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222. Mittwoch, den 29. September 1886

Die .Fuldaer Rettung1 erscheint täglich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgelds 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne ««d Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg. Inserate: Di« einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Der Dombaumeister von Fulda.

Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.

(50. Fortsetzung.)

Und Pater Bardo ergriff ein unter vielen Büchern liegendes Manuscript und begann daraus mit ausdrucksvollem Vortrage vorzulesen: „Endlich erschien im Jahr zweimal vierhundert und neunzehn, Jener festliche Tag, ein Sonntag am ersteniNovember, Haistulf war vom Stuhle zu Mainz bei unseren

Vätern

Angelangt, Buchonien's ersten Tempel zu weihen. Alles war in Bereitschaft zu dieser kirchlichen Feier. Sieh', da begann der Zug. Voran im Hirtenornate Ging der Bischof, dann wehten in Lüften die Fahnen des Sieges, Leuchten mit rosigem Schmuck umgaben sehr schick­lich dieselben;

Ehrfurcht erweckend, in lieblicher Ordnung wallt nun die Menge,

Priester und Mönche, dann die Herren vom gräf­lichen Stande,

Hinten die wogende Menge des Christum bekennen« den Volkes.

Gott, dem Herrscher des Weltalls, schollen Gesänge mit Flehen

Zum Erlöser der Menschen: „Herr, erbarme Dich unser!"

Auch zu Maria, der Jungfrau, und allen Heiligen Gottes

Stieg empor das: „Bittet für uns^um gött­liche Hilfe!"

Dreimal ging jetzt unter Gebeten der Zug um die Kirche.

Plötzlich öffneten sich hierauf die heiligen Hallen Zum Empfang des himmlischen Königs, daß er da throne.

Stattlich schritt der Bischof, geleitet vom göttlichen Geiste,

In dieselbe mitPriestern und Dienern nun des Altares, Um auch von innen nach Vorschrift zu weihen die Stätte des Höchsten.

Während dessen harrten außer der Kirche voll Andacht Alle dem Einlaß in das Heiligthum Gottes entgegen. Welch' ein Schauspiel erfolget! Als die Pforten sich aufthun,

Strömet und stürzet das Volk im heiligen Taumel mit Jubel

In dasselbe, sich an den Thüren beinahe erdrückend. | Dann einander umarmend, rechts an den Händen sich fassend,

Und nach seiner Sitte, reichend den Kuß auf die Wange,

WtaggSF*' Bei dem bevorstehenden Quar- talswechsel (1. Oktober 1886) werden die verehelichen Abonnenten gebeten, ihr Abonnement bei den kgl. Postanstalten rechtzeitig zu erneuern, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Auf die nach dem 1. October erfolgenden Zeitungs-Bestellungen berechnen die Postanstalten eine um 10 Pfg höhere Gebühr.

* Russland und Bulgarien.

Rußland geht nun mit aller Macht daran, die Bulgaren zu vergewaltigen. Die anderen Mächte, durch Fürst Bismarcks russenfreundliche Politik gelähmt, verharren gleichfalls in Unthätig- keit und so fällt das bulgarische Volk, das in seinem und Gesammteuropas Interesse frei sein möchte, von Europa verlassen in die russische Um­armung. General Kaulbars, Rußlands Abge­sandter, ist soeben in Sofia angekommen und über­bringt den Willen des Czaren, dem Bulgarien und Europa zu gehorchen haben. General Kaulbars stellte nach der .Köln. Ztg.' in amtlichen Unter­haltungen folgende Bedingungen: sofortige Auf­hebung des Belagerungszustandes, Verschiebung der Wahlen bis die Leidenschaften beruhigt seien; die unter den gegenwärtigen Verhältnissen gewählte Versammlung werde vom Kaiser nicht als gesetz­lich anerkannt werden können; sämmtliche verhaftete Verschwörer, auch die Offiziere, müssen sofort be­dingungslos freigelassen werden; die gegenwärtige Regierung sei nur eine Parteiregierung, somit unfähig und unberechtigt, eine andere Partei ab- zuurtheilen. Auf die Frage, ob er denn das Ver­halten der Offiziere gegen Fürst Alexander billige, entgegnete Kaulbars, daß die Offiziere sich durch die Verschwörung auf immer entehrt hätten, daß sie unmöglich in der Armee bleiben könnten, daß aber die Bestrafung unstatthaft sei. Auf den Einwurf, ob die Begnadigung der Offiziere am besten der endgültigen Regierung, also dem künf­tigen Fürsten überlassen werde, entgegnete Kaul­bars, daß man den künftigen Fürsten nicht in solche Verlegenheit bringen dürfe. Die Regentschaft müsse die Verschworenen freigeben. Daß er ge­

kommen sei, um die verhafteten Offiziere zu be­freien, und daß dies der Wille des Czaren sei, sagte Kaulbars schon beirr Empfang auf der Landstraße zu dem Czechen Proschek, einem Brauer in Sofia, der wegen Fahnenflucht in Oesterreich gerichtlich verfolgt worden ist. Die Wahl dieser Mittelperson, um kaiserliche Entschließungen kund­zugeben, erregt Kopfschütteln und wird namentlich in österreichischen Kreisen als Mangel an Takt i empfunden. Gegenüber einem Beamten äußerte Kaulbars, der Czar habe ihn hergeschickt, damit der Belagerungszustand aufgehoben werde und die Wahlen in voller Freiheit (d. h. was Rußland darunter versteht) vorgenommen werden können. Die bulgarische Regierung scheint einstweilen ent- ! schlossen, die Forderungen Kaulbars bezüglich Auf- ! Hebung des Belagerungszustandes und Einstellung ! der Untersuchung gegen die Verschwörer zurückzu­weisen; auch die Wahlen sollen, selbst wenn Ruß­land widerspricht, am 11. Oktober stattfinden, und die große Sobranje soll, wie die Verfassung ver­langt, 14 Tage später zur Fürstenwahl zusammen­treten. Diese Nachrichten spiegeln die augenblick­liche Gesinnung der bulgarischen Regierung, doch wird sie nachgeben, weil sie, von Europa verlassen, sich fügen muß!

