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JM 223

Donnerstag, den 30. September

1886

Die »Fuldaer geitwni- «sch-tut tiiglich, S,nn- und Feilteg. au-genomm-n. Bierteljährlicher AbonnsmEspr-is ohns Brü^^ 1 JJi£‘ 50 W' m,t bet

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❖ Zur Ordensfrage.

Der deutsche Kulturkampf scheint überall seinem Ende entgegenzugehen. Preußen, welches sich am weitesten vorgewagt und für die Durchführung der Falk'schen Unterjochungs-Ideen sozusagen sein Wort verpfändet hatte, geht jetzt den übrigen Kulturkampfstaaten mit dem besten Beispiel voran, um den stolzen Bau der Maigesetze, vor nicht allzu langer Zeit noch das noli me tangere der Mehrzahl der Regierungsfreunve, nach und nach in Trümmer zu werfen. Die neuesten Nachrichten über die Verhandlungen zwilchen Berlin und Rom lassen darauf schließen, daß die preußische Re­gierung gewillt ist, trotz des Widerspruches der Nationalliberalen, ihr dem hl. Stuhle gegebenes Versprechen einer weiteren Reviston der Maige« setze einzulösen.

Ein Hauptdifferenzpunkt zwischen Berlin und Rom bleibt noch die Ordensfrage. Die reli­giösen Orden sind noch immer das Schreckgespenst aller derer, die sie nicht kennen oder ihr Leben und i^r Wirken nur durch die getrübte Brille konfessioneller oder politischer Voreingenommenheit ansehen. Jetzt aber heißt es in einer officiösen Notiz, wahrscheinlich werve die Zurückderufung der Orden sich auf die Benediktiner und Au­gustiner beschränken, mit anderen Worten, die Jesuiten und Jesuitenverwandte sollen auch ferner­hin aus Deutsch! nd verbannt bleiben. Wir ha- ben.itiemgls erwartet», daß die Jesuiten .schon in kürzWr Frist nach Deutschland zurückkehren wer­den, aber'daß sie eines Tages wieder ihren Ein­zug halten, das ist uns nicht zweifelhaft.

Steter Tropfen höhlt den Stein, und Rom ist nicht in einem Tage gebaut worden. Die Ver- urtheilung der Maigesetzgebung, die Einsicht, daß der Kulturkampf vor allem den Staat selbst und die Gesellschaft aus das Empfindlichste geschädigt, hat sich auch erst nach Verlauf von vielen Jahren in den Reihen der ehemaligen Kulturkämpfer Bahn gebrochen und ergreift noch immer wertere Kreise. Nicht anders wird es mit den Vorur- theilen gegen die religiösen Orden ergehen, wie es sich ja schon thatsächlich zeigt, daß selbst die schlimmsten Mönchsfeinde fich nach und nach mit dem Gedanken an die Rückk-Hr der Benedik­tiner u. s. m. zu bffreunden ansangen. Beruht

Der Nombaumeister von Fuiüa.

Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.

(51. Fortsetzung.)

30. Kapitel.

Der Baumeister in Noth.

„Auch aus entwölkter Höhe

Kann der zünd-nde Donner schlagen, Darum in deinen glücklichen Taqen Fürchte des Unglücks tückische Nähe."

Schiller.

Die Zeit verstrich und immer näher rückte das hehre Gotteshaus seiner Vollendung und Ein­weihung entgegen. Einzelne Tyeile der Ausstat­tung stammten noch aus der alten Kirche, wie die prachtvolle ^Kanzel, — zu welcher Bruder Jürgen nur einen neuen S^alld.ckel ar fettigen mußte — der reich vergoldete-Choraltax, die ko- lossalen^Standbilder runder Gruft uno)>etg.l, M hr.

