher Weise entgegenarbeitenden Bemühungen besser verstanden und gewürdigt werden, hat man auch begonnen, die der Kirche angelegten Fesseln zu lockern und
-zu lösen.
Aber man wird konsequent sein müssen, man - darf nicht auf halbem Wege stehen i>leiben. Wenn 5 der monarchische Staat, dem es um seine Existenz j bange ist, die Bundesgenossenschaft der Kirche f wünscht, oder vielmehr die hilfreich dargebotene IHand der Kirche ergreift, dann wird er auch seinerseits Alles thun müssen, um der Kirche die Erfüllung ihrer hohen Mission, die Rettung der Menschheit, nach allen Seiten hin zu erleichtern. Und so hat denn die Beendigung des Kulturkampfes, welche allem Anschein nach in Preußen energisch weitergefördert werden soll, die allergrößte Bedeutung für die Lösung der großen, alles Andere in Schatten stellenden Zukunftsfrage, der socialen Frage.
Lesen wir die Encykliken des Papstes, die Hir- tenbriefe unserer Erzbischöfe und Bischöfe, wir be-
*) Nachdruck verboten.
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Der Domballmelster von Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(52. Fortsetzung.)
Es war ein prächtiges Stückchen Gebirgsland, das man von dem steilen Basaltkegel überblickte; doch er hatte heute keinen Blick für die sich anmuthig gruppirenden Bergeskuppen, und für die frischen, grünen Thalgründe mit ihren zerstreuten Höfen und Dörfern.
| Nichts sah er davon, und nichts auch gewahrte er von den stillen verbissenen Mienen und feindseligen Blicken, mit denen die Frohnarbeiter, welche eifrig Schutt abfuhren, ihn ansahen. Er prüfte nur den Stand der Dinge und gab dem Maurermeister kurz seine Befehle und Anweisungen, dann aber, ohne sich länger auf dem geräuschvollen Platze aufzuhalten, schritt er wieder abwärts in die tiefe Waldeinsamkeit hinein, wo aller Lärm verhallte und wo er ungestört und unbewacht seinen qualvollen Gedanken nachhängen tonnte. —
Er hörte nicht, wie es hinter ihm im Gezweig rauschte und raschelte, da plötzlich tönte ein rohes Schimpfwort an sein Ohr; aufgeschreckt wandte er den Kopf nach der Richtung, wo es hergekommen.
gegnen immerfort den direkten oder indirekten Warnungen vor den focialistischen Ideen, den Ermahnungen zum Festhalten an der gottgesetzten staatlichen Autorität, zur Geduld im Ertragen des wenn auch harten Erdenlooses, zur Mäßigung in allen Lebensgenüssen, überhaupt zu allen Tugenden, welche das Gegentheil einer focialistischen Weltanschauung ausmachen. Auch die katholischen Laien haben ihre ganze Kraft aufgeboten, um der focialistischen Sturmfluth entgegenzuarbeiten, durch Wort und That, durch Belehrung des Volkes, durch Reden in den Parlamenten und in den öffentlichen Kongressen, durch die Presse, durch Meister- und Gesellenvereine, durch Pflege chari- tativer Werke zur Linderung der Roth der ärmeren Bevölkerungsklassen. Ehe noch irgend ein moderner Staatsmann oder irgend eine andere Partei an die heute inaugurirte sociale und Wirth- schafts-Gesetzgebung dachte, als sie noch alle in den Fesseln des reinen Manchesterthums verstrikt lagen, haben schon katholische Socialpolitiker die Lösung der socialen und Arbeiterfrage nach der Richtung hin behandelt, die heute die Anfänge dieser Lösung in unserer Gesetzgebung beherrscht: die Programmgrundsätze, welche die katholische Partei und das Centrum schon seit ihrem Entstehen auf ihre Fahne geschrieben Haben, sind fast unmerklich der Mittelpunkt aller gesetzlichen und privaten Versuche zur Lösung der ffocialen Frage geworden.
Jetzt eben spielt sich.wieder eine jener großen katholischen Manifestationen ab, welche den Beweis liefern, daß die katholische Kirche die Hauptfeindin aller sozialistischen Ausschreitungen ist, und daß sie darum auch am allerersten bereit und entschlossen ist, die ihr zu Gebote stehenden Mittel zum Schutze nicht nur des Altars, sondern auch des Thrones zu ergreifen. Erst vor wenigen Wochen hat der deutsche Katholikentag in Breslau sich in hervorragendem Maße mit den sozialen Fragen befaßt und unter der Aegide der bedeutendsten Fachkenner und Sozialpolitiker entsprechende Beschlüsse gefaßt und Anregungen geboten. Und schon ist ein neuer katholischer Kongreß zusammengetreten, der sich nicht nur in der Hauptsache, sondern ganz ausschließlich mit der Lösung der sozialen Frage im christlich-katholischen Sinne beschäftigt.
Drei verwildert aussehendeBauernburschen brachen aus dem Gebüsch mit drohenden Geberden, dicke Knüttel gegen ihn erhebend umringten sie ihn und versperrten ihm den Weg.