Deutsches Reich.

Berlin, 28. September.

* Prinz Friedrich Leopold von Preußen tritt i am 1. October eine längere Reise an und begibt •v sich zunächst nach Indien, wo derselbe mit dem Herzoge und der Herzogin von Counaught, welche bereits in Bombay anwesend sind, zusammentrifft.

* Ueber den Nachfolger des verstorbenen See­handlungspräsidenten Rötger ist noch keine Be­stimmung getroffen. Genannt werden in erster j Reihe der Unterstaatssekretär im Finanzministerium, Mein ecke, und der Generaldirektor der direkten Steuern, Burghart.

* Im deutschen Schutzgebiet von Neu-Gui­nea ist eine neue Insel entdeckt worden. Die- selbe liegt zwischen den Echiquier-Jnseln und den Dirour-Jnseln. Dieselbe ist drei dis fünf Kilo­meter lang und 100 bis 150 Fuß hoch.

* Die .Germania' erhält folgende Zuschrift;

! „Grätz, den 27. September 1886. Eine verehrte Redaction ersuche ich ergebenst, in der „Germania" nach­

stehende Erklärung veröffentlichen zu wollen: Im Wider­spruche mit den canonischen Satzungen der heiligen katho­lischen Kirche habe ich s. Z. das Pfarrbeneficium Grätz übernommen. Diesen Schritt bereuend habe ich besagtes Beneficium verlassen und bitte den hochwürdigen Clerus und das katholische Volk für das gegebene Aergsrniß um Verzeihung." Martin Gutzmer.

* Ueber die Wiederzulassung einzelner katho­lischer Orden in Preußen wirbeln die weeder- sprechendsten Nachrichten durch die Blätter. Während sich z. B. die Münchener Allg. Ztg.' von hier telegraphiren läßt, daß nach Absicht der Regierung die Wlederzulaffung auf Benediktiner und Augustiner beschränkt bleiben solle, will di: ,Nat. Lib. Korr.' aus guter Quelle hören, daß alle durch die Presse laufenden Nachrichten zur Zeit noch auf ganz müssigen Vermuthungen beruhen. Es lasse sich z. Z. noch gar nicht übersehen, welche weiteren Abänderungen an der bestehenden kirchenpolitischen Gesetzgebung und zu welchem Z itpunkte solche den Gesetzgebenden Körpern würden vorgeschlagen werden. Unseres Erachtens dürfte schon die aller­nächste Zeit in die Sache Klarheit bringen. Die Orden werdenzurückkehren, mag die ,Nat.-Lib.-Korr.' auch noch so sehr gegen dieselben toben.

* Der muthmaßliche Anstifter der Madrider Revolte soll zwar Zorilla sein, aber der ganze Putsch ist nach den vorliegenden Berichten so blödsinnig arrangirt und auch die Unterdrückung desselben ist eine so eigenartige gewesen, daß die erste Nachricht der ,Nordd. Allg. Ztg.' uns gar nicht aus dem Kopf will, wonach die Anstifter der Meuterei neben einigen exaltirten Republi­kanern verarmte Speculanten sein sollten, „die in Barcelona spanische Papiere zu sehr nied­rigem Kours an der Börse verkauften". That- sache ist es denn auch nach den vorliegenden Bör­senberichten, daß die Nachricht von der Madrider Revolte sofort „zum Angriff auf die Kourse der leitenden Banken wie der fremden Renten verwendet wurde." Vorher aber hatten die Börsenblätter die süßesten Locktöne über die Solidität der spanischen Finanzgebahrung ertönen lassen und versichert, daß die Forderungen der spanischen Staatsgläubiger unter allen Umständen gesichert seien. Wenn jetzt Pessimisten zu der Annahme geneigt sein sollten, daß irgend ein Welthaus das Bedürfniß gefühlt habe, einige Bewegung (d. h. Koursdifferenzen) in spanischen

Führet, mit Ausschluß der Frauen, *) einer den an­dern zum Tempel.

Als nun das Tosen gedämpft und Alles ruhig geworden,

Ordnet die Geistlichkeit sich um die Tumba des Martyrs,

Die gehoben vom Grab' in Mitte des Kirchen­schiffs prangte.

Auch sind Zeugen hievon die seligen Bürger des Himmels,

Daß zur nämlichen Stund', als man den Blut­zeugen Christi

Vom seitherigen Grabe nahm, deutlich erkannt, ward die Ankunft

Gottes des Höchsten in dieser ihm neu gewidmeten Wohnung.

Schauernd still wird's. Haistulf, der Bischof im silbernen Haare, Senkt am Sarge das Knie und harret im Flehen zu Christo,

Das begonnene Werk auch würdig vollenden zu können.

Jetzo gestärkter sich fühlend, reckt er sich auf zum Gebete,

*) Vom Jahre 744—1396 war den Frauen der Ein­tritt weder in die Ringmauern des Klosters noch in die Kirche gestattet. Rur in einer Nebenkapelle dursten sie dem Gottesdienste beiwohnen.