Unterdeffen waren auch die übrigen bedeuten­den Unternehmungen, wie das Refioenzschloß und die Neubauten am Conoentsgebäude, wacker ge­fördert worden. Auck die Entwürfe für das p ojeciirte Jagdschloß waren von dem Fürsten nunmehr ge­nehmigt und unser Archrtekt hatte mit dem Mauer- Meister Joh. Kahlenberg»! aus Erchenzell einen schriftlichen Accord abschließen können, welcher fich

doch die Abneigung gegen die Orden, das Bestre- : ben, sie um jeden Preis fernzuhalten, auf eben denselben verkehrten Motiven, die dem ganzen Kulturkämpfe zu Grunde lagen. Man fürchtete den Ungeheuern friedlichen Einfiuß der katholischen Kirche und ihrer Vorgesetzten auf das Volk, dar­um suchte man dieser Kirche und diesen kirchlichen Obern Fefiem anzulegen. Man hat sich in seinen Berechnungen getäuscht: die katholische Kerntruppe schloß sich um so fester um ihre gott-esetz ten Ober- Hirten und um so enger in sich selbst zusammen. Jetzt scheint man in vielen ehemals fanatisch kul­turkämpferischen Kreisen die friedliche Macht der Kirche nicht mehr zu fürchten, im Gegentheil: man sucht ihre Hilfe noch im Kampfe gegen dte zunehmende Verwilderung der Mafien und gegen die Ueberhandnahme der thronumstürzenden socia- listischen und anarchistischen Ideen.

Die Ordensfrage ist aber nur ein Theil der ganzen Kultwkampffrage, die Orden sind ein Glied, und zwar eines der stärksten, festesten Glieder in dem ganzen Organismus der katholischen Kirche, und wenn man die übrigen Glieder als Bundes- genofien anruft, so wird man auf die Dauer auch das eine starke Glied nicht entbehren und zurück- stoßm können. Gerade weil man die Orden und vor Allem die Jffuiten und „Jesuitenverwandten" als die eigentliche Elite, die bestgeschulte und opferwilligste, weil von allen weltlichen Interessen losgelöste, Avantgarde der katholischen Kirche er- kannte, weil map sich in dem geistigen Kampfe ihnen am allerwenigsten gewachsen fühlte, deßhalb machte man mit dieser geistigen Macht kurzen Prozeß und jagte sie aus dem Lande und Reiche. Also wie bei dem ganzen Kampfe gegen die Kirche, so war in noch stärkerem Maße im Kampfe ge­gen die Orden die bloße Angst und Furcht die eigentliche Triebfeder.

Und was sehen wir heute? Auch heute spricht aus allen Protesten in Wort und Schrift gegen die Zurückberusung der Orden nur die Furcht vor dem geistig überlegenen Gegner. Und seltsam! In den vordersten Reihen der Opposition gegen die Wiederzulafiung der Jesuiten und anderer Orden stebt der orthodoxe Protestantismus, der doch an seinem eigenen Leibe die Wirkungen der Kultur­kampfgesetzgebung so übel erfahren hat. Und wie bei ihm und beim Gustav-Adolf-Verein, so ist es um den gänzlichen Abbruch der alten noch stehen­den Burgtheile, sowie um die Aufführung des neuen Burgschlofies drehte.

Mitten im Drange dieser umfafienden Thätig- keit wurde nun Johannes Dienzenhofer eine recht störende Aufforderung: man verlangte, gemäß der geschäftlichen Ordnung, Rechnungsablage von ihm über alle zu den Stifts-, Schloß-, Convents und sonstigen öffentlichen Bauten erhaltenen Geldvor- fchüfie.

Das aber war eine lästige und fatale Sache, da leider seine Rechnungen nicht zum Besten geordnet, und alle verausgabten Kosten ziemlich nachlässig ver­zeichnet waren. Sein Kopf war ja immer nur mit großen Kunstideen gefüllt, so daß ihm wenig Sinn für dergleichen praktische Dinge blieb, und wenn er auch bei Berechnung aller architektonischen Verhältnisse immer sich als Meister erwiesen hatte, so war er, wenn es sich um trockene, geschäftliche Zahlen handelte, ein recht schlechter Rechner.