„Was wollt ihr von mir? Ich trage kein Geld bei mir," rief Johannes Dienzenhofer aus, weil er glaubte, die Strolche hätten es auf seine Beraubung abgesehen.
„Was wir von Dir wollen? Bezahlen wollen wir Dich für die saueren Schweißtropfen, die wir Deinetwegen vergossen haben, Du Leuteschinder, Du Bauteufel! Da das einem für die Baufrohn- den, damit Du auch den Bieberstein nicht vergißt!" riefen sie zornig, und ehe der wehrlose Mann sich nur besinnen konnte, trafen ihn die wuchtigen Schläge der wilden Angreifer.
Ein lauter Angst- und Schmerzensschrei entfuhr dem Mißhandelten, dann raubte ein gewaltiger Schlag auf den Kopf ihm die Besinnung, so daß er wankte und nichts mehr fühlend, auf den grünen Waldboden niederstürzte.
„Potz Wetter und kein Ende, was geht hier vor?" rief da plötzlich eine dröhnende Baßstimme, bei deren wohlbekanntem Klange die Burschen eiligst die Flucht ergriffen. Mit dem Wildmeister von Hofbieber, der jetzt mit seiner Flinte und seinem Hund hinter den Bäumen hevortrat, war ja nicht zu spaßen, das wußten sie.
Der atr Sonntag den 26. d. Mts. eröffnete soziale Kongreß in Lüttich hat in der That eine Bedeutung, die über die belgischen Grenzpfähle hinausgeht, und zwar nicht nur wegen des internationalen Charakters der sozialistischen Bewegung, der auch eine internationale Gegenbewegung entsprechen müßte, sondern auch wegen der zu Tage tretenden offiziellen Betheiligung der belgischen Kirchenoberen an den wichtigen Berathungen und wegen der großen Betheiligung auch nichtbelgischer katholischer Männer. Von deutschen Bischöfen ist der Bischof Korum von Trier anwesend, der sich wegen seiner Beherrschung der französischen Sprache auch vor Allem als Sprecher in dieser belgischen Versammlung eignet. Von fremden Bischöfen ist sodann noch der Bischof Dr. Koppes von Luxemburg erschienen, außer ihnen sind anwesend die belgischen Bischöfe Doutrelux von Lüttich, Durous» faux von Tournay und von der Brande de Reeth von Mecheln, begleitet von zahlreichen sonstigen geistlichen Würdenträgern. Die Betheiligung aus Deutschland ist eine so zahlreiche, daß nicht weniger als fünf Herren aus Deutschland in das Bureau gewählt wurden: die Herren Abg. Dr. Julius Bachem (Köln'), Frhr. Felix von Los (Ter- Porten), Abg. Dr. Lingens (Aachen), Abg. Abbö Winterer (Mühlhausen) und Frhr. v. Schorlemer» Metternich.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. September.
* Die bisher so redselig offiziöse Presse ist seit zwei Tagen über die bulgarische Krisis schweigsam geworden. Es ist Grund zu der Annahme vorhanden, daß man hier an maßgebender Stelle die Festigkeit, welche die bulgarische Regierung den Forderungen des Generals Kaulbars gegenüber bekundet, nicht ungern sieht £unb die durch den Widerstand der Bulgaren gegen die russischen Forderungen entstehenden Verzögerungen in der Entwickelung der Dinge als günstig für eine friedliche Lösung betrachte.
* Die Kommission zur Durchführung des 100 Millionen-Gesetzes ist rüstig an der Arbeit. War ihre Augustsitzung neben der Erledigung der vorliegenden Güterankaufsfragen vor Allem der Erledigung der formalen Seite ihrer Geschäfts-
„ Verfluchte Kanaillen, Euch soll ja gleich ein Himmelkreuzdonnerwetter in den Erdboden schlagen," rief dieser, den Dienzenhofer's Angstschrei aus dem Waldesinnern herbeigerufen hatte, den Davonfliehenden nach. „Aber wer liegt denn da am Boden? Bei Sanct Hubert, das ist gar der Hofbaumcister und dem blutet ja die Stirn. Die Bestien werden ihn doch röcht todtgeschlagen haben?"
Er kniete auf dem Boden nieder und goß aus seiner Jagdflasche einige Tropfen Branntwein, mit dem er dem Bewußtlosen die Schläfen herzhaft zu reiben begann, wobei sein treuer Nimrod verständig zusah.
Ein leises Wimmern und Stöhnen kam jetzt aus Dienzenhofer's Brust.
„So, mein Lebenselixir hilft schon, ich will ihm nun auch ein Schlückchen davon auf die Zunge geben," sagte erfreut der Alte, indem er dem allmählich zum Bewußtsein Zurückkehrenden den Rest aus seiner Flasche auf die Lippen träufelte.
Johannes Dienzenhofer hob mühsam den Kopf und blickte verstörte den alten Jäger an.
„Seid nur ruhig, es geschieht Euch nichts mehr, wenn ich und mein Nimrod an Eurer Seite find," sagte dieser gutmüthig. „Potz Wetter, die verdammten Spitzbuben werden Euch doch keine Rippe entzwei geschlagen haben. Kommt, laßt einmal sehen, ob Ihr jetzt die Glieder regen könnt!"