Aber was half das, jetzt da es verlangt wurde, ! mußte er einmal eine Zusammenstellung über die i erhaltenen Summen und über deren Verwendung geben. So saß er denn bis in die Nacht hin­ein an seinem Schreibtische und schrieb und zählte die verzeichneten Posten zusammen. Doch immer heißer, immer beklommener wurde ihm ba-

auch beim Protestantenverein aufruflichen Angeden kens die bloße Furcht, welche die Jesuiten sammt den übrigen Orden mit gespensterhaftem Schrecken umgibt.

Man mag die Sache drehen und wenden wie man will, der Widerspruch gegen die Wiederzu­lassung von religiösen Orden involvirt die Inan­spruchnahme einer Staats Hilfe der einen Kon­fession zu Ungunsten der andern, man will seiner eigenen Sache einen künstlichen Vorschub verfchaf- fen, indem man den Polizeistock anrust, um einen Theil der Widersacher in dem Kampfe der Geister mit Gewalt zurückzuhalten. Mit doppeltem Maß wird gemeffen, für die eigene Konfession ver- langt man volle Freiheit in Lehre und Mission, der andern Konfession soll sie mit gesetzlicher Hilfe verkümmert werden. Ist das tolerant, ist das gerecht?

Aber dieses Messen mit doppeltem Maß kommt protestantischerseits nicht bloß in der deutschen Or­densfrage zum Ausdruck. Auch im Wettstreit der Konfessionen bei der Bekehrung der Heiden bean­sprucht der deutsche Protestantismus eine Bevor­zugung seiner Mifiionäre und eine Zurückdrängung der katholischen Ocdensmiffionen von Seiten des Staates. Die Verhandlungen des Reichstages über diese Frage, die nachfolgende Preßdiskussion und die nach und nach bekannt werdenden thatsächlichen Schritte in dieser Hinsicht liefern den Beweis dafür.

Und nun erst das doppelte Maß in der gegen­seitigen Beurtheilung, Als der Protestantenverein mit jener als „Aufruf an das deutsche Volk" be­zeichneten Anti-Katholiken-Manifestation hervorirat, hat nur ein Theil der protestantischen Presse, und dieser lediglich aus Opposition gegen die frei­gläubige Richtung, Worte des Tadels gefunden. Ueber die jüngste Tagung des Gustav-Adolfs- Vereins in Düsseldorf dagegen, wo die feind- lichen Brüder mit vereinten Kräften Rom, den Katholizismus und die Jesuiten schmähten, hat kein einziges protestantisches Blatt ein Wort der Kritik gebracht. Im Gegentheil: Diejenigen katho­lischen Blätter, welche sich mit Recht über diese intolerante Hetzerei gegen die Katholiken beschwerten, wurden noch gar mit scheinheiliger Empfindlichkeit der „Gefährdung des konfessionellen Friedens" be­schuldigt. Als ob es eine schlimmere Gefährdung des konfessionellen Frieden geben könnte, als die

bei. Da war ja eine runde Summe von fünf­tausend Gulden eingetragen, die er empfangen und verausgabt hatte, und er wußte nicht wofür, denn nichts war darüber ausgezeichnet. Voll Un­ruhe durchsuchte er jedes Fach seines Schreibpul­tes, er durchstöberte und durchlas alle Papiere, aber vergeblich, nichts gab den begehrten Ausweis.

Mitternacht war längst vorüber, und Johannes Dienzenhofer hatte noch nicht das Gewünschte ge­funden. Der Angstschweiß brach ihm aus. „Hei- liger Gott hilf mir," stöhnte er, indem er an's Fenster trat und die heiße Stirn an die kühlen Scheiben legte.

Draußen lag süß und träumerisch der Mond- glanz über den Levkoyenbeeten des Hausgärtchens, — der besänftigende Anblick beruhigte ein wenig die Seele des aufgeregten Mannes.

„Vielleicht fällt es mir am Tage ein, wozu ich die Summe verwandt habe," murmelte er und schrieb die fünstausend Gulden auf den Ausgabe­bogen, eine leere Stelle für eine nachträgliche Angabe darauf laffend.

Dann addirte er alles, aber wie er die Ausgabe mit der Einnahme verglich, da stockte ihm der Äthern und die Zahlen schienen ihm vor den Augen zu tanzen: denn es blieb immer ein Deficit